Wo bleibt er denn nur?

Was läuft hier bloss wieder falsch? Ich kann ihn umwerben wie ich will, zu mir will er in diesem Jahr einfach nicht kommen. Landauf landab klagen die Mütter, in diesem Jahr sei es besonders schlimm mit ihm, sie wüssten ihm fast nicht mehr zu wehren, aber von mir will er einfach nichts wissen. Andere Mütter werden in diesen Tagen belästigt mit Adventssingen, Adventsbasteln, Adventsbacken, Adventsshopping, Adventsichweissnichwassonstnoch, aber bei mir herrscht noch heute, am Tag nach dem ersten Advent, gespenstische Ruhe. Klar, am Samstag haben wir auch Adventskränze gebastelt, aber das war kein Stress, weil jemand anders die Sache perfekt organisiert hatte. Ach ja, und die Kinder machen natürlich auch bei so einer Art Krippenspiel mit, aber dieser eine zusätzliche Termin war nun wirklich nicht so schlimm, zumal unser Samstagnachmittag mit weniger Kindern dafür umso ruhiger verlief. Auch die zwei anderen adventsbedingten Termine, die bis Weihnachten noch in unserem Kalender stehen, fallen auch nicht gross ins Gewicht.

Und so kommt es, dass ich in diesen Tagen wohl eine der wenigen Mütter bin, die allen Ernstes vorschlägt: „Lass uns doch im Dezember mal wieder Kaffee trinken. Mein Kalender ist noch ziemlich leer. Wann hättest du denn Zeit?“ Warum bloss zückt bei dieser freundlichen Einladung die andere Person nicht sogleich die Agenda? Warum bloss schaut sie mich an, als hätte ich da eben eine furchtbar ketzerische Frage gestellt? Warum bloss zweifeln einige gar an meinem Verstand, wenn ich frage, ob sie bald einmal wieder Zeit für einen Schwatz hätten?

Nun ja, ich weiss nur zu gut, warum das so ist. Klage ich doch gewöhnlich auch über den Adventsstress, der mich daran hindert, Ruhe und Besinnung zu finden. Was ich aber nicht weiss: Warum bloss ist es in diesem Jahr anders bei mir? Habe ich ein besonders gutes Jahr erwischt, in dem sämtliche Lehrkräfte meiner Kinder adventsmüde sind und deswegen auf zusätzliche Termine verzichten? Sind unsere Kinder in diesem Jahr besonders bescheiden und belästigen uns nicht mit unerfüllbaren Wünschen? Oder habe ich in den vergangenen Wochen in derart hohem Tempo gelebt, dass ich mich jetzt, wo es arbeitsmässig etwas ruhiger wird, nicht mehr so leicht aus der Ruhe bringen lasse?

Vielleicht aber – und das befürchte ich fast – spielt der Adventsstress in diesem Jahr ein besonders heimtückisches Spiel mit mir: Er kündigt seinen Besuch nicht wie üblich weit im Voraus an, sondern wartet, bis wir glauben, er habe und in diesem Jahr vergessen weshalb wir es uns mit Glühmost und Guetzli gemütlich machen, und dann schlägt er aus dem Hinterhalt zu, wenn wir am wenigsten mit ihm rechnen.

Ich wünschte, es wär‘ anders…

Was soll man denn an einem Abend schreiben, an dem man der ernüchternden Tatsache ins Auge sehen muss, dass man einmal mehr auf der Seite der Abstimmungsverlierer steht? Und dies gleich zweimal. Was soll man schreiben, wenn man sich so langsam aber sicher im eigenen Land nicht mehr richtig zu Hause fühlt, weil man hinter dem, was da entschieden wird, nicht mehr stehen kann? Vielleicht schreibt man dies: Es gibt Tage, an denen ich mir wünschte, die Politik ginge mir am Allerwertesten vorbei. Tage, an denen ich mir wünschte, dass ich es fertigbringen könnte, mit Scheuklappen durchs Leben zu gehen und nicht nachdenken zu müssen. Weil nachdenken manchmal einfach weh tut. Tage, an denen man sich wünscht, man könnte sich in Zukunft nur noch im eigenen Mikrokosmos von Familie, Schreibtisch und Küche bewegen.

