Wächst sich das denn nie aus?

Pokémon, immer nur Pokémon. Sage ich: „Schau mal, wie herzig dieser Hamster aussieht“, antwortet er: „Ja, der ist wirklich herzig, aber schau mal dieses Pokémon, das ist noch viel herziger.“ Erfährt er, dass nach den Sommerferien sein Taschengeld erhöht wird, rechnet er sogleich aus, wie viel schneller er dann seine Kartensammlung erweitern kann. Reden wir darüber, dass er sich in der Schule wirklich mehr Mühe geben sollte, erklärt er, sei doch schon schlau genug, er kenne fast alle Pokémon-Namen auswendig. Und wenn das Prinzchen dem Ball hinterher rennt, findet er, ein Pokéball wäre doch viel besser als ein Fussball. „Mein lieber Zoowärter, es gibt wirklich wichtigere Dinge in diesem Leben als diese doofen Pokémon. Können wir endlich wiedermal über etwas anderes reden?“, sage ich manchmal, wenn ich die Schnauze voll habe von diesen doofen Monstern, die meinem Kind das Taschengeld aus dem Portemonnaie ziehen. 

Manchmal hängt mir das Ganze so sehr zum Hals heraus, dass ich schreien könnte. Wie froh bin ich dann, wenn mich „Meiner“ dazu überredet, trotz Müdigkeit abends noch etwas trinken zu gehen.

Doch welche Gesprächsfetzen wehen da vom Nebentisch zu uns herüber?

„War es denn ein legendäres Pokémon oder nicht?“ „Nein, wenn es ein Legendäres gewesen wäre, dann hätte er es natürlich eingefangen, aber es war ein ganz Gewöhnliches.“

Und ich habe allen Ernstes gedacht, diese Seuche wachse sich irgend wann aus, aber leider muss ich erkennen, dass sie bei manchen Leuten anhält, bis der Kellner nicht mal mehr einen Ausweis sehen will, wenn sie Hochprozentiges bestellen. 

gurke

 

Tomatenpanik

Spätestens Ende Januar kommen die Entzugserscheinungen. Wenn ich nicht endlich etwas ansäen darf, werde ich verrückt. Also konsultiere ich den umfassenden Katalog des Saatguthändlers meines Vertrauens, natürlich stets mit dem Vorsatz, nur das Allernötigste zu bestellen. Der gute Vorsatz hält in der Regel genau so lange, bis ich bei den Tomatensamen angelangt bin und dann überkommt mich die Gier. 

Zwischen dem Tag, an dem der Pöstler das Saatgut liefert und dem Tag, an dem ich endlich ansäen kann, liegen qualvolle Wochen. Immer und immer wieder sortiere ich den Inhalt meiner Saatgutbox, immer und immer wieder seufze ich über den Winter, der kein Ende nehmen will. Dann endlich, Ende Februar, kann ich die Saatschalen hervorholen. Natürlich säe ich grosszügig an, denn man kann ja nie wissen, was den Keimlingen alles zustossen könnte.

Erst recht nicht, wenn sie einen Monat später im beheizten Frühbeet auf dem Balkon stehen. Was, wenn die Heizung nicht warm genug ist? Was, wenn doch ein kalter Luftzug in den Tunnell weht? Was, wenn tagsüber die Sonne zu warm scheint und das Kondenswasser auf die zarten Pflänzchen tropft. 

Beruhigen kann ich mich eigentlich erst im April wieder, wenn die Jungpflanzen ins Gewächshaus übersiedeln. Wobei ich natürlich auch dann noch genügend Anlass zur Sorge finde. Könnte ja sein, dass der Boden trotz achtzig Zentimeter tiefer Erdschicht, schützender Gewächshauswand und Aussentemperaturen von 10 Grad noch durchfriert, nicht wahr? 

Natürlich wachsen meine Tomatenpflänzchen dennoch fleissig weiter und wenn die Eisheiligen von dannen gezogen sind, ohne namhaften Schaden anzurichten, atme ich endlich auf. Zumindest solange ich noch nicht allzu viele Setzlinge verschenkt habe. Wenn sich die Reihen in den Hochbeeten allmählich zu lichten beginnen, werde ich wieder leicht panisch. Reichen 25 Stauden wirklich, um mich einen Sommer lang glücklich zu machen? Und die Setzlinge sind ja auch so furchtbar klein. Aus denen werden bestimmt nie anständige Pflanzen, deren Zweige sich unter der Last der Früchte biegen. Mehrmals täglich schleiche ich mich ins Gewächshaus, um zu sehen, ob sich meine Lieben auch wirklich gut entwickeln und obschon sie allmählich richtig gross werden, bringe ich es nicht mehr übers Herz, mich von weiteren Pflanzen zu trennen. Lieber ziehe ich neue Stecklinge aus den herausgebrochenen Zweigen, um sie an Freunde weiterzugeben. 

