Es geht auch ganz anders

Nachdem ich gestern voller Freude von den Entwicklungsschritten unserer Kinder berichtet habe, präsentiere ich heute die Kehrseite. Die ist zwar nicht ganz so glänzend, hat aber einen hohen Unterhaltungswert. Zumindest wenn man sich den ganzen Tag im Büro verschanzen kann und nur durch die verschlossene Tür mitkriegt wie

– „Meiner“ den FeuerwehrRitterRömerPiraten und den Zoowärter dazu verknurrt, zum Mittagessen Nutellabrot, Bonbons und Schokolade zu essen, weil sie sich drei Minuten bevor das vollwertige Mittagessen auf den Tisch gekommen wäre über den Vorratsschrank hergemacht haben. Die beiden um wenigstens ein ganz kleines bisschen Rösti und Salat betteln zu hören, weil sie nicht nur von diesem ekligen süssen Zeug essen wollten, war das reinste Vergnügen.

– die ganze Familie völlig entnervt vom erfolglosen Herbstschuhkauf zurückkommt und man sich glücklich schätzen darf, dass man das Drama um „Ich will aber die rosaroten Schuhe und nicht die hellblauen!“ und „Wenn ich die Schuhe nicht bekomme, laufe ich den ganzen Herbst barfuss“ wenigstens einmal nicht hat miterleben müssen. Dass morgen der zweite –  hoffentlich erfolgreichere – Versuch ansteht und dass man dann nicht mehr wird kneifen können, muss man in solchen Momenten der Schadenfreude einfach ausblenden können.

– das Prinzchen sich in der Bibliothek eine halbe Stunde lang fast die Augen aus dem Kopf heult, weil der Bagger, den er dort gefunden hat, leider einem anderen Kind gehört und sich die Mama dieses anderen Kindes dummerweise daran erinnern konnte, dass der Bagger, den das Prinzchen nun für sich haben will, in der Bibliothek geblieben ist. Gut, ich geb’s zu, ich habe im Büro nicht gehört, wie das Prinzchen in Aarau gebrüllt hat, aber alleine die Erzählung hat mir gereicht um erleichtert zu seufzen: „Gott sei Dank durfte ich heute ein Personalreglement, ein Lohnreglement und ein Pflichtenheft verfassen und musste mich nicht in der Bibliothek mit einem brüllenden Prinzchen rumschlagen.“

– sogar dem sonst so geduldigen Au-Pair irgendwann der Geduldsfaden reisst so dass die Kinder für einmal nicht vor dem „bösen Papa“ in ihre Arme flüchten können. Und schon gar nicht vor der „bösen Mama“, denn die war ja heute im Büro und konnte deswegen gar nicht so böse zu den Kindern sein.

Ja, sie können auch ganz anders, unsere lieben Kinder. Und „Meiner“, das Au-Pair und ich können auch ganz anders, als immer nur geduldig und friedlich sein. Und so kommt es, dass ein Tag, an dem man sich acht Stunden lang pausenlos mit knochentrockenem Papierkram rumschlägt sich schon fast ein wenig anfühlt wie Wellness.