Aber weil die Kinder eine Zukunft brauchen, der Schreibtisch seinen Schreibstoff und die Küche ihre Vorräte, wird man nicht umhin kommen, sich wieder aufzurappeln, die Scheuklappen gar nicht erst hervorzuholen und weiter mitzudenken. Und beim nächsten Mal wieder abstimmen gehen. Mindestens so lange, bis in diesem Land wieder mit mehr Herz und weniger Vorurteilen politisiert wird.

Hach, bin ich nicht fürchterlich pathetisch, wenn ich eine Abstimmungsniederlage zu verdauen habe? Vielleicht darf ich demnächst Reden für den 1. August schreiben. Wobei, so wie der politische Wind derzeit weht, wird wohl eher nichts daraus…

Krippenspiel-Karriereleiter

Wie fast überall im Leben, gibt es auch bei den Krippenspielen eine Karriereleiter. Im ersten Jahr startet man als Schaf, im zweiten Jahr darf man ein Hirte sein,  im dritten dürfen die Jungs einen der drei Könige sein, die Mädchen ein Engel und schliesslich folgt im vierten Jahr die Krönung, wenn man Maria oder Josef sein darf. So zumindest sieht die Karriere aus, wenn sie ohne Hindernisse verläuft.

Bei Luise nun ist die Karriere ins Stocken geraten. Eigentlich sollte sie schon längst die Maria machen dürfen, aber seit drei Jahren nun ist sie auf der Stufe Engel stehengeblieben. Was vielleicht an ihrem engelsgleichen Aussehen liegt. Luise findet es dennoch  ziemlich doof, dass es karrieremässig nicht vorwärts geht und man weiss ja, dass die Zeit drängt, wo sie doch in wenigen Jahren zu alt sein wird, um noch eine Rolle in einem Krippenspiel zu kriegen. Krippenspielregisseure sind da noch gandenloser als Hollywood-Regisseuere. Unter diesen Umständen ist es für Luise natürlich auch kein Trost, dass sie in diesem Jahr zumindest den Engel Gabriel machen darf. Sie findet, dass sie jetzt lange genug auf die Krönung ihrer Karriere gewartet hat und es tröstet sie auch  nicht, dass ihre Mama damals auch auf der Stufe Engel stehen geblieben war. Ob wir nächstes Jahr mit Bestechungsgeldern nachhelfen müssen?

Ernsthafte Sorgen machte ich mir, als der FeuerwehrRitterRömerPirat mir meldete, er sei in diesem Jahr als  Kartoffelsack zu sehen sein. Haben die jetzt tatsächlich weitere Hierarchiestufen eingeführt und unser armer kleiner Sohn muss noch einmal ganz unten anfangen, obschon er sich doch  einmal schon ganz leidlich durchgeschlagen hat? Wie kann ich mich denn damit brüsten, wenn ich den Leuten sagen muss: „Mein Sohn hat in diesem Jahr den Kartoffelsack so bravourös gespielt, dass er im nächsten Jahr ganz bestimmt die Eselsrolle bekommt.“? Nach mehrmaligem Nachhaken hat sich aber herausgestellt, dass ich ganz unbesorgt sein kann. Der FeuerwehrRitterRömerPirat ist ein Hirte, so wie es sich gehört, wenn man schon zum zweiten Mal dabei ist. Aber weil dieser Hirte einen alten Kartoffelsack trägt, war der FeuerwehrRitterRömerPirat offenbar anfangs ein wenig verwirrt, wer er denn nun sei.

Schlafräuber

Zuweilen erstaunt es mich ja schon, dass ich auch nach zehn Jahren Familienerfahrung noch immer nicht fähig bin, einzuschätzen, woher der Stress kommen könnte. Da bibbere ich während Tagen der Nacht entgegen, in der fünf zehnjährige Geburtstagsgäste bei Karlsson übernachten werden. Und wer raubt „Meinem“ und mir am Ende den Schlaf? Die Gäste? Aber nicht doch! Die führen sich alle vorbildlich auf. Wer aber die Nacht zum Tag  macht ist das Prinzchen.

