Besiegt

Falls jemand von euch heute zufällig in der Migros Aarau war und dort irgendwo zwischen Gemüseabteilung und Molkerei einem übel zugerichteten, laut klagenden Etwas begegnet ist: Das war meine Überzeugung, die nach einem brutalen Kampf mit der Glucke zu Boden gegangen ist. Die zwei lagen ja schon seit Tagen miteinander im Streit um die Erdbeerfrage und heute, einen Tag vor Luises Geburtstag, kam es zum Showdown. Es muss leider gesagt sein, dass meine Überzeugung von Anfang an einen schlechten Stand hatte, denn Luises flehender Blick hatte sie bereits gestern ziemlich ins Wanken gebracht. Somit hatte die Glucke heute ein leichtes Spiel. Unbeirrt marschierte sie zum Regal mit dem ökologisch verwerflichen Erdbeer-Sonderangebot, nachdem sie die Überzeugung mit einem gezielten Schlag in die Magengrube ausser Gefecht gesetzt hatte. Während sich die Arme heulend auf dem Fussboden wand, schnappte sich die Glucke auch noch frische Him- und Heidelbeeren, die ihre Lasterhaftigkeit mit einem Bio-Label zu kaschieren versuchten. „Schnell, zugreifen, solange die Alte noch darniederliegt!“, hörte ich sie murmeln, als sie das Zeug in den Korb legte. 

Später, nachdem die Ware bezahlt war, ging ich zurück in den Laden, um meiner Überzeugung auf die Füsse zu helfen. Erst wollte sie nicht mehr mit mir mitkommen. „Verräterin!“, zischte sie. „Wie konntest du bloss so hinterhältig sein und mich an die Glucke verraten?“ „Ich verspreche dir, in den kommenden Wochen besonders gut auf dich zu hören, um für mein heutiges Versagen zu sühnen“, gab ich zur Antwort. „Aber du musst auch das Positive sehen. Immerhin hat sich Luise diesmal keine Spargeln aus Peru gewünscht.“

Chabis

 

 

Mit Wurst zum Erfolg

Was habe ich nicht alles getan, um ihr irgendwann vielleicht doch noch eine Freude zu machen? Potthässliche Nelken habe ich gekauft, weil ihr nur diese gefallen. Stundenlang Zitronenmarmelade gekocht, weil sie Saures lieber mag als Süsses. Errötend an der Kioskkasse gestanden, um die Romane, die sie so gerne liest, zu bezahlen. Sogar den Wunsch nach einem Hund half ich zu erfüllen. Und mehr als einmal verbrachte ich ihr zuliebe endlose Stunden im überfüllten Shoppingcenter. Es half alles nichts. Die Schwiegertochter, die mit einem einzigen Jawort all ihre Träume zum Platzen gebracht hatte, sollte bloss nicht glauben, damit lasse sich der angerichtete Schaden wieder gut machen. 

Jetzt endlich ist es mir gelungen, Schwiegermama glücklich zu machen und zwar mit einer Wurst. Ausgerechnet ich, die ich ihr mit meinem Vegetarismus so viel Kummer bereitet habe, habe für sie die beste Wurst der Welt aufgespürt. Eine ohne Rind und Kalb, dafür mit ganz viel Schwein, also einfach perfekt. Dafür gebührt mir Lob und Dank – zwei Dinge, die Schwiegermama nur sparsam verteilt.

Wie gerne würde ich mich jetzt, wo mir endlich Erfolg beschieden ist, ein wenig auf meinen Lorbeeren ausruhen, aber ich darf nicht. Ich muss Wurstnachschub besorgen, doch das ist einfacher gesagt als getan. Ich kann mich nämlich beim besten Willen nicht mehr erinnern, welche es war. 

Die Glucke und die Grüne, die hatten einen Streit…

Einmal mehr befinde ich mich in einem dieser banalen Dilemmata, in die nur Mütter geraten, die einerseits der Meinung sind, an Geburtstagen seien sämtliche erfüllbaren Wünsche zu erfüllen, die aber andererseits den tiefen Wunsch verspüren, so umweltbewusst wie nur immer möglich durchs Leben zu gehen. Diesmal geht es um Luise und die Erdbeeren.

Luise ist ein Frühlingskind. Leider aber eines, das das Licht der Welt ein paar Wochen vor Beginn der hiesigen Erdbeersaison erblickt hat. Dies hindert sie aber nicht daran, sich zum Geburtstag einen Berg Erdbeeren mit Schlagrahm zu wünschen. Die Glucke in mir drängt mich natürlich dazu, eine Ausnahme zu machen und ihr diesen Wunsch zu erfüllen, aber die Grüne, die eben auch in mir steckt, sträubt sich mit Haut und Haaren dagegen.

