Er ist jetzt alt genug dafür

Es waren einmal eine Mama und ein Papa, die viele kleine Kinder und wenig freie Zeit hatten. Freie Zeit aber hätten sie gebraucht, wenn sie einander anständige Weihnachtsgeschenke hätten kaufen wollen, denn der Onlinehandel steckte damals hierzulande noch in den Kinderschuhen. Also mussten die Mama und der Papa ihre Weihnachtseinkäufe irgendwie zwischen Windelbergen, schlaflosen Nächten und eingestürzten Duplotürmen erledigen. Weil das ziemlich schwierig war, blieb der Mama einmal nichts anderes mehr übrig, als dem Papa ein Rückenmassage-Gerät zu schenken, das ihr zwischen die Finger geriet, als sie mit einer Horde von Kleinkindern im Schlepptau einen monströsen Wocheneinkauf erledigte. Mit grossem Befremden starrte der Papa am Weihnachtsabend das Gerät an, das er aus dem Geschenkpapier gewickelt hatte. Ob er denn schon so alt sei, dass er so ein Ding brauche, wollte er wissen. Zum ersten und einzigen Mal kam es zu Streit wegen eines Geschenks, denn er wusste nicht zu würdigen, dass sie immerhin noch geistesgegenwärtig genug gewesen war, trotz Stilldemenz daran zu denken, überhaupt etwas für ihn zu kaufen. 

Die Jahre gingen ins Land und das Rückenmassage-Gerät fristete ein trauriges Dasein in einer Kiste. Hin und wieder, wenn das Badezimmer gründlich aufgeräumt wurde, tauchte es aus der Versenkung auf. Die Mama und der Papa lachten dann über das missglückte Weihnachtsgeschenk und dachten an die Zeit zurück, als es vor lauter Familienleben kaum einmal möglich war, einander etwas zuliebe zu tun. Dann verschwand das Gerät wieder ungenutzt in der Kiste.

Allmählich aber wurden die Mama und der Papa älter, sie machten erste Erfahrungen mit Hexenschüssen und schliesslich, als an Weihnachten 2017 die Heizung für eine geschlagene Woche den Dienst quittierte, zog sich der Papa wegen der Kälte eine üble Rückenverspannung zu. So übel war die, dass er sich endlich alt genug fühlte, um das Gerät in Betrieb zu nehmen.

Als er wenig später etwas schmerzfreier und deutlich entspannter auf dem Sofa sass, konnte er tun, was ihm vor Jahren noch nicht möglich war: Er könnte sich von Herzen bedanken für das, was er eigentlich nie hätte haben wollen.

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Bloss keine falschen Schlüsse ziehen

Wenn sie sich fürchten, kommen sie nicht mehr in dein Bett gekrochen.

Ihre Geheimnisse vertrauen sie anderen an.

Haben sie sich auf irgend eine Weise weh getan, kommen sie nicht mehr weinend zu dir gerannt, um sich trösten zu lassen.

Ihre Bewunderung für dich bringen sie nur noch äusserst selten zum Ausdruck und wenn doch, dann meist als ironische Bemerkung kaschiert.

Wenn du abends weggehst, weinen sie dir keine Träne nach, es sei denn, du hättest die Fernbedienung mitgenommen, um sie vom fernsehen abzuhalten. 

Wühlst du in ihrem Beisein in deinen Kindheitserinnerungen, hören sie dir nicht mehr gebannt zu, sondern fallen dir irgendwann ins Wort, um zu sagen: „Ja, ich weiss, da hattest du ganz schreckliche Angst und deine Schwester musste dir wieder die Geschichte von der lustigen Watschelente erzählen, damit du einschlafen konntest. Hast du uns schon hundertmal erzählt…“

Seid ihr gemeinsam unterwegs, halten sie nicht mehr voller Stolz deine Hand. Viel lieber halten sie ein wenig Distanz, um nicht mit dir in Verbindung gebracht zu werden.

Was dir gehört, finden sie nicht mehr unglaublich toll, sondern ziemlich altbacken und peinlich. 

Machst du etwas falsch, sagen sie nicht mehr: „Schon okay, Mama“, denn dein Fehler liefert ihnen eine Gelegenheit, dir endlich einmal ins Gesicht zu sagen, was sie schon immer doof fanden. 

Nicht selten fällst du ihnen schlicht und einfach auf die Nerven.

Dennoch wäre es ganz und gar falsch, zu glauben, sie würden dich nicht mehr brauchen und hätten kein Bedürfnis mehr, von dir zu hören, dass du immer für sie da sein wirst und dass du sie über alles liebst. 

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Peinlich? Mir doch egal!

Man legt uns Müttern nahe, unsere Teenager nicht mehr in aller Öffentlichkeit zu umarmen, wenn sie ein gewisses Alter erreicht haben. Peinlich sei das für die Kinder und vielleicht auch ein Anzeichen von Überbehütung. Als ich heute den FeuerwehrRitterRömerPiraten zum Reisecar begleitete, der ihn ins Skilager bringt, habe ich ihn trotzdem umarmt, bevor er das Treppchen hochstieg. 

