Weitsprung

Weitsprung gehört nicht unbedingt zu meinen Stärken und deswegen muss ich mich jeweils gründlich vorbereiten, wenn ich weiss, dass ich springen werde. Mit der mentalen Vorbereitung beginne ich bereits am Vorabend: Soll ich springen? Oder lasse ich es doch besser bleiben? Gibt es Hindernisse, die ich aus dem Weg räumen muss, damit ich auch tatsächlich gut springen kann? Wie viel Anlauf brauche ich? Ist morgen wirklich der richtige Zeitpunkt zum Springen, oder hätte ich Besseres zu tun?

Nachdem die Sache mit der mentalen Vorbereitung abgeschlossen ist, folgt am Morgen gleich nach dem Aufwachen das Anlaufnehmen. „Ich glaube, heute Morgen werde ich einmal gar nichts tun, während der Zoowärter in der Spielgruppe ist“, warne ich „Meinen“ – und wohl auch mich selber – vor. „Meiner“ nickt verständnisvoll und unterstützt mich in meinem Ansinnen. Aber mich selber habe ich noch nicht überzeugt und darum sage ich: „Ja, ich weiss, die Wäscheberge müssten weg und die Küche versinkt auch schon wieder im Chaos. Aber in den letzten Wochen ist mir neben Kindern, Arbeit, Haushalt und Schreiben einfach keine Zeit für mich selbst geblieben.“ So, ich glaube, damit habe ich genügend Anlauf genommen. Doch bevor ich tatsächlich springen kann, müssen noch die Kinder das Haus verlassen und weil das einige Zeit dauert, komme ich ins Zaudern: Wäre es nicht besser, ich würde mit dem Prinzchen an die frische Luft gehen? Oder vielleicht widme ich mich doch lieber der Wäsche? Die schaut mich ja schon ganz vorwurfsvoll an, wenn ich in die Waschküche komme.

Fast mache ich einen Rückzieher, aber ein heftiges Gähnen macht mich darauf aufmerksam, dass ich jetzt einfach springen muss, ob es mir nun passt oder nicht. Also verpasse ich mir noch einmal eine Motivationsspritze im Sinne von „Wann, wenn nicht jetzt“ und dann springe ich. Der Sprung gelingt, ich lasse die Hausarbeit links liegen, die Projektarbeit auch, ja, sogar das Bloggen. Die Landung ist erstaunlich sanft: Eine Tasse Kaffee, eine Zeitung, ein wenig Stille im Haus. Ein echter Erfolg, dieser Weitsprung über meinen eigenen Schatten.

Dumm nur, dass weder das Prinzchen noch diverse Anrufer etwas von meiner mutigen sportlichen Leistung mitgekriegt haben. Und so kommt es, dass ich, kaum bin ich sanft gelandet, schon wieder dabei bin, Legosteine zusammenzubauen, Schoppenflaschen zu füllen, über Kinderkrippentarife zu diskutieren und Mails zu lesen.

Wozu habe ich denn überhaupt all diesen Aufwand betrieben, um über meinen Schatten zu springen, wo ich jetzt doch wieder am Arbeiten bin?

Auf die Schliche gekommen

Kinder scheinen sich ja in  den schillerndsten Farben auszumalen, was ihre Eltern so treiben, kaum sind die Knöpfe im Bett. Anders kann ich es mir nicht erklären, weshalb die kleinen Menschen sich standhaft dem Schlaf widersetzen. Die wollen doch nur wach bleiben, damit sie alle zehn Minuten ins Wohnzimmer schleichen können, in der Hoffnung, dort würde gerade eine ausgelassene Party gefeiert. Und vor allem in der Hoffnung, sie dürften bei dieser Party mitmachen. Ich kenne ein einziges Kind – und ich verwende hier das Wort „kennen“ in einem sehr weit gefassten Sinn -, das begriffen hat, was die Eltern tun, wenn die Kinder schlafen. Das Kind heisst Calvin und er ist stolzer Besitzer eines beinahe echten Tigers namens Hobbes. Dieser Calvin also erklärt irgendwann im Laufe seiner absurden Abenteuer, unter einer wilden Nacht verstünden seine Eltern, dass sie einen Löffel mit echtem Kaffee in ihr koffeinfreies Gebräu mischen würden. Wie wir erfahrenen Eltern wissen, hat Calvin damit den Nagel auf den Kopf getroffen und eigentlich könnten sich die Kinder jetzt getrost jeden Abend schön brav um acht schlafen legen. Gut, ein bisschen übertrieben hat er ja schon, der gute Calvin. Meistens fehlt uns nämlich der Mut, unseren  geschundenen Nerven nach acht Uhr noch Koffein zuzumuten. Man kann ja nicht jeden Tag mit einer wilden Nacht beenden. Meist bleibt es also bei koffeinfreiem Kaffee, einem kurzen Schwatz, „Zehn vor Zehn“ und ein paar Minuten lesen.

