Bindeglied zwischen zwei Welten

Auf der einen Seite ist meine Mutter, aufgewachsen in einer Zeit, in der man, wenn man eine Einzahlung machen wollte, sein Geld am Bankschalter bezog und damit zum Postschalter ging, um es dort mithilfe eines Einzahlungsscheins einzuzahlen. Natürlich bekam sie mit, dass sich die Dinge im Laufe der Jahre änderten und sie bemühte sich auch darum, so gut als möglich Schritt zu halten mit den Veränderungen, von denen sie direkt betroffen war. Doch während ihre Familie in Schule und Beruf die zunehmende Digitalisierung Schritt für Schritt mitmachte, blieb für sie das Ganze ein Buch mit sieben Siegeln, von denen sie vielleicht zwei oder drei mit Unterstützung ihrer Kinder zu öffnen vermochte.

Auf der anderen Seite ist ein Jüngelchen, der sich im Call Center mit den Fragen herumschlägt, die ihm Leute stellen, die beim Online Banking ein Problem haben. Eine Welt ohne Internet hat er nie gekannt, Einzahlungen hat er vermutlich noch nie anders als online erledigt. Dass es Menschen gibt, in deren Leben alles Digitale nur eine marginale Rolle spielt, kann er sich schlicht nicht vorstellen. Seinen ganzen Arbeitstag verbringt er vor dem Bildschirm, seinen Feierabend vermutlich abwechselnd am Handy, an der Konsole und am Tablet. Wahrscheinlich kann man es ihm nicht verübeln, dass er sich nicht vorstellen kann, wie anders der Alltag einer Frau aussieht, die vor dem zweiten Weltkrieg zur Welt gekommen ist. Es ist nicht anzunehmen, dass irgend jemand sich die Mühe genommen hat, den jungen Mann im Umgang mit diesen Menschen aus einer anderen Zeit zu schulen. Warum auch? Die haben doch bestimmt alle irgendwo ein paar Töchter oder Söhne, die sich um solche Sachen kümmern können.

Das ist der Punkt, wo ich als Bindeglied dieser zwei Welten ins Spiel komme. Als die Bank meiner Mutter mitteilte, für ihre Zahlungsaufträge per Briefpost würden in Zukunft hohe Gebühren verrechnet, war ich mit meinem iPad zur Stelle, um fortan das Online Banking für sie zu erledigen. Das funktionierte sehr gut – bis zu dem Tag, an dem mein iPad bei einem meiner Balanceakte zwischen analoger Hausarbeit und digitaler Kopfarbeit das Zeitliche segnete. Das neue iPad, das bald darauf seinen Dienst bei mir antrat, wäre nur zu gerne bereit gewesen, sich weiterhin um die Zahlungen meiner Mutter zu kümmern, doch leider hatte die Bank da ihre Vorbehalte. „Einem Gerät, das wir nicht kennen, vertrauen wir nicht“, liess man mich beim Login via Warnmeldung wissen und so kam es, dass ich mich an das Jüngelchen im Call Center wenden musste.

Tja, und das Jüngelchen vertraute mir natürlich auch nicht. Kann ich verstehen, er hat da seine Vorschriften und es soll ja tatsächlich Töchter und Söhne geben, die ihre arglosen Eltern ausnehmen wollen. Was ich jedoch nicht verstehen kann: Warum kann mir das Jüngelchen nicht klipp und klar sagen, was meine Mutter und ich tun müssen, um mein iPad möglichst schnell und unkompliziert wieder mit dem Konto meiner Mutter zu verbinden. Schickt man uns neue Logindaten? Müssen wir noch einmal beim Bankschalter antraben? Könnte man das Problem allenfalls telefonisch lösen?

Kann er mir alles nicht beantworten, wenn er nicht vorher meine Mutter ans Telefon bekommt, um ihr ganz viele Kontrollfragen zu stellen, für deren Beantwortung sie ihre Papiere hervorkramen muss, weil sie die Zahlen doch nicht alle auswendig im Kopf hat. Erst, nachdem es ihm gelungen ist, sie komplett durcheinander zu bringen, darf er ihr die Antwort auf meine Frage geben: Jawohl, sie bekommt per Post ein neues Login zugestellt.

