Ich will auch wieder mal….

…. die Schokoladenseite unserer Kinder sehen. Ob die Knöpfe nun den ganzen Nachmittag mit „Meinem“ in der Schule waren, ob sie bei Freunden zu Besuch waren oder ob sie mit jemandem einen Ausflug gemacht haben, immer bekomme ich zu hören, unsere Kinder hätten sich wie Engel aufgeführt. „Ach weisst du“, sagen mir die Leute, „deine Kinder sind immer so still und brav. Man kann sich einfach auf sie verlassen.“ Die aufopferungswillige Mama in mir fühlt sich natürlich unglaublich geschmeichelt, wenn sie Solches hört. Aber ich kann euch versichern, die abgekämpfte Mama, die nur wenige Momente später wieder verhindern muss, dass die kleinen Engel einander die Köpfe einschlagen, die denkt ein wenig anders über die Sache.

„Warum bekommen immer die anderen die Schokoladenseite meiner Kinder zu sehen?“, jammert sie, die abgekämpfte Mama. „Warum müssen die sich zu Hause über jede Kleinigkeit in die Haare geraten? Und dann, wenn ich mit ihnen schimpfe, klagen sie lauthals, ich würde sie nicht lieben. Es ist doch einfach unfair: Da liebst du deine Kinder abgöttisch, mühst dich ab, sie zu anständigen Menschen zu erziehen und wer darf die Früchte deiner Arbeit ernten? Die anderen natürlich.“

„Jetzt hab‘ dich doch nicht so“, wendet die aufopferungswillige Mama ein. „Sei doch froh, dass die Kinder sich auswärts zu benehmen wissen. Stell dir mal vor, es wäre umgekehrt: Zu Hause sind sie immer brav und auswärts lassen sie die Sau raus. Ich kenne eine Frau, bei der war das so. Deren Sohn war zu Hause der reinste Engel….“

„Ja, ich weiss“, unterbricht die Abgekämpfte. „Die Geschichte hast du mir schon hundertmal erzählt. Zu Hause war er der reinste Engel und in der Schule machte er dem Lehrer das Leben schwer und die arme Mutter wusste nicht, wie sie dem Lehrer glaubhaft machen konnte, dass ihr Sohn zu Hause tatsächlich ganz anders war. Mag ja sein, dass das unangenehm ist, aber glaubst du, es ist angenehmer, wenn du den ganzen Tag nur den Polizisten spielen musst, weil die Rabauken glauben, sie müssten sich zu Hause nie am Riemen reissen, weil man sie ja ohnehin grenzenlos liebt?“

„Natürlich ist das unangenehm. Aber du jammerst mal wieder auf sehr hohem Niveau. Immerhin gibt es Orte, wo sich deine Kinder zu benehmen wissen. Stell dir vor, wie es wäre, wenn sie zu Hause und auswärts die Sau raus lassen würden…“, mahnt die Aufopferungswillige. „Und ausserdem hast du doch wirklich allen Grund, dankbar zu sein: Fünf gesunde Kinder, alle ziemlich aufgeweckt und nett. Denk doch mal wieder an den Zopf, den Karlsson dir neulich gebacken hat. Oder erinnere dich daran, wie fürsorglich der FeuerwehrRitterRömerPirat sich um das Prinzchen kümmert. Und weisst du noch, als Luise und der Zoowärter neulich….“

„Ach, du hast natürlich Recht, wie immer“, unterbricht die Abgekämpfte missmutig. „Mir ist ja klar, dass ich in meinen Kindern einen unschätzbaren Reichtum habe. Und ich liebe sie ja auch heiss und innig. Aber wenn man einen ganzen Tag lang nur zurechtgewiesen, Streit geschlichtet und getröstet hat, wird man sich wohl mal beklagen dürfen, oder?“

„Nein, darf man nicht. Stell dir bloss vor, was all die Leute denken werden, die dein Gejammer hier lesen. Die werden sich an die Stirn greifen und sich fragen, was diese blöde Zicke bloss wieder hat“, mahnt die Aufopferungswillige.

„Na und. Sollen die doch denken, was sie wollen“, sagt die Abgekämpfte trotzig. „Ich zwinge sie ja nicht zum Lesen. Und überhaupt könnte ich wetten, dass mindestens die Hälfte all jener, die das hier lesen, am Freitagabend ebenso abgekämpft und ausgelaugt sind wie ich und deshalb noch so gerne in mein Gejammer einstimmen werden. Aber weil sie liebende Mütter sind, werden sie sich morgen früh dennoch wieder voller Optimismus daran machen, ihre Rabauken zu kleinen Engeln zu erziehen.“