Ich will auch wieder mal….

…. die Schokoladenseite unserer Kinder sehen. Ob die Knöpfe nun den ganzen Nachmittag mit „Meinem“ in der Schule waren, ob sie bei Freunden zu Besuch waren oder ob sie mit jemandem einen Ausflug gemacht haben, immer bekomme ich zu hören, unsere Kinder hätten sich wie Engel aufgeführt. „Ach weisst du“, sagen mir die Leute, „deine Kinder sind immer so still und brav. Man kann sich einfach auf sie verlassen.“ Die aufopferungswillige Mama in mir fühlt sich natürlich unglaublich geschmeichelt, wenn sie Solches hört. Aber ich kann euch versichern, die abgekämpfte Mama, die nur wenige Momente später wieder verhindern muss, dass die kleinen Engel einander die Köpfe einschlagen, die denkt ein wenig anders über die Sache.

„Warum bekommen immer die anderen die Schokoladenseite meiner Kinder zu sehen?“, jammert sie, die abgekämpfte Mama. „Warum müssen die sich zu Hause über jede Kleinigkeit in die Haare geraten? Und dann, wenn ich mit ihnen schimpfe, klagen sie lauthals, ich würde sie nicht lieben. Es ist doch einfach unfair: Da liebst du deine Kinder abgöttisch, mühst dich ab, sie zu anständigen Menschen zu erziehen und wer darf die Früchte deiner Arbeit ernten? Die anderen natürlich.“

„Jetzt hab‘ dich doch nicht so“, wendet die aufopferungswillige Mama ein. „Sei doch froh, dass die Kinder sich auswärts zu benehmen wissen. Stell dir mal vor, es wäre umgekehrt: Zu Hause sind sie immer brav und auswärts lassen sie die Sau raus. Ich kenne eine Frau, bei der war das so. Deren Sohn war zu Hause der reinste Engel….“

„Ja, ich weiss“, unterbricht die Abgekämpfte. „Die Geschichte hast du mir schon hundertmal erzählt. Zu Hause war er der reinste Engel und in der Schule machte er dem Lehrer das Leben schwer und die arme Mutter wusste nicht, wie sie dem Lehrer glaubhaft machen konnte, dass ihr Sohn zu Hause tatsächlich ganz anders war. Mag ja sein, dass das unangenehm ist, aber glaubst du, es ist angenehmer, wenn du den ganzen Tag nur den Polizisten spielen musst, weil die Rabauken glauben, sie müssten sich zu Hause nie am Riemen reissen, weil man sie ja ohnehin grenzenlos liebt?“

„Natürlich ist das unangenehm. Aber du jammerst mal wieder auf sehr hohem Niveau. Immerhin gibt es Orte, wo sich deine Kinder zu benehmen wissen. Stell dir vor, wie es wäre, wenn sie zu Hause und auswärts die Sau raus lassen würden…“, mahnt die Aufopferungswillige. „Und ausserdem hast du doch wirklich allen Grund, dankbar zu sein: Fünf gesunde Kinder, alle ziemlich aufgeweckt und nett. Denk doch mal wieder an den Zopf, den Karlsson dir neulich gebacken hat. Oder erinnere dich daran, wie fürsorglich der FeuerwehrRitterRömerPirat sich um das Prinzchen kümmert. Und weisst du noch, als Luise und der Zoowärter neulich….“

„Ach, du hast natürlich Recht, wie immer“, unterbricht die Abgekämpfte missmutig. „Mir ist ja klar, dass ich in meinen Kindern einen unschätzbaren Reichtum habe. Und ich liebe sie ja auch heiss und innig. Aber wenn man einen ganzen Tag lang nur zurechtgewiesen, Streit geschlichtet und getröstet hat, wird man sich wohl mal beklagen dürfen, oder?“

„Nein, darf man nicht. Stell dir bloss vor, was all die Leute denken werden, die dein Gejammer hier lesen. Die werden sich an die Stirn greifen und sich fragen, was diese blöde Zicke bloss wieder hat“, mahnt die Aufopferungswillige.

„Na und. Sollen die doch denken, was sie wollen“, sagt die Abgekämpfte trotzig. „Ich zwinge sie ja nicht zum Lesen. Und überhaupt könnte ich wetten, dass mindestens die Hälfte all jener, die das hier lesen, am Freitagabend ebenso abgekämpft und ausgelaugt sind wie ich und deshalb noch so gerne in mein Gejammer einstimmen werden. Aber weil sie liebende Mütter sind, werden sie sich morgen früh dennoch wieder voller Optimismus daran machen, ihre Rabauken zu kleinen Engeln zu erziehen.“

Wie sag‘ ich’s diesem Kinde?

Da habe ich mir mal wieder etwas Schönes eingebrockt: Ohne nur eine Sekunde daran zu denken, dass Luise mit ihrem verstauchten Finger wohl besser nicht zur Akrobatik-Schnupperstunde gehen sollte, habe ich vor zwei Tagen einer Mutter versprochen, dass ich ihr Kind ebenfalls mitnehmen werde, da ich ja ohnehin fahren würde. Heute aber redete mir meine Schwester, die als Krankenschwester in medizinischen Sachen einen viel besseren Durchblick hat als ich, ins Gewissen und so entschloss ich mich, Luises Schnupperstunde abzusagen. Fahren musste ich trotzdem, denn eine andere Transportmöglichkeit für das Kind zu suchen wäre weitaus komplizierter gewesen, als mich selber schnell hinter das Steuer zu setzen.

