Heute lachen wir darüber

Da liegt er nun vor mir, der hellblaue Teller, der „Meinem“ vor fünf Jahren als Unterlage für ein Kunstexperiment gedient hatte. Der aber vom Sturm, diesem Kunstbanausen, in die Dachrinne geweht wurde und seither nicht mehr gesehen ward. Zumindest nicht im Inneren der Wohnung, sondern nur vom Badezimmerfenster aus, gut sichtbar, aber leider unerreichbar. Dank der Hilfe des Dachdeckers fand der Teller heute aber den Weg zurück in sein angestammtes Revier, die Küche. Bloss was war es, was da auf diesem Teller lag?  Ein undefinierbares schimmliges Etwas, das unmöglich das Kunstexperiment von „Meinem“ sein konnte. Lange starrte ich auf den Teller, ohne herauszufinden, was da lag. Ein alter Rock von Luise vielleicht? Oder ein Lappen, der aus dem Fenster geflogen und auf dem Teller gelandet war? Irgendwann dämmerte es mir: Es war eine Windel, die der FeuerwehrRitterRömerPirat vor langer Zeit mal aus dem Fenster geschmissen hatte.

Und plötzlich war sie wieder da, die Erinnerung an die Zeiten, als der FeuerwehrRitterRömerPirat fast täglich eine Windel aus dem Dachfenster schmiss. Man mochte ihm hundertmal sagen, er dürfe das nicht tun, am nächsten Morgen lag da trotzdem wieder eine Windel im Garten. Oder eben in der Dachrinne. Und das Schlimmste an der Sache war: Man musste noch erleichtert sein, wenn er bloss die Windel rausgeschmissen hatte, hin und wieder kam es nämlich auch vor, dass der feste Inhalt der Windel in der Gegend herumflog. Meistens schafften wir es, diese stinkenden Geschosse wieder aufzuspüren und sachgerecht zu entsorgen, aber einmal übersahen wir eines davon und ausgerechnet, als wir der Italienischen Verwandtschaft voller Stolz unser Zuhause präsentieren wollten, tauchte es wieder auf.

All diese Erinnerungen waren wieder da, als ich diese vergammelte Windel auf dem Teller liegen sah. Und nicht nur die Erinnerungen, auch die Gefühle, die ich damals empfunden hatte, waren wieder da. Wie schämte ich mich doch jeweils, dass unser Dritter mit Windeln und Exkrementen um sich warf. Von anderen Kindern hörte ich nie solche Geschichten. Würde unser Sohn je so vernünftig sein, dass er damit aufhören würde? Und würden wir ihn überhaupt je aus den Windeln bekommen, oder würde ich ihn dereinst kurz bevor er zum Traualtar marschiert, noch einmal wickeln müssen? Waren wir totale Versager, weil unser sonst so schlaues Kind einfach nicht einsehen wollte, dass man nicht ewig in den Windeln bleiben kann und dass Windeln in der Dachrinne nichts zu suchen haben?

Heute können wir zum Glück lachen über jene Zeit, aber damals war die Sache für mich mit ein Grund, weshalb ich mich als Mutter so völlig unfähig fühlte, weshalb ich hin und wieder zum Himmel schrie: „Gott, was hast du meinen Kindern bloss angetan, indem du ihnen eine solche Versagermama zugemutet hast?“

Hätte ich damals gewusst, was ich heute weiss, ich hätte die Sache wohl etwas entspannter ansehen können: Sie kommen alle aus den Windeln. Die einen etwas früher, die anderen später. Und je weniger Druck man macht, umso schneller geht’s.

Ach ja, und so sieht es übrigens aus, das Relikt aus der windelrebellischen Phase des FeuwerwehrRitterRömerPiraten: