Herzerwärmend

Wenn du mehr oder weniger beiläufig bemerkst, der jüngere Bruder habe sich bei einer Gelegenheit vermutlich ausgeschlossen gefühlt und dich dann wenig später einer der älteren Brüder beiseite zieht, um dich zu fragen, wie du das gemeint hättest und was er besser machen könne, damit der Kleinere sich wohl fühlt und du die beiden am nächsten Tag bei einer gemeinsamen Aktivität antriffst, dann wird es dir ganz unglaublich warm ums Herz und du denkst, wie wunderbar Geschwister doch zueinander sein können, wenn sie wollen. 

Und wenn dann zwei andere kleine Brüder freudenstrahlend von einem Stadtausflug nach Hause kommen und berichten, das gestrige Geburtstagskind habe einen Teil seines Geburtstagsgeldes geopfert, um sie zum Fast Food einzuladen, dann wird dir noch viel wärmer ums Herz, denn Grosszügigkeit ist eine Sache, die du deinen Kindern nicht beibringen kannst, weshalb du einfach dankbar sein darfst, wenn sie von alleine zu spriessen beginnt. 

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Faltenfrei

Früher oder später müssen wohl alle Halbwüchsigen gegen ihr Elternhaus rebellieren, auch diejenigen, die die Auflehnung nicht unbedingt im Blut haben. Sie werden vielleicht einfach einen etwas sanfteren Weg einschlagen. So wie Karlsson, der plötzlich alles bügelt, was sich bügeln lässt. Nein, nicht nur sein Kleidung, auch seine Bettwäsche und manchmal sogar die Badetücher.

Was daran so rebellisch sein soll? Nun, in diesem Haus wird aus Prinzip nicht gebügelt und zwar schon seit vielen Jahren nicht mehr. Bügeln ist reine Zeitverschwendung, finden „Meiner“ und ich, denn kaum hat man die Kleider am Leib, sind sie auch schon wieder zerknittert. Ausserdem müssten wir den lieben langen Tag am Bügelbrett stehen, wollten wir je den Wäscheberg in perfekte, faltenfreie Stapel verwandeln. So lange schon haben wir das Bügeleisen zuhinterst im Schrank verstaut, dass der Zoowärter und das Prinzchen die Arbeit nur vom Hörensagen kennen würden, wenn nicht der grosse Bruder irgendwann damit angefangen hätte. 

Wie immer bei solchen Dingen fing alles ganz harmlos an. Karlsson wollte zu einem Konzert, die Grossmama bot ihm an, sein Hemd zu bügeln und damit war es um ihn geschehen. Erst griff er nur bei speziellen Anlässen zum Bügeleisen, doch mit der Zeit wurde das Bedürfnis nach perfekt geglätteter Kleidung immer grösser. Richtig schlimm wurde es, als ihm die Grossmama ihre Bügelmaschine vermachte. Seither kann er stundenlang am Tisch sitzen, vor sich ein Berg von Leintüchern, Hemden und Hosen. Und wenn er damit fertig ist, fragt er, ob wir vielleicht noch etwas hätten, was wir gebügelt haben möchten.

Das alles ist nicht so harmlos, wie es aussieht, denn man könnte diesen Bügelwahn durchaus auch als stumme Anklage verstehen. „Warum musste ich immer in zerknitterten Kleidern rumlaufen?“, scheint er uns zu fragen. „Seht ihr denn nicht, wie viel schöner ein faltenfreies Leben ist? Habt ihr denn gar kein Pflichtbewusstsein?“

Nun, unser Pflichtbewusstsein in Sachen Wäschepflege mag wohl tatsächlich nicht allzu gross sein. Dafür aber wissen wir, was sich für anständige Eltern gehört, wenn der Sohn rebelliert: Wir machen uns Vorwürfe und fragen uns, was wir anders hätten machen müssen. Ob sich die Exzesse hätten vermeiden lassen, wenn wir der Wäschepflege mehr Aufmerksamkeit geschenkt hätten? Ob er uns je verzeihen wird, dass wir derart schlechte Vorbilder waren? Ob bei ihm das Bügeln zu einer Besessenheit wird, so dass am Ende auch Waschlappen und Unterhosen faltenfrei sein müssen? Und natürlich auch die bange Frage, ob die jüngeren Geschwister sich von ihrem grossen Bruder beeinflussen lassen, so dass am Ende „Meiner“ und ich die einzigen Zerknitterten unter den vielen Faltenfreien sein werden. 

