Ziel verfehlt

Natürlich sollten unsere Kinder wissen, dass ich den AKW-Kühlturm, auf den wir freie Sicht „geniessen“, zutiefst verabscheue.

Sie sollten auch wissen, dass Atomenergie ziemlich viele Gefahren mit sich bringt.

Und wenn sie gross genug dazu waren, sollten sie häppchenweise erfahren, dass es ziemlich ins Auge gehen kann, wenn etwas schief geht.

Eines aber wollte ich auf gar keinen Fall: Ihnen Angst einflössen. Zu schlimm sind die Erinnerungen an die schlaflosen Nächte meiner Kindheit. Auf dem offenen Feld hinter unserem Haus wurden Sondierbohrungen durchgeführt, denn man wollte herausfinden, ob sich das Gelände als Atommüll-Endlager eigne. Natürlich verstand ich nicht, was das genau war, den Gesprächen meiner Eltern entnahm ich aber, dass es sich um eine fürchterlich gefährliche Sache handelte, mit der man besser nichts zu schaffen haben sollte. Wenn ich nachts von meinem Fenster aus die blinkenden Lichter des Bohrturms sah, packte mich deshalb jeweils die nackte Angst. 

Unsere Kinder sollten das nicht durchmachen müssen und so bemühte ich mich darum, keine Ängste zu schüren, wenn ich ihre vielen Fragen beantwortete. Ehrlich sollten sie sein, meine Antworten, aber nicht furchteinflössend. Bis vor Kurzem glaubte ich noch, das sei mir so halbwegs gelungen. Dann kam eines Tages Karlsson von der Schule nach Hause…

„Du bist ganz schön fies“, sagte er halb belustigt, halb vorwurfsvoll. „Die Eltern meiner Schulkollegen erzählten ihren Kindern jeweils, der Kühlturm sei eine Wolkenmaschine. Und was hast du gemacht? Hast uns erzählt, wie gefährlich das ganze Zeug ist und wie ihr wegen des Unglücks in Tschernobyl die Milch eurer Schafe nicht mehr trinken durftet. Alle anderen Kinder hatten diese romantische Vorstellung, nur ich sass jeweils abends am Fenster und malte mir aus, wie furchtbar es wäre, wenn das Ding in die Luft ginge.“

Tja, deutlicher kann man ein Erziehungsziel wohl kaum verfehlen.

Die Kehrseite meines Versagens: Immerhin scheint keines unserer Kinder eine innige Zuneigung zu AKWs entwickelt zu haben.

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Garteneile

Mein Gartenjahr, wie es normalerweise aussieht

Ende Januar: „Ich halte es keine Minute mehr aus ohne Gartenarbeit. Her mit dem Saatgut, aber schnell! Wenn doch bloss dieser elende Winter endlich zu Ende wäre, damit ich richtig loslegen könnte.“ Um mir meine Existenz halbwegs erträglich zu gestalten, fange ich an, Gartenratgeber zu wälzen. Gartenkataloge und einschlägige Online-Shops jedoch muss ich meiden, denn ich bin jetzt ausgesprochen anfällig dafür, dem Reiz geblümter Gummistiefel, überteuerter Werkzeuge und beheizbarer Frühbeete zu erliegen. 

Februar: Die Saatgut-Kiste ist zum Bersten voll, die ganze Wohnung ist überstellt mit Keimlingen und ich schimpfe pausenlos auf die Katzen, die meine Saatschalen als Klo missbrauchen und meinen zarten Pflänzchen Schaden zufügen. Immerhin gibt es jetzt ein paar Unterhaltsarbeiten, die erledigt werden wollen, ehe die Gartensaison beginnt. So bin ich wenigstens nicht dazu verdammt, meine Gartensehnsucht zu stillen, indem ich meinen Pflänzchen beim Wachsen zusehe.  

