Applaus!

Darf ich um Applaus bitten? Nein, nicht für den Zoowärter, das Prinzchen und Karlsson, die heute Abend mit ihren Instrumenten vor Publikum standen. Klar, die haben ihre Sache ganz gut gemacht, aber der wirkliche Star des Abends war die Glucke. Sie, die sonst immer ein Geschrei macht, weil sie fürchtet, eines ihrer Küken könnte zu kurz kommen, verhielt sich heute ausgesprochen ruhig, obschon sie doch vorher tagelang gezetert hatte, es könne nicht angehen, dass ich nur bei einem der  beiden Auftritte physisch anwesend sein würde. Eine liebende Mutter könne doch bestimmt einen Weg finden, sich irgendwie in zwei zu teilen, um allen ihren Kindern die gebührende Beachtung zu schenken. 

Tja, und dann zuckte sie heute mit keiner Wimper, als „Meiner“ und ich in verschiedene Richtungen aufbrachen, um den musikalischen Beiträgen unserer Söhne zu lauschen. Es müssen anscheinend nur genügend Grosseltern und Gotten im Einsatz sein, um die Glucke zum Schweigen zu bringen.

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Kinderträume

Gross wollen sie sein und zwar so schnell als möglich.

Den lieben langen Tag nur tun, was ihnen gefällt, kein Erwachsener im Rücken, der zum Aufräumen und zum Lernen drängt.

Die Welt erobern und allen zeigen, was in ihnen steckt.

Nicht sein wie die Eltern, die all die wunderbaren Möglichkeiten, die sie hätten haben können, für ein paar Kinder und ein Haus mit Garten in den Wind geschlagen haben. Diese faden Alten, die nicht begreifen wollen, wie cool es ist, erwachsen zu sein. Diese Stümper, die ihr Geld lieber für Steuern und Krankenkasse als für schönes Mobiliar und tolle Reisen ausgeben. Diese Spinner, die glauben, davor warnen zu müssen, wie schnell man selber so ist wie jene, über die sie heute noch den Kopf schütteln.

Und natürlich verstehen sie beim besten Willen nicht, weshalb Papa in seiner Freizeit bis zum Ellbogen im verstopften WC steckt.

Nein, meine lieben Kinderlein, er macht das nicht, weil das schon immer sein Zukunftstraum war.

Er macht das, weil Erwachsenen wirklich nicht wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie Kinder bekommen. 

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Wer hat heute Küchendienst?

Seitdem unsere Kinder vor gut eineinhalb Jahren den alternierenden Küchendienst eingeführt haben, verläuft kein Tag mehr wie der andere.

Montag

„Muss ich denn unbedingt jetzt schon Küchendienst machen? Ich könnte doch am Abend mehr machen.“

„Am Abend hast du Therapie und Hausaufgaben und meistens bist du danach so müde, dass du gar nichts mehr machen magst.“

„Ach sooooo. Ja, aber dann könnte ich doch morgen helfen…“

„Nein, das geht nicht, denn morgen hast du auch ein volles Programm. Komm, wir legen los.“

„Oooookaaaayyyy.“

Kind kommt in die Küche geschlurft, trägt ein paar Teller zur Spüle. „Was muss ich jetzt noch machen?“

„Den Tisch fertig abräumen.“

„Aber das ist nicht meine Aufgabe. Jeder muss doch sein eigenes Geschirr abräumen.“

„Ja, natürlich, aber da sind auch noch Pfannen, Schüsseln und Getränke wegzuräumen.“

„Das finde ich aber unfair. Eigentlich müsste doch jeder dabei helfen, den ganzen Tisch leer zu räumen, denn wir haben ja nicht jeden Tag gleich viel drauf und wenn ich jetzt zum Beispiel heute drei Pfannen abräumen muss und Karlsson beim nächsten Mal nur eine, dann ist das nicht gerecht und ich finde, es sollte alles gerecht sein, denn darum haben wir den Küchendienst ja eingeführt und wenn nicht alle genau gleich viel machen müssen, sollte derjenige, der mehr machen muss, beim nächsten Mal weniger…“ 

So geht es weiter und weiter und weiter, bis das Kind zum Schluss gekommen ist, wir seien ganz schrecklich ungerechte Eltern und Amnesty International müsse ganz dringend mal einen Blick in unsere Küche werfen. Derweilen wird ein bisschen Geschirr in Richtung Spüle bewegt, der Esstisch wird kurz abgewischt und vielleicht wird auch noch der Abfall sortiert, aber dann ist es leider auch schon wieder Zeit, zur Schule zu gehen. 