Als „Meiner“ und ich wie immer kurz nach Mitternacht ins Bett sinken, ist das Kerlchen hellwach und will aus dem Fenster schauen, weil er hofft, dass dort draussen noch immer der Kran ist, der gestern in Nachbars Garten die massakrierten Bäume über den Gartenzaun gehoben hatte. Der Kran ist natürlich nicht mehr da, der „schläft schon“, wie ich dem enntäsuchten Prinzchen zu erklären versuche.  Brüder, Schwester und Gäste schlafen  auch schon und Mama und Papa würden eigentlich auch gerne schlafen, wenn  denn Ihro Majestät so gütig wäre, sich auf ihr Nachtlager zu begeben. Aber Ihro Majestät hat anderes im Sinn, klettert wieder und wieder aus dem Bett, steigt der Mama, die zwischenzeitlich einen Moment eingedöst ist, auf dem Kopf herum und begibt sich schliesslich in die Küche, wo es Tiefkühl-Croissants zu bestaunen gibt, die am Morgen die hungrigen Gäste sättigen sollen.

Insgesamt drei stunden lang ist das Kerlchen wach und hindert uns daran, Kräfte für die zweite Hälfte der Geburtstagsparty zu sammeln. Als endlich gegen vier Uhr morgens Ruhe einkehrt, geht es mir durch den Kopf, dass wir das Ganze schon einmal  ähnlich erlebt haben und zwar insegsamt zwei Jahre lang. Damals machte Luise die Nacht zum Tag, schlief jeweils von abends um sieben bis ein Uhr nachts und dann erst wieder etwa morgens um sechs. Dazwischen setzte sie wahlweise die Küche unter Wasser, verfütterte ihren schlaftrunkenen Brüdern Schokolade oder stattete der Grossmama im Erdgeschoss nachts um zwei einen Besuch ab. Wir Eltern versuchten damals alles, um das  Kind zum Schlafen zu bringen: Beruhigungstees, Baldrian, Zimmer umstellen, ein Schlafsack, der sich an der Matratze befestigen liess (worauf das schlaue Kind einfach mit der Matratze auf dem Rücken aus dem Bett kam), ein  neues Bett, Belohnungen – pro zehn Nächte Schlaf eine Barbie – bei Mama und Papa schlafen und noch einige Dinge mehr. Das Kind schlief trotzdem nicht und eines Tages sass ich heulend bei der Kinderärztin und wusste mir nicht mehr zu helfen. Die Kinderärztin tat ihr Bestes, mich zu verstehen, helfen konnte sie  aber auch nicht, denn Luise hatte bald herausgefunden, dass der Baldriansirup, den die Kinderärztin verschrieben hatte, schrecklich schmeckt und verweigerte ihn standhaft.

Geholfen hat dann ein anderer: Der Zoowärter. Kaum war er auf der Welt, hatten die nächtlichen Eskapaden ein Ende und Luise schlief wie ein Murmeltier. An all dies erinnerte ich mich, als ich heute in den frühen Morgenstunden den  Schlaf suchte. Und ehe ich ganz ins Land der Träume entschwand, dachte ich bei mir, dass diese eine schlaflose Nacht hoffentlich ein einmaliger Ausrutscher des Prinzchens war. Denn ich glaube nicht, dass  wir uns noch einmal so ein  Schlafmittel leisten können, wie jenes, das bei Luise endlich die erwünschte Wirkung gebracht hatte.