Wobei uns das ja ohnehin blüht in den nächsten Jahren…

blomma

 

 

Wie man’s nimmt…

Es tobt einmal mehr ein wüster Kampf um die grundlegendsten Grundlagen des aufgeräumten Kinderzimmers und weder „Meiner“ noch ich sind gewillt, von unseren minimalen Forderungen – Schmutzwäsche gehört nicht zurück in den Schrank und Matratzen werden nicht mutwillig zerstört – abzuweichen. 

Luise gerät in Rage, weil ich die Waschmaschine nicht daran gehindert habe, ihr Lieblingsshirt zu ruinieren.

Das Prinzchen und der FeuerwehrRitterRömerPirat geraten sich in die Haare, weil keiner beim Mühlespiel verlieren mag, wollen aber trotzdem eins uns andere Mal gegeneinander antreten.

Sie plündern heimlich den Glace-Vorrat und geben sich empört, wenn wir sie deswegen zur Rede stellen.

Immer dann, wenn „Meiner“ und ich den Feierabend einläuten möchten, lassen Karlsson und Luise noch einmal richtig Dampf ab. Auch der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter geben am späten Abend regelmässig noch einmal tüchtig Gas. 

Der Zoowärter zieht sich eine Blessur nach der anderen zu und zeigt sie uns erst, wenn die Sache schon so wüst aussieht, dass man sich schon fast Sorgen macht. 

Irgend einer – man wird wohl nie erfahren, wer es war – kippt sich den ganzen Eistee, den sich „Meiner“ für seine Schulreise gekauft hat, hinter die Binden.

Kurz, sie fordern uns mal wieder mit vielen kleinen Widrigkeiten, auf die wir ganz gerne verzichten würden.  Man könnte sich darüber ärgern, weil wir nach dem Stress der vergangenen Wochen nun wahrlich eine Pause verdient hätten. Man könnte es aber auch positiv sehen und sagen, sie würden eben spüren, dass die Anspannung der letzten Zeit verflogen ist, weshalb wir sie wieder nehmen mögen, wie sie sind, mit all ihren Stärken und Schwächen. 

Ich weiss nicht so recht, ob ich reif genug bin für die positive Sicht der Dinge. 

Familienbeobachtungen

Ist ein Kind für ein paar Tage verreist, wird es nicht ruhiger im Haus. Die anderen füllen einfach die Lücke, die durch die Abwesenheit entsteht, mit umso mehr Geplapper. Soll bitte keiner behaupten, die dauerquasselnden Geschwister müssten eben die einmalige Gelegenheit nutzen, auch mal endlich zu Wort zu kommen. Diese Regel gilt nämlich auch, wenn das abwesende Kind zur schweigsamen Sorte gehört. 

Im Normalfall klingt die Geschwisterallergie sofort ab, wenn zwischen dem Bruder und der Schwester, die einander gerade nicht ausstehen können, eine genügend grosse Distanz liegt. Bei ausgeprägter Unverträglichkeit zeigt die räumliche Trennung leider keinerlei Wirkung. Schon die Nennung des Namens des abwesenden Kindes löst ein zorniges Knurren aus. Sieht ganz so aus, als müsse man in solch schweren Fällen mit der Behandlung der Allergie zuwarten, bis die Pubertät durchgestanden ist.

Manche Kinderfilme wirken auf den ersten Blick vollkommen harmlos, entfalten aber im Nachhinein eine derart beängstigende Wirkung, dass Schlafen im eigenen Bett für mindestens eine Woche ausgeschlossen ist. 

Wenn zwei durch einen Film dauerhaft verängstigte Kinder in einem Bett schlafen, um einander gegenseitig die Angst zu nehmen, sind die Kinder nach kurzer Zeit nicht mehr verängstigt. Dafür stehen bald einmal verärgerte Eltern im Zimmer. 

Er wollte doch nur mal tanzen

Ein einziges Mal nur wollte er es seinen Brüdern gleich tun. Irgend so eine sinnlose Dummheit anstellen, bei der man sich fragen muss, ob das Denkorgan überhaupt zu Rate gezogen wurde. Eines dieser fiesen Ärgernisse, mit denen man die Eltern so wunderbar auf die Palme treiben kann. Missetaten, die, wenn sie ans Licht kommen, mit einem entrüsteten „Ich war das bestimmt nicht!“ dem „anderen“ in die Schuhe geschoben werden. 