Und so kommt es, dass ich mich jedes Jahr im Juli auf allen Vieren unter den herabhängenden Zweigen ins Gewächshaus kämpfen muss, um nachzusehen, ob es meinen geliebten Tomaten gut geht und ob es vielleicht irgendwo in diesem Urwald schon etwas Reifes zu ernten gibt.

Fühlt sich an wie Ferien

Das Badezimmer, das Karlsson am Samstag geputzt hat, ist heute noch fast ganz sauber.

Wenn wir essen, ist die Küche danach im Nu aufgeräumt.

Am Tisch kann man sein eigens Wort verstehen, weil alle reif genug sind, einander ausreden zu lassen.

Bleibt nach dem Frühstück ein leerer Joghurtbecher auf dem Tisch stehen, weiss man ganz genau, wen man herbei pfeifen muss, damit aufgeräumt wird. Die Ausrede vom „anderen“, der seine Sache mal wieder nicht gemacht hat, zieht jetzt nämlich nicht.

Manchmal ist es auch einfach still im Haus, weil jeder mit irgend etwas beschäftigt ist.

Man möge mir verzeihen, dass ich diese Woche hin und wieder denke, so ein Leben mit einem Einzelteenager sei schon deutlich unkomplizierter als das, was wir üblicherweise Alltag nennen. 

Was nicht heissen soll, dass ich es immer so haben möchte. Aber zur Abwechslung ist es ganz angenehm. 

blommorna igen

Ungebetene Feriengäste

Eigentlich wüsste ich es ganz genau: Als Mutter sollst du dich nie zu früh und erst recht nicht allzu laut über ein paar ruhigere Tage freuen. Aber was hätte ich denn tun sollen? Die Vorfreude auf die erste Sommerferienwoche, in der vier von fünf Kindern im Jungscharlager sind, was Karlsson, „Meinem“ und mir sieben Tage ungewohnte Ruhe im Haus beschert, war einfach zu gross. Da musste ich doch hin und wieder davon reden, auch wenn ich ganz genau wusste, dass irgendwo immer ein paar Käfer lauern, die mithören, um dich genau dann zu attackieren, wenn ruhigere Zeiten anbrechen.

Genau so war es auch diesmal. Als ich gestern Nachmittag die Packliste fürs Jungscharlager studierte, klingelte es plötzlich an der Türe. Es war eine dicke, fette Erkältung, die mir einen Besuch abstatten wollte. 

„Meine Liebe, wie habe ich dich doch vermisst! Es ist so lange her, seitdem wir Zeit hatten, uns zu unterhalten“, rief sie und versuchte, mich an ihre Brust zu ziehen.

„Halt! Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?“, stammelte ich und versuchte, mich ihr zu entziehen, doch ohne Erfolg, denn sie war unglaublich kräftig.

„Nun hab dich nicht so!“, sagte sie mit beleidigtem Unterton. „Da haben wir im Winter so viele nette Stunden miteinander verbracht und jetzt gibst du vor, mich nicht zu kennen. Man wird als Erkältung ja wohl auch mal im Sommer unangekündigt bei seinen besten Freunden reinplatzen dürfen.“

„Ääääh, es ist so… es ist gerade sehr ungünstig. Luise, der FeuerwehrRitterRömerPirat, der Zoowärter und das Prinzchen wollen nämlich morgen ins Ferienlager fahren und da dachten ‚Meiner‘ und ich….“

Weiter kam ich nicht, denn die Erkältung fiel mir ins Wort: „Wunderbar! Da hast du ja nicht nur Platz für mich, sondern auch noch für meine reizenden Kinderlein. Ohrenweh! Halsweh! Kopfweh! Wo steckt ihr denn schon wieder? Ihr braucht euch nicht zu verstecken, die Dame hier ist sehr nett. Sie hat uns gerade eine Ferienwohnung angeboten. Ist das nicht reizend?“

Und bevor ich noch etwas sagen konnte, stürmte die Erkältung mit ihrer ungezogenen Brut ins Haus. Während die Kinder sich die ganze Nacht mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten vergnügten, machte es sich die Erkältung an meinem Bett gemütlich.