Und so kam es, dass ich zwischen Mittagessen und Sitzungstermin mit diesem kleinen Jungen zur Akrobatik-Schnupperstunde fuhr. Wir redeten über dieses und jenes und irgendwann bemerkte er, es sei doch schon eigenartig, dass ich schon fünf Kinder in meinem Bauch gehabt hätte, das könne er sich fast nicht vorstellen. Ich musste lachen und meinte, mir komme das manchmal auch ein wenig sonderbar vor, aber ich hätte mich daran gewöhnt. Wir redeten noch ein wenig über unsere überdurchschnittlich grosse Familie, als der Junge auf einmal wissen wollte: „Wie sind die fünf Kinder eigentlich in deinen Bauch gekommen? Wie geht das denn überhaupt?“

Nun muss man wissen, dass ich solche Fragen keineswegs scheue. Ich bin der Meinung, dass Kinder wissen sollen, was sie wissen wollen. Immer ihrem Alter angemessen, versteht sich. Bei politischen Fragen wie „Warum wählst du nicht den Blocher?“ oder bei Glaubensfragen wie „Findest du den lieben Gott wirklich lieb?“ oder bei Fragen nach dem Kontostand wie „Mama, sind wir arm oder reich?“ werde ich ja auch nicht rot und winde mich um eine offene, kindergerechte Antwort herum. Also versuche ich den Kindern auch dann offen und ehrlich Antwort zu geben, wenn sie völlig entsetzt von mir wissen wollen: „Mama, bist du tatsächlich schon fünfmal mit dem Papa im Bett gewesen? War das nicht furchtbar?“

So sehe ich das, zumindest, wenn es um meine Kinder geht. Was aber sage ich zu einem Kind, das ich nicht gut genug kenne, um zu wissen, wie viel es schon weiss; dessen Eltern ich nicht gut genug kenne, um zu wissen, wie sie denn auf die Frage antworten würden? Ich will ja nicht, dass das Kind völlig geschockt nach Hause geht und meint: „Mama, Luises Mama hat mir etwas ganz Schreckliches erzählt….“. Also tat ich für einmal, was ich bei meinen eigenen Kinder nie tun würde: Ich murmelte etwas von „Da musst du deine Eltern fragen“ und wechselte ganz schnell das Thema.

Ich hoffe mal, dass der Junge heute Abend bei seinen Eltern noch mal nachgefragt hat, warum Vendittis denn so schrecklich viele Kinder haben.

Flashback

Es war einer jener Tage, wie ich sie früher fast täglich durchstehen musste: Nicht mehr krank, aber auch noch nicht gesund, zu spät aus dem Bett gekrochen, Karlsson fast zu spät zum Speckstein-Kurs geschickt, das Prinzchen pitschnass, weil die Windel nicht dichtgehalten hat, der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat im Dauerstreit, Luise grantig, weil die Nacht, die sie bei ihrer grossen Freundin verbracht hatte, zu kurz war, an der Hautür der Postbote mit einem eingeschriebenen Brief, auf dem Küchentisch eine halbfertige Einkaufsliste, gähnende Leere im Kühlschrank und im Magen, dazwischen immer wieder das Telefon und obendrein ein schmutziger Küchenfussboden. Etwas später dann endlich mit dem Prinzchen und Luise in der Migros, um wenigstens der Leere im Kühlschrank Abhilfe zu schaffen, der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat derweilen bei meiner Mutter untergebracht, wo sie sich wohl weiter die Köpfe einschlugen. Im Laden dann der erste richtig grosse Trotzanfall des Prinzchens. Ein nervtötendes Geschrei, zuerst, weil er keine Banane bekam, danach weil das Brötchen noch bezahlt werden musste und schliesslich, weil er keinen Bagger haben durfte. Nichts Neues eigentlich für eine fünffache Mutter, aber deswegen nicht weniger anstrengend, da die anderen Kunden mit bösen Blicken und gehässigen Bemerkungen nicht eben sparsam umgingen. Wir Mütter kennen das ja….

Zu Hause dann das Vergnügen, die Einkäufe zu verstauen, das Prinzchen ins Bett zu stecken, wieder einen Anruf entgegenzunehmen, die ewigen Streithähne auseinander zu halten, Karlssons Speckstein-Schmuckstück zu bewundern, Mittagessen zu kochen, den Geschirrspüler einzuräumen und das alles sofort, weil eine Stunde später eine Kindergruppe bei „Meinem“ einen Malkurs hatte. „Du meine Güte“, fuhr er mir plötzlich durch den Kopf, „so war mein Leben früher immer. Damals, als ich noch keinen Bürojob hatte, den ich von zu Hause aus erledigen kann. Damals, als noch kein Au-Pair da war, die mir hilft, das Chaos in den Griff zu kriegen. Wie habe ich das bloss alles geschafft, dazu noch mit all den Schwangerschaften?“

Kaum habe ich den Gedanken fertig gedacht, ertappe ich den Zoowärter und den FeuerwehrRitterRömerPiraten dabei, wie sie sich vor dem Mittagessen wie die Heuschrecken über die eben gekauften Getreideriegel hermachen und dann stehe ich plötzlich wieder vor dieser altbekannten Frage: Soll ich gleich jetzt losheulen, oder soll ich vorher lieber noch eine Runde herumschreien, bis ich heiser bin und dann erst heulend ins Schlafzimmer rennen? Und dann wird mir bewusst, dass ich es damals eben nicht geschafft habe, dass Tage wie heute damals zwar die Regel waren, dass Herumschreien und Türen knallen damals aber schon fast so alltäglich waren wie Kinder umarmen und Geschichten erzählen.

