„Zwanzig Jahre ist das erst her!“, entfährt es mir bei der Zeitungslektüre, als ich auf einen Bericht über den Mauerfall stosse. Karlsson will wissen, wovon ich rede. Ich beginne zu erzählen, wie das damals war. Wie man uns Kindern von den bösen Russen erzählte, wie eine Familie im Dorf ihre Kinder im Luftschutzkeller übernachten liess, weil die Eltern Angst hatten vor einem Atomkrieg. Ich versuche, ihm zu erklären, warum der Kommunismus nicht funktionieren konnte und weshalb es nicht so einfach war, sich gegen das Regime zu wehren. Um ihm klarzumachen, dass es hier um Menschen ging, male ich ihm vor Augen, wie schlimm es gewesen sein muss, als die Mauer Familien für Jahre trennte.
Und dann erzähle ich Karlsson von jenem unvergesslichen Moment, als ich als Fünfzehnjährige am Fernsehen die Bilder vom Mauerfall sah. Plötzlich ist sie wieder da, die Gänsehaut von damals. Das Staunen darüber, dass man plötzlich nach Prag reisen konnte und dass die Russen von einem Tag auf den anderen nicht mehr nur ein Volk von bösen Christenverfolgern waren. Ist doch Wahnsinn, denke ich, ich bin noch so jung und habe schon so viel Geschichte mitbekommen.
Karlsson hört sich mein Geschwätz an und betrachtet dabei eingehend das Bild vom Mauerfall in der Zeitung. Plötzlich fragt er mich: „Mama, warum ist das Bild in Farbe? Farbbilder gab es doch noch gar nicht, als du ein Kind warst.“ „Farbbilder gab es sehr wohl in meiner Kindheit. So alt bin ich noch nicht“, entrüste ich mich. „So alt siehst du aber aus“, gibt er zur Antwort. Und zum Unterstreichen, dass er nicht bloss frech sein will, sondern sich nur um mich sorgt, schiebt er noch nach: „Man sieht schon wieder deine grauen Haare. Du musst zum Coiffeur.“
Hat das Kind denn kein Gespür für grosse historische Momente?