Dienstag

Das Kind kommt von der Schule nach Hause, stürmt in die Küche und ruft: „Was gibt’s heute?“ 

„Blumenkohl, Nudeln mit Zitronenrahmsauce und Poulet.“

„Mjam, Blumenkohl! Der ist für mich ganz alleine! Wie viele sind wir heute?“

„Sechs. Karlsson isst in der Schule.“

Das Kind geht unaufgefordert ins Esszimmer, um den Tisch zu decken. Meistens für sieben Personen. 

Später, wenn auch der letzte Rest Blumenkohl in seinem Magen verschwunden ist: „Ich mach jetzt eine Pause.“

„Aber nur zehn Minuten. Du hast noch Küchendienst.“

„Mann! Immer Küchendienst. Ich muss verdauen.“

Zehn Minuten später erscheint das Kind in der Küche. „Was muss ich machen?“

„Den Tisch sauber machen.“

„Okay.“ Das Kind schnappt sich ein Küchentuch.

„Doch nicht mit dem Küchentuch! Dazu brauchst du einen Lappen.“

„Ach so.“ Das Kind geht ins Badezimmer, um sich einen Waschlappen zu holen.

„Doch nicht mit dem Waschlappen! Nimm den hier, der ist frisch gewaschen.“

Das Kind nimmt den trockenen Lappen und geht in Richtung Esszimmer. 

„Den musst du doch erst noch nass machen, sonst wird der Tisch nicht sauber.“

„Ach so, stimmt. Habe ich vergessen.“

Irgendwann ist der Tisch dann doch sauber und meist reicht die Zeit sogar noch, um den Geschirrspüler auszuräumen und den Abfall zu sortieren. Man muss dann einfach kurz nachkontrollieren, denn es könnte durchaus sein, dass die leere Milchflasche im Kühlschrank gelandet ist, die Kaffeetasse im Vorratsraum und der Reibkäse im Treppenhaus. 

Mittwoch

„Ich komme gleich, um die Küche aufzuräumen, ich muss nur noch schnell den Plattenspieler holen gehen.“

Zehn Minuten später erscheint das Kind mit dem Plattenspieler und einem Stapel Schallplatten unter dem Arm.

„Ist Bach okay, oder wollt ihr lieber Louis Armstrong?“

„Egal. Ist beides schön. Können wir anfangen?“

„Gleich. Ich muss nur noch schnell das richtige Stück suchen.“

Augenblicke später klingt laute Musik aus dem Esszimmer, das Kind kommt in die Küche, schnappt sich den Abfalleimer, um den Müll im Treppenhaus sortieren zu gehen. 

„Schliess die Tür! Es wird kalt hier drinnen.“

„Kann nicht! Sonst höre ich die Musik nicht.“

Wenig später ist das Kind wieder in der Küche. „Was muss ich noch machen?“

„Den Geschirrspüler ausräumen.“

„Moment, muss erst noch die Musik lauter machen.“

„Was hast du gesagt?“

„Muss die Musik lauter machen. Man hört ja kaum etwas.“

„Kann dich nicht verstehen. Die Musik ist zu laut. Kannst du die nicht etwas leiser drehen?“

Kind geht ins Wohnzimmer, dreht die Musik voll auf und kommt zurück in die Küche, um den Geschirrspüler auszuräumen. Danach wird fleissig weiter gearbeitet, bis die Schallplatte zu Ende gespielt ist. Meistens sind Küche und Esszimmer dann auch sauber. Es kehrt himmlische Ruhe ein, der Plattenspieler bleibt aber mindestens bis Samstag im Esszimmer stehen, denn nach getaner Arbeit hat man nicht auch noch die Energie, das Ding wegzuräumen. 

Donnerstag

Kaum ist der letzte Bissen im Mund verschwunden: „Kann ich nach draussen gehen?“

„Nein, du hast Küchendienst.“

Das Kind zieht eine Schnute. „Und eine Folge schauen?“

„Nein, du hast Küchendienst.“

Das Kind ist eingeschnappt. „Mann! Immer muss ich arbeiten!“

„Nun hab dich nicht so. Alle müssen mal helfen.“

„Ja, aber das ist voll unfair. Immer muss ich arbeiten. Immer!“

Voller Zorn macht sich das Kind an die Arbeit, fegt wie ein Herbststurm durch Küche und Esszimmer, knallt das Besteck in die Schublade und den Abfall in den Eimer, stapft wütend mit dem Altpapiersack zum Container und schafft so die ganze Arbeit in Rekordzeit. Zum Glück auch. Allzu lange hält man diese miese Stimmung nicht aus. 

Freitag

Vor dem Mittagessen: „Kannst du bitte herkommen. Du musst den Tisch decken.“

Mit schlecht kaschierter Unlust macht sich das Kind an die Arbeit. 

