Schlechte Nacht?

Heute wieder mal einer für die Rubrik „peinliche Anrufe aus dem Lehrerzimmer“:

„Frau Venditti, hatte ihr Kind eine schlechte Nacht?“

„Äääääh, ich weiss nicht so recht. Ich habe da schon so ein Rumoren gehört…“

„Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, das Kind macht mir einen ganz zufriedenen Eindruck und es sagt auch, es gehe ihm gut. Aber es ist jetzt … na ja, wie soll ich sagen?… also… es ist zweimal hintereinander regelrecht eingepennt. Ist es für Sie in Ordnung, wenn ich es nach Hause schicke?“

„…“

Wo, um Himmels Willen, sind diese Erdlöcher zum Verkriechen, wenn man sie mal dringend braucht?

Und nein, ich verrate nicht, wer es war…

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Mama mit den Superschuhen

Draussen ist es zum ersten Mal in diesem Herbst so richtig kalt. Prinzchen sitzt auf dem Fussboden, zieht sich Socken an und schaut mir dabei zu, wie ich mit nackten Füssen in meine halboffenen Schuhe schlüpfe.

Prinzchen: „Warum muss ich Socken anziehen, wenn du selber nie welche trägst?“

Ich: „Na ja, eigentlich wäre es klug, Socken anzuziehen, aber ich hasse es, warme Füsse zu haben.“

Prinzchen: „Aber warum frierst du denn nicht an die Füsse, wenn du ohne Socken nach draussen gehst?“

Ich: „Weisst du, manchmal friere ich schon auch, aber meistens ist mir eher zu warm als zu kalt, auch dann, wenn es draussen kalt ist. Ich glaube, ich bin halt einfach ein Mensch, der selten friert.“

Prinzchen: „Ach so. Ich habe immer gedacht, du müsstest nie Socken tragen, weil du Spezialschuhe hast, in denen man gar nicht frieren kann.“

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Mangelnder Shopping-Enthusiasmus

Wenn andere Mütter mit ihren Töchtern Kleider kaufen:

„Wow! Dieser Style steht dir ja echt gut. Dazu brauchst du jetzt unbedingt noch eine passende Jacke und dann ist dein Look perfekt. Komm, ich zeige dir, wie du den Schal umbinden musst, damit dein Outfit richtig gut zur Geltung kommt. Okay, perfekt. Und jetzt dreh dich mal um, ich möchte noch sehen, wie das von hinten aussieht. Suuuuuper! Du hast deinen Look gefunden! Du musst einfach mutiger werden, zu deinem Style stehen, zur Geltung bringen, wie schön du bist. So, und jetzt probierst du noch das Kleid an. Dazu solltest du unbedingt eine schwarze, blickdichte Strumpfhose tragen. Das wird dann total heiss aussehen. Ach, und natürlich brauchst du ein Paar High Heels. Die besorgen wir auch noch gleich. Ich kann es kaum erwarten, dich darin zu sehen. Das Kleid passt dir wie angegossen. Stell dir mal vor, wie du erst aussehen wirst, wenn wir die richtigen Accessoires dazu gefunden haben. Ein Hammer-Outfit wird das…“ (Nein, das habe ich nicht erfunden. Das ist eine ziemlich wörtliche Widergabe dessen, was ich heute gehört habe.)

Wenn ich mit meiner Tochter Kleider für einen Teenie-Galaabend kaufe:

„Lass mal sehen. Sieht gut aus. Wirklich richtig schön. Wie? Du willst noch ein anderes Kleid anprobieren? Aber warum denn? Dieses hier ist doch perfekt. Na gut, dann probierst du die anderen eben auch noch an…“ Ich nicke vier weitere Kleider ab und gebe dann mein Schlussurteil bekannt: „Ja, ich finde auch, dass du das Grüne nehmen solltest. Sieht wirklich toll aus. Gut, dann brauchen wir jetzt nur noch eine passende Strumpfhose und dann können wir von hier verschwinden. Ach so, du brauchst ja noch Schuhe. Na, dann lass uns das möglichst schnell hinter uns bringen.“ Und natürlich bringe ich später, als sie beim Anprobieren der High Heels stolpert, nicht das eigentlich von mir erwartete: „Ach, mach dir keine Sorgen, mit etwas Übung schaffst du das schon und sonst buchen wir dir einen High-Heel-Kurs, damit du richtig elegant laufen lernst“ über die Lippen, sondern bloss etwas, was meine Tochter als schadenfreudiges Gelächter bezeichnen würde, was aber in Wirklichkeit natürlich allerhöchstens ein wohlwollendes Schmunzeln war. 