„Ist das nicht herrlich?“, sagte sie eins ums andere Mal. „Sieben Tage lang nur du und ich. So etwas gibt es selten, das muss man geniessen.“

„Freu dich nicht zu früh“, gab ich mit heiserer Stimme zurück. „Mir scheint, der FeuerwehrRitterRömerPirat habe bereits die Nase voll von deinen ungezogenen Gören und mit wem wollen sie sich denn vergnügen, wenn er morgen seinen Geschwistern ins Ferienlager nachreist? Karlsson ist zu alt für solchen Kinderkram und ‚Meiner‘ ist von seinen Schülern abgehärtet. Wir werden euch schneller los sein, als dir lieb ist.“ 

„Wir werden ja sehen“, sagte sie spöttisch und strich mir über meine heisse Stirn. „Wir werden ja sehen…“

skål

 

Durchgestanden

Acht lange Jahre hat er nun gekämpft, hat sich immer wieder aufgerafft, sich einen neuen Schubs gegeben, sich vorgenommen, es allen zu zeigen, weil er ja tief in sich drinnen weiss, was er alles kann. Immer und immer wieder ist er an Grenzen gestossen, angeeckt und mutlos geworden. Gemeinsam haben wir nach Auswegen gesucht, oder zumindest nach Unterstützung, aber vieles, was zu Beginn vielversprechend aussah, stellte sich bald einmal als Sackgasse heraus. Wir haben daran gedacht, ihn in eine Privatschule zu stecken, ihn ganz aus der Schule zu nehmen, oder es vielleicht an einem anderen Ort zu versuchen, aber es gab immer wieder gute Gründe, dies nicht zu tun.

Morgen nun ist es endlich durchgestanden, nach den Sommerferien beginnt etwas Neues. Da ist zuerst einmal grosse Erleichterung, aber natürlich gibt es auch Fragen: Haben wir richtig gehandelt? War es richtig, ihm diese acht Jahre zuzumuten? Hätte es vielleicht doch eine Lösung gegeben, die wir einfach nicht erkennen konnten? 

Wir werden es nie wissen, ob es einen besseren Weg gegeben hätte. Was wir aber mit Sicherheit wissen: Hätten wir uns für eine Scheinlösung entschieden, hätte es noch länger gedauert, bis wir die Ursache für die Schwierigkeiten gefunden hätten. Es waren schwierige Jahre – vor allem für ihn, aber auch für uns. Doch am Ende steht die Hoffnung, dass wir jetzt endlich die richtige Lösung gefunden haben.

Ich wünsche dem FeuerwehrRitterRömerPiraten aus tiefstem Herzen, dass er nun endlich die Gelegenheit bekommt, zu erblühen und zu zeigen, was alles Wunderbares in ihm steckt. 

Höhle

Faltenfrei

Früher oder später müssen wohl alle Halbwüchsigen gegen ihr Elternhaus rebellieren, auch diejenigen, die die Auflehnung nicht unbedingt im Blut haben. Sie werden vielleicht einfach einen etwas sanfteren Weg einschlagen. So wie Karlsson, der plötzlich alles bügelt, was sich bügeln lässt. Nein, nicht nur sein Kleidung, auch seine Bettwäsche und manchmal sogar die Badetücher.

Was daran so rebellisch sein soll? Nun, in diesem Haus wird aus Prinzip nicht gebügelt und zwar schon seit vielen Jahren nicht mehr. Bügeln ist reine Zeitverschwendung, finden „Meiner“ und ich, denn kaum hat man die Kleider am Leib, sind sie auch schon wieder zerknittert. Ausserdem müssten wir den lieben langen Tag am Bügelbrett stehen, wollten wir je den Wäscheberg in perfekte, faltenfreie Stapel verwandeln. So lange schon haben wir das Bügeleisen zuhinterst im Schrank verstaut, dass der Zoowärter und das Prinzchen die Arbeit nur vom Hörensagen kennen würden, wenn nicht der grosse Bruder irgendwann damit angefangen hätte. 

Wie immer bei solchen Dingen fing alles ganz harmlos an. Karlsson wollte zu einem Konzert, die Grossmama bot ihm an, sein Hemd zu bügeln und damit war es um ihn geschehen. Erst griff er nur bei speziellen Anlässen zum Bügeleisen, doch mit der Zeit wurde das Bedürfnis nach perfekt geglätteter Kleidung immer grösser. Richtig schlimm wurde es, als ihm die Grossmama ihre Bügelmaschine vermachte. Seither kann er stundenlang am Tisch sitzen, vor sich ein Berg von Leintüchern, Hemden und Hosen. Und wenn er damit fertig ist, fragt er, ob wir vielleicht noch etwas hätten, was wir gebügelt haben möchten.