Erstens, weil er mein Kind bleibt, auch wenn er mich inzwischen um gute sieben Zentimeter überragt. Das ändert aber nichts daran, dass er mir fehlen wird, wenn er fünf Tage lang nicht hier ist, um auf meinen Nerven herumzutanzen, also lasse ich es mir nicht nehmen, ihn noch einmal in den Arm zu nehmen und insgeheim ein bisschen sentimental zu werden, weil er jetzt auch schon so gross ist. 

Zweitens, weil er jetzt in dem Alter ist, in dem Eltern vordergründig nicht mehr viel zu bieten haben. Als Mass aller Dinge gilt die Meinung der Schulfreunde. Als Vorbild dienen offiziell die Stars und Sternchen, inoffiziell die Klassenlehrer und Leiter verschiedener Freizeitangebote. Brauchen sie mal jemanden, dem sie das Herz ausschütten können, kommen Grossmütter, Tanten und Gotten zum Zug. Was bleibt mir da als Mutter noch zu tun? Nur eines: Für diese kleine Prise Peinlichkeit in ihrem Leben zu sorgen. Damit sie jetzt bei ihren Freunden etwas zum Lästern haben und später dann – wenn ich in ihren Augen schon längst nicht mehr peinlich, sondern so etwas wie eine Heilige bin – ein paar Erinnerungen, die sie hemmungslos verklären können. 

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Déja-vu

Wer den Mann oder die Frau des Lebens in sehr jungen Jahren gefunden hat, kennt die Situation: Ihr verbringt einen netten Abend mit Freunden, die Stimmung ist wunderbar und du bist so locker drauf, dass du gerade heraus sagst, was du denkst. „Diese Hose ist potthässlich“, zum Beispiel. Oder: „Der Abend bei deinen Eltern war voll langweilig.“ Oder: „Picknicken finde ich total doof.“ Oder sonst irgend eine Sache, die man halt so sagt, wenn man glaubt, zu allem eine Meinung äussern zu müssen, weil man noch nicht begriffen hat, dass man jetzt einen geliebten, aber ausgesprochen sensiblen Menschen an seiner Seite hat. Und darum ist der Abend von diesem Moment an im Eimer. Solange die anderen noch dabei sind, fällt dir bloss auf, dass der Mann oder die Frau an deiner Seite plötzlich etwas kurz angebunden ist, sobald ihr aber alleine seid, geht es los mit dem ganzen „Du weisst doch, wie sehr es mich verletzt, wenn man mein Äusseres kritisiert und ich bin der einzige Mensch auf diesem Planeten, der meine Eltern nicht mögen darf und wenn du Picknicks nicht liebst, liebst du auch mich nicht.“ Im besten Fall seid ihr euch nach stundenlanger Gefülsanalyse, tausend Beteuerungen, dass es nicht so gemeint war und einer tränenreichen Versöhnung ein Schrittchen näher, als ihr es vorher wart. Im schlimmsten Fall kaut ihr drei Wochen lang an der Episode, ehe ihr endlich wieder so richtig verliebt seid.

Wenn ihr allmählich erwachsen werdet, lernt ihr, miteinander umzugehen. Falsche Bemerkungen geraten nicht mehr so leicht in den falschen Hals, jeder weiss vom anderen, wie die Dinge gemeint sind und irgendwann wird die Zeit zu zweit zu knapp, so dass ihr sie ganz bestimmt nicht mit banalen Streitereien vergeuden wollt. So kommt es, dass du dich allmählich wieder daran gewöhnst, ohne Rücksicht auf die Gefühle deiner Mitmenschen zu sagen, was du denkst. Du lässt dich wieder dazu verleiten, laut zu verkünden, wie hässlich du hellgraue Wände findest, wie doof ein bestimmter Comic deiner Meinung nach ist und was du über den Gebrauch von zu viel Parfum denkst. Tja, und dann sitzt da plötzlich ein Teenager vor dir, der dich mit grossen, traurigen Augen ansieht, weil du mit deiner herzlosen Aussage seine Gefühle verletzt hast und irgendwie kommt dir die Situation sehr bekannt vor. 

