Tischgespräche

Wer mein gestriges Gejammer über Spielverderber-Kinder gelesen hat, könnte nur allzu leicht glauben, ich würde mit der Autorin einig gehen, die heute im Mamablog die Meinung äussert, der Familientisch sei eine ganz und gar überbewertete Sache. Sie beschreibt das mir nur zu gut bekannte Familienchaos, das jeweils herrscht, wenn sich alle zur gemeinsamen Mahlzeit hinsetzen. Sie berichtet von aussichtslosen Bemühungen, den Kindern gesundes Essen schmackhaft zu machen, von verschmierten Babys und  von Tischgesprächen, die nicht in Gang kommen wollen und kommt am Ende zum Schluss, das Konfliktpotenzial des Familientisches sei bedeutend grösser als das Harmoniepotenzial. Als entspannende Alternative empfiehlt sie ein TV-Dinner.

Nun, was soll ich dazu bloss sagen? Klar bin ich auch der Meinung, dass viele der  in den Erziehungsratgebern beschriebenen Alltagssituationen auf dem Papier deutlich harmonischer aussehen, als sie sich in der Realität dann abspielen. Klar haue auch ich immer wieder mit der Faust auf den Tisch, weil es mir einfach zu laut, zu chaotisch, zu ungemütlich wird. Klar kämpfen auch wir immer wieder dagegen an, dass die ungesunden Würstchen zwar gegessen, die nahrhafte Suppe aber links liegen gelassen wird.

Dennoch kann ich nach bald zehn Jahren Familienleben nicht ohne Genugtuung verkünden, dass sich der alltägliche Kampf um einigermassen gesittete Mahlzeiten auch gelohnt hat. Zum Beispiel, wenn Karlsson bei jedem zweiten Essen laut schmatzend verkündet, dieses Essen komme auch auf seine Liste der Lieblingsessen und Luise ihm strahlend beipflichtet. Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat plötzlich einen ganzen Teller Randensalat hinunterschlingt, weil er bei seinem obligatorischen Bissen, den er jeweils probieren muss, gemerkt hat, dass das tiefrote Gemüse nicht nur schön aussieht, sondern auch wunderbar schmeckt. Wenn der Zoowärter noch einen Nachschlag Krautsiele verlangt, obschon er schon fast die ganze Schüssel alleine leer gegessen hat. Wenn der Bruder von Karlssons bestem Freund plötzlich auch bei uns zu Mittag essen will.

Nein, so wie im Erziehungsratgeber laufen auch bei uns die Mahlzeiten nicht ab. Wie könnten sie denn, wo bei uns nicht höchstens vier sondern mindestens sieben Personen am Tisch sitzen? Ausserdem streiten wir uns viel zu oft. Hin und wieder muss auch einer auf sein Zimmer gehen, weil er sich so saumässig aufgeführt hat. Und zuweilen kommt es gar vor, dass „Meiner“ und ich erst dann essen, wenn die alltägliche Schlacht geschlagen ist und wir endlich in Ruhe eine Mahlzeit geniessen können. Dennoch liebe ich unsere gemeinsamen Mahlzeiten als die Zeiten am Tag, wo wir wirklich alle an einem Haufen zusammen sitzen und uns selber sein dürfen. Dass dazu nicht nur Genuss und Harmonie, sondern auch die nicht immer tadellosen Tischmanieren, die kleinen Sticheleien und das Gemotze gehören, damit habe ich mich inzwischen abgefunden.