Desperate Mousewife

Als ob der gestrige Frusttag nicht schon schlimm genug gewesen wäre – ich hoffe, ihr habt mein völlig unprofessionelles Gebrüll nicht gehört – muss heute auch noch die Internetverbindung streiken. Nun gut, streiken tut sie schon seit längerer  Zeit, aber nachdem ich die vergangenen Tage mit dem Computer auf dem Sofa verbracht habe, ist mir das stetige Ein und Aus der Drahtlosverbindung verleidet. Und so habe ich mich heute endlich dazu durchgerungen, mal wieder meine Freunde bei Sunrise anzurufen. Die Ferndiagnose, die man mir dort gestellt hat, war leider nicht gerade der Aufsteller des Tages: Vermutlich sei das Modem kaputt, aber ich hätte ja zwei Jahre Garantie auf das Gerät, das ich jetzt eben werde zur Reparatur einschicken müssen. In meinem Kopf schrillten die Alarmglocken, denn Modem weg bedeutet für mich soviel wie Abgeschnittensein vom Leben. Ja, ich weiss, vor zwölf Jahren ging es auch noch ohne und „Meiner“ und ich stellten uns tatsächlich die Frage, ob sich die Sache mit dem Internet je durchsetzen würde, oder ob wir auf einen privaten Anschluss verzichten könnten. Aber damals wusste ich ja noch nichts von Bloggen, Internet-Shopping und Arbeiten von zu Hause aus. Heute aber geht bei mir ohne Internet nichts mehr und deshalb geriet ich in leise Panik, als ich hörte, dass unser Modem wohl zur Kur muss.

Auch der Rest der Ferndiagnose stimmte mich nicht viel optimistischer. Ich könnte ja mal nachfragen, ob die im Sunrise Center in Aarau ein Ersatzmodem für die Zeit hätten, aber garantieren könne er mir natürlich nichts, meinte der Herr von Sunrise, der trotz unserer engen Freundschaft, die uns verbindet, nicht eben freundlich war. Um mich nach diesen düsteren Nachrichten zu beruhigen, versuchte ich sogleich, in Aarau anzurufen um zu fragen, ob sie allenfalls ein Ersatzmodem für eine verzweifelte Mousewife an Lager hätten. Aber leider kann man den Laden in Aarau gar nicht anrufen. Man landet im gleichen Call-Center, wie wenn man die Support-Hotline anruft. Was bleibt mir da anderes übrig, als mein Monster von Computer in den Flur zu schleppen, ihn mit dem Kabel ans Modem zu hängen und mir den Frust von der Seele zu schreiben? Und dann zu hoffen, dass das Modem endlich seine Selbstheilungskräfte aktiviert, damit ich es nicht einschicken muss. Immerhin habe ich es ja auch ohne Kur geschafft, wieder halbwegs auf die Beine zu kommen.

Nervensäge

Manchmal ist das Leben eine elende Nervensäge. Zum Beispiel heute. Angefangen hat es schon früh am Morgen, als das Prinzchen seinen Schoppen verlangte und mir meine müden Glieder meldeten, dass sie sich noch nicht fit genug fühlten, sich aus dem Bett zu quälen. Also wollte ich liegenbleiben, aber das Leben machte mir klar, dass daraus nichts wird: „Du kannst doch nicht schon wieder ‚Deinen‘ mit den Kindern alleine lassen. Marsch, aus dem Bett aber schnell!“ „Aber ich bin krank“, jammerte ich. „Du kannst mich doch nicht zum Aufstehen zwingen, wo mir doch jeder Knochen schmerzt.“ „Und ob ich dich zwingen kann“, gab das Leben zurück. Also kroch ich grummelnd aus dem Bett und hörte im Hinausgehen noch, wie das Leben vor sich hin murmelte. Etwas von „Und ob du kannst… dir werd‘ ich’s zeigen…“

Ich versuchte, der Episode in den frühen Morgenstunden keine allzu grosse Bedeutung beizumessen und half „Meinem“ unter Jammern und Stöhnen beim Bereitmachen der Kinder, die heute übrigens deutlich weniger kooperativ waren als gestern, was aber ganz bestimmt einzig und alleine daran lag, dass es heute nicht schneite. Gegen halb acht kam das Au Pair, um „Meinem“ und mir bei unseren Pflichten beizustehen. Aber ganz so fit wie gewöhnlich war auch sie nicht. Doch wie wir Frauen nun mal sind, bissen wir beide tapfer auf die Zähne und erledigten brav unsere Arbeit, auch dann, als „Meiner“ zur Arbeit gefahren und die Kinder zur Schule gegangen waren. Und weil unser Au Pair ein sehr netter Mensch ist, brachte sie schliesslich den Zoowärter in die Spielgruppe und kümmerte sich um das Prinzchen. Ganz wohl dabei war mir nicht, denn ich wusste ja, dass es ihr nicht viel besser geht als mir. Dennoch gab ich schliesslich dem Drängen meiner müden Knochen nach und zog mich auf mein Krankenlager zurück. Um das Gemotze des Lebens, das mir hinterherrief, ich solle gefälligst zuerst den Abfallsack vor die Tür bringen, die Küche fertig aufräumen und das Badezimmer sauber machen, ignorierte ich. „Darf man denn nie krank sein“, murmelte ich, bevor ich in einen tiefen Schlaf fiel.

