Morgenidylle

Früher Morgen, das Café im Einkaufszentrum ist noch fast leer. Aus den Lautsprechern plärrt Madonna, die Kaffeemaschine durchläuft ein lärmintensives Reinigungsprogramm, aus der Küche dringen scheppernde Geräusche, auf übergrossen Bildschirmen laufen Cartoons in grellen Farben und an einem der hinteren Tische geben zwei ergraute Herren lautstark ihre diversen rassistischen Vorurteile zum Besten.

Mitten in diese Idylle platzt eine Mutter mit weinendem Kleinkind.

Kann man es den Gästen verargen, dass sie den beiden unwillige Blicke zuwerfen und gehässige Bemerkungen fallen lassen?

Wo es im Café vor der Ankunft des verzogenen Görs doch so friedlich und still war…

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Du sollst keine Ablenkung haben neben mir

Was haben wir doch immer gepredigt: „Leg das Handy weg, wenn du am Lernen bist! Nein, diese Snapchat-Nachricht kann jetzt warten. Du kannst dich so doch nicht konzentrieren. Ja, ich weiss, Snapchat verlangt sofortige Aufmerksamkeit, aber die Prüfung hat jetzt Vorrang. Hättest eben nicht erst zwei Tage vor dem Termin mit Lernen anfangen sollen. Nein, du kannst jetzt nicht schnell zwischendurch im Zimmer chillen gehen, du schaffst sonst nicht mehr den ganzen Lernstoff. Das haben wir dir doch schon hundertmal erklärt. – Sag mal, hörst du uns überhaupt zu?“

Immer und immer wieder dieselbe alte Leier, die irgendwann nicht nur Luise tüchtig auf den Geist ging, sondern auch uns.

Dann fiel eines Tages der berüchtigte Groschen, Luise fing nicht nur an zu büffeln, sondern auch weit im Voraus zu planen, wann sie mit der Vorbereitung für welchen Test anfangen muss und welchen Elternteil sie an ihrer Seite braucht, falls Fragen auftauchen sollten. 

Tja, und seither klingt die Leier eben so: „Papa, leg sofort dein Handy weg! Ich kann mich doch so nicht konzentrieren. Schau, du musst mir jetzt bei dieser Aufgabe helfen. Instagram kann warten. Ich hab nächste Woche einen wichtigen Test und ich muss mich rechtzeitig vorbereiten, damit ich noch Zeit habe, Unklarheiten zu klären. Man kann nicht immer alles bis zum letzten Moment aufschieben. Das solltest du doch wissen…“ 

Oder wenn etwas weniger Naturwissenschaftliches auf dem Programm steht: „Mama! Wohin gehst du schon wieder? Du musst jetzt nicht den Herd putzen und Pause kannst du dann später machen. Du sollst in der Nähe sein, damit du mir meine Fragen beantworten kannst, falls ich welche habe. Nein, du kannst jetzt auch nicht deine Mails checken, sonst hörst du mir wieder nur mit einem Ohr zu…“ 

Glaubt mir, wenn ich gewusst hätte, dass die ganzen Moralpredigten irgendwann auf uns zurück fallen, hätte ich damals, als sie noch nicht lernen wollte, meine Klappe gehalten.

blüemli

Blind vor Wut

Dass es unter Kindern immer mal wieder zu kleineren und grösseren Streitigkeiten kommen kann, war mir schon bewusst, bevor Karlsson in den Kindergarten kam. Dass Mütter und Väter sich erst in solche Konflikte einmischen sollten, wenn die Knöpfe ohne Hilfe nicht mehr hinausfinden, war nicht nur für „Meinen“ und mich, sondern auch für die meisten anderen Eltern klar. Dass man bei der Schlichtung zwar zugunsten des eigenen Kindes voreingenommen sein darf, dabei aber nie das Ziel eines möglichst friedlichen Zusammenlebens aus den Augen verlieren sollte, stellte niemand grundsätzlich in Frage. Auch dann nicht, wenn man mal etwas deutlichere Worte gebrauchen musste, um dem Zoff ein Ende zu setzen. 

