Mensch, was tust du da eigentlich?

Eigentlich sollte die Sache schon längst erledigt sein: Der hässliche WC-Rollenhalter, der mir schon längst ein Dorn im Auge gewesen war, hat vor ein paar Wochen endgültig seinen Geist aufgegeben. Gut, endlich sind wir den Kerl los und ich mache mich auf in die nächste grössere Migros, um einen Neuen zu erstehen. Und reibe mir verwundert die Augen. Denn WC-Rollenhalter sind teuer, viel teurer, als ich dies erwartet hätte. Und obendrein sind sie auch noch hässlich. Klar, es gibt auch ein paar billige Exemplare, ebenfalls hässlich. Aber weil ich weiss, dass billig bei der Dauerbelastung in unserem Haushalt nicht lange hält, kommt billig nicht in Frage. Aber teuer und hässlich eben auch nicht. Wenn ich schon viel Geld ausgeben muss, dann soll das Zeug wenigstens schön sein. Das hatte uns schon der Pastor gelehrt, als wir noch Teenager waren. Wenn man schon Geld für Kleider ausgeben müsse, dann könne man sich ja gleich ein schönes Kleid kaufen anstelle eines hässlichen Fetzens, pflegte er zu sagen. Gut, von WC-Rollenhaltern hat der Pastor die etwas gesagt, aber ich weite das Prinzip mal grosszügig auf sämtliche Bereiche des Alltags aus.

Und anstatt die Sache endlich abzuhaken, verwende ich auf einmal beängstigend viel Zeit auf die Suche nach diesem banalen Gegenstand. Ich stöbere durch Haushaltsabteilungen, durchforste das Internet, blättere in Katalogen – und werde nicht fündig. Denn die Suche nach einem praktischen, bezahlbaren Ersatz ist längst zu einer Suche nach dem WC-Rollenhalter geworden, nach dem Schönsten, dem Originellsten, dem Passendsten. Das Ding, das eigentlich einen der niedrigsten Dienste im Haushalt übernimmt, nimmt plötzlich sehr viel Zeit und Energie in Anspruch.

Heute Nachmittag, kaum waren wir aus den Ferien zurückgekehrt, wollte ich die leidige Angelegenheit endlich erledigen und so durchstöberte ich einmal mehr das Internet. Fündig wurde ich nicht, denn der einzige Rollenhalter, der sowohl in Preis als auch in Design meinen Ansprüchen genügt, wird nicht in die Schweiz geliefert. Dafür aber gingen mir in anderer Hinsicht die Augen auf: Wie ich da so surfte und immer anspruchsvoller wurde, erinnerte ich mich plötzlich an den Werbespot, den wir heute, als wir in Bern auf den Zug warteten, gesehen hatten. Ein Suppenteller mit vielen Löffeln drin, dazu die Aufforderung, heute, am Welternährungstag, mit jenen zu teilen, die nicht wissen, wie sie morgen satt werden sollen. Luise hatte den Bildschirm lange studiert und mich dann gefragt, was das zu bedeuten habe. Pflichtbewusste Mama, die ich bin, erklärte ich meiner Tochter des Langen und Breiten, wie ungerecht es doch sei, dass wir zu viel, die anderen zu wenig hätten und wie falsch es doch sei, dass wir im Überfluss ersaufen, während andere ums nackte Überleben kämpfen müssen.

Keine zwei Stunden nach dieser Predigt sass ich also da und suchte einmal mehr nach dem perfekten WC-Rollenhalter. Und plötzlich schämte ich mich. „Mensch“, sagte ich zu mir „hast du denn wirklich nichts Besseres zu tun, als dich während Tagen um solchen Sch…kram zu drehen?“