Zwei Stunden später waren Zoowärter, Prinzchen und Au Pair zurück. Das Au Pair so blass und abgekämpft, dass sie sich schliesslich ergab und ins Bett zurückzog. „Das hast du ja mal wieder grandios eingerichtet“, herrschte ich das Leben an. „Zuerst lässt du mich krank werden und dann musst du dich auch noch auf das Au Pair stürzen. Hättest du nicht wenigstens warten können, bis ich wieder ganz gesund bin?“ „Hätte ich schon tun können“, gab das Leben gleichmütig zurück. „Aber du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich mich um solche Kleinigkeiten einen Dreck schere? So gut solltest du mich inzwischen kennen, dass du so viel Rücksichtnahme nicht von mir erwartest. Und zudem habe ich dich jetzt einen ganzen und einen halben Tag krank machen lassen und obendrein habe ich dir heute Morgen noch diese zwei Stunden zusätzlichen Schlafs gegönnt. Kannst du denn nicht zufrieden sein damit? Du weisst doch, dass die Zeit, die du krank auf dem Sofa liegen konntest, purer Luxus war.“ „Klar weiss ich das“, entgegnete ich. „Aber siehst du denn nicht, dass ich noch nicht fit genug bin, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Und ausserdem bekomme ich jetzt auch noch Ohrenweh und du weisst doch, wie mühsam das sein kann.“ „Wozu hat man denn Medikamente erfunden?“ Wer braucht denn Ruhe, wenn er sich ebenso gut bis obenhin mit Medikamenten vollstopfen könnte?“, fragte das Leben zynisch. „Ja, aber du weisst doch, dass ich es hasse, wenn ich die Käfer mit Medikamenten in Schach halten muss…“, jammerte ich und das war wohl ein Gejammer zu viel. Denn jetzt fasste das Leben den Entschluss, mir es so richtig zu zeigen.

„Komm mal her, Prinzchen“, sagte das Leben. „Siehst du diese Dose hier? Schüttle sie doch mal ganz kräftig. Ja, genau so. Hübsch, wie die rasselt, nicht wahr? Willst du sie nicht aufmachen? Ja, sehr gut, mein Kleiner. Oh, schau mal, da hat’s ja ganz viele Pistazien drin. Komm, ich zeige dir, wie schön die hüpfen, wenn man sie auf den Boden schmeisst. Hihi, das ist lustig, willst du auch mal probieren? Prima, wie du das machst! Versuch‘ doch mal, ob du auch eine ganze Handvoll davon auf den Fussboden schmeissen kannst…“ Und bald lagen die Pistazien überall, wo sie nicht liegen sollten und das Leben kam so richtig in Fahrt: „He Zoowärter“, rief es. „Hast du gesehen, das Prinzchen hat deinen Bären geschnappt. Wenn ich du wäre, würde ich den sofort zurückholen. Nein, macht nichts, wenn das Priznchen heult, die Mama wird das schon wieder richten. Ach so, die Mama versucht gerade Mittagessen zu kochen? Auch gut, dann hol doch mal bitte dieses Verbandsmaterial im Spiegelschrank, Prinzchen. Wie, wozu das gut sein soll? Frag‘ doch nicht so blöd, mach es einfach, aber schnell, bevor die Mama die Hände frei hat, um es dir wegzunehmen, bevor du den ganzen Verband abgerollt hast. Mist! Jetzt war sie doch schneller. Also, mein Prinzchen, dann schlage ich jetzt vor, dass du dir den Schemel holst, die Tür aufschliesst und abhaust und du, Zoowärter, kannst dich derweilen mit diesem Popcorn vergnügen, das dein Papa gestern Abend hat rumstehen lassen…“

Es dauerte keine zehn Minuten, bis die Küche im Chaos versank und ich ein herumbrüllendes, abgekämpftes Wrack war, das sich schleunigst ein paar Medikamente einwarf, um den Rest dieses elenden Tages wenn schon nicht gesund, so doch wenigstens schmerzfrei zu überstehen.

