Widersprüchlich

Kleine Beobachtung nach einem Gespräch mit – zum Glück nur weit entfernten – Bekannten:

Es gibt Menschen, die suchen lange nach einem Wohnquartier, in dem sich ihre Kinder willkommen und frei fühlen dürfen. Ein Ort, wo keiner motzt, wenn nachts mal ein Baby schreit, wo nur wenige Autos fahren und wo ihre Knöpfe schon bald mit den vielen Kindern, die dort zu Hause sind, unbeschwert auf der Strasse spielen können. 

Nach langer Suche ist nicht nur das perfekte Quartier gefunden, sondern auch die perfekte Wohnung. Man zieht ein, macht es sich gemütlich und würde sich allmählich wie zu Hause fühlen. Wenn da bloss nicht diese nervigen Kinder wären, die mit ihren Velos auf der Quartierstrasse herumkurven und Lärm machen. Jawohl, genau die Kinder, die vor noch nicht allzu langer Zeit als Beweis gedient hatten, dass es sich in diesem Quartier als Kind frei und fröhlich leben lässt.

Doch jetzt, wo man sie jeden Tag um sich hat, nerven sie ganz schrecklich, also fängt man an, sie wegen jeder Kleinigkeit zurechtzuweisen. Solange, bis die Kinder aus lauter Furcht, die neuen Nachbarn könnten wieder motzen, sich kaum mehr trauen, Kinder zu sein. 

poppy

 

Im Achtsamkeit-Stress

Achtsam sollen wir sein, sagen sie. Das Leben mit Bedacht angehen und ganz bewusst im Moment leben. Alle sollen das und ganz besonders wir Eltern, denn wir sind es ja, die der heranwachsenden Generation zeigen, wie leben geht. Von uns lernen die Kleinen, ob man das Dasein als hektischen Wettlauf gegen die Zeiger der Uhr oder als gemütliche Wanderung über Höhen und Tiefen versteht. 

Wir sollen kein ödes Programm abspulen, sondern alles, was uns das Leben bietet, mit offenen Armen und sämtlichen Sinnen in Empfang nehmen. Wir sollen nicht zornig mit dem Putzlappen durch die Wohnung fegen, sondern unsere schmutzigen Fussböden und staubigen Regale mit Liebe und Hingabe pflegen. Wir sollen unserem Nachwuchs keine eilig aufgewärmte Fertigkost vorsetzen, sondern mit Lust zubereitete Mahlzeiten aus Zutaten, die wir zumindest sorgsam auf dem Wochenmarkt ausgewählt haben, wenn sie denn nicht in unserem eigenen Garten unter unserer fürsorglichen Pflege herangewachsen sind. Natürlich berieseln wir unsere Kleinen nicht mit Musik aus der Konserve, sondern singen stundenlang Lieder und ermutigen unseren Nachwuchs dazu, selber zu musizieren. Wir setzen unsere Kinder nicht andauernd vor die Glotze, sondern bieten echte Erlebnisse, draussen in der Natur, beim Kreativsein, beim gemeinsamen Arbeiten.

Selbstverständlich dreht sich in unserem Leben nicht alles um den Nachwuchs, denn wir müssen auch zu uns selber Sorge tragen. Müssen Zeit haben, auf unseren Körper zu hören, ihm Gutes zu tun und ihn zu pflegen. Wir halten immer mal wieder inne, um an Blumen zu riechen, die Schmetterlinge zu beobachten und den kühlenden Wind auf unserer Haut zu spüren. Und natürlich gehen wir regelmässig in uns, um zu spüren, ob wir noch auf dem richtigen Weg sind, oder ob wir unnötigen Ballast abwerfen müssen.