Und genau bei einem solchen Abendritual hat Luise uns neulich erwischt. Sie konnte nicht einschlafen, angeblich, weil sie sich vor der bösen Nixe Mantora fürchtete, in Wirklichkeit aber wahrscheinlich, weil sie für diesen Abend von ihren Brüdern als Spionin in elterliche Gefilde entsandt worden war. Anders kann ich mir nicht erklären, weshalb das Kind auch gegen Mitternacht noch hellwach beim schlafenden Prinzchen im Gitterbett lag und vorgab, zu lesen. Und zwar genau in einem der Bücher, in denen die böse Nixe Mantora, die ihr eben noch so grosse Angst eingejagt hatte, ihr Unwesen treibt. Ist doch suspekt, nicht wahr? „Meiner“ und ich nutzten die Gunst der Stunde und lasen auch noch ein wenig, doch nach zehn Minuten war Schluss: Uns fielen die Augen zu.

Was zur Folge hatte, dass wir am nächsten Morgen Luises beissendem Spott ausgesetzt waren: „Ihr seid ja so unglaublich langweilig! Ihr geht ins Bett, lest noch ein wenig“- sie mimt einen gelangweilten Lesenden – „und dann löscht ihr auch schon das Licht und schlaft. Einfach so, tief und fest, bis am Morgen.“

Ja, was hast du denn gedacht, was wir tun würden, meine liebe Luise? Hast du wirklich geglaubt, wir würden eine wilde Party feiern, solange du noch wach bist? Aber nein, das Lichee-Bier, – drei Deziliter nur für uns beide – die romantische Komödie und das Extra-Dessert, von dem ihr Kinder nie etwas erfahren dürft, holen wir erst hervor, wenn ihr alle tief und fest schlaft. Ich kann dir versichern, meine liebe Tochter, dann geht die Post ab. Dann kann es tatsächlich vorkommen dass,… aber halt, das geht dich alles gar nichts an.

Aber rächen werden wir uns ohnehin für deine unverschämte Spionage.  Dann, wenn du selber Kinder hast und dir spätestens nach drei Sätzen die Augen zufallen. Dann schicken wir dir eine Postkarte von irgend einer Seniorenkreuzfahrt, wo wir so richtig auf den Putz hauen. Und dann werden wir ja sehen, ob du bis zum Ende der Postkarte wach bleibst, oder ob du schon vorher zu schnarchen anfängst.

Lange Leitung

13110 Tage musste ich auf diesem Erdboden verbringen, bis ich endlich begriffen habe, was der gute alte Pythagoras mit seiner sonderbaren Verwurstung von a und b und c und dann noch alles im Quadrat gemeint hat. Gut, während der ersten 5000 Tage meines Lebens machte ich mir noch keine grossen Gedanken darüber, was der alte Grieche wohl meinte damit, aber danach bereitete er mir mehrere schlaflose Nächte. Nun ja, eigentlich habe ich mir meine schlaflosen Nächte als Teenager selten mit der Berechnung von rechtwinkligen Dreiecken um die Ohren geschlagen, dafür aber mit der Berechnung, welche Note ich bei der nächsten Algebra-Prüfung schreiben musste, um nicht die Klasse repetieren zu müssen. Und das hat dann ja eigentlich wieder sehr viel mit Pythagoras zu tun. Denn wer Pythagoras nicht versteht, schreibt auch keine guten Algebra-Prüfungen.

Okay, vielleicht habe ich Pythagoras ja auch zu verdanken, dass ich bereits in jungen Jahren die Liebe meines Lebens gefunden habe. Denn hätte mir „Meiner“ vor vielen Jahren jeweils samstags nach der Schule – Ja, ihr lieben Kinderlein, damals hatte man am Samstagvormittag noch Schule. Eure Eltern waren noch nicht so verweichlicht, dass sie jeden Samstag ausschlafen durften – nicht den ganzen Algebra-Stoff erklärt, wir hätten uns vielleicht nie näher kennen gelernt. Nun, wie man sieht waren die Nachhilfestunden nur teilweise erfolgreich: „Meiner“ und ich kamen uns zwar immer näher, Pythagoras und ich blieben uns hingegen weiterhin fremd. Ein alter Grieche sieht neben einem jungen Italiener doch eher blass aus.

