Ausgeflogen

Familienausflug – das war lange Zeit ein Reizwort für uns. Zu mühsam, sieben verschiedene Interessen unter einen Hut zu bringen. Zu anstrengend, sich nach intensiven Arbeitswochen samstags oder sonntags noch einmal aufzuraffen. Zu teuer in einem Land, in dem man an vielen Kassen trotz Familienrabatt ein halbes Vermögen liegen lässt.

Oft fühlten „Meiner“ und ich uns schlecht deswegen. Wir wollten doch mit unseren Kindern so viel Schönes wie möglich erleben, wollten ihnen Natur, Kultur, Geschichte und dergleichen näher bringen. Vor allem der Zoowärter und das Prinzchen kamen in dieser Hinsicht oft zu kurz. Warum waren wir bloss so miserable Eltern?

Irgendwann im Frühsommer schienen auch Karlsson und Luise sich diese Frage zu stellen. Nun ja, sie warfen uns nicht gerade vor, wir seien schlechte Eltern, aber sie wollten doch wissen, warum wir nicht mehr so viel unternehmen würden wie früher. Sie sind jetzt halt in dem Alter, in dem man zu erkennen beginnt, wie schön es war, Kind zu sein und sie finden es auch nicht mehr ganz so peinlich, mit uns gesehen zu werden. Und darum schlugen sie plötzlich vor, wir sollten mal zusammen wandern gehen. Oder am See ein Pedalo mieten. Oder im Wald ein Picknick machen.

Auf diese Weise sind Familienausflüge gar nicht mehr so anstrengend. Für die „Kleinen“ ist das alles noch neu, für die „Grossen“ ist es ein Anknüpfen an vergangene Zeiten, zu dem sie jetzt bereit sind. Und so waren in diesen Sommerferien immer mal wieder sieben ziemlich zufriedene Vendittis irgendwo dort anzutreffen, wo man sie schon lange nicht mehr gesehen hat. 

Vielleicht war es gar nicht so schlecht, ein paar Jahre zu pausieren mit solchen Sachen. An manchen Orten hat man inzwischen sogar ganz anständige, grossfamilientaugliche  Rabatte eingeführt.

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Fühlt sich an wie Ferien

Das Badezimmer, das Karlsson am Samstag geputzt hat, ist heute noch fast ganz sauber.

Wenn wir essen, ist die Küche danach im Nu aufgeräumt.

Am Tisch kann man sein eigens Wort verstehen, weil alle reif genug sind, einander ausreden zu lassen.

Bleibt nach dem Frühstück ein leerer Joghurtbecher auf dem Tisch stehen, weiss man ganz genau, wen man herbei pfeifen muss, damit aufgeräumt wird. Die Ausrede vom „anderen“, der seine Sache mal wieder nicht gemacht hat, zieht jetzt nämlich nicht.

Manchmal ist es auch einfach still im Haus, weil jeder mit irgend etwas beschäftigt ist.

Man möge mir verzeihen, dass ich diese Woche hin und wieder denke, so ein Leben mit einem Einzelteenager sei schon deutlich unkomplizierter als das, was wir üblicherweise Alltag nennen. 

Was nicht heissen soll, dass ich es immer so haben möchte. Aber zur Abwechslung ist es ganz angenehm. 

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Man müsste halt mal richtig abschalten

Einfach in die Ferien zu fahren, reicht leider nicht mehr. Man müsste sich auch von den Sozialen Medien fern halten, um sich richtig zu erholen. 

Da verbringt man ganz entspannte Tage in einem gemütlichen Ferienhaus, geniesst die traumhafte Landschaft, hat viel Zeit für Kinder, Gedanken, Texte, die Enten im Teich, holländischen Käse und andere wundervolle Dinge. Es wäre so einfach, sich voll und ganz auf all das Schöne zu konzentrieren, aber dann begeht man den Fehler, kurz auf Facebook vorbeizuschauen und schon ist es vorbei mit dem Ferienfrieden. Die ganze Schweiz, so verrät ein Blick auf die Timeline, ist in Panik, weil der April sich in den letzten Tagen so aufgeführt hat, wie man es eigentlich von ihm erwarten dürfte. Schreckensbilder von kältegeplagten Tulpen, Wehklagen über erfrorene Setzlinge, Schimpftiraden auf Petrus, der mit seinen Launen gemütliche Stunden auf dem Balkon verunmöglicht. 

Wie will man da noch die Ferien geniessen? Wo es doch schon schwer genug war, den Garten für fast zwei Wochen sich selbst zu überlassen? Jetzt also die quälenden Fragen: Ist den Tomatenpflanzen im Gewächshaus auch wirklich warm genug? Werden wir bei der Heimkehr lauter traurige, geknickte Blumen antreffen? Hätte ich die Artischocken vielleicht doch noch einmal mit Tannzweigen zudecken sollen? Müssen wir uns am Ende gar die diesjährige Obsternte abschminken?

Natürlich zeigt sich bei der Heimkehr, dass man sich die ganzen Sorgen hätte sparen können. Dem Garten geht es dank seiner geschützten Lage prächtig. Ich hätte also meine Ferien getrost bis zum letzten Tag geniessen dürfen. Aber um das zu können, hätte ich auch Ferien von Facebook machen müssen.