Aus diesem Grund rieb ich mir erstaunt die Augen, als ich zum ersten Mal einer Mutter gegenüberstand, die nicht gekommen war, um den Streit zwischen ihrem und meinem Sohn schlichten zu helfen, sondern um sich mit mir zu zoffen und mir mangelnde Erziehungsfähigkeiten vorzuwerfen.

Noch erstaunter und ziemlich besorgt bin ich, weil mir vermehrt Geschichten zu Ohren kommen von Müttern und Vätern, die blind vor Wut auf Acht- oder Neunjährige losgehen, um sie mit wüsten Schimpfwörtern, Beleidigungen und Gewaltandrohungen einzuschüchtern. Dass ihr kleiner Sonnenschein zu Hause eine sehr einseitige Version der Vorfälle geschildert haben könnte, fällt ihnen nicht im Traum ein, und so sehen sie sich berechtigt, den „Feind“ ihres Kindes mal so richtig zusammenzustauchen. Soll der doch heulend und vor lauter Angst zitternd zu Mama rennen! In ihren Augen hat er es nicht besser verdient. 

So sehr ich verstehen kann, wie wütend man wird, wenn ein Kind wegen eines anderen Kindes schniefend und schluchzend nach Hause kommt – Beschimpfungen und Drohungen gegen kleine Kinder gehen meiner Meinung nach entschieden zu weit. Und so ertappe ich mich dabei, wie ich die guten alten Zeiten zu glorifizieren beginne. Zeiten, in denen sich Eltern noch wie halbwegs vernünftige Erwachsene aufführten und nicht wie der übelste Pausenhof-Bully.

karo

 

Wie es mir gefällt

Die Flötenlehrerin bekommt beim Weihnachtskonzert mit, dass Prinzchen, der seit etwas mehr als einem Jahr bei ihr den Unterricht besucht, einen klavierspielenden grossen Bruder hat. In der nächsten Unterrichtsstunde gibt sie Prinzchen zu den drei Liedern, die er üben soll, die Klavierbegleitung mit, damit die beiden Brüder gemeinsam musizieren können. Einfach so, weil sie denkt, der Kleine könnte vom Zusammenspiel mit dem Grossen profitieren.

Wunderbar, so ein Instrumentalunterricht. 

Erst recht, wenn diesmal beim familiären Zusammenspiel nicht „Santa Claus is coming to town“ auf dem Programm steht…

färg

 

Königs-Kommerz

Der Dreikönigstag gefiel mir von allen Feiertagen immer am besten. Eigentlich ein ganz gewöhnlicher Tag, gewürzt mit einer Prise Spannung, weil es ja durchaus sein kann, dass man eine Krone aufgesetzt bekommt. Wunderbar, finde ich. Oder fand ich, denn seit einiger Zeit glaubt jeder Kleinkrämer, er müsse den Kuchen mit dem König für Werbezwecke missbrauchen. In jedem zweiten Laden soll man in ein Brötchen beissen, um vielleicht – wenn man viel Glück hat – einen Rabattcoupon, einen Sack Katzenfutter, eine Kaffeemaschine oder was auch immer zu gewinnen. Auf den Strassen stehen die Rotarier, um einem einen Kuchen für wohltätige Zwecke anzudrehen und auf Social Media ist schon seit Tagen jeder zweite Post eines dieser Ratespiele, bei dem man herausfinden soll, wo sich der König versteckt. Natürlich, um einen Preis zu gewinnen.

Bis endlich der Moment gekommen ist, um mit der Familie den Kuchen zu essen, hat man schon so viel davon gesehen – und beim Einkauf möglicherweise auch schon gegessen -, dass man das Zeug kaum mehr ertragen mag. Und der eine oder andere freut sich wohl nicht einmal mehr richtig, wenn er den kleinen Plastikkönig und die Papierkrone bekommt. Wo den Gewinnern an manchen Orten doch ein halbes Königreich winkt, wenn sie auf den König beissen. 