Dass sich die Sicherheitsfragen und die ganze Verwirrung erübrigt hätten, weil das Login ohnehin nur angewendet wird, wenn meine Mutter mir im Vertrauen, dass ich sie nicht übers Ohr haue, den Brief übergibt, versteht er nicht. In der Welt, in der das Jüngelchen lebt, gibt es keine Menschen, die so ein Login nicht selber einrichten können.

Und dass sich dank dieser Geschichte eine Frau, die in ihrem Leben enorm viel geleistet und dabei die Digitalisierung verpasst hat, ziemlich abgehängt vorkommen muss, interessiert ohnehin niemanden. Zumindest nicht jene, die bei all den Veränderungen, die sie vorantreiben, vergessen, dass es auch noch Menschen gibt, die in einer anderen Zeit gross geworden sind.

Denksport zum Feierabend

Familie V. wohnt in S.

Auf dem Parkplatz von Familie V. steht ein Ersatzfahrzeug mit fünf Sitzplätzen, das nach W. (3 km Entfernung von S.) gebracht werden sollte. Dort ist der Siebenplätzer von Familie V., der heute einen Termin auf dem Strassenverkehrsamt hatte, ab 16 Uhr abholbereit.

Papa V. ist von 13:30 bis 17:00 in B. (7,7 km Entfernung von S.) in einer Weiterbildung. Mama V. soll Papa V. um 13:15 nach B. fahren.

Mama V. muss am Nachmittag 2 Stunden arbeiten. 

Zoowärter V. muss um 16:00 zu Hause sein. Um 16.20 wird er in der Cellostunde erwartet. Da er erst um 16:08 gemütlich die Treppe hochkommt, muss sich Mama V. mit ihrer Moralpredigt über Pünktlichkeit kurz fassen, damit er trotzdem rechtzeitig zur Cellostunde kommt.

Mama V. ist gebeten, um 16 Uhr in W. das Ersatzauto gegen den familieneigenen Siebenplätzer einzutauschen.

Karlsson V. hat um 17:00 in O. (8,6 km Entfernung von S.) einen Auftritt mit der Violine.

Spätestens um 16:30 muss Mama V. mit Grossmama M. losfahren, wenn sie den Auftritt in O. nicht verpassen will. 

Prinzchen V. und seine fünf besten Freunde haben um 16 Uhr eine Akrobatikstunde in L. (6,6 km Entfernung von S.) Alle Kinder sollen in einem Auto Platz finden. Neben Familie V. haben zwei weitere Familien ein Auto mit sieben und mehr Sitzplätzen. Die eine Familie ist zum Zeitpunkt der Tagesplanung nicht erreichbar, von der anderen Familie weiss Mama V. gar nichts, da Prinzchen V. es versäumt hat, ihr zu sagen, dass dieser Junge auch mit von der Partie ist. Mama V. kann die Kinder aber auch nicht fahren, da sie um diese Zeit in O. dem Auftritt ihres Sohnes lauschen wird. Papa V. fährt nach der Weiterbildung mit den öffentlichen Verkehrsmitteln von B. zurück und wird daher auch nicht rechtzeitig da sein, um die Jungs zu chauffieren.

Die Vorspielstunde, bei der Karlsson V. mitmacht, dauert bis 18:30. Mama V. muss danach sofort mit Grossmama M. und Karlsson V. zurück nach S. fahren, damit sie um 19:00 in L. ist, wo die sechs Jungs von der Akrobatikstunde abgeholt und nach Hause gebracht werden wollen. Nach Möglichkeit sollte Mama V. um 19:30 zu Hause sein. 

Papa. V. muss spätestens um 19:45 los, wenn er rechtzeitig in S. (7,8 km Entfernung von S.) sein will, wo er sich mit einem Freund trifft. 

Aufgabe: Plane den Tag so, dass am Ende kein Familienmitglied von dir enttäuscht ist. Da der Siebenplätzer abends wieder unversehrt auf dem Parkplatz von Familie V. stehen soll, bist du gebeten, in jedem Moment einen kühlen Kopf zu bewahren. 

Beachte: Auf allen Strassen rund um S. hat es zahlreiche Baustellen. Ausserdem herrscht ab 16:30 in alle Richtungen dichter Feierabendverkehr. Die Pünktlichkeit darf dadurch nicht beeinträchtig werden.