März: Ob ich auch wirklich genug angesät habe? Ist wohl besser, wenn ich noch ein paar Sorten mehr ziehe. Im Haus wird’s allmählich eng, weil die meisten Setzlinge zwar bereits eine stattliche Grösse erreicht haben, aber noch nicht nach draussen dürfen. Immer öfter ertappe ich mich bei dem Gedanken, ob ich es nicht vielleicht doch wagen soll… Die Stimme der Vernunft schafft es aber noch, mich zurückzuhalten: „Denk an den Frost…“, mahnt sie eins ums andere Mal. Um die Wartezeit zu verkürzen, streife ich trübselig durch Gartenabteilungen und ärgere mich, dass die mir nichts Anständiges zu bieten haben.

April: Alles, was schon irgendwie kann, geht nach draussen, drinnen wird aber weiterhin fleissig angesät. Könnte ja sein, dass ich trotzdem nicht genügend Setzlinge habe…

Mai: Kurz vor den Eisheiligen hält mich nichts mehr, die Pflanzen müssen raus. Worauf der Himmel in schöner Regelmässigkeit beschliesst, mir mit ein paar Frösten einen Denkzettel zu verpassen. Was meist wirkungslos bleibt, denn erstens hat unser Garten eine ausgesprochen günstige Südlage und zweitens hätte ich noch mehr als genug Setzlinge, falls trotzdem mal etwas erfrieren sollte. 

Juni: „Kannst du vielleicht ein paar Setzlinge gebrauchen?“, frage ich jeden, der mir über den Weg läuft. „Ich habe mal wieder zu viel gezogen…“ Weil ich nicht alles los werde, es aber auch nicht übers Herz bringe, unschuldige kleine Pflänzchen im Kompostkübel zu entsorgen, wird jeder freie Winkel im Garten bepflanzt. Natürlich bilde ich mir trotzdem ein, diesmal würde ich bestimmt den Überblick behalten über meine Pflanzen. 

Juli: Es wuchert…

August: … und wuchert…

September: … und wuchert. Dazwischen wird laufend geerntet, so sich denn das reife Zeug im Gestrüpp noch finden lässt. Weil ich zwischen dem Verblühen der letzten Pfingstrose und dem Erblühen der ersten Nachtkerze plötzlich das Gefühl hatte, mein Garten sei so leer und fade, besorge ich schon wieder neues Saatgut – auf dass das nächste Gartenjahr bunter werde. Zuweilen ist die Leere so unerträglich, dass ich mich in die Gärtnerei schleiche, um blühende Stauden zu kaufen.

Oktober: Wenn ich nicht am Ernten bin, drücke ich Blumenzwiebeln in den Boden, denn ich habe natürlich längst vergessen, wie zahlreich Tulpen, Krokusse, Narzissen, Schneeglöckchen, Hyazinthen, etc. in meinem Garten bereits vertreten sind. 

November: „Ich werde nie wieder gärtnern. Ich mein’s ernst. Diese Plackerei kann mir gestohlen bleiben.“

Dezember: „Ich werde zwar mit grosser Wahrscheinlichkeit nie wieder gärtnern, aber vielleicht könnte ich mir doch die eine oder andere Sache für den Garten zu Weihnachten wünschen.“

Und im Januar geht es wieder von vorne los, Jahr für Jahr für Jahr…

Doch dann begann eines Tages das…

…Gartenjahr 2018

Januar 2018: Eben erst habe ich mein neues Saatgut in der Box verstaut und die wichtigsten Termine in der Garten-App eingetragen, als ich Krokus, Winterling und Veilchen mindestens einen Monat zu früh beim Erblühen ertappe. Der Aprikosenbaum macht den Eindruck, als wäre er auch bald soweit, so dass ich mich gezwungen sehe, umgehend zur Baumschere zu greifen, um wenigstens das Allernötigste zu stutzen, ehe der Frühling über uns hereinbricht. Sogar die Narzissen tragen bereits deutlich erkennbare Knospen. Am schlimmsten aber treiben es die Vögel. Morgen für Morgen das gleiche Lied: „Wenn du jetzt nicht endlich loslegst, verpennst du die ganze Gartensaison“, drängen sie mich, obschon sie solches Zeug um diese Jahreszeit noch gar nicht von sich geben dürften.  

