Schon wieder fremdbestimmt

Als unsere Kinder klein waren, war mein Leben fast rund um die Uhr fremdbestimmt. Ich nahm mir am Morgen fest vor, ein entspannendes Bad zu nehmen, wenn die Kleinen Mittagsschlaf hielten und stattdessen kroch ich nach dem Mittagessen auf dem Fussboden herum und wischte Erbrochenes auf. Ich ging früh zu Bett, um endlich mal wieder zu schlafen, doch just als mir die Augen zufielen, drang aus dem eben noch stillen Kinderzimmer vielstimmiges Geschrei, das bis morgens um drei anhielt. Anstatt den dringend nötigen Wohnungsputz vorzunehmen, sass ich gelangweilt am Planschbecken und passte auf, dass keiner ertrinkt, zum Mittagessen gab es Milchreis anstelle von scharf gewürztem Curry und in den Ferien fuhren wir mit der Familienkutsche ins Kinderhotel, anstatt mit dem Nachtzug nach irgendwo.

Zugegeben, es war nicht immer einfach und auch wenn ich heute oft mit verklärtem Blick auf jene Tage zurückschaue, so erinnere ich mich doch noch an viele Momente der Überforderung und des Frusts. Dennoch war es okay so, wie es war. Ich stellte meine eigenen Interessen ja nicht für irgendwen in den Hintergrund, sondern für die Kinder, die ich über alles liebe. Die Kinder, für die wir uns ganz bewusst entschieden haben und die das Beste sind, was das Leben und hat schenken können. Ja, ich war fremdbestimmt – und „Meiner“ auch – aber das gehört sich so in der Phase, in der die Kinder zu klein sind, um für sich selber zu schauen. 

Heute ist das anders. Unsere Kinder werfen zwar immer noch hie und da meine Pläne über den Haufen und überschreiten meine Grenzen, aber im Grossen und Ganzen haben sie begriffen, dass ich eine eigenständige Person bin, die auch ab und zu ihre Freiheit braucht. Darum wage ich allmählich wieder, an einen – bis zu einem gewissen Grad – geregelten und planbaren Tagesablauf zu glauben. Ich stehe morgens nicht mehr mit dem Bewusstsein auf, dass alles, was ich mir für den Tag vorgenommen habe, ohnehin liegen bleiben wird. Wenn ich genug geschlafen habe, bin ich voller Tatendrang, weil es so viele Dinge gibt, die ich machen darf oder will. Zwar sorgen die Menschen und Tiere in unserem Haus noch immer für viel Unvorhergesehenes, aber im Vergleich zu früher ist das ein Klacks und das verleiht mir neue Energie.

Neue Energie, aber auch eine gewisse Überempfindlichkeit gegenüber jenen, die mir andauernd mit kleinen Störungen die Freiheit rauben, die ich nach Jahren der berechtigten Fremdbestimmung nun wieder geniessen möchte. Solange es liebe Freunde oder Verwandte sind, macht mir das nichts aus, denn für sie hatte ich in den vergangenen Jahren ja auch nicht gerade viel Zeit. Auf alle anderen aber reagiere ich derzeit ziemlich allergisch. Auf die fremden Kinder, die ohne zu klingeln und ohne um Erlaubnis zu fragen plötzlich bei mir in der Küche stehen und sich nicht abwimmeln lassen. Auf die Anrufer, die mir mit unsinnigem Werbegeschwätz Zeit stehlen. Auf Leute, die mir irgend eine ehrenwerte Aufgabe aufschwatzen wollen, weil ich jetzt ja wieder mehr Zeit habe. Auf Telefontechniker, die anstatt ihrer Arbeit nachzugehen, mit mir über unsere Katzen quatschen wollen. Auf inhaltlosen Smalltalk beim Einkauf, weil gewisse Leute sich nicht mit einer kurzen Begrüssung und einem Nachfragen nach der Befindlichkeit zufrieden geben können. Auf Anrufer, die eigentlich „Meinen“ sprechen möchten, aber nicht daran denken, dass Lehrer am Vormittag gewöhnlich nicht zu Hause zu erreichen sind. 

Klar, das alles sind Kleinigkeiten, aber wenn mehrere von diesen Kleinigkeiten an einem Tag zusammenkommen, bin ich am Ende ebenso fremdbestimmt wie früher, als die Kinder noch keinen Augenblick ohne meine Anwesenheit zurechtkamen. Der einzige Unterschied ist, dass ich jene, die heute meine Zeit stehlen, nicht über alles liebe und deshalb alles für sie tun würde. Und darum werde ich einen Weg finden müssen, sie in die Schranken zu weisen. 

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6 Gedanken zu “Schon wieder fremdbestimmt

  1. Ich stecke noch in der Kleinkinder-Fremdbestimmungs-Phase drin. So richtig dicke :-). Genauso wie du es beschrieben hast. Dass man zu nichts kommt, was man sich vornimmt und trotzdem immer am Tun und Machen ist.
    LG
    Petra

  2. Das stimmt natürlich schon, fremdbestimmt sind wir wohl immer ein Stück weit. Solange ich mich freiwillig auf diese Fremdbestimmung eingelassen habe (Kinder, Job, Haus, Freunde, soziales Engagement, etc.), kann und will ich mich arrangieren damit. Ärgerlich finde ich all die kleinen und grossen Dingen, zu denen ich nie ja gesagt habe, die mir aber dennoch unglaublich viel Zeit und Nerven rauben.
    Wünsche ein erholsames Wochenende!

  3. Oh, das kenne ich alles auch nur zu gut. Früher habe ich, wenn ich ein unerwünschtes/zeitraubendes Gespräch beenden wollte immer entschuldigend erklärt: „Es tut mir leid, ich MUSS jetzt weiter, weil …“, heute wünsche ich bei derartigen Gesprächen/Störungen nach kurzer Zeit einfach freundlich aber bestimmt einen schönen Tag und sage (mit erlerntem „gesundem-Ego“😉): „Ich MÖCHTE noch … schaffen“ und gehe dann weiter bzw. verschließe Haustüren vor den Nasen unangemeldeter/neugieriger Besucher (und habe dabei kein bißchen schlechtes Gewissen mehr☺️)
    Und nun wünsche ich Dir ein selbstbestimmtes Wochenende!

  4. Hm, wer ist schon nicht fremdbestimmt? Ich bin zwischen 06.30 und 18.30 ausser Haus und arbeite für die Bank. Klar ich mag meine Arbeit, meistens und ich kriege Geld dafür. Aber es füllt den ganzen Tag und abends bin ich zu kaputt für Privates..
    Work life Balance in Schieflage, würde ich sagen.
    Nun ja, jetzt ist ja Wochenende da ist die Bilanz schon ausgeglichener 😉

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