Wer ist hier blind?

Noch mehr als ein Jahr dauert es bis zu den nächsten Wahlen und schon wieder beginnt die SVP mit ihrer ewigen Scharfmacherei gegen Ausländer. Wieder die gleiche alte Leier von hier die lieben, aufrechten Schweizer, dort die bösen, schmarotzenden Ausländer. Hier die hart arbeitenden Schweizer, die sich nie etwas gönnen, dort die faulen Ausländer, die sich an den Früchten des Sozialstaats sattessen. Ich könnte noch weitere Klischees aufführen, will dies aber nicht tun, da ich keine Lust habe, Schwarz-Weiss-Malerei zu betreiben. Diese Art, die Welt zu sehen hat mir noch nie behagt und sie behagt mir immer weniger, je mehr Menschen – Schweizer und „Ausländer“ – ich kenne.

Ja, ich weiss, aus der rechten Ecke wird man mir den Vorwurf machen, ich sei eben eine „Linke und Nette“ – wann erfinden die endlich mal wieder einen neuen Schimpfnamen für uns, die wir uns weigern, in jedem Fremden einen Feind zu sehen? – und würde in meiner Verblendung alles ausblenden, was nicht in mein Weltbild passe. Aber einer Schwiegertochter, deren Schwiegermama auch nach 36 Jahren in der Schweiz noch nicht genügend Deutsch spricht, um sich mit ihren Enkelkindern verständigen zu können, braucht man nichts von mangelhafter Integration zu erzählen. Sie erlebt diese bei jedem Kindergeburtstag, bei jedem Weihnachtsfest, bei jedem Problem, das der Sohn für die Mutter zu lösen hat, aufs Neue. Nein, diese Realität blende ich keineswegs aus. Aber ich kenne auch noch eine andere Realität. Nämlich diejenige meiner ehemaligen Deutschschülerinnen, die sich abends, nachdem sie den ganzen Tag in der Fabrik geschuftet hatten und danach auch noch die Kinder ins Bett gebracht hatten, müde in den Deutschkurs schleppten, um dort noch einmal alles zu geben, damit sie endlich diese schwierige Sprache meistern konnten. Damit sie endlich mitreden konnten. Damit sie endlich auf ihrem im Heimatland erlernten Beruf arbeiten konnten, anstatt in der Fabrik eine Arbeit zu machen, die sie unterforderte. Damit sie beim Elterngespräch in der Schule nicht von den Übersetzungskünsten ihrer eigenen Kinder abhängig waren. Oder die Realität meiner Freundinnen, die nie zufrieden sind mit ihren Fortschritten, die immer wieder fragen, wo sie noch mehr lernen können, wie sie sich noch besser integrieren können, wo sie mithelfen können.

Wie wär’s, wenn die Hetzer von rechts mal diese Realität zur Kenntnis nehmen würden, anstatt stets ihren politischen Gegnern Blindheit vorzuwerfen?

Oder nehmen wir ein weiteres Beispiel: „Meiner“, hier geboren, hier aufgewachsen, spricht besser Deutsch als Italienisch, einer der wenigen Männer, die überhaupt noch bereit sind, an einer Schweizer Primarschule zu unterrichten, unbescholtener Staatsbürger aber dennoch aus der Sicht von Rechts auf immer und ewig ein „Papierschweizer“, weil Einer, in dessen Adern kein „reines“ Schweizerblut fliesst, eben kein „echter“ Schweizer sein und auch nie einer werden kann. Wieder wird man mir von rechts entgegenhalten, „Meiner“ sei eben eine löbliche Ausnahme. Aber was ist mit all den Schülern, die „Meiner“ in den vergangenen zwölf Jahren unterrichtet hat, in Klassen die zu zwei Dritteln aus Schülern ausländischer Herkunft bestanden? Da waren fast nur solche „löblichen Ausnahmen“ zu finden. Klar, eine Handvoll dieser Schüler entsprach sehr wohl dem gängigen Klischee vom Ausländer, der sich nicht integriert, der Radau macht und sich nicht an die Regeln hält. Aber die Mehrheit war das genaue Gegenteil: Fleissig, eifrig darum bemüht, auf einen grünen Zweig zu kommen, darum bestrebt in der neuen Heimat dazuzugehören. Wieder eine Realität, die man lieber ausblendet, wenn man auf dem linken Auge blind ist.

Ein letztes Beispiel noch, dann höre ich für heute auf mit dem Politisieren: Hat schon mal Einer genauer hingeschaut, wie das bei Schweizern läuft, die sich eher am rechten Rande des politischen Spektrums tummeln? Ich meine jetzt nicht diejenigen, die zum ganz rechten Extrem gehören, nein, ich meine die angeblich so braven, aufrechten Schweizer, die irgendwo in der Provinz am Stammtisch sitzen. Diejenigen, die es völlig in Ordnung finden, wenn Jugendliche sinnlos drauflos prügeln, solange die Jugendlichen Schweizer sind. Diejenigen, die beide Augen zudrücken, wenn ein „aufrechter Schweizer“ ein „Kavaliersdelikt“ begeht, die aber in jedem Immigranten einen IV-Betrüger oder einen Drogendealer sehen. Diejenigen, die nichts dabei finden, wenn ein Jugendlicher nach ganz rechts abdriftet, weil sie seine Haltung insgeheim gar nicht so schlecht finden. Mein Einblick in Teile der ach so heilen ländlichen Schweiz, wie sie die SVP so sehr liebt, hat mich zutiefst schockiert, denn was von aussen so idyllisch scheint, hat an gewissen Orten – nicht überall, ich will auch hier nicht verallgemeinern – noch eine ganz andere Seite. Eine Seite, welche die SVP lieber ausblendet. Denn würde sie dort genauer hinschauen, müsste  ihre Klientel plötzlich vor der eigenen Türe kehren, bevor sie mit dem Finger auf andere zeigt.

Wer, so frage ich, ist hier blind?

6 Kommentare zu “Wer ist hier blind?

  1. Die SVP hetzt nicht,sie zeigt Fakten auf! Sie wirf auch nicht alle in den gleichen Topf. Polizeiliche Kriminalstatistik 2009 Betäubungsmittelstatistik 2009 Körperverletzung-Anteil ausländischer Straftäter 51% Vorsätzliche Tötungsdelikte Anteil ausländischer Straftäter 59% Entreissdiebstähle 54% Freiheitsberaubung und Entführung 56% vergewaltigungen 62% Handel mit betäubungsmittel über 59%.Fakt ist auch viele schweizer haben Angst! Die Belastung der Sozialwerke ist auch eine Realität,und muss wahrscheinlich mit Steuererhöhungen kompensiert werden. In der Ausländerpolitik muss eine Lösung gefunden werden.

    • Dass in der Ausländerpolitik eine Lösung gefunden werden muss, ist wohl allen klar. Nur ist Hass keine Lösung.
      Noch zu den Statistiken: Wo mit zwei Ellen gemessen wird, erscheint auch jede Statistik verzerrt. Solange Steuerhinterziehung, Fahren im angetrunkenen Zustand, häusliche Gewalt, Gewalt unter Schweizer Jugendlichen, etc. als „Kavaliersdelikte“ gesehen werden, bildet keine Statistik die Realität ab, sondern nur eine Realität, wie wir sie gerne hätten, damit wir nicht bei uns selber anfangen müssen. Solange Gewalt von Ausländern gegen Schweizer gross aufgemacht wird, Gewalt von Schweizern gegen Ausländer aber als normal hingenommen wird, solange machen wir uns etwas vor und das kann nie gesund sein.

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