Putzfimmel

Nein, nicht ich, Gott bewahre! Auch nicht die Putzfrau. Die hat mich heute ausnahmsweise mit schmutzigen Fussböden sitzen lassen, weil die Kinderzimmer mal eine gründliche Putzaktion nötig hatten. Nein, den FeuerwehrRitterRömerPiraten hat’s erwischt. Zuerst kam der verstopfte Ablauf dran, dann die Balkontür, die Küchenfenster, schliesslich auch noch die Fenster im Erker und dann, als ich gerade anfangen wollte, stolz zu sein auf meinen fleissigen Kindergärtner, kam der Riemenboden dran: Mit sehr viel Fensterputzmittel und noch mehr Haushaltpapier. Okay, dann eben kein mütterlicher Stolz.

Dumm nur, dass die missratene Fussboden-Putzaktion dem Eifer des FeuerwehrRitterRömerPiraten keinen Abbruch tat: Heute Abend, kaum war ich im Begriffe, nach einem ermüdenden Montag endlich zusammenzubrechen, kam das obere Bad an die Reihe. Ich weiss nicht so genau, was der Junge da gemacht hat, aber der erbärmliche Gestank und der ziemlich nasse Fussboden lassen mich Schlimmes ahnen. Eigentlich hätte ich ja gerne lauthals schimpfen wollen, aber da mir Luise versicherte, dass das Bad gerade noch viel schlimmer ausgesehen hätte und dass der FeuerwehrRitterRömerPirat die schlimmsten Spuren bereits beseitigt hätte, beschloss ich, es für einmal bei einen sehr tiefen Seufzer bleiben zu lassen.

Ich hoffe dann mal, dass unser Dritter seinen Putzfimmel über Nacht auskuriert. Man munkelt ja, zu viel Reinlichkeit sei ungesund für mütterliche Nerven.

Hallo Alltag!

Morgen hat er mich wieder, der ganz normale Alltag. Und wie soll ich jetzt formulieren, dass ich gar nicht so unglücklich bin über das Ende der Herbstferien, ohne dabei wie eine jener Mütter zu klingen, die kein gutes Haar lassen an den Schulferien? Ich bin nämlich der Meinung, dass Schulferien durchaus ihre Vorteile haben: Wir müssen erst zu einer halbwegs menschlichen Zeit aus den Federn, das Mittagessen kann auch mal erst um halb eins auf dem Tisch stehen, weil keiner nachmittags Schule hat, die Kinder können sich in ihren endlosen Rollenspielen, die sich teilweise über mehrere Tage hinziehen, verlieren, wir können die Tage ganz nach Lust und Laune gestalten. Alles ganz toll und dennoch freue ich mich darauf, dass ab morgen die Vormittage wieder ruhiger, die Tage insgesamt wieder strukturierter sind. Und vor allem freue ich mich wie verrückt auf meine Bürotage.

Drei Wochen Herbstferien, eine davon als Vollzeitfrusthausfrau, haben mir einmal mehr vor Augen geführt, dass ich einfach eine bessere Mama bin, wenn ich alle zwei bis drei Tage die Bürotüre hinter mir schliessen und mich in meine Kopfarbeit vertiefen kann. Einmal mehr habe ich erkennen müssen, dass das eigentliche Problem nicht die Kinder sind, die sich in den Ferien einfach viel mehr in den Haaren liegen, weil sie halt auch viel öfter Gelegenheit haben dazu, da sie sich mehr in die Quere kommen. Klar, das ist nervtötend, aber noch viel nervtötender bin ich, wenn ich drei Wochen lang durchs Haus tigere, im Kopf tausend Ideen, tausend Dinge, die ich erledigen sollte und möchte und keine Arbeitstage, an denen ich die Ideen zu Papier bringen, die Pendenzen abtragen könnte. Oh ja, die Kinder können mühsam sein, wenn sie zu wenig frische Luft und zu viel Freizeit haben. Aber noch viel mühsamer bin ich, wenn ich zuwenig Bürozeit und zu viel Hausarbeit habe. Arme Kinder, die mich drei lange Wochen so haben ertragen müssen.