Lösung: Die sei hier nicht verraten. Es soll ja da draussen Menschen geben, die sich hin und wieder langweilen und darum aus lauter Freude an der Sache gerne mal solche Denksportaufgaben lösen.*

* Okay, einen kleinen Hinweis kann ich ja geben: Es hilft, wenn man am frühen Nachmittag eine der Siebenplätzer-Mütter ans Telefon bekommt und ansonsten praktisch nichts so durchzieht, wie es ursprünglich geplant war. Zu erwarten, dass Mama V. abends noch Nerven hat, wäre aber ganz und gar illusorisch. 

Volljährig

Die Parties sind vorbei, die Blumen in den Vasen lassen allmählich ihre Köpfe hängen, Keller und Küche sind wieder aufgeräumt und das schöne Geschirr ist zurück im Schrank. Im Kühlschrank stehen die Reste der Fleischpastete, für die ich gestern mit Todesverachtung Schweine- und Kalbfleisch durch den Fleischwolf gedreht habe und der Herd bleibt für die nächsten drei Tage kalt, weil ich nach zweieinhalb Tagen Dauereinsatz schlicht keine Lust mehr habe, in Kochtöpfen zu rühren – was absolut kein Problem ist, denn „Meiner“ und ich haben uns mal wieder mit den Mengen vertan. Nachdem alle Gäste gegangen sind, ist im Haus wieder die übliche (Un)ruhe eingekehrt und so habe ich endlich Zeit, mich um die Glucke zu kümmern, die seit gestern früh schluchzend und schniefend im hintersten Winkel des Wohnzimmers kauert.

„Was hast du denn?“, frage ich sie so mitfühlend wie möglich. Offen gestanden habe ich nach dem Trubel der vergangenen Tage nicht gerade viel Geduld für ihre Gefühlsduseleien. 

„Es ist wegen Karlsson…“, presst sie mühsam hervor.

„Was ist denn mit Karlsson?“, frage ich, obschon ich natürlich ganz genau weiss, was sie meint. Weil sie weiss, dass ich weiss, versucht sie gar nicht erst, meine Frage zu beantworten. Sie schluchzt einfach weiter und so ist es an mir, in Worte zu fassen, was sie quält: „Karlssons achtzehnter Geburtstag war wohl ein bisschen viel für dich. Du fühlst dich grad, als würde er morgen ausziehen und nie mehr wieder kommen.“ Mit grossen, traurigen Augen sieht sie mich an und nickt, bleibt aber weiter stumm. „Bei der Erinnerung daran, wie er gestern seinen ersten Abstimmungszettel ausgefüllt und voller Stolz in den Briefkasten der Gemeindekanzlei eingeworfen hat, bricht dir fast das Herz.“ Sie nickt wieder, wischt sich mit dem Ärmel die triefende Nase sauber, sagt aber noch immer nichts. „Du denkst voller Wehmut an die vergangenen Tage mit kleinen Jungen mit den braunen Kulleraugen und dem Eisbären-Teddy und wünschst dir, die Zeit wäre nicht so furchtbar schnell verflogen.“ Sie wimmert leise: „Mein kleiner, lieber Kaslsson…“ Und dann heult sie wieder Rotz und Wasser.

Ich glaube, die Glucke ist heute nicht empfänglich für das, was ich ihr zu sagen habe: Dass ihr kleiner, lieber Karlsson jetzt halt ein grosser, lieber Karlsson ist. Dass er zwar volljährig, aber deswegen noch längst nicht flügge ist. Dass ihr ehemals kleiner Junge sich doch ganz gut macht. Und dass es durchaus seine Vorzüge hat, mit halbwegs erwachsenen Kindern durchs Leben zu gehen. 

Ich glaube, die Glucke braucht noch ein wenig Zeit, sich damit abzufinden, dass ihr Erstgeborener allmählich erwachsen wird. Darum lasse ich sie schniefend und schluchzend in ihrer Ecke sitzen, um mit Karlsson auf seine Volljährigkeit anzustossen. 