Nach dem Mittagessen: „Kann ich meinen Küchendienst heute Abend nachholen? Ich muss gleich zur Schule und vorher muss ich unbedingt noch einmal Mathe anschauen. Ich mach dann auch ganz bestimmt das Doppelte am Abend.“

„Wenn’s sein muss. Ist zwar nicht ganz fair.“

Vor dem Abendessen: Noch einmal widerwilliges Tischdecken.

Nach dem Abendessen: „Können wir mit dem Küchendienst etwas später anfangen? Ich brauche unbedingt eine Pause.“

„Himmel, allmählich reicht’s mir. Du kannst nicht immer alles aufschieben.“

„Komm schon, nur eine winzige Pause. Ich mache dann auch ganz bestimmt das Doppelte.“

„Von mir aus. Aber nicht mehr als fünf Minuten.“

Acht Minuten später, nach zehnmaligem Rufen erscheint das Kind in der Küche.

„Könntest du bitte den Tisch…“

„Hab schon angefangen, Mama.“

Wenig später ist der Tisch tatsächlich sauber abgeräumt. Das Kind schnappt sich einen Lappen. 

„Igitt, der ist aber nicht ganz frisch. Hast du mir einen Sauberen?“

Augenblicke später ist der Tisch sauber. Wirklich sauber.

„Könntest du jetzt bitte noch…“

„Ich hab bereits mit dem Abfall angefangen. Wenn ich das erledigt habe, räume ich noch schnell den Geschirrspüler aus.“

Wenig später: „Kannst du bitte noch die Getränke wegräumen.“

„Ja, mach ich. Aber wohin damit? Auf den Balkon können wir sie nicht mehr stellen, jetzt, wo es manchmal schon siebzehn Grad ist draussen. Weisst du was? Ich mach schnell Platz im Vorratsraum.“ Das Kind macht sich an die Arbeit und fragt dann: „Ist es okay, wenn ich die Reste in kleinere Gefässe umfülle, oder hast du eine andere Aufgabe für mich?“ 

„Ääääh, nein, ist natürlich okay für mich.“

„Mist, diese Folie ist völlig unbrauchbar. Ich finde, wir sollten uns da mal eine bessere Lösung ausdenken.“ 

„Ja, du hast wohl recht…“

„Was kann ich noch machen?“

„Tja, also… ich glaube, wir sind fertig.“

„Weisst du, mich dünkt, ich muss immer viel weniger machen als die anderen.“

Wie bitte? Ihr möchtet Namen sehen? Vergesst es! Wer unsere Kinder auch nur ein bisschen kennt, weiss genau, wer an welchem Tag dran ist. 

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Dialekt, wenn ich bitten darf

Eigentlich gehöre ich ja nicht zu den Menschen, die ein Problem mit Schriftdeutsch haben.  Hätte man in unserem Kanton über ein Mundart-Obligatorium im Kindergarten abgestimmt, hätte ich ein Nein in die Urne gelegt. Wenn Lehrer im Sportunterricht und auf der Schulreise Hochdeutsch reden, finde ich dies zwar ziemlich übertrieben, aber es käme mir nicht in den Sinn, deswegen einen Aufstand zu machen. Mich stört es nicht mal gross, wenn kleine Kinder hierzulande eine Zeit lang so klingen, als wären sie direkt einer seichten Fernsehsendung entstiegen. Früher oder später wächst sich das ja wieder aus. 

Sprechen mich aber auf der Strasse Kinder, die des Dialekts durchaus mächtig wären, auf Schriftdeutsch an, weil ich ja eine Fremde und somit so etwas wie eine Respektsperson bin, finde ich das schon ein wenig bedenklich. Nicht unbedingt, weil ich fürchte, unsere Mundart werde allmählich verdrängt, sondern weil den armen Knöpfen nicht mehr auffällt, dass man unser helvetisch gefärbtes Hochdeutsch besser nur hinter den verschlossen Türen eines Schulzimmers sprechen sollte, damit keiner hört, wie lächerlich wir klingen. 

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Blamage für die Glucke

Eben noch war sie die strahlende Siegerin, die mit einer gehörigen Portion Gluckenliebe die Überzeugung in die Knie zwang. Heute aber stand sie da wie der grösste Depp, als sie feststellen musste, dass die Mama von Prinzchens bestem Freund besser Bescheid weiss über die Schwimmabzeichen, die sich unser Jüngster erschwommen hat. Ist ja auch gar zu peinlich, wenn man von einer anderen Mutter erzählt bekommt, der eigene Sohn sei bereits seit einer Woche im Besitz des Froschabzeichens. Klar hätte man vom Prinzchen erwarten dürfen, dass er sein Abzeichen voller Stolz zu Hause präsentiert, wie es sich für jedes halbwegs anständige Kind gehört. Von einer rechten Glucke hätte man aber auch erwarten dürfen, dass sie sich das Datum der Schwimmprüfung mit riesigen roten Buchstaben im Kalender einträgt, damit sie dem kleinen Helden einen gebührenden Empfang bereiten kann. Wo sie schon nicht die Zeit finden will, sich wie alle anderen Glucken an den Rand des Schwimmbeckens zu setzen, um mit eigenen Augen zu sehen, dass kein anderer ihrem Nachwuchs das Wasser reichen kann. 