Was mache ich bloss falsch?

Es ist mal wieder soweit: Der Käfer, der alle unsere Kinder mal kurz gestreift hat, so dass sie ein paar Stunden lang ein wenig kränklich waren, hat mich niedergestreckt. Das ist immer so, wenn mal wieder alles ein bisschen viel wird. Und viel war es in den letzten Wochen eindeutig. Zu viel, wie mein Brummschädel, meine Gliederschmerzen und meine zittrigen Beine sagen wollen. Was nicht weiter schlimm ist, denn Au Pair sei Dank kann ich endlich wieder einmal krank machen, wenn ich krank bin und muss nicht durchbeissen bis zum  Wochenende, wenn ich eigentlich schon längst wieder gesund wäre, mich aber dann aus Trotz doch noch einen Tag ins Bett lege. Nein, diesmal ist das Kranksein schon fast Genuss: Schlafen, soviel wie nötig, auf dem Sofa liegen und schreiben, wenn ein Text da ist, dem Gequassel der Kinder lauschen und mich daran freuen, dass ich krank sein darf.

Eines aber gab mir heute früh schon zu denken: Da sorgten „Meiner“ und das Au Pair dafür, dass die Kinder satt und sauber aus dem Haus gehen konnten und ich lag im Halbschlaf im Bett und wartete auf das übliche Geschrei. Aber das Geschrei kam nicht. Alles blieb so still, dass ich hin und wieder sogar ganz in den Schlaf abdriftete. Es war beinahe schon unheimlich: Kein Tobsuchtanfall von Luise, weil die Lieblingshose noch nicht gewaschen ist, kein Herumbrüllen von „Meinem“, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat mal wieder keinen Wank tat, kein Gejammer von Karlsson, weil er seine Hausaufgaben nicht finden konnte. Der Zoowärter und das Prinzchen noch in seligem Schlummer, weil sie für einmal vor dem üblichen Radau verschont blieben.

So langsam begann ich, mir Sorgen zu machen. Ich meine, irgend etwas kann doch nicht stimmen, wenn die selben Kinder, die mich Morgen für Morgen fast in den Wahnsinn treiben, auf einmal so friedlich und folgsam sind. Und wie wir Mütter eben so sind, fing ich an, mir selber Vorwürfe zu machen. „Du bist eben einfach zu ungeduldig mit den Kindern, darum habt ihr jeden Morgen Krach“, meldete sich eine Stimme zu Wort. „Und du bist in deiner Morgenmuffeligkeit eben einfach so unausstehlich, dass man dich kaum ertragen kann“, meinte eine andere Stimme. Eine dritte warf mit vor, ich müsste mir eben jeden Morgen etwas Spezielles einfallen lassen, dann würden die Kinder auch fröhlicher in den Tag starten. So lag ich da, lauschte den Stimmen und wartete darauf, bis endlich das grosse Chaos vor der Schlafzimmertüre ausbrechen würde, doch das Einzige, was ich hörte, waren die Schritte der Kinder, als sie sich kurz vor acht Uhr fröhlich auf den Weg machten. Was meinem Selbstbewusstsein einen weiteren Stoss versetzte. Warum sind die immer so störrisch, wenn ich Dienst habe und kaum bin ich mal krank, sind sie lammfromm und tun, was Papa und Au Pair von ihnen erwarten?

Die Sache setzte mir derart zu, dass ich nicht mehr weiter schlafen konnte. Also kämpfte ich mich aus dem Bett, um mal aufs WC zu gehen. Und da sah ich auch gleich, weshalb unsere entzückenden Kinder heute so brav aus dem Haus gegangen waren: Draussen fiel der erste Schnee.