Befindlichkeiten

Tag 1: Leerer Magen? Bleierne Müdigkeit? Volle Blase? – Alles egal. Hauptsache, die finden endlich heraus, was mit dem Kind los ist.

Tag 2: Leerer Magen? Bleierne Müdigkeit? Volle Blase? – Alles egal. Hauptsache, wir bekommen bald den richtigen Arzt zu Gesicht, damit es dem Kind bald wieder besser geht.

Tag 3: Leerer Magen? – Wer mag denn schon essen, wenn das Kind gleich operiert wird? Bleierne Müdigkeit? – Bei so viel Nervosität spürt man die doch gar nicht mehr. Volle Blase? – Na ja, immerhin die stellt kein Problem mehr dar, weil man sich während der Wartezeit ja irgendwie die Zeit vertreiben muss. Zudem hat man immerhin mal Zeit gehabt, eine Dusche zu nehmen und sich umzuziehen. Also Luxus pur.

Tag 4: Magen voll, Blase leer und Müdigkeit spielt keine Rolle mehr, denn man sitzt ja ohnehin den ganzen Tag nur da und hofft, dem Kind gehe es endlich ein wenig besser.

Tag 5: Mit leiser Stimme melden sich ein paar Bedürfnisse, die während der Aufregung der vergangenen Tage vergessen gegangen sind. Schnell bringt man sie zum Schweigen, denn die Gesundheit des Kindes hat jetzt Vorrang. Und was sich nicht zum Schweigen bringen lässt, wird durch die Anforderungen des Spitalalltags schnell auf seinen Platz verwiesen. Mama hat da zu sein, wenn sie gebraucht wird, da liegt nichts anderes mehr drin.

Tag 6: Die Müdigkeit haut auf den Tisch. Sie hat jetzt wirklich genug davon, andauernd ignoriert zu werden. Weil es dem Kind inzwischen deutlich besser geht, wagt man es, eine Nacht zu Hause im eigenen Bett zu verbringen. Das schlechte Gewissen begehrt auf. Das arme, kranke Kind! So alleine und verlassen in seinem grossen Spitalbett! Ganz abgebrühte Mütter lassen sich dadurch natürlich nicht beeindrucken. Die brauchen schon die eine oder andere spitze Bemerkung von Pflegepersonal und Zimmernachbarin, um sich tüchtig dafür zu schämen, dass sie ihr Kind so schändlich vernachlässigen.

Tag 7: Das Kind lässt die Mama wissen, das mit der Nacht zu Hause sei ganz und gar nicht in seinem Sinne gewesen. Nein, es habe sich nicht gefürchtet und es sei auch nicht wirklich schlimm gewesen ohne die Mama. Aber trotzdem… Mehr braucht Mama nicht, um wissen, wohin ihre bleierne Müdigkeit gehört: Fest eingeschlossen in einen Schrank, aus dem sie erst wieder rausgelassen wird, wenn das Kind aus dem Spital entlassen wird. Da sich das Kind inzwischen mit dem Zimmernachbarn angefreundet hat, hätte die Müdigkeit zwar theoretisch viel Zeit, sich um sich selbst zu drehen. Doch in einem engen, von zwei lebhaften Jungs und zwei trägen Müttern bewohnten Spitalzimmer gibt es dafür tagsüber kaum Platz. Es sei denn, die Müdigkeit gebe sich mit einem ganz gewöhnlichen Stuhl zufrieden.

Tag 8 & folgende: Wir werden sehen… Ein inzwischen putzmunteres Kind und eine übermüdete Mutter, die beide noch nicht nach Hause dürfen, weil die Ärzte zuerst ganz sicher sein wollen, dass die Entzündungswerte sich in die richtige Richtung bewegen, werden irgendwie ein paar sehr lange Stunden hinter sich bringen müssen. Vermutlich wird es sich anfühlen wie ein endloser Aufenthalt im Wartezimmer, denn eigentlich geht es nur noch darum, aus ärztlichem Mund ein „Sie dürfen nach Hause gehen“ zu vernehmen.

Wie haben wir das bloss überstanden?

Der Zoowärter hat sich vor ein paar Tagen einen Sonnenbrand geholt – und zwar einen richtig heftigen. Dies, obwohl er sich so dick eingecremt hat wie noch nie zuvor. Doch was hilft das schon, wenn er die neue Sonnencreme links liegen lässt und zu der Flasche greift, die eigentlich hätte entsorgt werden müssen?

Ja, ich weiss, bei guten Müttern zu Hause würde so etwas nicht passieren, bei denen stehen keine alten Sonnencremeflaschen rum.