Nein, ich tauge wahrlich nicht als enthusiastische Shopping-Begleiterin. Dafür sage ich meiner Tochter manchmal auch dann, wenn sie vollkommen zerknittert aus dem Bett gekrochen kommt, wie hinreissend ich sie finde. (Zugegeben: Ich prüfe erst vorsichtig, ob die aktuelle Laune ein solches Kompliment erlaubt…)

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Ende des Tunnels?

Nach zahllosen Elterngesprächen, bei denen wir am Ende wie geschlagene Hunde aus dem Schulzimmer schlichen, weil es ja nicht von nichts kommen kann, wenn es mit einem Kind nicht so läuft, wie die Schule das gerne hätte,…

Nach so manchem furchtbar peinlichen „Frau Venditti, wir müssen reden“-Anruf,…

Nach vielen Terminen mit Experten, bei denen wir gelegentlich vollkommen entspannt und aufnahmefähig rechtzeitig im Wartezimmer sassen, in der Regel aber verschwitzt, leicht gereizt und mit einem Trupp kleiner Kinder im Schlepptau angerast kamen,…

Nach stundenlangem Brüten über Abschlussberichten, Standortbestimmungen, Untersuchungsergebnissen, Verordnungen und Formularen,…

Nach gefühlten zehntausend Tagen, an denen wir nicht mehr ein und aus wussten, weil Kind und Schule einfach nicht kompatibel zu sein schienen,…

Nach endlosem Gejammer und Geklöne, das sich Freunde und Verwandte von uns anhören mussten,…

Nach wunderschönen, mutmachenden Worten von lieben Menschen, die unser Gejammer und Geklöne auch beim hundertsten Mal noch ernst nahmen,… 

Nach mehreren intensiven Expertenrunden, bei denen zwar alle Beteiligten sehr guten Willen zeigten, die Grenzen des Machbaren aber doch wenig Spielraum für echte Veränderungen boten,…

Nach zornigen Ausbrüchen, weil einen bei der Starre des Systems und dem ewigen Dreinfunken des Kantönligeistes ein Gefühl der Ohnmacht überfällt,…

…sieht es endlich so aus, als gebe es einen richtig guten Ausweg aus dieser miesen Sackgasse. Und jetzt, wo wieder Licht ins Dunkel fällt, erkennt man, dass es zwischen all den Paragraphen und Verordnungen des Volksschulgesetzes halt auch Menschen gibt, denen das Wohlergehen eines Kindes wirklich am Herzen liegt.

So etwas muss auch einmal gesagt sein. 

fagel

 

Schwärmerisches Geschwätz

Jetzt gehöre ich also auch schon zu den Menschen, die – kaum befinden sie sich mal wieder in den heiligen Hallen einer höheren Bildungsanstalt -, mit verklärtem Lächeln verkünden, eine schönere Zeit als die vier Jahre am Gymnasium gebe es nicht. So frei sei man da, so wissbegierig, so entspannt. Wenn ich könnte, würde ich die Zeit sofort zurückdrehen, behaupte ich, und natürlich kann ich es mir nicht verkneifen, die eine oder andere Anekdote von damals zum Besten zu geben. Ach, was gäbe ich doch drum, noch einmal so unbeschwert und jung zu sein…

Und wie ich mich so schwärmen höre, wird mir bewusst, wie furchtbar alt ich mit meinem schwärmerischen Geschwätz wirken muss. So alt eben, wie Menschen wirken, die ihre Jugendjahre nur noch durch die rosarote Brille betrachten und so tun, als hätte ihnen der Kampf um eine anständige Mathenote damals  nicht ganz fürchterlich zugesetzt.

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Wasser predigen und Adventssäcklein füllen

Das ist wohl wiedermal typisch: Da schreibe ich mir tagsüber beim Versuch, uns Eltern in Sachen Weihnachtsgeschenke ein wenig Vernunft einzureden, beinahe die Finger wund und am Abend fülle ich Adventssäcklein nach Adventssäcklein nach Adventssäcklein nach Adventssäcklein…. bis mir vor lauter Adventssäcklein der Schädel brummt. 

Damit ich mir beim Blick in den Spiegel noch in die Augen schauen kann, sage ich mir jetzt einfach, ich müsse eben die anderen Eltern davor warnen, so zu werden wie ich.

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