Wäre da nicht die Stimme der Vernunft, die mir mit letzter Kraft ins Ohr flüstert: „Glaub mir, der nächste Frost kommt bestimmt…“, würden in meinem Garten im März 2018 die ersten Tomatenpflanzen kläglich erfrieren. 

Winterling

Zweiergespann

Wenn ich für ein paar Tage ausser Hause gehe, sagt man zu mir: „Wie schön, dass ‚Deiner‘ dir das ermöglicht. Aber du hast bestimmt alle Hände voll zu tun vor der Abreise, damit daheim trotz deiner Abwesenheit alles läuft wie gewohnt.“ 

Dass ein Mann den Laden problemlos mal ein paar Tage ohne seine Frau schmeissen kann, scheint für manche Menschen auch im Jahr 2018 noch unvorstellbar zu sein.

Wenn „Meiner“ mehrere Kurse hintereinander durchführt und darum für einige Tage ausser Hause ist, sagt man zu mir: „Wie schön, dass er mal ein paar Abende ganz für sich hat. Das hat er sich verdient.“ Natürlich widerspreche ich nicht, denn auch ich finde, die freie Zeit stehe ihm zu. Ein wenig verwundert bin ich dennoch, dass keiner fragt, was er im Voraus alles erledigen muss, damit er Kinder und Haushalt mehr oder weniger beruhigt mit mir alleine lassen kann.

Wo doch unser Karren schon längst im Dreck stecken geblieben wäre, wenn er nicht ebenso tatkräftig ziehen würde wie ich. 

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Weckdienst

Morgen für Morgen das gleiche Theater mit dem Wecken, ganz egal, wie toll es an der neuen Schule auch sein mag.

Drei-, vier- oder gar fünfmal die Treppe hoch und runter, weil ihm schon wieder die Augen zugefallen sind.

Aufmunternde Worte, Ermahnungen, Witze – alles ohne Wirkung

Manchmal auch Streit und totale Verweigerung

Und dann plötzlich gestern Abend: „Ich will um die gleiche Zeit aufstehen wie Karlsson.“

„Der ist aber schon um sechs Uhr auf den Beinen…“

„Mir egal. Karlsson, weckst du mich morgen früh?“

Heute früh dann erst mal keine Spur vom FeuerwehrRitterRömerPiraten, obschon Karlsson den Weckdienst pflichtbewusst ausgeführt hat. Doch wenig später steht unser Morgenmuffel plötzlich in der Küche, ohne dass ich ein einziges Mal bei ihm im Zimmer gewesen wäre. Obendrein ist er auch noch ausgesprochen gut gelaunt.

Ich bin baff: „Was ist bloss in dich gefahren?“

„Weisst du, ich sehe Karlsson inzwischen so selten, dass ich morgens früher aufstehen muss, wenn ich ihn sehen will.“

Karlsson also… Vielleicht sollten wir ihm die Erziehungsberechtigung für den eigenwilligen jüngeren Bruder übertragen. Zumindest am frühen Morgen.

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Jetzt kommt alles auf den Tisch

Soziale Gerechtigkeit – Sexismus – die „Me too“-Debatte – Donald Trump – das WEF – Links- und Rechtsextremismus – Frauenqouten – Rassismus – Machtgier – vegane Ernährung – die Rodung der Regenwälder – fliegen oder nicht fliegen – die Frage, ob alle Männer Mistkerle sind – die Frage, ob Frauen es denn eigentlich besser machen würden, wenn sie an der Macht wären

Das alles bei einem einzigen Abendessen, je nach Altersstufe sehr differenziert oder ganz in Schwarz-Weiss. So schnell wechseln die Themen, dass man es kaum schafft, auf einzelne Aspekte einzugehen. Essen wird zur Nebensache, denn da ist eine Welt, die gerettet werden will.

Wenn sich die sieben Idealisten bloss darauf einigen könnten, wo der grösste Handlungsbedarf besteht.