Wer mich kennt, weiss, dass mir viele von diesen Gedanken nicht fremd sind. Ich will ein Familienleben, in dem gemeinsame Mahlzeiten, echte Erlebnisse und Kreativität eine wichtige Rolle spielen. Will selbst gebackenes Brot auf dem Tisch, hergestellt aus Teig, der Stunden und Tage Zeit hatte, um zu reifen. Will mein eigenes Gemüse und bunte Blumen, die nicht nur uns, sondern auch den Schmetterlingen und Bienen Freude bereiten. Will Zeit haben, um über mein Leben nachzudenken und reflektiert zu handeln. Will lieben Menschen genügend Raum lassen und trotzdem Zeit für mich alleine haben. Will an manchen Tagen sogar ein aufgeräumtes Zuhause haben, weil man sich darin einfach mehr zu Hause fühlt. 

Weil ich das alles will, verlangt plötzlich der Brotteig nach Aufmerksamkeit, während auf dem Herd das liebevoll zubereitete Essen für die gemeinsame Mahlzeit überkocht und draussen im Garten der Salat von den Schnecken gefressen wird, weil ich keine Zeit hatte, die zarten Pflänzchen zu schützen, da ich vollauf damit beschäftigt war, mit „Meinem“ darüber zu reden, wie wir unser Leben ruhiger gestalten könnten, anstatt dafür zu sorgen, dass Haus und Garten nicht im Chaos versinken. 

Und plötzlich stehe ich schimpfend und zeternd inmitten meines wunderbaren, bewussten Lebens und verliere die Nerven, weil diese elende Achtsamkeit, die alle predigen, einem ganz schön viel abverlangt. 

cavatelli

Dinge, die Mütter halt so sagen

„Hast du nicht neulich dein Periodensystem gesucht? Es liegt in meinem Hochbeet zwischen dem Rotkohl und den Karotten.“

„Als ich gesagt habe, du solltest den Tisch decken, habe ich damit nicht gemeint, dass du die Teller auf die gefaltete Wäsche und die herumliegenden Hausaufgaben verteilen sollst.“ 

„Wer von euch ist auf die hirnverbrannte Idee gekommen, die Melonenkerne mitsamt dem sie umhüllenden Geschlabber im Behälter für den Plastikabfall zu entsorgen?“ 

„Ja, mein Kind, die Welt ist tatsächlich zu einem schlechteren Ort geworden, seitdem sie die Rezeptur deiner Lieblings-Corn Flakes verändert haben. Nein, ich schreibe der Migros deswegen keinen Beschwerdebrief.“

„Nein, ich glaube nicht, dass ein Zwölfjähriger, ein Zehnjähriger und ein Achtjähriger noch zusammen in eine Badewanne passen, also erwarte nicht von mir, dass ich deinen Brüdern sage, sie sollen dir Platz machen im Wasser.“

„Ich kann dir leider auch nicht so genau erklären, warum manchen Menschen alle Knochen weh tun, nachdem sie dem Durchzug ausgesetzt waren, aber ich kann dir versprechen, dass es gar nicht so lange dauern wird, bis du weisst, wie sich das anfühlt. Und jetzt mach gefälligst das Fenster zu, es zieht!“

„Du möchtest morgens um zehn eine Glace essen? Hast du denn schon gefrühstückt? Ach so, du hattest Rüebli? Wo hast du denn die Schale hingetan? In den Abfall? Der ist aber leer. Ach so, in den Grünabfall? Der steht aber draussen, weil er voll ist. Wie, du bist nach draussen gegangen? Sorry, das glaube ich dir nicht, dafür kenne ich dich zu gut und mit der Schale hast du sie auch nicht gegessen, denn das magst du nicht. Jawohl, das alles kann ich mir zusammenreimen, also iss gefälligst erst mal etwas Anständiges, bevor du dich hinter das Kühlfach machst.“

Entsteint

An rund 360 Tagen im Jahr führen mein Kirschenentsteiner und ich eine durchaus harmonische Beziehung. Etwas distanziert vielleicht, da wir einander nur selten begegnen, aber doch ganz nett. Sehe ich ihn irgendwo auf dem Regal stehen, nicke ich ihm freundlich zu, er fragt, wie es dem Kirschbaum gehe und falls dieser bereits in Blüte steht oder sich erste Früchte zeigen, strahlt er mich an und sagt, er freue sich auf den Juni. „Ich freu mich auch“, sage ich dann und meine das durchaus so, wie ich es sage, denn ohne ihn macht die Kirschernte nur halb so viel Freude.