Damals habe ich mir fast täglich vorgeworfen, was für eine Versagermama ich doch sei. Heute weiss ich zum Glück, dass es unter gewissen Umständen mit meinem Temperament gar nicht möglich ist, die Ruhe zu bewahren. Und seitdem ich dies weiss, schreie ich deutlich weniger, knalle ich die Tür nur noch, wenn es wirklich nicht mehr anders geht. Vor allem aber weiss ich, dass diese elende letzte Schulferienwoche mit „Meinem“ bereits wieder an der Arbeit, dem Au-Pair in den Ferien und den Kindern im Widerstand schon zur Hälfte um ist und ich deshalb hoffentlich nicht mehr allzu oft die Fassung verlieren muss.

Aus dem Alltag mit kleinen Menschen

Ein paar kleine Episoden, die zwar keinen eigenen Post Wert sind, die ich aber dennoch ganz amüsant finde:

Dass kleine Menschen sich vor der Dunkelheit fürchten, ist mir nicht neu. Dass sie hin und wieder abends noch einmal aus dem Bett gekrochen kommen, weil sie Angst haben, es hocke ein Räuber unter ihrem Bett oder eine Hexe auf der Lampe, überrascht mich nicht. Aber warum um Himmels Willen kommt der Zoowärter abends um halb elf ins Wohnzimmer geschlichen, weil er Angst hat, Carla Bruni habe sich in seinem Schrank versteckt? Gut, wenn ich mit Sarkozy verheiratet wäre, würde ich mich in diesen Tagen auch verstecken, aber doch nicht in Vendittis Kleiderschrank.

Luise geht heute mit einer Gruppe von Kindern die Schule für Blindenhunde anschauen. Eines der Kinder, ein Junge aus ihrer Klasse, kommt sie heute Morgen abholen. Das Chaos bei Vendittis scheint ihn leicht zu überfordern, aber endlich sieht er etwas, was ihn an zu Hause erinnert: Das Bügeleisen und einen Berg Wäsche daneben. „Du bist genau wie meine Mama“, sagt er zu mir. „Die muss in der Nacht auch immer die Wäsche bügeln. Meine Mama bügelt immer.“ Leider muss ich dem Jungen klar machen, dass ich eben nicht bin wie seine Mama, denn das Bügeleisen liegt nur deshalb zufällig neben dem Wäscheberg, weil Karlsson seine Seidentücher, die er gemalt hat, bügeln will und weil „Meiner“ gestern Abend mit dem Wäschefalten nicht fertig geworden ist. Wenn bei uns überhaupt einer bügelt, dann ist es Karlsson und um die Wäsche kümmert sich, wer gerade Zeit hat, also eigentlich niemand.

Karlsson hat fürchterliches Mitleid mit mir, weil ich krank bin. Inzwischen hat sich zwar Gott sei Dank herausgestellt, dass es keine Magen-Darm-Seuche ist, dass es wohl reiner Zufall war, dass Karlssons Bauch gerade dann schmerzte, als mir übel wurde und vor allem, dass der Käfer exklusiv für mich bestimmt war und alle anderen nichts davon abkriegen. Was bedeutet, dass eine schlappe, kranke Mama sich um fünf kerngesunde, quietschfidele Kinder kümmern sollte. Zum Glück kommt Karlsson auf die Idee, dass eigentlich er das Mittagessen kochen könnte. Der Junge verzieht sich mit einem Berg von Kochbüchern, währenddem ich versuche, die anderen halbwegs ruhig zu halten. Schön, dass mein Sohn Spaghetti kochen wird. Oder vielleicht Blumenkohl mit Reis. Oder Ofenkartoffeln.

„Mama, haben wir Lab?“, will Karlsson plötzlich wissen. „Wozu um Himmels Willen brauchst du denn Lab?“, frage ich. „Ich habe da ein tolles Käsekuchen-Rezept im Astrid Lindgren-Kochbuch gefunden und das wäre doch ein perfektes Mittagessen. Schau mal, wir haben alle Zutaten da, ausser dem Lab.Wo bekomme ich Lab….“ Nun, mein lieber Karlsson, ich finde es wirklich toll, dass du Käsekuchen backen willst und ich traue dir das auch zu, aber zum Mittagessen wären Spaghetti vielleicht besser. Oder vielleicht Blumenkohl mit Reis. Oder Ofenkartoffeln.