Aber ich war an jenem Tag keine gute Mutter. In mir drinnen wütete nämlich ein fieser Käfer, der für Schädelbrummen, Gliederschmerzen und eine triefende Nase sorgte. Und um mich herum tobte das frühmorgendliche Familienchaos, wie es eben tobt, wenn „Meiner“ schon früh weg muss und ich den Laden alleine schmeisse: Zwei eigene Kinder und ein Gast, die sich für den Sporttag bereit machen müssen. Einer, der ganz und gar keine Lust auf Schule verspürt und deshalb mehrere mütterliche Motivationsspritzen benötigt, ehe er in die Gänge kommt. Eine, die dringend Hilfe mit ein paar Kleinigkeiten braucht. Einer, der sich schnell ein Mittagessen zusammensucht und dabei ein wenig plaudern möchte, bevor er aus dem Haus geht. Dann noch ab und zu jemand, der an der Türe klingelt, um zu fragen, ob diejenigen, die bereit sein müssten, schon bereit sind.

Mir ist klar, dass es durchaus Mütter gibt, die auch an so einem Morgen noch alles im Griff haben, aber ich gehöre offensichtlich nicht zu dieser Sorte.

Und so kam es eben, dass wir ein paar Stunden später einen ziemlich verbrannten Zoowärter in Empfang nehmen mussten. Einen Zoowärter, der in der Folge ziemlich oft nachts wach wurde, weil sich die Schmerzen wieder bemerkbar machten, was mitten in der Nacht noch viel schlimmer war als am Tag. Also waren „Meiner“ und ich alle paar Stunden im Einsatz, um zu salben, zu kühlen, gut zuzureden, Ängste zu verscheuchen und zu trösten. Mal stand „Meiner“ auf, mal ich, mal waren wir beide an seiner Seite.

Drei Nächte lang ging das so…

… und jetzt gehen wir auf dem Zahnfleisch.

Gereizt, mit müdem Blick und wirrem Kopf kämpfen wir uns durch scheinbar endlose Tage und jeder, der uns begegnet, muss sich anhören, wie unglaublich erschöpft wir sind.

Gerade so, als hätten wir so etwas noch nie erlebt.

Als wäre das nicht über Jahre der Normalzustand gewesen.

Als ob wir alten Hasen so etwas nicht mit einem müden Lächeln und einem Schulterzucken wegstecken müssten.

Nein, wir stecken so etwas nicht mehr so locker weg. Wir jammern.

Und fragen uns, wie wir es bloss geschafft haben, jahrelang in diesem Zustand zu existieren und den Karren trotzdem nicht vollends gegen die Wand zu fahren.

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Kampf ums Sofa

Noch so etwas, was irgendwie gleich ist wie in der Kleinkindphase und doch ganz anders: Mitten in der Nacht wirst du wach, weil du die Kinder hörst. Schlaftrunken tappst du ins Wohnzimmer, um herauszufinden, was los ist. Soweit also alles noch wie zu alten Zeiten, als keine Nacht ohne nächtliche Ruhestörung verging.

Was du im Wohnzimmer antriffst, ist dann aber doch ein wenig anders. Dort findest du nämlich zwei Teenager, die mitten in einem erbitterten Streit stecken. Da wollte nämlich einer nach einem Albtraum Zuflucht auf dem Sofa suchen, fand das Sofa jedoch besetzt vor, weil es sich dort bereits ein anderer bequem gemacht hatte. Und dieser andere hatte nicht etwa mit einem Albtraum zu kämpfen, sondern war bloss zu faul gewesen, sein übliches Nachtlager aufzusuchen, nachdem er sich mit dem Eltern die „Medici“ reingezogen hatte. Wer ohne Albtraum-Legitimation auf dem Sofa nächtigt, braucht sich natürlich nicht zu wundern, wenn man versucht, ihn mitten in der Nacht unsanft aus dem Wohnzimmer zu vertreiben. 

Während in früheren Zeiten noch ein Windelwechsel und ein nächtlicher Snack reichten, um die Ruhe wieder herzustellen, solltest du heute also tatsächlich nachts um halb zwei eine pädagogisch wertvolle Problemlösung aus dem Pyjamaärmel schütteln. Und weil du das mit vom Schlaf umnebelten Verstand natürlich nicht schaffst, weisst du jetzt endlich wie unglaublich toll es sich anfühlt, im Halbschlaf zwei zornigen Teenagern ein wenig Vernunft einreden zu wollen.

Es lebe der Schlafmangel!

Gewöhnliche Menschen gehen am Samstag vor dem Sonntag, an dem uns mitten in der Nacht eine Stunde geklaut wird, früh zu Bett, um am nächsten Tag doch noch halbwegs ausgeschlafen zu sein. Natürlich kommen sie dann sonntags trotzdem nicht vor Mittag aus dem Bett, denn diese eine Stunde weniger Schlaf ist schwer zu verkraften. So bleibt es dann ein paar Tage lang, bis der Körper sich dem Diktat der Uhr unterworfen hat.

Kleine Vendittis scheren sich einen Dreck um solche Sachen und darum kommen sie am Sonntag, nachdem man ihnen eine Stunde geklaut hat, noch früher als sonst aus ihren Betten gekrochen. Dies beschert den Eltern das Vergnügen, schon wach zu sein, wenn die innere Uhr noch steif und fest behauptet, es sei jetzt gerade mal sechs Uhr früh und folglich geradezu unanständig, die Augen zu öffnen. 