Aber jede lange Leitung hat einmal ein Ende und so hatte ich heute endlich mein Pythagoras-Aha-Erlebnis, als „Meiner“ und ich unsere Horde – von Multiplikation verstehen wir ziemlich viel – im Technorama in die faszinierende Welt der Physik und der Mathematik einführten. Während der FeuerwehrRitterRömerPirat sich vor lauter Forscherfreude fast verirrte, Luise mit Spiegelbildern experimentierte, Karlsson erforschte, wie aus Physik Kunst wird, der Zoowärter jammerte, er sei müde, das Prinzchen im Wagen schlief und „Meiner“ versuchte, in all dem Chaos etwas Ruhe zu finden, machte ich mich dazu auf, meinen alten Unbekannten endlich zu ergründen. Es gab da nämlich dieses Dreieck mit diesen Quadraten an den Seiten, ähm, ich meine natürlich an den Katheten und an der Hypotenuse und diese Quadrate waren mit wunderbar türkisfarbenem Wasser gefüllt und wenn man das Dreieck auf den Kopf stellte, dann verteilte sich das Wasser aus dem grossen Quadrat auf die beiden kleinen Quadrate und wenn man das Ganze wieder umdrehte, floss das Wasser aus den beiden kleinen Quadraten zurück in das Grosse. Zu meinem grossen Erstaunen passte das Wasser immer genau ins grosse Quadrat. Und wie ich die Sache da so drehte und wendete und wieder drehte, da fiel er endlich, der berühmte Zwanziger – oder auch der Groschen, wenn euch das besser passt – und Mama Venditti verstand endlich, was der Pythagoras mit seinem komischen Geschwätz gemeint hat.

Also ehrlich, so schwer ist das gar nicht. Aber warum hat der Kerl die Sache nicht so formulieren können, dass man sie auch versteht? Und hätte er nicht nur von verständlicher Ausdrucksweise, sondern auch von Marketing etwas verstanden, so hätte er ein Heidengeld machen können, indem er zu seinem Theorem einen netten Bausatz mit türkisfarbenem Wasser mitgeliefert hätte. Und dann hätte ich wiederum vielleicht schon am Tag 5001 meines Lebens den alten Griechen besser verstanden und nicht erst an Tag 13110. Aber dann hätte ich vielleicht „Meinen“ nie geheiratet und dann…. Ach, hören wir besser auf, sonst versteht bald keiner mehr, wovon hier überhaupt die Rede ist.

Zwischenbericht aus der Betreuungswüste

Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich mit der Kinderbetreuungswüste Schweiz in Berührung komme. Immerhin haben „Meiner“ und ich schon Stunden am Telefon verbracht, um herauszufinden, ob es irgendwo jemanden gäbe, der uns dabei helfen könnte, aus dem Sumpf zu kommen. Zum Beispiel damals, als ich mit dem Zoowärter im neunten Monat schwanger war und mir ein Ikea-Möbel auf den Fuss fallen liess. Der Zeh war futsch, die Mama lag flach und der Haushalt geriet aus den Fugen. Und ausser der Grossmama im Haus, die eigentlich schon längst den Ruhestand geniessen sollte, niemand da, der den Laden hätte schmeissen können. Weil in der Schweiz solche Notfälle nicht vorgesehen sind. Oder als ich von zu Hause aus zu arbeiten begann und feststellen musste, dass Kinderbetreuung für unsereinen schlicht unbezahlbar ist, es sei denn, wir würden ein Au-Pair anstellen. Was gar nicht so einfach ist, da Au-Pairs, die mit fünf kleinen Vendittis klarkommen, dünn gesät sind. Inzwischen haben wir ja das perfekte Au-Pair gefunden, aber mir graut schon heute vor dem Tag, an dem sie uns wieder verlassen wird und wir uns auf die Suche nach einer neuen Lösung machen müssen.