Es gab dann übrigens etwas ganz anderes, denn Karlsson musste mit seinen Brüdern Robin Hood schauen und hatte leider keine Zeit mehr, sich ums Kochen zu kümmern. Irgend einer muss ja aufpassen, dass die Kleinen beim Filme schauen keinen Mist bauen, nicht wahr?

Irgendwie schaffte ich es auch ohne Karlssons Hilfe, ein Mittagessen auf den Tisch zu bringen, was das offenbar halb verhungerte Prinzchen besonders freut. Kaum sieht er die Schnitzel, die ich braten will, dreht er fast durch vor lauter Freude: „Chani Fleisch? Chani Fleisch?“, fragt er unablässig und ist zutiefst empört, dass ich das Fleisch zuerst braten will, bevor er es haben darf. Und dann, als das Fleisch endlich gebraten ist, mache ich diesen ganz dummen Fehler, den eigentlich keine Mama, die schon ein Zweijähriges Kind gehabt hat, je machen sollte: Ich zerschneide das Fleisch in mundgerechte Stücke. Worauf das Prinzchen empört aufschreit „Fleisch chabott! Nei, Fleisch chabott!“ und natürlich keinen Bissen von dem „kaputten Fleisch“ anrührt und sich schliesslich ohne Mittagessen im Bauch zum Mittagsschlaf verabschiedet. Himmel, wie blöd bin ich denn? Habe ich tatsächlich schon wieder vergessen, dass Zweijährige es nie und nimmer dulden, dass man ihnen zerschnittenes Essen vorsetzt? Dabei ist es doch gar nicht so lange her, seitdem ich zum letzen Mal einen zweijährigen Perfektionisten zu erziehen hatte….

So ist’s richtig

Ein wenig mulmig war mir ja schon zumute, als mir letzten Donnerstag bewusst wurde, dass wir schon fast eine Woche von zu Hause weg waren, ohne dass sich die Magen-Darm-Seuche zu uns gesellt hatte. Ferien ohne Magen-Darm-Seuche, da stimmt doch etwas nicht, dachte ich mir. Wo die doch zu unseren Ferien gehört wie langes Ausschlafen – also bis halb acht oder so – Familienausflüge und Fertigsalatsauce.

Nun gut, man kann ausnahmsweise auch mal Ferien ohne Magen-Darm-Seuche machen, auch wenn dann natürlich nicht die gleiche Ferienstimmung aufkommt, dachte ich mir. Dafür konnten wir den Zoff mit der Vermieterin umso mehr genießen. Mal ein wenig Abwechslung kann ja nichts schaden.

Dass die Seuche nur deshalb auf sich warten ließ, weil sie sich besser in Szene setzen wollte, daran dachte ich keinen Moment. Bis mir heute Nachmittag, als ich mit allen Kindern zu Fuss im Dorf unterwegs war, plötzlich die Knie weich wurden. Bis sich in meinem Kopf alles drehte und mein Magen rebellierte. Und bis Karlsson bemerkte, er hätte Bauchkrämpfe.

Da dämmerte mir plötzlich, was hier gespielt wird: Die Seuche wartete ab, bis „Meiner“ wieder zur Arbeit musste, das Au-Pair in den Ferien war und die Kinder diese unsägliche dritte Herbstferienwoche, die man im Sommer eigentlich viel besser brauchen könnte, angefangen hatten. Diese Ferienwoche, die selbst Mütter wie mich, die grundsätzlich nichts gegen Schulferien haben, auf die Palme treibt, weil man Ende Oktober nichts anderes tun kann, als einander gegenseitig auf die Nerven zu gehen.

Diesen Moment also hatte die Seuche abgewartet, um zuzuschlagen. Denn Kranksein macht Müttern ja nur dann richtig Spass, wenn keiner da ist, der sich um die Kinder kümmern kann.

McDonaldisierung

Währenddem die McDonaldisierung unserer Gesellschaft ziemlich weit fortgeschritten ist, scheint sie in unserer Familie nicht vom Fleck zu kommen. Ja, ich würde gar soweit gehen und sie im Falle unserer zwei ältesten Kinder für gescheitert zu erklären. Karlsson, der an seinem Geburtstag am liebsten neben hausgemachter Leberpastete und hausgemachten Nudeln an Morchelsauce auch noch hausgemachte Blutwurst, hausgemachte Luxemburgerli und hausgemachte Truffes essen würde, ist ein bekennender Anhänger der Slow-Food-Bewegung. Ausserdem ist er in die Weltgeschichte eingegangen als das einzige Kind, das losgeheult und dann während des ganzen Essens leise geschluchzt hat, als es einmal bei McDonald’s essen musste.

Luises Haltung gegenüber dem Fastfood ist zwar nicht ganz so extrem ablehnend, aber auch sie kehrt lieber woanders ein, mit Vorliebe in einem romantischen Tea-Room, wo sie sich an geblümten Tassen, liebevoll dekorierten Tischen und mit Sahne verzierten Törtchen erfreut. Von solchen Erlebnissen schwärmt sie monatelang und die von ihr heiss geliebten Frauentage – ein Tag alleine mit Mama oder mit Mama und Au-Pair, wenn’s sein muss noch mit dem Prinzchen, aber andere Männer werden nicht geduldet – enden meist mit einem Besuch in einem Café oder Tea-Room. Man sieht also, auch hier hat es Ronald McDonald nicht so richtig geschafft, ein Kinderherz zu erobern.