Ich schätze mal, wenn unsere Kinder hier an meiner Stelle schreiben würden, würde es hier jetzt heissen: „Gott sei Dank sind Mamas Ferien morgen zu Ende. Die Frau war mit ihrem ständigen Gemotze ganz schön nervig. Gut, dass sie sich mal endlich wieder in ihr Büro verkriechen kann und wir unsere Ruhe haben vor ihr.“

Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen: Ganz gleich wie vorher wird der Alltag nicht sein. „Meiner“ und ich haben uns nämlich jede Woche bis Ende Jahr einen Abend ganz für uns in den Kalender eingetragen. Ob wir diesen Abend jeweils in der Sauna verbringen, uns zu Hause einen Film reinziehen, die Ruhe geniessen oder jeder für sich irgend etwas werkelt und dabei die eine oder andere tiefsinnige Bemerkung fallen lässt, ist eigentlich egal. Hauptsache, wir nehmen unsere Zeit zu zweit ebenso wichtig wie all die Sitzungen, Besprechungen und Projekte, die für volle Terminkalender sorgen.

So haben wir uns das nicht vorgestellt

Als wir damals, vor etwas mehr als zwölf Jahren, ja gesagt haben zueinander, haben „Meiner“ und ich uns nicht vorgestellt, dass unsere Abende so aussehen würden: „Meiner“ am Telefon für irgend ein Projekt, das weder ihm noch mir etwas bringt, ich am Arbeiten, später dann vielleicht am Solitaire-Spielen, weil ich vor lauter Übermüdung nichts anderes mehr zustande bringe, er auf dem Sofa am Schnarchen, weil die Woche so anstrengend war.

Einen einzelnen Abend in diesem Stil könnte man ja noch verkraften. Aber nach vier, fünf, sechs oder gar sieben Abenden, die vollgestopft sind mit Sitzungen, Rechnungen begleichen, Fernsehsendungen, die man nur schaut, weil man zu müde ist, um etwas Schlaueres anzufangen, Briefen, die man noch „ganz schnell schreiben muss, bevor man Feierabend machen“ kann, aufräumen, was tagsüber liegen geblieben ist, Anrufen, die man „nur schnell“ tätigen muss, weil man später nicht mehr anrufen darf und schließlich erschöpftem ins Bett sinken, ….Mist, jetzt habe ich doch glatt den roten Faden des Satzes verloren.

Also, ich wollte sagen, dass es uns gelinde gesagt stinkt, wenn solche Abende zur Normalität werden. Und darum muss jetzt die Notbremse gezogen werden, allenfalls mit der Konsequenz, dass man hin und wieder ein unbequemes Nein wird verlauten lassen müssen.

Hat man mal ja gesagt zueinander, muss man eben hin und wieder zu anderen Dingen nein sagen. Zumindest, wenn einem das Ja zueinander mehr bedeutet, als all die Ja zu anderen Dingen, die man im Laufe der Jahre allzu leichtfertig ausgesprochen hat.

Ich will auch wieder mal….

…. die Schokoladenseite unserer Kinder sehen. Ob die Knöpfe nun den ganzen Nachmittag mit „Meinem“ in der Schule waren, ob sie bei Freunden zu Besuch waren oder ob sie mit jemandem einen Ausflug gemacht haben, immer bekomme ich zu hören, unsere Kinder hätten sich wie Engel aufgeführt. „Ach weisst du“, sagen mir die Leute, „deine Kinder sind immer so still und brav. Man kann sich einfach auf sie verlassen.“ Die aufopferungswillige Mama in mir fühlt sich natürlich unglaublich geschmeichelt, wenn sie Solches hört. Aber ich kann euch versichern, die abgekämpfte Mama, die nur wenige Momente später wieder verhindern muss, dass die kleinen Engel einander die Köpfe einschlagen, die denkt ein wenig anders über die Sache.