Was man im Spätherbst halt so tut…

Was ich eigentlich tun müsste:

  • Geburtstagsgeschenke für Karlsson organisieren
  • Das Menü für Karlssons 18. Geburtstag planen
  • Einen Termin mit dem Samichlaus vereinbaren
  • Den Adventskalender zusammenstellen
  • Zutaten für Christstollen bestellen
  • Mich ernsthaft mit der Frage auseinandersetzen, ob ich den kindlichen Wünschen nach Weihnachtsdekoration nachgeben soll, oder ob ich mich einmal mehr taub stelle, weil ich auch im Jahr 18 nach Familiengründung noch kein Flair für solche Dinge entwickelt habe
  • Weihnachtswünsche zusammentragen
  • Tief in mich gehen, um zu spüren, ob ich in diesem Jahr die Nerven für einen weiteren Panettone-Versuch habe oder ob ich damit den Familienfrieden ernsthaft gefährden würde

Was ich stattdessen tue:

  • Im Garten an den Veilchen riechen
  • Vereinzelte Walderdbeeren und Himbeeren pflücken
  • Die Peperoni, die in Töpfen auf dem Fenstersims reifen, hegen und pflegen
  • Auf dem Balkon und im Wohnzimmer zweijährige Stauden heranziehen
  • Nachprüfen, ob die zweite Physalis-Ernte bald soweit ist
  • Dem frühlingshaften Vogelgezwitscher lauschen
  • Mich über Menschen ärgern, die sich lauthals über die „elende Kälte und das nasse Wetter“ beklagen
  • Immer mal wieder ein wenig jäten
  • Zucchini ernten

Also einfach das, was man halt so tut, wenn sich der November nicht entscheiden kann, ob er lieber April, September oder vielleicht doch so etwas wie ein Spätherbstmonat sein möchte…

 

So kauft man doch (k)ein Auto!

Wie die Geschichte mit dem kaputten Auto weitergegangen ist? Nun… ganz anders als Auto-Geschichten bei uns gewöhnlich laufen. Als bekennende Autohasser schieben „Meiner“ und ich jeden Autokauf so lange vor uns her, wie es nur geht, um uns dann, wenn die Karre schon fast schlapp gemacht hat, verzweifelt irgendwo einen fahrbaren Untersatz aufzutreiben. Weil wir von Autos nicht das Geringste verstehen, taugt das Ding dann meistens nicht besonders viel und so müssen wir uns ein paar Jahre später wieder mit der leidigen Angelegenheit herumschlagen

Diesmal war alles anders.

Diesmal sagte „Meiner“ zum Garagisten: „Suchen Sie uns doch bitte ein Auto, wir haben von Tuten und Blasen keine Ahnung.“ Er nannte ein paar Kriterien, die uns wichtig sind und vierundzwanzig Stunden später bekam ich mitten in einer Sitzung die Nachricht von meinem Herrn Gemahl: „Auto gekauft. Morgen können wir es abholen.“

Zugegeben, zuerst war ich ziemlich sauer, denn als ich Details erfahren wollte, konnte er mir gerade mal die Farbe (schwarz), den Kilometerstand (irgend eine Zahl, die mir ohnehin nichts sagt) und den Preis (an der unteren Grenze unseres Budgets) nennen. „Himmel, so kauft man doch kein Auto!“, seufzte ich und nahm mir vor, „Meinem“ am Abend tüchtig die Meinung zu sagen.

„Meiner“ hatte aber mal wieder Glück. Kaum war ich zu Hause angekommen, musste er auch schon wieder weg und während er weg war, hatte die Stimme der Vernunft sehr viel Zeit, beruhigend auf mich einzureden. „Früher habt ihr eure Autos immer selber ausgesucht…“, fing sie an. „Genau! So etwas macht man doch gemeinsam, wenn man verheiratet ist“,  unterbrach ich sie aufgebracht. „Ja, ihr habt das immer gemeinsam gemacht, aber wie ist das jeweils ausgegangen?“, sagte sie sanft und sah mich dabei an, wie man ein begriffsstutziges kleines Kind ansieht. „Na ja… nicht besonders gut…“, gestand ich kleinlaut. „Nicht besonders gut? Du untertreibst mal wieder, meine Liebe. Eine Katastrophe war das mit euch beiden. Erinnerst du dich an den Kia, der andauernd auf offener Strasse stehen blieb? Und an den Fiat, bei dem irgendwann ohne äussere Einwirkung die Fensterscheibe in tausend Scherben zersprang? Und wie war das nochmal mit der letzten Karre, die nach so kurzer Zeit bereits den Geist aufgegeben hat, obschon ihr sie für so perfekt gehalten habt? Ach ja, und dann war da noch…“ „Schon gut, ich habe verstanden“, sagte ich mit einem müden Lächeln. „Dann siehst du also ein, dass man dir und ‚Deinem‘ in Sachen Autokauf so gar nichts zutrauen kann?“ Ich nickte brav. „Siehst du auch ein, dass ihr jetzt erst recht wieder Mist gebaut hättet, weil ihr die komischen Motorengeräusche so lange überhört habt, bis ihr gar keine andere Wahl mehr hattet, als sofort ein neues Auto aufzutreiben?“ Ich nickte noch einmal brav. „Dann siehst du also bestimmt auch ein, dass es das Klügste war, euch aus der Sache rauszuhalten und die Suche einem Fachmann zu überlassen.“ Ich nickte ein drittes Mal brav und als „Meiner“ nach Hause kam, konnte ich ganz ehrlich sagen: „Ich habe zwar keine Ahnung, was wir für ein Auto bekommen, aber ich glaube, das hast du irgendwie doch ganz gut gemacht.“