An sich könnten „Meiner“ und ich mit diesem Resultat ganz zufrieden sein, denn genau dieses Ziel wollten wir erreichen, als wir uns vor vielen Jahren schweren Herzens dazu entschlossen hatten, unseren Kindern Besuche im Fast-Food-Tempel Nummer 1 nicht zu verwehren. Wir wollten, dass sie erkennen, dass vor lauter Fett triefendes, geschmackloses Essen nie und nimmer den Genuss bietet, den Essen eigentlich bieten könnte. Wären Karlsson und Luise unsere einzigen Kinder, wir könnten die Sache also ad Acta legen. Bekanntlich haben wird aber noch weitere Kinder und bei denen bleibt noch Einiges zu tun, bevor sie gleich weit sind wie die Grossen. Und so statteten wir Ronald McDonald heute nach dem Gottesdienst mal wieder einen Besuch ab. Gut, ich geb’s ja zu, es waren nicht alleine erzieherische Gründe, die uns dorthin geführt hatten. Ich hatte nämllich ausnahmsweise wirklich keine Lust auf Kochen und noch viel weniger auf das Aufräumen der Küche. Aber wenn ich schon die schlampige Mama hervorkehrte, dann sollte das Ganze wenigstens einem höheren Ziel dienen.

Jetzt, wo wir mit diesem eigenartigen Gefühl von Übersättigung und nagendem Hunger nach richtigem Essen wieder zu Hause angekommen sind, kann ich voller Freude verkünden, dass wir auf bestem Wege sind, auch die drei Jüngeren über kurz oder lang davon zu überzeugen, dass ein Leben ohne Fast Food ganz in Ordnung ist. Kaum waren wir angekommen, wollte der FeuerwehrRitterRömerPirat, der ein Langsamesser ist, besorgt von mir wissen: „Mama, darf man denn hier auch langsam essen?“ Aber natürlich darf man das, mein Sohn. Es ist bloss so, dass kalte Pommes Frites noch schlechter schmecken als heisse Pommes Frites und deswegen empfiehlt es sich, das Zeug so rasch als möglich in sich hinein zu schaufeln. Was der FeuerwehrRitterRömerPirat aber gar nicht kann, weshalb er ziemlich schnell den Spass am Essen verlor und sich viel lieber mit dem Prinzchen um das Herumschieben der Kinderstühle kümmerte.

Schön, der Dritte ist also auf gutem Wege, unser Erziehungsziel zu erreichen. Aber was ist mit dem Zoowärter, der momentan in dem Alter ist, in dem man sich für alles begeistert, was grellbunt und künstlich ist? Nun, der Zoowärter machte sich mit Begeisterung über das Essen her, erlebte dann aber eine herbe Enttäuschung, als er sein Spielzeug auspackte. Was sollte er bloss mit diesem langweiligen violett-braunen Vogel anfangen, wo es doch in der Vitrine dieses tolle, knallgrüne Etwas zu sehen gab? Wer schon mal versucht hat, einem Dreijährigen zu erklären, dass das, was in der Vitrine steht, wohl erst nächste Woche in der Happy-Meal-Schachtel liegen wird und dass die das extra machen, um die Kinder auch nächste Woche wieder anzulocken, der weiss, dass man ebenso gut einem Verdurstenden erklären könnte, er solle keine eisgekühlte Cola trinken, weil das Zeug zu klebrig und überhaupt nicht durstlöschend sei. Mir ist klar, dass es noch ein paar Jährchen dauern wird, bis auch der Zoowärter von McDonald’s die Nase voll hat, aber ich denke, mit dieser ersten niederschmetternden Enttäuschung ist schon mal ein guter Anfang gemacht.

Bleibt noch das Prinzchen, das im Moment weder für noch gegen Fast Food ist. Solange er ungehindert herumtoben kann, ist ihm Einerlei, ob das Essen gut oder schlecht, das Spielzeug schön oder hässlich ist. Und da Herumtoben bei McDonald’s bedeutend weniger problematisch ist als im Gourmet-Tempel, fürchte ich, dass des Prinzchens Herz in den nächsten Jahren für Chicken Nuggets, Pommes Frites & Co. schlagen wird.

Ach ja, wo wir gerade beim Thema sind: Hätte vielleicht jemand Zeit und Lust dazu, das kinderfreundliche, preiswerte, zentral gelegene Fast Food-Restaurant mit vollwertbiogesundaberschmackhaft Essen zu erfinden, das den Kindern pädagogisch wertvolle und garantiert nicht in Kinderarbeit hergestellte Spielsachen mit nach Hause gibt, das auch sonntags geöffnet ist und das natürlich seine Angestellten anständig entlöhnt? Die Idee geistert schon lange in meinem Kopf herum, aber ich habe gerade keine Zeit dazu und da wäre es doch nett, wenn sich jemand anders um die Sache kümmern könnte.

Mensch, was tust du da eigentlich?