Es lebe der im Jahr 18 nach Familiengründung noch immer anhaltende Schlafmangel! 

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Zweite Chance

Spätabends, wenn alle schlafen möchten, den übermüdeten jüngeren Bruder so lange zum Spielen überreden, bis dieser bittere Tränen weint, weil er jetzt endlich ins Land der Träume entschwinden möchte.

Um Mitternacht noch hellwach im Bett liegen, Comics lesen und so laut lachen, dass die Eltern, die unten schlafen möchten, kein Auge zubekommen.

Gegen halb eins in der Nacht vom Hunger geplagt in die Küche schleichen und dort mit so viel Getöse Kakao zubereiten, dass die Eltern, die eben erst am Wegdämmern sind, aus ihren ersten Träumen hochschrecken.

Gegen zwei Uhr noch einmal durch die Wohnung tigern, in der Hoffnung, das Handy zu finden, das Mama und Papa in Gewahrsam genommen haben. Zu dumm, dass Mama und Papa nach jahrelangem Training einen furchtbar leichten Schlaf haben und darum dem Ansinnen einen Riegel schieben können. 

Bei den nächtlichen Wanderungen natürlich überall das Licht brennen lassen, so dass am Morgen, wenn die Familie erwacht und man selber eben erst ein paar Stunden Schlaf genossen hat, alles hell erleuchtet ist.

So mancher, der als Baby schon sehr bald einmal durchgeschlafen hat, bekommt in der Pubertät eine zweite Chance, seinen Eltern doch noch den Schlaf zu rauben…

lune

Typischer Elternmoment

Nach einem langen Tag lässt du gegen Mitternacht deinen müden Kopf aufs Kissen sinken. Eine Weile lang noch dreht sich das Karussell deiner Gedanken, dann fallen dir die Augen zu und du gleitest allmählich in eine surreale Welt. Kaum bist du dort angekommen, erscheint eine sehr reale Gestalt an deinem Bett: „Mama, kannst du mir erklären, warum ich heute plötzlich so traurig geworden bin?“, fragt sie. Erst denkst du, diese Gestalt sei Teil der anderen Welt, in der du gerade unterwegs bist, doch als sie die Frage wiederholt, weisst du,  dass sie zur Realität gehört, aus der du eben erst geflüchtet bist. In dieser Realität ignoriert man Gestalten, die wichtige Fragen stellen, nicht einfach und darum murmelst du: „Lass uns morgen darüber reden. Mitternacht ist längst vorbei und wir brauchen unseren Schlaf.“ Die Gestalt verschwindet und du lässt deinen Kopf zurück aufs Kissen sinken. Doch zurück in die surreale Welt gelangst du nicht mehr so leicht, denn morgen wirst du eine wichtige Frage beantworten müssen. Also machst du dir gewissenhaft deine Gedanken, damit du der Gestalt erklären kannst, was der Grund für ihre plötzliche Traurigkeit gewesen sein könnte. 

Am nächsten Morgen dauert es sehr lange, bis die Gestalt aus ihrem Zimmer kommt. Sie muss sich von ihrer nächtlichen Wanderung erholen. Als du sie endlich zu Gesicht bekommst, willst du mit ihr über die Frage, die sie in der Nacht so beschäftigt hat, reden: „Du wolltest doch heute Nacht wissen, weshalb du gestern plötzlich…“, fängst du an, doch die Gestalt schaut dich mit grossen Augen verständnislos an: „Ich kann mich nicht erinnern…“ „Doch, du standest plötzlich an meinem Bett und danach konnte ich stundenlang nicht mehr einschlafen.“ „Kann mich nicht erinnern…“ „Ja, aber du wolltest doch wissen, warum du gestern so plötzlich traurig wurdest. Ich habe mir dazu ein paar Gedanken gemacht…“ „Ist schon gut, Mama. Ich kann mich wirklich nicht erinnern. Ist also nicht mehr so wichtig.“

Und du fragst dich, ob sie denn jemals damit aufhören werden, dich wegen „Ist nicht mehr so wichtig“ aus dem Land der Träume zu vertreiben. 

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Kleine Erkenntnis zum Feierabend

Man glaubt ja zuweilen, wenn die Kinder grösser seien, dann würde es etwas einfacher mit dem Nachtschlaf, aber dann kommt die Nacht, in dem die eine zu heiss hat, der andere sich vor einem schlecht bearbeiteten Bild fürchtet, der Dritte noch etwas auf eBay gefunden hat, das Mama bestellen soll, der Vierte sich mit Sack und Pack ins Elternbett schleicht… Dann dämmert dir, dass du, solange du mit deinem Nachwuchs unter einem Dach lebst, wohl nie ungestört schlafen wirst.

(Und die Geschichte mit „Wo bleibt er/sie bloss? Wir haben doch Mitternacht vereinbart“, hat noch gar nicht erst begonnen.) 

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