Das also sind einige der Erfahrungen, die ich persönlich mit der Betreuungswüste Schweiz gemacht habe. Seitdem ich mich aber aufgemacht habe, um mit einigen Frauen der Misere zumindest bei uns im Dorf ein Ende zu setzen, erfahre ich täglich, dass „Meiner“ und ich bei Weitem nicht alleine sind in dieser Wüste. Hier eine Mama, die ganz dringend einen Babysitter sucht, damit sie hin und wieder ein paar Stunden Schlaf bekommen kann, da eine neu zugezogene Familie, die sich erstaunt die Augen reibt, weil man in Schönenwerd die Kinder offenbar nicht auswärts betreuen lassen kann, es sei denn, man habe das Glück, eine der wenigen Tagesmütter zu kennen oder man sei mit einer hilfsbereiten (Schwieger)mutter gesegnet. Dann wieder ein Anruf einer verzweifelten Frau, die erst seit kurzer Zeit in der Schweiz lebt und die ganz dringend auf eine Arbeit angewiesen wäre, die sie sich aber nicht suchen kann, solange sie nicht weiss, wo ihre Kinder während ihrer Abwesenheit untergebracht werden sollen.

Die Anfragen gehen mir an die Nieren. Zum einen, weil ich zu gut weiss, wie man sich als Mama fühlt, wenn Anspruch und Realität zu weit auseinander klaffen. Zum anderen, weil es mich masslos ärgert, dass man hierzulande zu lange aus ideologischen Gründen darauf verzichtet hat, sinnvolle Lösungen zu finden, damit Kinder nicht sich selbst überlassen bleiben, wenn Mütter arbeiten müssen oder –  man stelle sich so etwas Schreckliches vor – gar arbeiten wollen. Am meisten aber machen mir die Anfragen zu schaffen, weil ich weiss, dass ich trotz all der Arbeit, die wir geleistet haben, noch immer sagen muss: „Ich werde mich nach Kräften darum bemühen, eine Betreuungsperson zu finden. Aber im Moment ist es wirklich nicht so einfach.“ Viel lieber wäre es mir, wenn ich jetzt schon sagen könnte: „Bringen Sie Ihr Kind doch einfach zu uns ins Familienzentrum.“ Klar, uns trennen nur noch wenige Monate von unserem Ziel. Aber weil ich weiss, dass ein paar Monate sehr sehr lang sein können, wenn eine Mama Hilfe braucht, bin ich jedes Mal frustriert, wenn ich jemanden auf nächstes Jahr vertrösten muss. Und dann muss ich mir jeweils fast die Zunge abbeissen, um nicht zu sagen: „Bringen Sie doch das Kind solange zu mir.“

Denn beides geht nun wirklich nicht: Ein Familienzentrum aufbauen und die Kinder betreuen, die dereinst das Zentrum mit Leben füllen sollen.

Abendstille nirgendwo….

…. zumindest nicht bei Vendittis. Da muss auch zu später Stunde noch einer ein Nuschi haben, der andere eine kurze Aufmunterung und der Dritte eine Ermahnung, weil er trotz mehrmaliger Aufforderung noch immer nicht im Bett liegt. Und wenn man glaubt, jetzt sei endlich Ruhe eingekehrt, brüllt das Prinzchen ein freudiges „Yo Man!“ in die himmlische Stille des Feierabends. Wenn das so weitergeht, kommt die Zeit, in der „Meiner“ und ich schon vor den Kindern schlafen noch bevor das erste Kind zum Teenager geworden ist.

Si tacuisses….

Nein, es geht nicht um die Philosophenwürde, die „Meiner“ wegen einer unbedachten Bemerkung verloren hat. Dennoch hätte er besser geschwiegen. Hätte er nichts gesagt, dann wäre es einfach ein ganz gewöhnlicher Tag gewesen, der schon im Eimer ist, bevor er richtig begonnen hat. Ein Tag, an dem man bereits um zwanzig nach sieben zum ersten Mal laut werden muss, weil keiner zuhört. Ein Tag, an dem man sich am Morgen vornimmt, die Wäscheberge zu beseitigen, den Haushalt auf Vordermann zu bringen und dem Zoowärter das Liederbuch von vorne bis hinten und wieder zurück vorzusingen. Ein Tag, an dem diese Pläne aber so oft durchkreuzt werden, dass man bereits um neun Uhr schon gar nicht mehr weiss, was man eigentlich vorgehabt hätte. Ein Tag, an dem man es erst um zehn Uhr unter die Dusche schafft, wo man, kaum ist man von Kopf bis Fuss eingeseift, vom Telefon gestört wird. Und dann, nachdem man wieder unter dem warmen Wasserstrahl steht, gleich noch einmal einen Anruf bekommt. Ein Tag, der in ähnlichem Stil weitergeht und der seinen Höhepunkt darin findet, dass man einen heulenden Karlsson abends um Viertel nach acht zum Strafjäten in den Garten schicken muss, weil er versucht hat, Luise eins mit der Geige überzubraten. Kurz, ein Tag zum Vergessen.