Man weiss ja, woher die Erdbeeren kommen, die jetzt schon in den Regalen liegen. Mit der Frage, weshalb dies ökologisch bedenklich ist, hat man sich selbstverständlich eingehend befasst und natürlich hat man sich auch unzählige Male darüber geärgert, dass das Zeug rundum in Plastik verpackt daherkommt. Kurz: Man weiss, dass die Erdbeeren, die um diese Zeit bei uns zu haben sind, ganz schrecklich böse sind.

Und sie sind ja nicht nur böse, sie sind auch furchtbar fade und wässrig. Kommt hinzu, dass es ganz schön peinlich wäre, wenn ich beim Einkauf ertappt würde. Wie stünde ich denn da, mit hochrotem Kopf, peinlich berührt stammelnd, ich würde sowas ja eigentlich nie tun, aber es sei nun mal Luises Geburtstag und da könne man doch nicht so sein…

Der Fall wäre eigentlich klar: Luise muss an ihrem Geburtstag auf umweltverträglichere Weise glücklich werden. Doch wenn sie mich dann ansieht mit ihren grossen, himmelblauen Augen, dann schmelzen meine Grundsätze dahin wie der letzte Schnee an der Frühlingssonne. 

Noch ist der Streit zwischen der Glucke und der Grünen nicht entschieden, doch schon heute steht fest, dass eine der beiden am Ende zutiefst beleidigt sein wird. 

Krokus

So weit sind wir jetzt also schon

Es ist kurz vor Mittag und weil im Kühlschrank gähnende Leere herrscht, hetze ich noch schnell in die Migros. Wie immer, wenn ich Essen für die Familie einkaufe, flüstert mir eine leise Stimme ins Ohr: „Mehr Poulet! Du weisst doch, wie sehr sie das lieben. Und unbedingt zwei Becher Crème Fraîche. Einer reicht nie und nimmer. Willst du nicht ein ganzes Kilo rote Bohnen nehmen? Die mögen sie doch auch so gern. Halt! Stop! Mehr Käse! Mehr Mais! Mehr Oliven! Und mehr Tortillas! Himmel, nun greif schon zu. Die hungrige Meute wird das innert Sekunden vertilgt haben.“

Fünfzehn Minuten später stehe ich am Herd und rühre in den Töpfen. Luise kommt nach Hause, wenig später der Zoowärter, dann keiner mehr. Ach so, ist ja Mittwoch. Prinzchen wird also wie immer bei seinem besten Freund essen. Der FeuerwehrRitterRömerPirat ist im Skilager. „Meiner“ ist in der Stadt, um dem Zoowärter eine neue Jacke und mir neues Henna zu besorgen. Karlsson bleibt an seinem freien Nachmittag in der Schule. Er hat sich vorgenommen, mit Freunden zu lernen,  was – wenn ich mich recht erinnere – bei Gymnasiasten meist zu einer ausgedehnten und äusserst unterhaltsamen Diskussionsrunde führt. Vor fünf ist nicht mit ihm zu rechnen.

„So fängt das also an“, murmle ich vor mich hin, als der Zoowärter, Luise und ich hinter einem riesigen Berg Essen am fast unbesetzten Tisch sitzen.

Tja, ich fürchte, bald werden sie über mich lachen, so wie wir jeweils über unsere Mutter gelacht haben, wenn sie für die Neun kochte, die früher am Tisch sassen, anstatt für die Zwei, die tatsächlich zum Essen erschienen.

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Fastenfragen

Da wir die Zügel in Sachen gesunder Ernährung in letzter Zeit etwas haben schleifen lassen, habe ich die beginnende Fastenzeit für pädagogische Zwecke missbraucht und für die kommenden Wochen ein generelles Süssigkeiten-, Dessert-  und Colaverbot verhängt. Seither werde ich mit sonderbaren Fragen konfrontiert:

„Dürfen wir jetzt bis Ostern nur noch Wasser trinken?“

(Natürlich. Es gibt auf diesem Planeten ja nur zwei Getränke: Wasser und Cola.)

„Muss ich auch im Skilager aufs Dessert verzichten?“

(Aber klar doch! Ich werde deine Mitschüler dafür bezahlen, dir ganz genau auf die Finger zu schauen und mir jeden Regelverstoss umgehend zu melden. Für jeden Bissen Dessert wird die Fastenzeit um eine Woche verlängert. Aber nur für dich. Wir anderen essen dann wieder Kuchen.)