„Warum bekommen immer die anderen die Schokoladenseite meiner Kinder zu sehen?“, jammert sie, die abgekämpfte Mama. „Warum müssen die sich zu Hause über jede Kleinigkeit in die Haare geraten? Und dann, wenn ich mit ihnen schimpfe, klagen sie lauthals, ich würde sie nicht lieben. Es ist doch einfach unfair: Da liebst du deine Kinder abgöttisch, mühst dich ab, sie zu anständigen Menschen zu erziehen und wer darf die Früchte deiner Arbeit ernten? Die anderen natürlich.“

„Jetzt hab‘ dich doch nicht so“, wendet die aufopferungswillige Mama ein. „Sei doch froh, dass die Kinder sich auswärts zu benehmen wissen. Stell dir mal vor, es wäre umgekehrt: Zu Hause sind sie immer brav und auswärts lassen sie die Sau raus. Ich kenne eine Frau, bei der war das so. Deren Sohn war zu Hause der reinste Engel….“

„Ja, ich weiss“, unterbricht die Abgekämpfte. „Die Geschichte hast du mir schon hundertmal erzählt. Zu Hause war er der reinste Engel und in der Schule machte er dem Lehrer das Leben schwer und die arme Mutter wusste nicht, wie sie dem Lehrer glaubhaft machen konnte, dass ihr Sohn zu Hause tatsächlich ganz anders war. Mag ja sein, dass das unangenehm ist, aber glaubst du, es ist angenehmer, wenn du den ganzen Tag nur den Polizisten spielen musst, weil die Rabauken glauben, sie müssten sich zu Hause nie am Riemen reissen, weil man sie ja ohnehin grenzenlos liebt?“

„Natürlich ist das unangenehm. Aber du jammerst mal wieder auf sehr hohem Niveau. Immerhin gibt es Orte, wo sich deine Kinder zu benehmen wissen. Stell dir vor, wie es wäre, wenn sie zu Hause und auswärts die Sau raus lassen würden…“, mahnt die Aufopferungswillige. „Und ausserdem hast du doch wirklich allen Grund, dankbar zu sein: Fünf gesunde Kinder, alle ziemlich aufgeweckt und nett. Denk doch mal wieder an den Zopf, den Karlsson dir neulich gebacken hat. Oder erinnere dich daran, wie fürsorglich der FeuerwehrRitterRömerPirat sich um das Prinzchen kümmert. Und weisst du noch, als Luise und der Zoowärter neulich….“

„Ach, du hast natürlich Recht, wie immer“, unterbricht die Abgekämpfte missmutig. „Mir ist ja klar, dass ich in meinen Kindern einen unschätzbaren Reichtum habe. Und ich liebe sie ja auch heiss und innig. Aber wenn man einen ganzen Tag lang nur zurechtgewiesen, Streit geschlichtet und getröstet hat, wird man sich wohl mal beklagen dürfen, oder?“

„Nein, darf man nicht. Stell dir bloss vor, was all die Leute denken werden, die dein Gejammer hier lesen. Die werden sich an die Stirn greifen und sich fragen, was diese blöde Zicke bloss wieder hat“, mahnt die Aufopferungswillige.

„Na und. Sollen die doch denken, was sie wollen“, sagt die Abgekämpfte trotzig. „Ich zwinge sie ja nicht zum Lesen. Und überhaupt könnte ich wetten, dass mindestens die Hälfte all jener, die das hier lesen, am Freitagabend ebenso abgekämpft und ausgelaugt sind wie ich und deshalb noch so gerne in mein Gejammer einstimmen werden. Aber weil sie liebende Mütter sind, werden sie sich morgen früh dennoch wieder voller Optimismus daran machen, ihre Rabauken zu kleinen Engeln zu erziehen.“

Wie sag‘ ich’s diesem Kinde?