Und das denke ich jetzt, wo ich das Auto zu Gesicht bekommen habe, noch immer. Obschon ich nie im Leben ein schwarzes Auto hätte fahren wollen.

Aber vielleicht achten Menschen, die etwas von Autos verstehen, auch nicht auf die Farbe…

Alltag halt…

Vor etwas mehr als einer Woche hätte ich darüber schreiben wollen, dass im Hause Venditti inzwischen unglaublich ruhige Zeiten angebrochen sind. So ruhig, dass Prinzchens zehnter Geburtstag schon drei Tage vor dem Fest perfekt organisiert und geplant war. Die Geschenke eingepackt, die Zutaten für Torte und Croissants eingekauft, die Gäste über alle nötigen Details informiert. 

Ich hätte darüber geschrieben, dass das einerseits ein unglaublich gutes Gefühl ist, weil man doch tatsächlich für einen Moment glaubt, man hätte nach vielen chaotischen Jahren die Dinge endlich im Griff, andererseits aber auch eine gefährliche Entwicklung, da – sobald man mal in etwas gemässigterem Tempo durchs Leben kurvt – sofort wieder der gute alte Perfektionismus das Kommando übernimmt, weil er denkt, er sei jetzt wieder gefragt.

Das alles habe ich nicht geschrieben und darüber bin ich ganz froh. Gut, im ersten Moment war ich ziemlich sauer, weil ich es einmal mehr nicht geschafft hatte, meine Sätze in die Tasten zu hauen, ehe sie im Dauergequassel meiner Kinder für immer verloren waren. Doch heute dämmert mir, dass dieser Text das Ende meines Blogs gewesen wäre. Das definitive Ende und nicht nur dieser unerträgliche „Eigentlich möchte ich ja schon bloggen, aber mir fehlt einfach die Ruhe dazu“-Zustand, in dem diese Seite sich momentan befindet.

Warum ein solcher Text das Ende gewesen wäre? Weil kein Mensch von Müttern lesen will, die ihr Leben im Griff haben, die drei Tage vor dem Geburtstag sämtliche Geschenke verpackt haben und die den Tortenboden auskühlen lassen können, ehe sie die Buttercreme drauf schmieren, weil sie so unglaublich gut organisiert sind, dass sie noch endlos viel Zeit haben, die Torte zu dekorieren, bevor die Gäste eintrudeln. Solche Mütter mag keiner, denn die geben einem das Gefühl, mit etwas mehr Anstrengung könnte man auch sein wie sie. Seien wir ehrlich: Von solchen Menschen will man doch nichts lesen. (Höchstens vielleicht ein Kochrezept, aber auch das führt meistens nur dazu, dass man am Ende völlig frustriert auf die unansehnliche Masse starrt, die so gar keine Ähnlichkeit mit der fünfstöckigen Torte haben will, die man dank  der „kinderleichten,  Anleitung mit Erfolgsgarantie“ angeblich im Handumdrehen hätte zaubern können sollen.)

Nun, wie man ahnt, ist mein Leben der Meinung, die Zeit sei noch nicht reif, um aus mir ein Vorbild für andere berufstätige Mütter mit gewissen häuslichen Ambitionen zu machen. Inzwischen ist bei uns wieder der ganz normale Alltag eingekehrt. Was im aktuellen Fall bedeutet: Auto mit irreparablem Motorschaden und zwar derart unverhofft, dass die Karre schon keinen Wank mehr tut, bevor „Meiner“ und ich noch die Gelegenheit hatten, die Nachricht des Garagisten zu verdauen, geschweige denn, einen Ersatzwagen zu organisieren.