„Sind Früchte noch erlaubt? Die enthalten doch auch Zucker…“

(Früchte? Lasst um Himmels Willen die Finger von diesem Zuckerzeugs! Immer, nicht bloss in der Fastenzeit!)

„Aber Luise bekommt trotzdem eine Geburtstagstorte?“

(Warum denn? Luise kann ja nächstes Jahr wieder feiern. Vorausgesetzt, ihr Geburtstag fällt nicht wieder in die Fastenzeit.)

„Warum hast du Lasagne mit Fleisch gekocht? Das ist ist doch jetzt nicht mehr erlaubt.“

(Ihr glaubt also, die Vegetarierin, die euch noch nie dazu gezwungen hat, es ihr gleich zu tun, würde euch jetzt plötzlich dazu verdonnern, Pilzlasagne zu essen? Vergesst es! Dieses Gemotze würde ich nicht aushalten.)

„Müsstest du nicht auch auf Kaffee verzichten?“

(Liebe Kinderlein, ihr möchtet doch nicht im Ernst riskieren, dass eure ohnehin schon launenhafte Mama gänzlich auf Koffeinentzug kommt? Das Colaverbot ist mir Herausforderung genug.)

Himmel, die glauben allen Ernstes, mir sei der gesunde Menschenverstand abhanden gekommen. Dabei will ich doch bloss, dass wir uns wieder mit etwas mehr Verstand ernähren.

Das könnte uns jetzt nicht interessieren

Wer heute in seiner Küche etwas Frittiertes zubereitet, tut dies nicht, ohne sich vorher eingehend mit der Frage auseinanderzusetzen, ob das erlaubt ist, erst recht, wenn die Speise neben viel Fett auch noch eine gehörige Portion Zucker enthält. Da gilt es zu überlegen…

… wie viel Fett und Zucker die Kinder in den vergangenen sechs Tagen bereits konsumiert haben. 

… mit welchen Massnahmen man diesen Frevel in den kommenden Tagen zu kompensieren gedenkt.

… mit welchen Worten man den Kindern verständlich macht, dass dies eine ganz böse, Sache ist, die man sich nur ausnahmsweise mal gönnen darf, weil Frittiertes fast so gefährlich ist wie illegale Drogen.

… wie man das schlechte Gewissen zum Schweigen bringt, das einem einreden will, wer seinen Kindern Frittiertes vorsetze, könne sie auch gleich vergiften.

Ist all dies zu Ende gedacht, wird es Zeit für die Vorbereitungen. Als erstes gilt es natürlich,  die Fritteuse zu finden, die irgendwo im hintersten Winkel verborgen ist, weil sie erstens nur etwa einmal alle zwei Jahre im Einsatz ist und zweitens auf gar keinen Fall strenggläubigen Gästen, die jeglichen Fettkonsum aufs Strengste verurteilen, unter die Augen kommen darf. Danach werden alle Fensterläden geschlossen, damit die Nachbarn nicht mitkriegen, welches Verbrechen da gerade begangen wird. Und natürlich muss man sich auch ein paar kluge Ausreden zurechtlegen für den Fall, dass unverhofft jemand reinschneit, wenn man gerade an der Fritteuse steht. 

Ist man schliesslich an dem Punkt angelangt, an dem man endlich loslegen könnte, braucht man eines nicht: Eine Rezept-Homepage, die unterhalb des Rezeptes unter „Das könnte Sie auch interessieren“ ein Buch anpreist: „Fit und Schlank – Drei Kilo abnehmen in drei Wochen“

Das interessiert uns dann wieder, wenn die Kalorienbombe verdaut ist…

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Fast schon wundersam

Nahezu Unglaubliches hat sich bei uns zu Hause ereignet. Zwei grosse Tafeln Schokolade – die Riesendinger, die etwa 400 Gramm auf die Waage bringen – haben drei volle Monate in unserem Küchenschrank überlebt. 

Keiner hat ihnen das Papier vom Leib gerissen.

Keiner hat sich heimlich ein Stück abgebrochen.

Keiner hat sie bis auf den letzten Würfel verdrückt und dann das leere Papier mit ein paar Krümeln liegen gelassen.

Ja, es sieht gar so aus, als wären sie während der ganzen langen Zeit nicht ein einziges Mal berührt worden. 

Sie liegen einfach da, zufrieden und ganz und gar unbesorgt, gerade so, als hielten sie sich nicht an einem für Schokolade brandgefährlichen Ort auf. Wo doch die durchschnittliche Lebensdauer einer Tafel Schokolade in diesem Haus eine halbe Stunde beträgt.

Ein Wunder, könnte man fast denken. Wenn es denn keine Zartbitterschokolade wäre…

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