Mit einem kleinen Loch in der vollen Milchflasche wollte er testen, ob auch er, der gewöhnlich immer so seriös und perfektionistisch unterwegs ist, für ein wenig Action im Haus sorgen könne. 

Nun, man weiss ja, wie es kommt, wenn Ungeübte sich mit Streichen versuchen. Meistens scheitert die Sache schon daran, dass sie nicht kaltblütig genug sind, um so zu tun als wüssten sie von nichts. So war es auch bei ihm. Das Loch wurde entdeckt und drei Minuten später wussten wir, dass er der Schuldige war. Weil sein Sündenregister noch nicht sehr umfangreich ist, wäre ihm schnell verziehen gewesen. Leider verstaute aber „Meiner“ den Krug mit der Milch, die er hatte retten können, so ungeschickt im Kühlschrank, dass sie sich heute Morgen über meine Füsse ergoss, bevor ich nur eine Spur von Koffein intus hatte. So kam es, dass derjenige, der die Sache ins Rollen gebracht hatte, im Morgengrauen ein mütterliches Donnerwetter über sich ergehen lassen musste. 

Irgendwie tat mir das Prinzchen fast leid. Er wollte doch nur mal testen, ob er auch ein paar Tanzschritte auf den elterlichen Nerven wagen darf.

Ich glaube, er weiss jetzt, dass er es besser bleiben lässt. Ihm fehlt nicht nur die Übung, er ist auch nicht abgebrüht genug, um eine geballte Ladung mütterlichen Zorns mit einem gekonnten Schulterzucken von sich abzuschütteln.

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Vernünftig

Am späten Nachmittag schaut meine älteste Schwester kurz bei uns vorbei, um mir etwas zu erzählen und mich zu fragen, was ich von der Sache halte. Der FeuerwerhRitterRömerPirat sitzt im Wohnzimmer und lauscht unserer Unterhaltung. Als meine Schwester wieder weg ist, hat er eine wichtige Frage:

„Mama, könnte es sein, dass Menschen vernünftiger werden, wenn sie erwachsen sind?“

„Nun ja, das ist nicht immer der Fall, aber bei manchen Menschen ist das schon so. Warum meinst du?“

„Ich habe gehört, dass deine grosse Schwester dich nach deiner Meinung gefragt hat.“ 

„Das stimmt, aber was hat das jetzt mit deiner Frage zu tun?“

„Deine Schwester ist doch viel älter als du…“

„Ja, das ist sie, aber ich verstehe immer noch nicht ganz, worauf du hinaus willst…“

„Tja, weisst du, Karlsson und Luise würden mich nie nach meiner Meinung fragen, also nehme ich an, dass nur Erwachsene vernünftig genug sind, auch mal ihre jüngeren Geschwister um Rat zu fragen.“

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Und sie mögen sich doch…

Im Winter, wenn es draussen garstig und kalt ist…

… und wir aufgrund unseres ausgeprägten Hanges zum Stubenhockertum dazu gezwungen sind, viel dichter aufeinander zu sitzen, als es uns allen gut tun kann,…

…eine Serie von Feiertagen die Kinder daran hindert, sich mit denen zu treffen, die sie sich als Weggefährten ausgesucht haben und sie stattdessen darauf angewiesen sind, dass diejenigen, die ihnen von Geburt an gegeben sind, bei dem mitspielen, was sie gerade unbedingt spielen wollen,…

…das Nervenkostüm derjenigen, die nicht mehr krank, aber auch noch nicht ganz gesund sind, ausgesprochen dünn ist,…

…und ich immer öfter Sätze wie „Wollt ihr denn einander noch die Butter vom Brot vergönnen?“ oder „Himmel, lass deinen Bruder am Leben!“ von mir gebe,…

dann zweifle ich zuweilen daran, ob es so etwas wie Liebe unter Geschwistern überhaupt gibt.

Doch just dann kommt einer daher, der mit sanfter Stimme verkündet, er werde sich heute vorwiegend im Kinderzimmer aufhalten, denn er wolle sich um seinen kranken Bruder kümmern. Wenn er dann tatsächlich mehrmals am Tag frischen Tee kocht, eine warme Decke besorgt und uns fragen kommt, ob wir nicht vielleicht ein Medikament hätten, der Arme hätte solche Schmerzen, dann weiss ich wieder, dass sie eben doch füreinander da sind, wenn sie einander brauchen.

Und das ist ja eigentlich das, was zählt, nicht wahr?

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