Also ist da kein Fahrzeug, das gross und fahrtüchtig genug wäre, um das Prinzchen und seine kleinen Partygäste über steile Hügel und kurvenreiche Waldwege zum nachträglichen Geburtstagsvergnügen zu bringen. Eigentlich wäre da auch gar keine Zeit für nachträgliches Geburtstagsvergnügen, denn die Schulleitung hat mal wieder ohne ersichtlichen Grund einen stinknormalen Arbeitstag für schulfrei erklärt, so dass es auch ohne Partygäste schon kompliziert genug wäre, die Ansprüche von Kindern und Arbeitgeber irgendwie aneinander vorbeizubringen. Natürlich ist der Kühlschrank ausgerechnet an einem solchen Tag so leer, dass ein Einkauf zu Fuss nur möglich ist, wenn man die Hälfte der Dinge, die auf dem Einkaufszettel stehen, doch nicht kauft, weil man schlicht nicht die Konstitution hat, um das alles nach Hause zu schleppen. Und weil das alles doch etwas gar langweilig wäre, streut man dazwischen noch ein paar Kleinigkeiten, die auch ein wenig Aufmerksamkeit verdient hätten: Mit dem Nachbarskind abgetauschter Instrumentalunterricht, den man auf keinen Fall vergessen darf, ein Kunstprojekt für die Schule, das auf dem Fussboden seine Spuren hinterlässt, Rechnungen, die sofort bezahlt werden müssen, ein neues Handy, das augenblicklich in Betrieb genommen werden muss, weil sonst der Teenager nie wieder glücklich wird… Das alles natürlich kräftig gewürzt mit viel Herumgerenne, Improvisation und Drama. Alltag halt, wie man ihn im Hause Venditti kennt.

Alltag, wie ich ihn mir eigentlich nicht wünsche, aber wie ich ihn vielleicht brauche, um abends sagen zu können: Wenn ich das nicht irgendwo niederschreiben kann, werde ich verrückt. 

 

Die nächste Generation übernimmt

Es gab mal eine Zeit in meinem Leben, da hatte ich so etwas wie Autorität. Da konnte ich sagen: „Glaubt bloss nicht, ich würde heute die Möbel aufbauen, die wir gestern gekauft haben. Es ist Sonntag, da gebe ich mich ganz bestimmt nicht mit Hammer und Schraubenzieher ab.“ Die Kinder gehorchten, die Schachteln aus dem schwedischen Möbelhaus blieben im Auto und wir alle hatten unsere Ruhe.

Dass diese Zeiten vorbei sind, zeichnete sich schon ab, als Luise damit begann, ihre Möbel selber aufzubauen. Allerdings liess ich mich dadurch nicht verunsichern, denn unsere zupackende Tochter bekommt ja nicht alle Tage ein neues Bett oder einen Schrank. 

Auch als gestern der FeuerwehrRitterRömerPirat am späten Abend noch die Schachteln, die wir am Nachmittag gekauft hatten, aus dem Auto holte und seine neuen Regale aufbaute, beunruhigte mich dies noch nicht sonderlich. Immerhin ist der Junge in der Pubertät, da muss man sich doch einfach über mütterliche Anweisungen hinwegsetzen.

Seit heute Nachmittag aber weiss ich, dass ich in diesem Haus nicht mehr allzu viel zu melden habe. Trotz meines Verbots schleppte das Prinzchen sein neues Bücherregal Einzelstück für Einzelstück in die Wohnung und wenig später hatte er nicht nur ohne elterliche Hilfe sein Regal aufgebaut, sondern auch ein paar alte Möbel ins Treppenhaus verfrachtet und sein Zimmer komplett auf den Kopf gestellt. Das alles an einem Sonntag, an dem ich eigentlich der ganzen Familie Ruhe und Beschaulichkeit verordnet hatte.

Man sieht also, dass meine Autorität mehr als bloss angeschlagen ist. 

Was aber auch seine Vorteile hat. 

Immerhin kann ich mich in Zukunft gemütlich zurücklehnen, wenn es mal wieder ein Möbel aufzubauen gibt. Jetzt, wo sogar der Jüngste bewiesen hat, wie gut das ohne mich geht, sehe ich keinen Grund, warum ich mich weiter mit komplizierten Anleitungen und fehlenden Schrauben herumschlagen sollte.