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Interkultureller Dialogversuch, Teil VII

Für einmal kein Versuch, mich mit meiner Schwiegermama zu verständigen, sondern eine kleine Beobachtung über die Interaktion von Schweizern und Holländern:

Im Café, an der Kasse oder sonst irgendwo: Ein Holländer oder eine Holländerin sagt etwas zu uns. Wir haben das Gefühl, das Gesagte zu verstehen, denn irgendwie klingt das ja sehr Schweizerdeutsch. Aber natürlich verstehen wir nur Bruchstücke und darum geben wir unserem Gesprächspartner zu verstehen, dass wir eben doch nicht so recht verstehen. Inzwischen hat die Person aber mitbekommen, wie wir untereinander ein paar Worte auf Schweizerdeutsch gewechselt haben und von diesen Worten hat sie ebenfalls einige Bruchstücke verstanden, weil unsere Sprache für sie ja eben auch irgendwie vertraut klingt. Also gibt sie uns zu verstehen, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden, fügt ein paar klärende Worte hinzu, die für uns auch wieder irgendwie halbwegs verständlich sind und so geht das eine Weile weiter, bis wir uns mit viel Geschwätz, Gelächter und Gesten so gut verständigt haben, dass wir oft nicht mal den Umweg über das Englische nehmen müssen.

Ich finde diese Art von Völkerverständigung sympathischer als die Methoden, von denen man in diesen Tagen in den Nachrichten erfährt. 

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Mama auf Abruf

Wieder so ein Mutterdings, auf das dich keiner vorbereitet: Nicht mehr dauernd gebraucht zu werden und doch irgendwie verfügbar sein zu müssen.

Nehmen wir zum Beispiel den morgigen Tag. Das vorgesehene Programm sagt den drei jüngeren Kindern nicht zu, weshalb es klüger ist, die Familie aufzuteilen, denn ein Tagesausflug mit drei übel gelaunten Jungs ist alles andere als erholsam. Klüger ist es auch, wenn „Meiner“ mit den zwei Grossen fährt, denn in diesem topfebenen Land, in dem es nicht einen einzigen Hügel gibt, an dem sich mein ohnehin schon miserabler Orientierungssinn festklammern könnte, bin ich auf der Strasse heillos überfordert. 

Mein Tag wird morgen also vermutlich so aussehen: FeuerwehrRitterRömerPirat, Zoowärter und Prinzchen werden sich auf dem Trampolin, im Schwimmbad, auf dem Deich beim Drachensteigen, auf dem Fussballplatz und vielleicht auch auf dem Spielplatz vergnügen, so dass ich den ganzen Tag für mich haben werde. Theoretisch zumindest, denn immer dann, wenn ich in Versuchung kommen werde, mich in die Sauna zurückzuziehen, mich in ein Buch zu vertiefen oder einen Spaziergang zu machen, wird einer angerannt kommen. Weil es Streit gegeben hat, weil sich jemand das Knie aufgeschlagen hat, weil sich eine Tür nicht ohne meine Hilfe öffnen lässt, weil sie Hunger haben, weil… Was auch immer der Grund sein mag, sie werden mich brauchen und zwar immer dann, wenn ich glaube, gerade nicht gebraucht zu werden. 

Warum ich dann nicht einfach etwas mit den Dreien unternehme? Weil die doch nichts lieber wollen, als in diesem geschützten Umfeld die Welt auf eigene Faust zu entdecken und dazu kann man eine Mama im Schlepptau nun wirklich nicht gebrauchen.

Mütter dienen in einem gewissen Alter eben nur noch als Anlaufstelle in brenzligen Situationen. Unwichtig sind sie deswegen aber noch lange nicht. Wie das laute Geschrei beweist, das erklingt, wenn Mama mal nicht auf Abruf verfügbar ist…

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Er ist halt kein Filmheld

In fast jedem deutschen Film, den ich in den vergangenen Jahren gesehen habe, spielte mindestens ein kleiner, fussballbegeisterter Junge mit. Einer, der mit Feuereifer dem Ball hinterher jagte und nicht zu bremsen war, es sei denn, er habe sich gerade eine Blessur zugezogen. Fast jeder dieser kleinen Jungs trug eine mindestens schulterlange Mähne, die sein engelsgleiches Gesicht sanft umspielte. 

Prinzchen ist genau so ein kleiner, langhaariger, fussballbegeisterter Junge, der jede freie Minute auf dem Fussballplatz anzutreffen ist. Zu Hause ist er einer von vielen, die mit wehendem Haar dem Ball hinterher jagen. Hier aber wird er von seinen Spielkameraden aus Deutschland regelmäßig gefragt, ob er denn ein Junge oder ein Mädchen sei – und von einzelnen aufgrund seiner in ihren Augen zu weiblichen Haartracht ziemlich herablassend behandelt.

Allmählich frage ich mich, ob langhaarige Jungs in unserem nördlichen Nachbarland nur im Film  existieren.

Vielleicht liegt’s aber auch nur dran, dass Prinzchens Mähne sich nicht wie bei den Filmhelden adrett um sein engelsgleiches Gesicht lockt, sondern meistens ziemlich ungekämmt von seinem Kopf absteht.

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Verfeinert mit einer Prise Chaos

Man sollte ja meinen, bei dem fortgeschrittenen Alter unserer Kinder wäre ein mehr oder weniger pannenfreier Familienausflug möglich. Doch mehr als eine gemütliche Teestunde mit Scones und Clotted Cream gefolgt von einem Stadtbummel liegt offenbar nicht drin, bevor wieder das Chaos über uns hereinbricht. Eine übervolle Blase, die keine zwölfminütige Heimfahrt mehr aushalten kann, zwingt zu einer Pause im Nirgendwo, Augenblicke später steckt der eine heulend im Sumpf, der andere mit nasser Hose im Wassergraben, und weil sich die grosse Schwester bei diesem Anblick das Lachen nicht verkneifen kann, herrscht danach im Auto nicht nur Gestank, sondern auch ausgesprochen dicke Luft.

Und so endet der Nachmittag halt nicht wie geplant mit gemütlichem Beisammensein, sondern mit hektischem Gerenne zum Waschsalon, der hier in der Siedlung bereits um 18 Uhr schliesst.

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