Das alles ist nicht so harmlos, wie es aussieht, denn man könnte diesen Bügelwahn durchaus auch als stumme Anklage verstehen. „Warum musste ich immer in zerknitterten Kleidern rumlaufen?“, scheint er uns zu fragen. „Seht ihr denn nicht, wie viel schöner ein faltenfreies Leben ist? Habt ihr denn gar kein Pflichtbewusstsein?“

Nun, unser Pflichtbewusstsein in Sachen Wäschepflege mag wohl tatsächlich nicht allzu gross sein. Dafür aber wissen wir, was sich für anständige Eltern gehört, wenn der Sohn rebelliert: Wir machen uns Vorwürfe und fragen uns, was wir anders hätten machen müssen. Ob sich die Exzesse hätten vermeiden lassen, wenn wir der Wäschepflege mehr Aufmerksamkeit geschenkt hätten? Ob er uns je verzeihen wird, dass wir derart schlechte Vorbilder waren? Ob bei ihm das Bügeln zu einer Besessenheit wird, so dass am Ende auch Waschlappen und Unterhosen faltenfrei sein müssen? Und natürlich auch die bange Frage, ob die jüngeren Geschwister sich von ihrem grossen Bruder beeinflussen lassen, so dass am Ende „Meiner“ und ich die einzigen Zerknitterten unter den vielen Faltenfreien sein werden. 

Wobei uns das ja ohnehin blüht in den nächsten Jahren…

blomma

 

 

Wieder so ein Wochenende…

Wir haben…

1. Zwei verschiedene Infoblätter, auf denen steht, um welche Zeit der FeuerwehrRitterRömerPirat und das Prinzchen an ihren Ständen erwartet werden und um welche Zeit sie zu ihrem Auftritt aufkreuzen müssen.

2. Einen kleinen Papierstreifen, auf dem steht, dass die Auftrittszeit auf Prinzchens Infoblatt nicht mehr gilt, da es eine Programmänderung gegeben hat, weshalb wir das Kind erst 45 Minuten später als ursprünglich angegeben zum Festplatz schicken sollen.

3. Einen Getränkebon und einen Essensgutschein für das Prinzchen.

4. Einen FeuerwehrRitterRömerPiraten, der sagt, er hätte diese Bons eigentlich auch bekommen sollen, aber der Lehrer habe wohl nicht mehr dran gedacht.

4. Einen Zoowärter, der auf die Frage, wann er denn seinen Einsatz habe, ob er in der Schule auch ein Infoblatt bekommen habe und wo seine Bons seien, nur die Schultern zuckt und antwortet: „Ääääääh… böööööö“.

5. Einen Zoowärter, der aber immerhin weiss, dass er um zehn vor elf auf dem Schulhausplatz erwartet wird. Was dort genau mit ihm geschehen wird? „Ääääääh… böööööö“.

6. Eine Luise, die auf den Tag verteilt mehrere Einsätze hat, was sie mir aber nicht im Detail erklären will, weil ich mich gerade wieder aufgeführt habe wie eine Mutter, weshalb sie leicht angesäuert ist. 

7. Eine WahtsApp-Nachricht, in der steht, um welche Zeit ich für den Getränkeausschank vorgemerkt bin, was ich aber nicht überprüfen kann, weil mein Handy den Geist nun definitiv aufgegeben hat.

8. Einen Ehemann, der verkündet, er habe eigentlich gar keine Lust auf das ganze Theater, er möchte lieber den ganzen Tag malen.

9. Ein Haus, das ganz dringend aufgeräumt werden sollte.

10. Einen Karlsson, der eigentlich vollkommen unbeteiligt sein könnte und deshalb lieber mit mir besprechen möchte, welche Sorte Brot er zur Abschlussfete mit dem Chemielehrer, die am Dienstag stattfindet, mitbringen soll, für wie viele Menschen so ein Laib denn reicht, wie man das Ganze umrechnen muss und ob ich ihm beim Backen helfen kann. 

11. Eine Wekaustellung, bei der es viele wunderschöne Schülerarbeiten zu besichtigen gibt, was man natürlich in aller Ruhe tun möchte.

12. Mehrere Zettel und Zettelchen, auf denen angegeben ist, um welche Zeit am Sonntag die vielen schönen Werkarbeiten abzuholen sind. 

13. Einen FeuerwehrRitterRömerPiraten, der auf gar keinen Fall vergessen darf, die Werkarbeiten seines Schulkameraden ebenfalls abzuholen, da dieser am Sonntag nicht da ist. 

14. Eine Mama, die morgen nach Bern zum schwedischen Buchklub abrauschen wird, obschon der Papa doch wirklich ein Paar zusätzliche Hände gebrauchen könnte, um all die Werkarbeiten unversehrt nach Hause zu bringen.

15. Einen Fresszettel, auf dem ich versucht habe, die wichtigsten Punkte aus den einzelnen Infobriefen zusammenzufassen, um einen mehr oder weniger geordneten Gesamtüberblick zu bekommen. 

Und jetzt füge man aus all diesen Zutaten einen gelungenen Wochenende zusammen, an dem sich nicht nur die einzelnen Familienmitgleider zu den rechten Zeiten an den rechten Orten einfinden, sondern auch die Familie als Ganzes sich aktiv und selbstverständlich vollkommen entspannt am Schul- und Dorfleben beteiligt.