Ätsch! Ich darf halt!

Da treffe ich doch immer wieder auf Mütter, deren Kinder schon deutlich grösser sind als meine, die mir mitleidig versichern, sie würden nicht mit mir tauschen wollen.  „Du Arme!“, sagen sie jeweils „Du musst nachts immer noch aufstehen. Du musst noch immer Windeln wechseln. Und du hast nie einen kinderfreien Vormittag.“ Es lässt sich nicht leugnen, dass mein Leben wohl etwas beschaulicher wäre, hätte ich nicht noch drei Vorschulkinder. Dafür darf ich etwas, was Mütter von grösseren Kindern nicht mehr dürfen: Ich darf jammern soviel ich will. Hat mir unser Postbote heute Morgen offiziell bestätigt.

Die armen Männer müssten immer arbeiten, bemerkte er, als er hörte, wie ich dem Prinzchen erklärte, der Papa könne jetzt nicht kommen, weil er am Arbeiten sei. Ich machte den Postboten freundlich darauf aufmerksam, dass ich ja auch nicht auf der faulen Haut liegen würde, worauf er meinte: „Stimmt, Sie arbeiten wirklich viel. Sie haben ja auch noch ganz viele kleine Kinder und darum dürfen Sie auch jammern. Aber all die Hausfrauen, deren Kinder schon gross sind, die sollen endlich mal aufhören zu jammern und sich an die Arbeit machen. Aber Sie dürfen natürlich jammern soviel Sie wollen.“

Somit verfüge ich also ab sofort über eine Lizenz zum Jammern, von der ich ausgiebig Gebrauch machen werde, wann immer mir der Sinn nach Jammern steht. Und falls ihr Mütter von grösseren Kindern findet, das sei ganz und gar unfair, dann denkt dran: Eben noch habt ihr mich wegen meiner schlaflosen Nächte, wegen der vollen Windeln und dem Mangel an Freizeit bemitleidet.

Grosse Worte, II

Dass kleine Kinder gerne mit grossen Worten um sich werfen, weiss ich aus eigener Erfahrung. Ich war noch nicht im Kindergarten, als eines Tages ein älterer Herr im weissen Mercedes vor unserem Haus anhielt, um mich zu fragen, wo es denn nach Lenzburg gehe. Ich, die ich sonst eher schüchtern war, erkannte am Stern auf dem Auto einen Klassenfeind und meinte frech: „Das sag‘ ich dir nicht, du Kapitalist!“. Worauf der ältere Herr ziemlich verdutzt von dannen fuhr und vielleicht heute noch den Weg nach Lenzburg sucht.

Wie die Mutter, so die Kinder, könnte man denken, wenn man in diesen Tagen unseren Kindern zuhört. Da warteten wir zum Beispiel gestern etwas länger als gewöhnlich auf den Bus, den Kindern wurde langweilig und sie begannen, rund ums Wartehäuschen zu rennen. Irgendwann erweiterte der Zoowärter seinen Radius und rannte eine Treppe hoch, die zu einem Haus gehört, von dem in den vergangenen Wochen ruchbar geworden ist, dass hinter der harmlos wirkenden rosaroten Fassade nicht ganz so harmlose Dinge getrieben werden. Luise, die im Moment alles mitkriegt, was sie nicht mitkriegen sollte, zerrte ihren kleinen Bruder entsetzt von der Treppe und schrie: „Komm sofort weg von hier, Zoowärter! Das ist ein Puff! Da hast du nichts zu suchen.“

Während dem Zoowärter nach dieser Episode die Worte fehlten, weiss er ganz genau, welches Wort passt, wenn „Meiner“ und ich uns mal wieder darüber zanken, wie viel Geld man ausgeben darf, wenn alle vier Monate mal der Vertreter für Bouillon, Eistee, Gewürze und dergleichen  kommt. „Meiner“ findet, man dürfe gar nichts ausgeben, ich hingegen bin der Meinung, dass ein kleines bisschen doch nicht schaden kann, zumal wir den Vertreter schon seit einer halben Ewigkeit kennen. Wobei sich das „kleine bisschen“ meist zu einem ordentlichen Sümmchen anhäuft. Weil wir eben den Vertreter seit einer halben Ewigkeit kennen und man doch nicht so sein kann, wo doch das Los der Vertreter so unglaublich hart ist. Wir erklären gerade unserem Au-Pair, dass diese Vertreterbesuche bei uns einer der wenigen Streitpunkte unserer Ehe seien – was das Au-Pair mit einem mir vollkommen unverständlichen Grinsen auf den Stockzähnen quittiert – als der Zoowärter trocken hinter dem Trip Trap hervor bemerkt: „Ehekrise!“

Nun frage ich mich natürlich, woher um alles in der Welt der kleine, noch nicht vierjährige Zoowärter dieses unverschämte Wort kennt….