Da habe ich mir mal wieder etwas Schönes eingebrockt: Ohne nur eine Sekunde daran zu denken, dass Luise mit ihrem verstauchten Finger wohl besser nicht zur Akrobatik-Schnupperstunde gehen sollte, habe ich vor zwei Tagen einer Mutter versprochen, dass ich ihr Kind ebenfalls mitnehmen werde, da ich ja ohnehin fahren würde. Heute aber redete mir meine Schwester, die als Krankenschwester in medizinischen Sachen einen viel besseren Durchblick hat als ich, ins Gewissen und so entschloss ich mich, Luises Schnupperstunde abzusagen. Fahren musste ich trotzdem, denn eine andere Transportmöglichkeit für das Kind zu suchen wäre weitaus komplizierter gewesen, als mich selber schnell hinter das Steuer zu setzen.

Und so kam es, dass ich zwischen Mittagessen und Sitzungstermin mit diesem kleinen Jungen zur Akrobatik-Schnupperstunde fuhr. Wir redeten über dieses und jenes und irgendwann bemerkte er, es sei doch schon eigenartig, dass ich schon fünf Kinder in meinem Bauch gehabt hätte, das könne er sich fast nicht vorstellen. Ich musste lachen und meinte, mir komme das manchmal auch ein wenig sonderbar vor, aber ich hätte mich daran gewöhnt. Wir redeten noch ein wenig über unsere überdurchschnittlich grosse Familie, als der Junge auf einmal wissen wollte: „Wie sind die fünf Kinder eigentlich in deinen Bauch gekommen? Wie geht das denn überhaupt?“

Nun muss man wissen, dass ich solche Fragen keineswegs scheue. Ich bin der Meinung, dass Kinder wissen sollen, was sie wissen wollen. Immer ihrem Alter angemessen, versteht sich. Bei politischen Fragen wie „Warum wählst du nicht den Blocher?“ oder bei Glaubensfragen wie „Findest du den lieben Gott wirklich lieb?“ oder bei Fragen nach dem Kontostand wie „Mama, sind wir arm oder reich?“ werde ich ja auch nicht rot und winde mich um eine offene, kindergerechte Antwort herum. Also versuche ich den Kindern auch dann offen und ehrlich Antwort zu geben, wenn sie völlig entsetzt von mir wissen wollen: „Mama, bist du tatsächlich schon fünfmal mit dem Papa im Bett gewesen? War das nicht furchtbar?“

So sehe ich das, zumindest, wenn es um meine Kinder geht. Was aber sage ich zu einem Kind, das ich nicht gut genug kenne, um zu wissen, wie viel es schon weiss; dessen Eltern ich nicht gut genug kenne, um zu wissen, wie sie denn auf die Frage antworten würden? Ich will ja nicht, dass das Kind völlig geschockt nach Hause geht und meint: „Mama, Luises Mama hat mir etwas ganz Schreckliches erzählt….“. Also tat ich für einmal, was ich bei meinen eigenen Kinder nie tun würde: Ich murmelte etwas von „Da musst du deine Eltern fragen“ und wechselte ganz schnell das Thema.

Ich hoffe mal, dass der Junge heute Abend bei seinen Eltern noch mal nachgefragt hat, warum Vendittis denn so schrecklich viele Kinder haben.

Flashback

Es war einer jener Tage, wie ich sie früher fast täglich durchstehen musste: Nicht mehr krank, aber auch noch nicht gesund, zu spät aus dem Bett gekrochen, Karlsson fast zu spät zum Speckstein-Kurs geschickt, das Prinzchen pitschnass, weil die Windel nicht dichtgehalten hat, der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat im Dauerstreit, Luise grantig, weil die Nacht, die sie bei ihrer grossen Freundin verbracht hatte, zu kurz war, an der Hautür der Postbote mit einem eingeschriebenen Brief, auf dem Küchentisch eine halbfertige Einkaufsliste, gähnende Leere im Kühlschrank und im Magen, dazwischen immer wieder das Telefon und obendrein ein schmutziger Küchenfussboden. Etwas später dann endlich mit dem Prinzchen und Luise in der Migros, um wenigstens der Leere im Kühlschrank Abhilfe zu schaffen, der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat derweilen bei meiner Mutter untergebracht, wo sie sich wohl weiter die Köpfe einschlugen. Im Laden dann der erste richtig grosse Trotzanfall des Prinzchens. Ein nervtötendes Geschrei, zuerst, weil er keine Banane bekam, danach weil das Brötchen noch bezahlt werden musste und schliesslich, weil er keinen Bagger haben durfte. Nichts Neues eigentlich für eine fünffache Mutter, aber deswegen nicht weniger anstrengend, da die anderen Kunden mit bösen Blicken und gehässigen Bemerkungen nicht eben sparsam umgingen. Wir Mütter kennen das ja….