Die Tage werden länger

Nein, ich meine nicht die Tatsache, dass es abends allmählich wieder länger hell bleibt. Die Rede ist von den Tagen, die immer länger werden, je grösser die Kinder sind.

Solange sie noch klein sind, sehnst du dir diese Tage herbei, denn du wiegst dich in dem Glauben, du hättest wieder mehr Freiräume, wenn die Knöpfe nicht mehr rund um die Uhr betreut sein müssen. Einen mehr oder weniger geregelten Tagesablauf würdest du dann haben, denkst du. Die Kinder würden dann so sehr mit sich selber beschäftigt sein, dass du in ihrem Leben nur noch eine Statistenrolle einnehmen werdest, fürchtest du. Abends würdest du gemütlich die Füsse hochlegen können, weil Teenager ja irgendwann ihr eigenes Programm hätten, bist du überzeugt.

Woran man nie denkt, solange die Kinder noch klein sind:

  • An die Hausaufgabenberge, die nach dem Abendessen bezwungen werden wollen
  • An den Heisshunger, der Teenager überfällt, wenn sie endlich fertig gelernt und das Abendessen bereits verdaut haben
  • An das tiefe Bedürfnis nach sehr lauter und sehr lebhafter Quality-Time unter Geschwistern. Ein Bedürfnis, das erst gestillt werden kann, wenn die dazu benötigten Geschwister wieder im Hause sind und nichts mehr zu erledigen haben – also in der Regel sehr spät am Abend…
  • An ihren Wunsch, auch endlich mal mit den Eltern den „Bestatter“ schauen zu dürfen
  • An das völlig veränderte Schlafbedürfnis: Ein Schläfchen gleich nach der Rückkehr aus der Schule und dann bis Mitternacht auf die Pauke hauen…
  • An junge Menschen, die den ganzen Tag nur einsilbiges Zeug von sich geben und dann, wenn Mamas Augen bereits auf Halbmast stehen, von einem unbändigen Mitteilungsbedürfnis ergriffen werden

Und irgendwann dämmert dir, dass du nicht weniger gebraucht wirst, wenn sie grösser sind. Die Einsatzzeiten haben sich einfach verschoben. 

(Noch Fragen, warum hier nicht mehr ganz so regelmässig gebloggt wird wie auch schon?)

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Ganz kurz nur

Montagnachmittag, 16 Uhr, „Meiner“ und ich sitzen bei einer Tasse Tee gemütlich am Tisch und unterhalten uns. Nach einer Weile kommt der Zoowärter nach Hause, erzählt von der Schule und bringt ein Problem zur Sprache, das wir gemeinsam zu lösen versuchen. Wenig später ist auch Luise da. Bevor sie in ihrem Zimmer verschwindet, lässt sie uns an ihrem Schultag teilhaben. Es dauert nicht lange, bis auch der FeuerwehrRitterRömerPirat zu uns stösst und von seinem Tag berichtet. Karlsson und das Prinzchen bekommen ihre Portion elterliche Aufmerksamkeit ein wenig später, aber auch sie müssen nicht ganz leer ausgehen. Für einen heiligen Moment sind wir genau die Eltern, die wir immer sein wollten. 

Für einen sehr kurzen, heiligen Moment…

Ein einziges falsches Wort reicht nämlich, um die Stimmung zu kippen und die Lawine loszutreten, die „Meinen“, den FeuerwehrRitterRömerPiraten und mich jeweils erfasst, wenn seine Ziele und unsere Ziele nicht die gleichen sind. Tja, und schon sind wir nicht mehr die ruhigen, gefassten Eltern, die für jedes ihrer Kinder ein offenes Ohr haben, sondern die Totalversager, die falsch machen, was man nur falsch machen kann. 

Und so endet auch dieser einstmals nahezu perfekte Tag damit, dass wir unsere Wunden lecken und uns die bange Frage stellen, ob wir es jemals schaffen werden, den besonderen Bedürfnissen unseres dritten Kindes gerecht zu werden. 

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