Lektion im Zug

Man vergisst ja so leicht, wie privilegiert man ist, wenn man mal ein paar Jahre lang im Home-Office gearbeitet hat. Eine gelegentliche Zugfahrt kann deshalb ganz heilsam sein. Wobei ich sagen muss, dass der vollbesetzte Zug zur Stosszeit vollauf genügt hätte, um mir mein unfassbares Glück vor Augen zu führen. Aber offenbar erachtete es das Leben für notwendig, mir mal wieder zu zeigen, was andere Menschen Tag für Tag durchmachen.

Und so fand ich mich ausgerechnet in dem Zug wieder, der kurz nach der Abfahrt erst einmal mitten im Tunnel stehenblieb und dann, als alle Unklarheiten aus dem Weg geräumt waren, wieder zurück zum Ausgangsbahnhof fuhr, um eine längere, aber nicht durch einen anderen Zug blockierte Strecke zu befahren. Damit ich mir meines Glückes noch etwas bewusster würde, platzierte mich das Leben neben einer fülligen Dame, die keinerlei Hemmungen zeigte, einen Teil meines Sitzplatzes für sich in Anspruch zu nehmen. Uns gegenüber fläzte sich ein nicht mehr ganz frisch riechender Herr fast schon provokativ auf seinen zwei Sitzplätzen, die er trotz Stosszeit hatte ergattern können. Für die akustische Untermalung der gemächlichen Zugfahrt sorgte ein Rentner, der sich ein paar Abteile hinter mir für alle hörbar und sehr wortgewaltig über die verlängerte Heimfahrt beschwerte. Und weil das Leben offenbar fürchtete, ich würde mich in diesem Umfeld nach einiger Zeit allzu wohl fühlen, schickte es in regelmässigen Abständen eine ältere Dame durchs Abteil, die eiligen Schrittes und laut furzend das WC aufsuchte. Auf diese Weise beglückt kam ich – von Schwindelgefühl und Übelkeit geplagt – mit 90 Minuten Verspätung zu Hause an. 

Ratet mal, wer nach dieser Lektion morgen früh fröhlich pfeifend und überaus dankbar in ihrem Home-Office aufkreuzen wird…

rosa