Dann aber kommt dieser eine Tag, an dem ich auf die Leiter steige, weil die Kindern, die sich über Tage fast ausschliesslich von Kirschen ernährt haben, alle Bauchweh haben, weshalb ich den Rest der Ernte verwerten darf. Dies wäre dann der Moment, in dem der Kirschenentsteiner und ich ein paar Stunden fröhlich miteinander arbeiten sollten, aber natürlich steckt der Kerl nicht mehr dort, wo ich ihn zum letzen Mal angetroffen habe…oder wo ich geglaubt habe, ich hätte ihn getroffen. Und er steckt auch nicht dort, wo er sonst noch sein könnte und auch nicht an den unmöglichen Orten, an denen ein Kirschenentseiner nun wirklich nichts verloren hat, die ich aber trotzdem absuche, weil man ja nie wissen kann, auf welche Gedanken ein Gerät kommt, wenn es zu lange nicht im Einsatz ist. Natürlich ist er auch dort nicht und wenn ich nicht will, dass die Kirschen in den Schüsseln verfaulen, bleibt mir nichts anderes übrig, als die ganze Ernte mit dem Messer zu entkernen. 

Irgendwann, zwischen dem dritten und dem vierten Kilo, wenn mir der Kirschsaft bereits bis über die Ellbogen fliesst und die Finger schmerzen, fange ich an, auf das nutzlose Gerät, dessen Arbeit ich nun im Schweisse meines Angesichts erledigen muss, zu schimpfen. Warum räumt man einem solchen Nichtsnutz überhaupt Platz im Regal ein, wo er doch nie zur Stelle ist, wenn man ihn braucht? 

Der Kirschenentseiner ist natürlich nicht weniger eingeschnappt, was ich meist wenige Tage nach der Ernte erfahre, wenn er plötzlich wieder dort ist, wo er schon immer war und mir Vorwürfe macht, weil ich ihm, der doch nur eine Sache richtig gut kann, nicht ein einziges Mal im Jahr die Chance gebe, sein grossartiges Können zu beweisen. Ich verspreche ihm dann hoch und heilig, ihn nächstes Jahr, wenn die Kirschen wieder reif sind, ganz bestimmt zu berücksichtigen und er verspricht mir ebenso hoch und heilig, er werde dann auch ganz bestimmt an exakt dieser Stelle auf mich warten. Dann liegen wir uns versöhnt in den Armen, beide wohl wissend, dass weder er noch ich in einem Jahr unsere Versprechen, die wir einander unter Tränen gegeben haben, werden einhalten können.

Weil er ja doch nie dort ist, wo man ihn sucht…

rosor

 

Wie man’s nimmt…

Es tobt einmal mehr ein wüster Kampf um die grundlegendsten Grundlagen des aufgeräumten Kinderzimmers und weder „Meiner“ noch ich sind gewillt, von unseren minimalen Forderungen – Schmutzwäsche gehört nicht zurück in den Schrank und Matratzen werden nicht mutwillig zerstört – abzuweichen. 

Luise gerät in Rage, weil ich die Waschmaschine nicht daran gehindert habe, ihr Lieblingsshirt zu ruinieren.

Das Prinzchen und der FeuerwehrRitterRömerPirat geraten sich in die Haare, weil keiner beim Mühlespiel verlieren mag, wollen aber trotzdem eins uns andere Mal gegeneinander antreten.

Sie plündern heimlich den Glace-Vorrat und geben sich empört, wenn wir sie deswegen zur Rede stellen.