Zu Hause dann das Vergnügen, die Einkäufe zu verstauen, das Prinzchen ins Bett zu stecken, wieder einen Anruf entgegenzunehmen, die ewigen Streithähne auseinander zu halten, Karlssons Speckstein-Schmuckstück zu bewundern, Mittagessen zu kochen, den Geschirrspüler einzuräumen und das alles sofort, weil eine Stunde später eine Kindergruppe bei „Meinem“ einen Malkurs hatte. „Du meine Güte“, fuhr er mir plötzlich durch den Kopf, „so war mein Leben früher immer. Damals, als ich noch keinen Bürojob hatte, den ich von zu Hause aus erledigen kann. Damals, als noch kein Au-Pair da war, die mir hilft, das Chaos in den Griff zu kriegen. Wie habe ich das bloss alles geschafft, dazu noch mit all den Schwangerschaften?“

Kaum habe ich den Gedanken fertig gedacht, ertappe ich den Zoowärter und den FeuerwehrRitterRömerPiraten dabei, wie sie sich vor dem Mittagessen wie die Heuschrecken über die eben gekauften Getreideriegel hermachen und dann stehe ich plötzlich wieder vor dieser altbekannten Frage: Soll ich gleich jetzt losheulen, oder soll ich vorher lieber noch eine Runde herumschreien, bis ich heiser bin und dann erst heulend ins Schlafzimmer rennen? Und dann wird mir bewusst, dass ich es damals eben nicht geschafft habe, dass Tage wie heute damals zwar die Regel waren, dass Herumschreien und Türen knallen damals aber schon fast so alltäglich waren wie Kinder umarmen und Geschichten erzählen.

Damals habe ich mir fast täglich vorgeworfen, was für eine Versagermama ich doch sei. Heute weiss ich zum Glück, dass es unter gewissen Umständen mit meinem Temperament gar nicht möglich ist, die Ruhe zu bewahren. Und seitdem ich dies weiss, schreie ich deutlich weniger, knalle ich die Tür nur noch, wenn es wirklich nicht mehr anders geht. Vor allem aber weiss ich, dass diese elende letzte Schulferienwoche mit „Meinem“ bereits wieder an der Arbeit, dem Au-Pair in den Ferien und den Kindern im Widerstand schon zur Hälfte um ist und ich deshalb hoffentlich nicht mehr allzu oft die Fassung verlieren muss.

Aus dem Alltag mit kleinen Menschen

Ein paar kleine Episoden, die zwar keinen eigenen Post Wert sind, die ich aber dennoch ganz amüsant finde:

Dass kleine Menschen sich vor der Dunkelheit fürchten, ist mir nicht neu. Dass sie hin und wieder abends noch einmal aus dem Bett gekrochen kommen, weil sie Angst haben, es hocke ein Räuber unter ihrem Bett oder eine Hexe auf der Lampe, überrascht mich nicht. Aber warum um Himmels Willen kommt der Zoowärter abends um halb elf ins Wohnzimmer geschlichen, weil er Angst hat, Carla Bruni habe sich in seinem Schrank versteckt? Gut, wenn ich mit Sarkozy verheiratet wäre, würde ich mich in diesen Tagen auch verstecken, aber doch nicht in Vendittis Kleiderschrank.