Im besten Fall seid der Teenager und du euch nach stundenlanger Gefülsanalyse, tausend Beteuerungen, dass es nicht so gemeint war und einer tränenreichen Versöhnung ein Schrittchen näher, als ihr es vorher wart. Im schlimmsten Fall kaut ihr drei Wochen lang an der Episode, ehe die Luft zwischen euch wieder richtig rein ist. Ob du dich je trauen wirst, wieder ganz entspannt deine Meinung zu äussern, ist fraglich. Der Satz „Meine Mutter hat immer so abschätzig… und darum habe ich es nie geschafft…“ kommt dir ja auch noch von irgendwo bekannt vor…


 

Die haben vielleicht Wünsche…

Geburtstagskinder haben mich schon immer dazu bringen können, Dinge zu tun, die ich sonst für niemanden auf der Welt tun würde. Für Karlsson habe ich mit Todesverachtung Leber durch den Fleischwolf gedreht und Sülze zubereitet, Luise hat mich dazu gebracht ihr Barbies zu schenken und mit ihr die wildesten Bahnen des Europa Parks zu testen, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten konnte ich den innigen Wunsch, die hausgemachten Knöpfli mit Ketchup zu verspeisen, nicht verwehren und der Zoowärter brachte mich dazu, dem Disney-Konzern sehr viel mehr Geld in den Hintern zu schieben, als mir lieb gewesen wäre. Einzig das Prinzchen sah während der ersten sieben Jahre keinen Grund, mich dazu zu zwingen, über meinen Schatten zu springen. Höchste Zeit also, dass auch er einen Liebesbeweis von mir fordert, der mich Überwindung kostet. Nächsten Mittwoch ist es soweit: Ich soll ihn und seine Geburtstagsgäste ins Fussballmuseum begleiten.

Ich weiss nicht, was ich schlimmer finde: Die Tatsache, dass ich mich einen ganzen Nachmittag lang mit Bällen, Fussballern und Pokalen befassen muss oder der Gedanke, dass die FIFA jetzt auch noch von uns Geld bekommt. 

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Die Glucke auf der Schlussfeier

Pro Familie waren ja nur zwei Plätze reserviert, doch als ich mich neben „Meinem“ in eine der hintersten Kirchenbänke zwängte, stellte ich fest, dass sich die Glucke zu uns gesellt hatte. 

„Was machst du denn hier?“, zischte ich verärgert. „Wir haben nur zwei Eintrittskarten. Du musst verschwinden.“

„Warum soll ausgerechnet ich verschwinden? Du kannst ja gehen“, gab sie giftig zurück.

„Vergiss es! Ich bleibe. Karlsson hat die Eintrittskarten mir gegeben, nicht dir. Also geh jetzt, ich will diese Abschlussfeier geniessen.“

„Ich bleibe“, beharrte sie. 

Wären nicht in diesem Augenblick die ersten Schulabgänger zur Tür hineingekommen, hätte ich vielleicht noch versucht, sie unsanft zum Ausgang zu befördern, aber dafür war es jetzt zu spät. Und anfangs ging es ja auch noch ganz gut mit ihr. Klar, sie starrte wie gebannt auf Karlsson, als die Schüler vorne sangen, sie murmelte auch andauernd: „Sieht er nicht toll aus?“, aber ansonsten hielt sie sich ziemlich ruhig. Die Reden liess sie still über sich ergehen, doch als die Schulklassen aufgerufen wurden, ihre Zeugnisse in Empfang zu nehmen, fing sie an, nervös zu werden. 

Erst rutschte sie bloss unruhig auf ihrem Platz herum.

Dann fing sie an zu fragen: „Wann kommt Karlsson endlich dran? Sag ‚Deinem‘, er soll sich bereit machen, Fotos zu schiessen.“

Aber es  dauerte – Karlsson kam erst ganz am Schluss –  und so musste sie sich irgendwie beschäftigen. Also fing sie an, bei jedem, der ihr während Karlssons Schulzeit auf irgend eine Weise positiv aufgefallen war, begeistert zu applaudieren. „Was für ein netter Kerl“, seufzte sie beim einen, „Seit der Spielgruppe kennen sie sich nun schon“, bei der anderen, „Hoffentlich verlieren sie sich nicht aus den Augen“, beim Dritten. Weil das noch immer nicht genug war, fing sie an, leise zu schniefen und zu murmeln, wie schnell doch die Zeit vergehe, eben erst hätten die Kinder alle zusammen im Sandkasten gespielt und jetzt seien sie alle schon so gross. „Es war so eine schöne Zeit und jetzt soll das alles vorbei sein“, heulte sie. 

Ich hätte sie gerne darauf hingewiesen, dass die Zeiten zumindest während der ersten sechs Schuljahre bei Weitem nicht immer rosig gewesen waren, aber jetzt war endlich Karlsson an der Reihe und nun seufzte und schluchzte und schniefte sie natürlich erst recht und das war dann so ansteckend, dass ich mir selber auch die eine oder andere Träne aus den Augen wischen musste. 

„Das Ganze lässt dich also doch nicht so kalt, wie du immer behauptest“, meinte die Glucke hämisch, als sie ihre Gefühle endlich wieder halbwegs unter Kontrolle hatte.

„Ich hab‘ nie behauptet, es liesse mich kalt“, entgegnete ich. „Aber so ein Theater wie du muss man nun wirklich nicht machen. Er hat ja noch ein paar Schuljahre vor sich.“

Tja, und dann heulte sie gleich wieder los, denn nun fiel ihr wieder ein, dass Karlsson nach den Sommerferien über Mittag nicht mehr nach Hause kommen kann und das findet sie ganz schrecklich.

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