Immer dann, wenn „Meiner“ und ich den Feierabend einläuten möchten, lassen Karlsson und Luise noch einmal richtig Dampf ab. Auch der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter geben am späten Abend regelmässig noch einmal tüchtig Gas. 

Der Zoowärter zieht sich eine Blessur nach der anderen zu und zeigt sie uns erst, wenn die Sache schon so wüst aussieht, dass man sich schon fast Sorgen macht. 

Irgend einer – man wird wohl nie erfahren, wer es war – kippt sich den ganzen Eistee, den sich „Meiner“ für seine Schulreise gekauft hat, hinter die Binden.

Kurz, sie fordern uns mal wieder mit vielen kleinen Widrigkeiten, auf die wir ganz gerne verzichten würden.  Man könnte sich darüber ärgern, weil wir nach dem Stress der vergangenen Wochen nun wahrlich eine Pause verdient hätten. Man könnte es aber auch positiv sehen und sagen, sie würden eben spüren, dass die Anspannung der letzten Zeit verflogen ist, weshalb wir sie wieder nehmen mögen, wie sie sind, mit all ihren Stärken und Schwächen. 

Ich weiss nicht so recht, ob ich reif genug bin für die positive Sicht der Dinge. 

Da ist sie wieder

Es war, als hätte sie gespürt, dass das Ende naht. Wenige Tage vor Schwiegermamas Tod war die Katze plötzlich verschwunden. Sie, die noch nie draussen gewesen war, machte sich plötzlich auf und davon, gerade so, als müsste sie sich ein wenig zurückziehen. Alles Suchen und Rufen war vergeblich, das Tier blieb verschwunden.

Davon durfte Schwiegermama natürlich nichts erfahren, denn sie hatte schon genug Schweres zu tragen in ihren letzten Tagen und auch der italienischen Verwandtschaft mussten wir eins ums andere Mal versichern, der Katze gehe es gut, obschon wir doch keine Ahnung hatten, was aus ihr geworden war. Zwar meinte die Nachbarin, sie sei ihr eines Tages in der Waschküche begegnet, aber wer konnte denn so sicher sein, ob es sich bei dem Tier tatsächlich um Schwiegermamas Katze handelte? Wo es doch in unserem Quartier von schwarz-weissen, übergewichtigen Katzen nur so wimmelt. Es blieb uns also nichts anderes übrig, als in der Verwandtschaft so zu tun, als sei alles in bester Ordnung, während wir uns insgeheim damit abzufinden begannen, dass wir die Katze, die sich doch gerade mal so knapp bei uns eingelebt hatte, nie wieder zu Gesicht bekommen würden. Und weil die italienische Verwandtschaft sich ja auch in den Sozialen Medien rumtreibt, konnten wir nicht mal eine Vermisstmeldung auf Facebook posten… „Vielleicht kommt sie ja zurück, wenn die Beerdigung durch ist“, bemerkte ich irgendwann, ohne wirklich zu glauben, was ich da gerade sagte.

Nun, die Katze brauchte wohl noch ein paar Tage länger, um von Schwiegermama Abschied zu nehmen, denn am Donnerstag, als wir von der Abdankung zurückkamen, war sie noch nicht da. Heute aber tauchte sie plötzlich wieder auf, ein wenig schlanker als vor ihrem Verschwinden, dafür aber zutraulicher als je zuvor.

Es sieht ganz so aus, als hätte sie sich damit abgefunden, dass wir jetzt ihre Familie sind. 

blommor

 

 

Adieu

Nur ganz kurz: Schwiegermama ist am Freitagabend friedlich eingeschlafen. Dank der Unterstützung vieler lieber Menschen konnten „Meiner“ und ich sie bis zuletzt begleiten. Möglicherweise wird es hier in den kommenden Tagen etwas stiller sein, denn es gilt nicht nur, Gefühle und Gedanken zu ordnen, sondern auch zu organisieren, zu telefonieren, zu sortieren und zu räumen.