Irgendwie macht mir das so keine richtige Freude mehr. 

Gesülze

Ich fürchte, ich bin jetzt in der Lebensphase angelangt, in der man in mir die abgekämpfte Mittvierzigerin sieht, die ganz dringend ein paar Komplimente und ein wenig Aufmerksamkeit braucht. Warum sonst sollten plötzlich Männer mittleren Alters, die mir etwas verkaufen wollen, ganz furchtbar erstaunt tun, wenn sie merken, dass Karlsson mein Sohn ist? Vielleicht fällt es ihnen ja wirklich schwer, sich vorzustellen, dass eine zu kurz Geratene wie ich einem Bären wie Karlsson das Leben geschenkt hat, aber deswegen müssen sie ja nicht gleich so tun, als dächten sie, er sei mein Bruder. Vielleicht finden sie auch, der Siebzehnjährige sehe ziemlich reif aus für sein Alter, aber doch nicht so reif, dass man ihn für meinen Mann halten könnte.

Wer glaubt, mit solchen Komplimenten liesse ich mir das Geld leichter aus der Tasche ziehen, irrt leider. Zumindest jetzt noch. Wenn ich eines Tages mal wirklich alt und zittrig bin, lasse ich mich mit solchen Sprüchen bestimmt um den Finger wickeln, aber für den Moment komme ich noch ganz gut klar mit meinem Alter.

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Er ist jetzt alt genug dafür

Es waren einmal eine Mama und ein Papa, die viele kleine Kinder und wenig freie Zeit hatten. Freie Zeit aber hätten sie gebraucht, wenn sie einander anständige Weihnachtsgeschenke hätten kaufen wollen, denn der Onlinehandel steckte damals hierzulande noch in den Kinderschuhen. Also mussten die Mama und der Papa ihre Weihnachtseinkäufe irgendwie zwischen Windelbergen, schlaflosen Nächten und eingestürzten Duplotürmen erledigen. Weil das ziemlich schwierig war, blieb der Mama einmal nichts anderes mehr übrig, als dem Papa ein Rückenmassage-Gerät zu schenken, das ihr zwischen die Finger geriet, als sie mit einer Horde von Kleinkindern im Schlepptau einen monströsen Wocheneinkauf erledigte. Mit grossem Befremden starrte der Papa am Weihnachtsabend das Gerät an, das er aus dem Geschenkpapier gewickelt hatte. Ob er denn schon so alt sei, dass er so ein Ding brauche, wollte er wissen. Zum ersten und einzigen Mal kam es zu Streit wegen eines Geschenks, denn er wusste nicht zu würdigen, dass sie immerhin noch geistesgegenwärtig genug gewesen war, trotz Stilldemenz daran zu denken, überhaupt etwas für ihn zu kaufen. 

Die Jahre gingen ins Land und das Rückenmassage-Gerät fristete ein trauriges Dasein in einer Kiste. Hin und wieder, wenn das Badezimmer gründlich aufgeräumt wurde, tauchte es aus der Versenkung auf. Die Mama und der Papa lachten dann über das missglückte Weihnachtsgeschenk und dachten an die Zeit zurück, als es vor lauter Familienleben kaum einmal möglich war, einander etwas zuliebe zu tun. Dann verschwand das Gerät wieder ungenutzt in der Kiste.

Allmählich aber wurden die Mama und der Papa älter, sie machten erste Erfahrungen mit Hexenschüssen und schliesslich, als an Weihnachten 2017 die Heizung für eine geschlagene Woche den Dienst quittierte, zog sich der Papa wegen der Kälte eine üble Rückenverspannung zu. So übel war die, dass er sich endlich alt genug fühlte, um das Gerät in Betrieb zu nehmen.

Als er wenig später etwas schmerzfreier und deutlich entspannter auf dem Sofa sass, konnte er tun, was ihm vor Jahren noch nicht möglich war: Er könnte sich von Herzen bedanken für das, was er eigentlich nie hätte haben wollen.

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