Wenn „Meiner“, der heute krank war und deswegen vom Sofa aus jedes Drama miterlebt hat, nicht diese Bemerkung gemacht hätte: „Das ist ja nicht zum Aushalten, was du da alles über dich ergehen lassen musst. Da drehst du ja irgendwann durch!“ Vor dieser Bemerkung war es ein Tag gewesen wie so viele. Nach dieser Bemerkung war es ein Tag, an dem ich mich von Minute zu Minute tiefer ins Selbstmitleid stürzte, so dass ich gegen Abend, als das Fass auch für mich am Überlaufen war, beinahe in Tränen ausgebrochen wäre. Hätte „Meiner“ nichts gesagt, dann hätte ich mir keine weiteren Gedanken über diesen miesen Tag gemacht. So aber wurde mir plötzlich bewusst, dass gewisse Tage tatsächlich eine ziemliche Zumutung sein können.

Doch weil er nicht geschwiegen hat, bin ich mal wieder ins Philosophieren geraten und zwar über die wohl nie zu beantwortende Frage, ob Tage wie heute  zum gewöhnlichen Lauf der Dinge gehören, oder ob das ganze Chaos nur an mir liegt.

Artgerechte Au-Pair-Haltung

Zum Glück haben wir uns gestern gemeinsam mit dem Au-Pair noch einmal dieses Vertragswerk mit dem poetischen Titel „Normalarbeitsvertrag für Arbeitnehmer im Hausdienst“ angeschaut. Sonst hätten wir wieder alles falsch gemacht. Besonders im Abschnitt B) Entlöhnung, §9.3 werden da ein paar ganz heikle Punkte angesprochen: „Der Naturallohn besteht aus Kost, Logis, Wasch – und Badegelegenheit sowie Pflege der Wäsche. Das Essen muss gesund und ausreichend sein, der allgemeinen Führung des Haushaltes entsprechen und zu geregelten Zeiten gegeben werden…“

Nun, dann müssen wir wohl damit aufhören, unser Au-Pair mit Fastfood vollzustopfen, während der Rest der Familie Vollwertkost bekommt. Und eins auf die Finger geben dürfen wir ihr auch nicht mehr, wenn sie sich unserer Meinung nach zuviel schöpft. Der Mustervertrag in Anlehnung an die „vom Ministerkomitee des Europarates am 18. Januar 1972 gebilligten Fassung“ geht gar noch weiter: „Der Au-Pair-Beschäftigte nimmt an den gemeinsamen Mahlzeiten teil und erhält dasselbe Essen wie die Familienangehörigen…“ Ja, dann werden wir wohl in Zukunft auch nicht mehr sagen dürfen, dass gewisse Speisen nur für die Herrschaften vorbehalten sind.

Uns allen ist jedoch unklar, wie wir die beiden Vertragswerke miteinander in Einklang bringen sollen. Denn während am einen Ort verlangt wird, dass das Au-Pair an den gemeinsamen Mahlzeiten teilnimmt, schreibt uns das andere vor, dass das Essen „zu geregelten Zeiten gegeben“ werden muss. Was doch ganz eindeutig danach klingt, als ob wir der jungen Frau das Essen jeweils in einem Blechnapf durch eine Klappe in der Zimmertür reichen müssen. Oder ist damit gemeint, dass wir ihr das Essen eingeben sollen, so wie einem kleinen Kind?

Wir waren alle ein wenig verwirrt und konnten uns nicht so recht vorstellen, wie wir die Sache handhaben sollen, ohne Probleme mit dem Arbeitsamt zu bekommen. Schliesslich haben wir beschlossen, uns völlig rebellisch zu verhalten: Das Au-Pair isst mit uns am Tisch, wenn sie will, darf sie ungesund essen, wenn sie Lust hat, weniger zu essen, dann weisen wir sie nicht zurecht, sie solle gefälligst „ausreichend“ essen weil alles andere vertragswidrig sei und wenn sie mal genug hat von uns allen, dann darf sie auch in ihrem Zimmer essen. Im Arbeitsvertrag werden wir dann wohl einfach schreiben: „Die Arbeitnehmerin darf zu jeder Zeit soviel essen wie sie will, wo sie will und wovon sie will.“

Alos ja, eine Einschränkung gibt’s noch: Auf dem Sofa wird erst gegessen, wenn die Kinder im Bett sind, sonst machen die das noch nach….