Eigentlich sollte die Sache schon längst erledigt sein: Der hässliche WC-Rollenhalter, der mir schon längst ein Dorn im Auge gewesen war, hat vor ein paar Wochen endgültig seinen Geist aufgegeben. Gut, endlich sind wir den Kerl los und ich mache mich auf in die nächste grössere Migros, um einen Neuen zu erstehen. Und reibe mir verwundert die Augen. Denn WC-Rollenhalter sind teuer, viel teurer, als ich dies erwartet hätte. Und obendrein sind sie auch noch hässlich. Klar, es gibt auch ein paar billige Exemplare, ebenfalls hässlich. Aber weil ich weiss, dass billig bei der Dauerbelastung in unserem Haushalt nicht lange hält, kommt billig nicht in Frage. Aber teuer und hässlich eben auch nicht. Wenn ich schon viel Geld ausgeben muss, dann soll das Zeug wenigstens schön sein. Das hatte uns schon der Pastor gelehrt, als wir noch Teenager waren. Wenn man schon Geld für Kleider ausgeben müsse, dann könne man sich ja gleich ein schönes Kleid kaufen anstelle eines hässlichen Fetzens, pflegte er zu sagen. Gut, von WC-Rollenhaltern hat der Pastor die etwas gesagt, aber ich weite das Prinzip mal grosszügig auf sämtliche Bereiche des Alltags aus.

Und anstatt die Sache endlich abzuhaken, verwende ich auf einmal beängstigend viel Zeit auf die Suche nach diesem banalen Gegenstand. Ich stöbere durch Haushaltsabteilungen, durchforste das Internet, blättere in Katalogen – und werde nicht fündig. Denn die Suche nach einem praktischen, bezahlbaren Ersatz ist längst zu einer Suche nach dem WC-Rollenhalter geworden, nach dem Schönsten, dem Originellsten, dem Passendsten. Das Ding, das eigentlich einen der niedrigsten Dienste im Haushalt übernimmt, nimmt plötzlich sehr viel Zeit und Energie in Anspruch.

Heute Nachmittag, kaum waren wir aus den Ferien zurückgekehrt, wollte ich die leidige Angelegenheit endlich erledigen und so durchstöberte ich einmal mehr das Internet. Fündig wurde ich nicht, denn der einzige Rollenhalter, der sowohl in Preis als auch in Design meinen Ansprüchen genügt, wird nicht in die Schweiz geliefert. Dafür aber gingen mir in anderer Hinsicht die Augen auf: Wie ich da so surfte und immer anspruchsvoller wurde, erinnerte ich mich plötzlich an den Werbespot, den wir heute, als wir in Bern auf den Zug warteten, gesehen hatten. Ein Suppenteller mit vielen Löffeln drin, dazu die Aufforderung, heute, am Welternährungstag, mit jenen zu teilen, die nicht wissen, wie sie morgen satt werden sollen. Luise hatte den Bildschirm lange studiert und mich dann gefragt, was das zu bedeuten habe. Pflichtbewusste Mama, die ich bin, erklärte ich meiner Tochter des Langen und Breiten, wie ungerecht es doch sei, dass wir zu viel, die anderen zu wenig hätten und wie falsch es doch sei, dass wir im Überfluss ersaufen, während andere ums nackte Überleben kämpfen müssen.

Keine zwei Stunden nach dieser Predigt sass ich also da und suchte einmal mehr nach dem perfekten WC-Rollenhalter. Und plötzlich schämte ich mich. „Mensch“, sagte ich zu mir „hast du denn wirklich nichts Besseres zu tun, als dich während Tagen um solchen Sch…kram zu drehen?“

Selber Schuld

Gewöhnlich fällt es mir ja nicht leicht, nach ein paar schönen Ferientagen die Koffer wieder zu packen und nach Hause zu fahren. Diesemal aber kann ich es kaum mehr erwarten, bis wir hier raus sind.

Was eigentlich völlig widersinnig ist, wo wir doch prächtiges Wetter hatten, bestens gelaunte Kinder und dank der Unterstützung des Au-Pairs auch weitaus weniger Stress als gewöhnlich. Und das Sahehäubchen obendrauf: Genug Ferienlektüre, weil dank iPad die Schlepperei entfällt. Besser könnten Ferien nicht sein.

Und doch habe ich mir all dies versauen lassen durch eine Person, die uns ganz offensichtlich nicht leiden kann und die es ebenfalls kaum erwarten kann, bis wir weg sind. Warum sonst hätte sie heute mehrmals nachgefragt, ob wir morgen nicht vielleicht doch etwas vor zehn Uhr abreisen würden?

Anstatt meine freien Stunden zu geniessen, habe ich also Beschwerdemails an den Ferienanbieter verfasst, anstatt davon zu schwärmen, wie schön der Spaziergang mit den Kindern war, habe ich mich darüber ausgelassen, wie ärgerlich es doch ist, dass es der Vermieterin am Allerwertesten vorbeigeht, dass der Geschirrspüler kaputt ist und ich nun von Hand abwaschen muss. Anstatt einfach woanders einzukaufen, schimpfe ich nach jedem Einkauf im hausinternen Laden über die unfreundliche Bedienung.

