Hexenschuss

Nein, für einmal bin nicht ich diejenige, die flach liegt, sich krümmt vor Schmerzen und den ganzen Tag jammert. Nach all meinen Schwangerschaftsbeschwerden, gebrochenen Zehen, angerissenen Bändern, Brustentzündungen und Magen-Darm-Seuchen, wollte „Meiner“ mal wissen, wie es sich anfühlt, eine Grossfamilie zu versorgen und  sich dabei vor Schmerzen kaum auf den Beinen halten zu können. Und um das zu testen, hat er sich einen Hexenschuss zugezogen. Sind wir tatsächlich schon so alt?

Was soll ich sagen? „Meiner“ hält sich tapferer als jeder andere Mann, den ich kenne. Klar, er steht nachts ausnahmsweise nicht auf, um dem Prinzchen das Fläschchen zu reichen, er stöhnt, wenn er eine falsche Bewegung macht, aber sonst beisst er tapfer auf die Zähne und tut mit leicht verzerrtem Gesicht seine Pflicht. Der Mann beweist Hausfrauenqualitäten! Test bestanden: Er kann den Job haben…

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Kriegsbemalung

Wenn „Meiner“ sehr sehr müde ist, hat er die Angewohnheit, sich spät abends, bevor er ins Bett geht, etwas ins Gesicht zu malen. Einen blauen Streifen auf die Nase zum Beispiel, oder schwarze Linien am Kinn, oder einen grossen, grellroten Punkt zwischen die Augenbrauen. Weshalb er dies tut, habe ich auch nach mehr als elf Ehejahren noch nicht herausgefunden, aber das ist nicht weiter schlimm. Die kleinen Mysterien sind es ja, die eine Partnerschaft auch nach Jahren noch spannend halten. Und so habe ich mich eben daran gewöhnt, ab und zu mal neben einem Indianer in voller Kriegsbemalung einzuschlafen.

Die Sache hat nur einen Haken: Weil „Meiner“ die Bemalung jeweils in Halbtrance anbringt, erinnert er sich nächsten Morgen nicht immer daran, sie wegzumachen. Und so kam es, dass er heute früh, als er Luise zu einem Ferienkurs bei der Feuerwehr brachte, noch immer einen grellroten Punkt zwischen den Augenbrauen hatte. Und zwar einen riesigen, unübersehbaren. Von seiner Kriegsbemalung nichts ahnend, unterhielt sich „Meiner“ angeregt mit diversen Müttern und Vätern, und weil diese „Meinem“ nicht zu nahe treten wollten, machten sie ihn auch nicht darauf aufmerksam. Diese Aufgabe blieb mir überlassen. Mal sehen, ob die anderen Eltern ihre Kinder je wieder bei uns spielen lassen, wenn „Meiner“ zu Hause ist.

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In kulinarischen Tiefen

Weil er heute Geburtstag hat, darf „Meiner“ auswählen, wo wir zu Mittag essen. Ich, die ich sonst an jedem Lokal etwas auszusetzen habe, verspreche hoch und heilig, mitzukommen, wo immer er hin will. Und den Kindern verbiete ich jedes Gemotze. Zur Wahl stehen Crêperies, Brasseries, Cafés, Chinesische, Japanische,  Italienische und Indische Restaurants, Sandwich-Bars, Raclette oder Fondue. Und McDonald’s. Die Kinder sind zu jedem Abenteuer bereit, sie würden sogar bei „Super U“ einen lebenden Hummer kaufen, Sushi  kosten oder mit einem trockenen Sandwich Vorlieb  nehmen. Aber „Meiner“ kann sich einfach nicht entscheiden, druckst herum und irgendwann gesteht er mir, – auf Englisch, damit die Kinder nichts verstehen,- dass er eigentlich am liebsten zu McDonald’s gehen würde.

Ich traue meinen Ohren nicht. Das darf doch nicht wahr sein! Da befinden wir uns mitten im Schlaraffenland der Savoyischen Küche  und „Meiner“ will Fast Food. Ein verspäteter Trotzanfall? Eine sich anbahnende Midlife-Crisis? Zaghaft bereite ich die Kinder darauf vor, dass ihnen ein Essen bei McDonald’s bevorsteht. Betretenes Schweigen von Seiten der Kinder. „Wenn ihr einen besseren Vorschlag bringt, lässt sich Papa vielleicht umstimmen“, versuche ich sie zu trösten. Aber „Meiner“ lässt sich von nichts überzeugen, nicht einmal von dem hübschen Lokal mit dem riesigen Plüscheisbären im Eingang, der unsere Kinder magisch anzieht. Schliesslich landen wir doch beim Fastfood-Riesen, die Kinder trotteln etwas betreten hinter „Meinem“ her, bestellen artig ihr Happy Meal und zeigen sogar so etwas wie Freude an dem Spielzeug, das sie in fünffacher Ausführung mit nach Hause nehmen. Weil keiner das Geburtstagskind enttäuschen will, spielen wir alle artig mit. Das ist eine Regel, die bei uns für alle Geburtstagskinder gilt, und seien die Wünsche noch so abwegig.