Nun, das Unglück ist geschehen und die Glucke wird in den kommenden Tagen noch übereifriger sein als gewöhnlich, um ihre Schmach  zu vergessen. Ich fürchte, sie hat den nächsten Mittwoch ausersehen, um den ultimativen Beweis für ihre Mutterliebe zu liefern. Dann werden nämlich drei junge Vendittis zur gleichen Zeit an zwei verschiedenen Orten mit ihren Musikinstrumenten auftreten. „Meiner“ und ich sind ja der Meinung, es sei völlig in Ordnung, wenn im einen Publikum der Papa sitzt und im anderen die Mama. So, wie ich die Glucke kenne, wird sie aber versuchen, das detaillierte Programm von beiden Konzerten in Erfahrung zu bringen, um zu Prinzchens und Zoowärters Konzert zu hetzen, sobald der letzte Ton von Karlssons Vorspiel verklungen ist. 

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Besiegt

Falls jemand von euch heute zufällig in der Migros Aarau war und dort irgendwo zwischen Gemüseabteilung und Molkerei einem übel zugerichteten, laut klagenden Etwas begegnet ist: Das war meine Überzeugung, die nach einem brutalen Kampf mit der Glucke zu Boden gegangen ist. Die zwei lagen ja schon seit Tagen miteinander im Streit um die Erdbeerfrage und heute, einen Tag vor Luises Geburtstag, kam es zum Showdown. Es muss leider gesagt sein, dass meine Überzeugung von Anfang an einen schlechten Stand hatte, denn Luises flehender Blick hatte sie bereits gestern ziemlich ins Wanken gebracht. Somit hatte die Glucke heute ein leichtes Spiel. Unbeirrt marschierte sie zum Regal mit dem ökologisch verwerflichen Erdbeer-Sonderangebot, nachdem sie die Überzeugung mit einem gezielten Schlag in die Magengrube ausser Gefecht gesetzt hatte. Während sich die Arme heulend auf dem Fussboden wand, schnappte sich die Glucke auch noch frische Him- und Heidelbeeren, die ihre Lasterhaftigkeit mit einem Bio-Label zu kaschieren versuchten. „Schnell, zugreifen, solange die Alte noch darniederliegt!“, hörte ich sie murmeln, als sie das Zeug in den Korb legte. 

Später, nachdem die Ware bezahlt war, ging ich zurück in den Laden, um meiner Überzeugung auf die Füsse zu helfen. Erst wollte sie nicht mehr mit mir mitkommen. „Verräterin!“, zischte sie. „Wie konntest du bloss so hinterhältig sein und mich an die Glucke verraten?“ „Ich verspreche dir, in den kommenden Wochen besonders gut auf dich zu hören, um für mein heutiges Versagen zu sühnen“, gab ich zur Antwort. „Aber du musst auch das Positive sehen. Immerhin hat sich Luise diesmal keine Spargeln aus Peru gewünscht.“

Chabis

 

 

Zu früh vertraut

Während…

… ich davon ausgehe, dass ich heute, wo gerade noch einer unter zehn ist, nicht mehr andauernd hinter den Kindern her sein muss, um sie vor Dummheiten zu bewahren,…

… „Meiner“ und ich denken, wir hätten ihnen oft genug erklärt, mit Feuer werde nicht gespielt,…

… wir der Meinung waren, bei den vielen Besuchen bei der Feuerwehr sei einiges über Brandverhütung haften geblieben,…

… wir doch tatsächlich glaubten, wir seien jetzt in der Lebensphase angekommen, in der wir die Kinder an einem friedlichen Sonntagnachmittag auch mal eine Weile sich selber überlassen und nur noch mit einem Ohr hinhören könnten,…

…mir nicht einmal mehr bewusst war, dass sich im Wandschrank ein Bunsenbrenner befindet,…

… war den Schutzengeln offenbar bewusst, zu welch unüberlegtem Handeln ein fast Dreizehnjähriger noch fähig ist. Darum begrenzte sich der Schaden auf einen angekohlten Wäscheständer, einen stark lädierten Bunsenbrenner und eine halb verbrannte Küchenrolle. Der Junge kam mit einem gehörigen Schrecken und ohne Verbrennungen davon. 

Wie gut, dass Schutzengel weniger vertrauensselig sind als ich. 

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