Klar, das alles ist ärgerlich und ich kann wirklich nicht verstehen, weshalb man Gäste nicht so behandelt, dass sie gerne wieder kommen würden. Aber muss ich mir deswegen gleich alles vermiesen lassen? Kann ich nicht die Gelassenheit aufbringen, auf den Berg zu klettern und über all dem Mist zu stehen? Und bin ich mit dem Sündenregister, das ich geführt habe, nicht genau so kleinlich wie die Vermieterin, die sich alles, was im Laufe der Tage in die Brüche gegangen ist, haarklein notiert und auf Franken und Rappen genau abgerechnet hat.

So gesehen bin ich also ganz selber Schuld, dass die Ferien nicht das waren, was ich mir eigentlich erträumt hätte.

Familien(un)freundlich

Lange Zeit glaubte ich, familienfreundliche Ferien könne man nur im Ausland machen. In London zum Beispiel, wo dir die Banker sogar während der Rush Hour helfen, den Kinderwagen zu schleppen. Oder in Südengland, wo sie dich milde anlächeln, wenn dein Baby im Schloss die Milch auf den Fussboden spuckt und dabei den teuren Teppich aus dem sechzehnten Jahrhundert nur um Haaresbreite verfehlt. Oder in Österreich, wo du dich kaum entschliessen kannst, welches Familienhotel du nun buchen sollst, weil jeder Hotelier versucht, den anderen in seiner Familienfreundlichkeit zu übertreffen.

Dass man auch in der Schweiz familienfreundliche Ferien machen kann, weiss ich erst seit ein paar Tagen. Mit Erstaunen stelle ich fest, dass es auch hierzulande tolle Kinderspielplätze gibt, dass es auch in der Schweiz Hoteliers gibt, welche die Kinder zum Malnachmittag einladen oder Ladenbesitzer, die mit den Kindern basteln.  Schön, dass ich auch in meiner Heimat kinderfreundlichen Tourismus finde. Schön, dass ich mich geirrt habe, als ich glaubte, sowas gebe es nur im Ausland.

Und dennoch ist meine Freude getrübt. Denn auch wenn die äusseren Formen mit  coolen Spielplätzen, abwechslungsreichem Kinderprogramm, Kinderbetten und Hochstühlen erfüllt sind, so  richtig in Fleisch und Blut übergegangen ist die Kinderfreundlichkeit den Schweizern nicht.

Wie sonst soll ich mir erklären, dass Kinder morgens um zehn auf dem zur Ferienwohnung gehörenden Spielplatz zurechtgewiesen werden, weil sie „zu laut sind und das Aufschlagen der Wippe im unter dem Spielplatz liegenden Laden stört“? Da wird ein Spielplatz hingestellt, um Kinder anzulocken, aber wenn sie kommen, nimmt man ihnen übel dass man sie hört. Als könnten die Kinder etwas dafür, dass unter dem Spielplatz ein Laden liegt.

Oder nehmen wir ein anderes Beispiel: Da baut man neben der Bergstation der Seilbahn diesen grossartigen Abenteuerspielplatz mit Wasserläufen, Klettergerüsten und Höhlen und dann bringt man ein Schild an, dass Kindern unter drei Jahren den Zutritt verwehrt. Was dazu führt, dass alle Familien, die sich in der Familienplanung nicht nach diesen Vorschriften gerichtet haben, ihre kleineren Kinder mit Gewalt vom Vergnügen der grossen Geschwister fernhalten müssen. Dass das „Problem“ auch durch einen eigenen Kleinkinderbereich hätte behoben werden können, daran scheint keiner gedacht zu  haben.

Oder reden wir mal kurz über das liebe Geld und was dazu gehört: Inzwischen hat man auch in der Schweiz begriffen, dass man Familien mit Sonderangeboten anlocken  könnte. Das Problem ist nur, dass man im Schweizer Tourismus Familie offenbar als Mama, Papa und Einzelkind definiert. Schon ab dem zweiten Kind wird’s bedeutend teurer, ab dem Dritten schenkt es so richtig ein. So hätten wir zum Beispiel seinerzeit für den FeuerwehrRitterRömerPiraten pro Ferienwoche satte 600 Franken Aufpreis bezahlt, obschon das Kind noch voll gestillt wurde und im Elternbett schlief. Einfach, weil das dritte Kind eines zuviel war. Gut, man könnte jetzt einwenden, das sei lange her und inzwischen habe sich das bestimt gebessert. Doch leider musste ich bei meiner Suche nach guten Ferienangeboten feststellen, dass sich hier nichts geändert hat, auch wenn inzwischen die Familie mit drei Kindern zum Normalfall geworden ist. Dass man auf Grossfamilien kaum Rücksicht nimmt, damit habe ich mich abgefunden, aber dass man nicht sehen will, dass die heutige Schweizer Durchschnittsfamilie etwas grösser ist als auch schon, das kann und will ich nicht begreifen.

So langsam dämert mir, dass sich zwar äusserlich in Sachen Familienfreundlichkeit Einiges getan hat, dass Kinder an sich aber nach wie vor oftmals als notwendiges Übel angeschaut werden. Ein notwendiges Übel, dem man eben ein klein wenig entgegenkommen muss, wenn man eine jüngere Zielgruppe ansprechen will. Der Schweizer Tourismus kann ja nicht alleine von Japanern, Chinesen und Rentnern leben.

