Streiten im Wandel der Zeit

Als ich noch ein ganz junges Ding war, warf ich mal auf offener Strasse mit einem Blumenkohl nach ihm, weil ich so zornig war. Die zwei Männer aus Sri Lanka, die uns beim Streiten beobachteten, machten von diesem Tag an wohl einen weiten Bogen um rabiate Schweizer Furien. Natürlich war mir klar, dass man Menschen, die man liebt – und auch andere Menschen -, nicht mit Dingen bewirft und da es um meine Treffsicherheit ohnehin noch nie besonders gut bestellt war, blieb es bei diesem einen Blumenkohl. 

Dafür landete später, als wir einen gemeinsamen Haushalt hatten, hin und wieder ein Teller oder eine Tasse mit viel Schwung auf den Fussboden. Auch dies war nicht besonders nett und natürlich war unser Budget über unser Temperament nicht sonderlich erfreut, aber immerhin hatten wir gelernt, unsere Streitigkeiten in den eigenen vier Wänden auszutragen.

Mit zunehmendem Alter wurden wir beide ruhiger. Nicht nur, weil man mit fünf Kindern die knappe Zeit zu zweit nicht für Streitigkeiten verschwenden will. Sondern weil sich eine gewisse Gelassenheit in Alltagsfragen entwickelt hatte. Zu Beginn unserer Ehe konnten wir uns ob der Frage, ob man vor oder nach dem Putzen duscht, noch richtig in die Haare geraten, doch mit der Zeit liessen uns solche Dinge kalt. Gestritten wurde nur noch um die wirklich wichtigen Dinge – und wenn die Nerven total blank lagen. Dabei warfen wir nicht mehr mit Gegenständen um uns, sondern ausschliesslich mit gehässigen Worten. 

Weil man die gehässigen Worte in der Regel bitter bereut, sobald man sich wieder beruhigt hat, gehen wir auch damit immer sparsamer um. Streiten tun wir uns natürlich trotzdem noch gelegentlich.

Er, indem er überhaupt nichts mehr sagt und sich schmollend im Schlafzimmer verkriecht.

Ich, indem ich voller Zorn durch seinen Instagram-Account scrolle und sämtliche Herzen entferne, die ich unter seine Bilder gesetzt habe. 

poppy