Luise geht heute mit einer Gruppe von Kindern die Schule für Blindenhunde anschauen. Eines der Kinder, ein Junge aus ihrer Klasse, kommt sie heute Morgen abholen. Das Chaos bei Vendittis scheint ihn leicht zu überfordern, aber endlich sieht er etwas, was ihn an zu Hause erinnert: Das Bügeleisen und einen Berg Wäsche daneben. „Du bist genau wie meine Mama“, sagt er zu mir. „Die muss in der Nacht auch immer die Wäsche bügeln. Meine Mama bügelt immer.“ Leider muss ich dem Jungen klar machen, dass ich eben nicht bin wie seine Mama, denn das Bügeleisen liegt nur deshalb zufällig neben dem Wäscheberg, weil Karlsson seine Seidentücher, die er gemalt hat, bügeln will und weil „Meiner“ gestern Abend mit dem Wäschefalten nicht fertig geworden ist. Wenn bei uns überhaupt einer bügelt, dann ist es Karlsson und um die Wäsche kümmert sich, wer gerade Zeit hat, also eigentlich niemand.

Karlsson hat fürchterliches Mitleid mit mir, weil ich krank bin. Inzwischen hat sich zwar Gott sei Dank herausgestellt, dass es keine Magen-Darm-Seuche ist, dass es wohl reiner Zufall war, dass Karlssons Bauch gerade dann schmerzte, als mir übel wurde und vor allem, dass der Käfer exklusiv für mich bestimmt war und alle anderen nichts davon abkriegen. Was bedeutet, dass eine schlappe, kranke Mama sich um fünf kerngesunde, quietschfidele Kinder kümmern sollte. Zum Glück kommt Karlsson auf die Idee, dass eigentlich er das Mittagessen kochen könnte. Der Junge verzieht sich mit einem Berg von Kochbüchern, währenddem ich versuche, die anderen halbwegs ruhig zu halten. Schön, dass mein Sohn Spaghetti kochen wird. Oder vielleicht Blumenkohl mit Reis. Oder Ofenkartoffeln.

„Mama, haben wir Lab?“, will Karlsson plötzlich wissen. „Wozu um Himmels Willen brauchst du denn Lab?“, frage ich. „Ich habe da ein tolles Käsekuchen-Rezept im Astrid Lindgren-Kochbuch gefunden und das wäre doch ein perfektes Mittagessen. Schau mal, wir haben alle Zutaten da, ausser dem Lab.Wo bekomme ich Lab….“ Nun, mein lieber Karlsson, ich finde es wirklich toll, dass du Käsekuchen backen willst und ich traue dir das auch zu, aber zum Mittagessen wären Spaghetti vielleicht besser. Oder vielleicht Blumenkohl mit Reis. Oder Ofenkartoffeln.

Es gab dann übrigens etwas ganz anderes, denn Karlsson musste mit seinen Brüdern Robin Hood schauen und hatte leider keine Zeit mehr, sich ums Kochen zu kümmern. Irgend einer muss ja aufpassen, dass die Kleinen beim Filme schauen keinen Mist bauen, nicht wahr?

Irgendwie schaffte ich es auch ohne Karlssons Hilfe, ein Mittagessen auf den Tisch zu bringen, was das offenbar halb verhungerte Prinzchen besonders freut. Kaum sieht er die Schnitzel, die ich braten will, dreht er fast durch vor lauter Freude: „Chani Fleisch? Chani Fleisch?“, fragt er unablässig und ist zutiefst empört, dass ich das Fleisch zuerst braten will, bevor er es haben darf. Und dann, als das Fleisch endlich gebraten ist, mache ich diesen ganz dummen Fehler, den eigentlich keine Mama, die schon ein Zweijähriges Kind gehabt hat, je machen sollte: Ich zerschneide das Fleisch in mundgerechte Stücke. Worauf das Prinzchen empört aufschreit „Fleisch chabott! Nei, Fleisch chabott!“ und natürlich keinen Bissen von dem „kaputten Fleisch“ anrührt und sich schliesslich ohne Mittagessen im Bauch zum Mittagsschlaf verabschiedet. Himmel, wie blöd bin ich denn? Habe ich tatsächlich schon wieder vergessen, dass Zweijährige es nie und nimmer dulden, dass man ihnen zerschnittenes Essen vorsetzt? Dabei ist es doch gar nicht so lange her, seitdem ich zum letzen Mal einen zweijährigen Perfektionisten zu erziehen hatte….