Zeit

Ist ja schon eine tolle Sache, eine Woche Familienferien. Nicht nur, weil das Wetter traumhaft ist und wir zum ersten Mal, seitdem wir Kinder haben, auf eine Art und Weise durch die Gegend streunen, die man schon fast „wandern“ nennen könnte. Nein, das veränderte Umfeld erlaubt uns auch andere Blicke auf unsere Kinder.

Da fällt einem zum Beispiel plötzlich wieder ganz neu auf, wie verloren sich Luise zuweilen zwischen all ihren Brüdern fühlt. Seit einiger Zeit hatte ich ja angefangen zu glauben, dass ich mir nur einbilde, dass Luise eine Schwester fehlt. Vielleicht projiziere ich ja nur meinen Wunsch nach einer zweiten Tochter in sie hinein? Sind wir in unserem gewohnten Umfeld, wo genügend Freundinnen und Cousinen um uns herum sind, dann fällt der Mangel kaum mehr auf. Doch kaum sind wir mal ganz unter uns, kommt die große Einsamkeit, die Sehnsucht nach einer Spielkameradin, die abends nicht nach Hause gehen muss und die ob der neusten Errungenschsft aus der Sylvanian Family ebenso ins Schwärmen gerät wie Luise und ihre Mama

Doch nicht alleine Luises Bedürfnisse treten hier klarer zu Tage, auch die Sehnsucht nach Ruhe, die den Zoowärter immer wieder dazu bringt, lauthals zu schreien, fällt hier mehr auf. Zu Hause, wo die Grossen oft ihr eigenes Programm haben, findet er immer wieder Möglichkeiten, sich zurückzuziehen, aber hier, wo wir alle rund um die Uhr beisammen sind, ist das arme Kind vollkommen überfordert. Und weil wir uns natürlich alle nach Ruhe und Erholung sehnen – warum sonst sollte man sich denn sonst den Stress machen, in die Ferien zu fahren- zerrt das zoowärtersche Wutgeschrei auch mehr an den Nerven und man fragt sich, wie man als Grossfamilie das Ruhebedürfnis eines Dreijährigen stillen kann, ohne alle anderern dazu zu verknurren, den ganzen Tag zu flüstern und zu schleichen.

Ein Familienurlaub bietet aber auch Gelegenheiten, einem einzelnen Kind besonders nahe zu sein. Zum Beispiel heute Nachmittag, als ich alleine mit dem Prinzchen nach Saas Fee fuhr, um eine Fondue-Mischung zu kaufen. Wann habe ich zum letzten Mal eine geschlagene Stunde gebraucht, um vom Parkplatz ins nahe gelegene Ortszentrum und wieder zurück zu gelangen? Weil das Prinzcheneben  jeden „Maa“, jede „Fauu“, jedes „ou, lueg Velooo“, jedes „loss“ genau anschauen wollte. Einfach wunderbar, wiedermal in die Welt eines Zweijährigen einzutauchen!

Aber auch zum Eintauchen in die Gedankenwelt unserer größeren Kinder bleibt mehr Zeit. Zum Beispiel, wenn man mit Karlsson, Luise und dem Au-Pair den Kapellenweg von Saas Fee nach Saas Grund unter die Füsse nimmt und –  angeregt durch die auf dem Weg dargestellten Szenen aus der Kreuzigungsgeschichte –  erfährt, wie die Kinder glauben, wie sie sich Gott vorstellen und wie den Himmel. Sehr spannend, aber auch leicht erschütternd, weil die Kinder mit Gott offenbar nicht ausschliesslich positive Dinge in Verbindung bringen, obschon wir uns doch sehr darum bemühen, dem frommen Druck, mit dem ich gross geworden bin, keinen Raum zu geben.

Ja, und dann hat man auch Zeit, sich anzuhören, wovon, der FeuerwehrRitterRömerPirat träumt, was in seinen Augen das perfekte Weihnachtsgeschenk ist, wie schwierig es für einen Sechsjährigen sein kann, ein Souvenir auszuwählen, weil man nie sicher sein kann, ob man nicht im nächsten Laden  noch etwas Schöneres findet.

Vergleiche ich diese Ferienwoche mit den Herbstferien vor einem Jahr, dann wird mir auch klar, dass da ein Rollenwechsel im Gange ist. Waren  „Meiner“ und ich letztes jahr noch die Animateure, werden wir jetzt immer mehr zu Coaches, die den Kindern die Sicherheit geben, dass wir für sie da sind. Den Rest des Programms meistern sie schon ziemlich selbständig. Ob sie nun unter der Führung von Karlsson das Frühstück zubereiten, sich eine abenteuerliche Verfolgungsjagd ausdenken, oder alle zusammen lauthals singend auf dem Spielplatz herumtollen – was übrigens vielen Einheimischen hier ziemlich sauer aufzustossen scheint – Eines ist immer gleich: „Meiner“ und ich dürfen uns immer öfter zurücklehnen und das Familienleben genießen.

Schön, das zwischen der anstrengenenden Baby- und Kleinkindphase  und den wohl nicht minder anstrengenden Teenagerjahren eine Zeit der Entspannung liegt.