Wenigstens, meinen Karlsson und Luise, als wir im strömenden Regen zurück zur Ferienwohnung gehen, sei dies die schönste McDonald’s-Filiale gewesen, die sie je gesehen hätten. Na, immerhin etwas…

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Zickenkrieg?

Als ich gestern über die Eigenarten unserer plötzlich in unserem Blickfeld aufgetauchten Nachbarn berichtete, wusste ich noch nicht, dass der sonderbarste aller Nachbarn mit mir unter dem gleichen Dach wohnt, ja, dass er gar das Bett mit mir teilt. Das habe ich erst heute Morgen beim Frühstück erfahren.

„Weisst du, weshalb ich gestern, als ich das Sonnendach einzurollen versuchte, mittendrin das nasse T-Shirt ausgezogen habe?“, fragt „Meiner“ mich zwischen zwei Mundvoll Müesli. Hat er sein T-Shirt ausgezogen? Ist mir gar nicht aufgefallen. Aber natürlich will ich unbedingt wissen, warum er das getan hat. „Als ich den Kerl so dreckig lachen sah, da musste ich es ihm einfach zeigen!“ Er musste es ihm zeigen? Was denn? „Ist doch klar! Ich musste ihm zeigen, dass ich zwar kein Sonnendach einrollen kann, dass ich aber, im Gegensatz zu ihm, keinen fetten Ranzen habe!“

Ach so. Sonnenklar. Und mich hat er wohl auf den Balkon gerufen, um dem Typen zu zeigen, dass er, im Gegensatz zu ihm, eine Frau geangelt hat? Die Kinder hat „Meiner“ nicht geholt, weil sie schon herausgefunden haben, wie man das Sonnendach einrollt, sondern um dem anderen unter die Nase zu reiben, dass er sich auch noch kräftig fortgepflanzt hat? Und währenddem ich von all dem nichts mitbekommen habe, hat sich der andere ob des Imponiergehabes von „Meinem“ schleunigst aus dem Staub gemacht?

Ich habe mich gestern ja schon ein bisschen gewundert, warum unser eben noch so spöttischer Nachbar so plötzlich weg war vom Fenster. Das wäre dann wohl die männliche Version des Zickenkriegs gewesen.

Stilfragen und wie ich schon jetzt zu Gummistiefeln gekommen bin

Jahrelang spottet man über Männer, die sich von ihren Frauen Kleider kaufen lassen. Die nichts dagegen haben, wenn „Ihre“ beim Wocheneinkauf auch schnell noch ein Paket Hemden (Sonderangebot, drei für zwei) in den Einkaufswagen legen. Denen es piepegal ist, dass die Hemden ein Muster haben, als hätte jemand draufgekotzt und die nie und nimmer auf die Idee kämen, sich neue Kleider zu kaufen.

So spottet man, bis man merkt, dass man so anders gar nicht ist. Nicht dass ich es wagen würde, „Meinem“ Kleider zu kaufen. Nicht mal Unterwäsche würde ich ihm besorgen. Der Mann hat nämlich Stil und toleriert es nicht, dass man sich in seinen Kleiderschrank einmischt. Ich kaufe ihm also keine Kleider, er aber mir. Aufgefallen ist mir dies erst neulich, als er mich nach der Arbeit anrief um zu erfahren, ob ich T-Shirts in Fuchsia und Grau (Sonderangebot, zwei für eins) tragen würde. Immerhin aber besitze ich noch so viel Modebewusstsein, dass ich nicht alles trage, was er mir bringt. Die Bluse, die aussieht, als hätte jemand draufgekotzt, sieht das Tageslicht nur, wenn der grosse Putztag ansteht.

Ja, und dann wäre da noch die Sache mit den Gummistiefeln. Habe ich nicht neulich behauptet, Gummistiefel zum Gärtnern bekomme man erst mit Vierzig (siehe „Komm lieber Mai…)? Warum dann bin ich heute mit Rock und Gummistiefel durch den Garten gestapft? Nein, ich bin nicht Vierzig geworden. Aber Karlssons Füsse sind gewachsen. Und da ich Memme es nicht mag, mit nackten Füssen auf Nacktschnecken zu treten, habe ich mir mal schnell Karlssons Stiefel geborgt. Aber verraten Sie mich bitte nicht. Karlsson mag es nämlich nicht, wenn man sich seinen Sachen borgt.