Sentimentale alte Narren

Da sitzen wir beiden gemütlich beim Tee, unterhalten uns über dies und das, geniessen die seltene Gelegenheit, an einem ganz gewöhnlichen Werktagsmorgen Zeit zu zweit zu haben. Draussen in der Fussgängerzone zieht bei strömendem Regen die Klimajugend vorbei, gefolgt von nicht wenigen klimabewegten Mittelalterlichen und Alten. Unser Gespräch stockt und verstummt schliesslich ganz. Wir schauen uns an, stellen mit leiser Belustigung fest, dass uns beiden die Tränen der Rührung in den Augen stehen.

„Möchtest du auch mitgehen?“, fragt „Meiner“.

„Wenn ich heute nichts los hätte, würde ich“, sage ich seufzend.

Dann schweigen wir wieder, denken an unsere zwei Ältesten, die jetzt gerade in einer anderen Stadt das gleiche Anliegen auf die Strasse tragen. Die einen ihrer freien Halbtage geopfert haben, um den Festgefahrenen zu sagen, dass es so nicht weitergehen kann. Die am Familientisch immer öfter darüber reden, was sich bei uns zu Hause ändern müsste. Die sich ernsthaft mit der Frage auseinander setzen, ob Auto, Flugzeug und Peperoni im Winter wirklich unverzichtbar sind.

Jetzt, wo wir an die beiden denken, kullern erst recht die Tränen.

Wir sentimentalen alten Narren…

Was können wir uns doch glücklich schätzen, Eltern von Jugendlichen zu sein, die offenbar mehr Verstand haben als ihre Vorfahren.

Wellness am Mittag

Seit heute sitzen bei uns mittags nur noch zwei Kinder am Tisch. Zweikindeltern mögen mir bitte verzeihen, wenn ich sage, dass sich das irgendwie wie Wellness anfühlt. Wellness in Form von Blitzbesuchen in der Küche – unglaublich, wie schnell das Wasser in der kleinen Pfanne siedet, wie rasant so ein halber Salatkopf gerüstet ist, wie wenig Geschirr man braucht -, ausgewogener Konversation und Mini-Aufräumaktionen nach dem Essen.

Durchaus denkbar, dass wir bei so viel Entspannung auf dumme Gedanken kommen. Würde mich nicht wundern, wenn demnächst an einem programmbeladenen Tag einer wissen möchte: „Sagt mal, kennt uns eigentlich der Pizzabote noch? Bei so kleinen Bestellmengen würde ein Wiedersehen mit ihm finanziell doch fast gar nicht ins Gewicht fallen…“ (Was natürlich die Frage nach sich zöge, wie bis zur Rückkehr der Restfamilie die Spuren der Junk Food-Orgie vollumfänglich zu beseitigen wären, aber in unserem tiefenentspannten Zustand würde uns bestimmt eine Lösung einfallen.)

Ja, man reibt sich beinahe ungläubig die Augen. Eben noch steckten wir in der „Wie überlebe ich bloss die Mittagspause mit dieser Horde?“-Phase. Und jetzt nähern wir uns schon der „Wollen wir uns vielleicht nach dem Mittagsschläfchen noch ein Käffchen gönnen? Es ist so schön ruhig“-Phase.

So ähnlich also wie der Wechsel von der glühend heissen Sauna ins eiskalte Wasserbecken.

Hab‘ ja gesagt, es fühlt sich fast wie Wellness an.

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Warum wir tun, was wir nie hätten tun wollen

Bevor ich loslege eine kurze Vorbemerkung: „Meiner“ und ich gehören nicht zu den Eltern, die der Schule gegenüber von Grund auf negativ eingestellt sind. Wie auch? Wo doch „Meiner“ seine Brötchen selber als Lehrer verdient und wir daher nur zu gut wissen, wie anspruchsvoll dieser Job ist. Wir gehören auch nicht zu den Eltern, die behaupten, die ganze Institution sei verkommen, bloss weil wir selber ein paar ausgesprochen negative und schmerzhafte Erfahrungen machen mussten. Wie auch? Wo wir doch immer wieder das Privileg haben, engagierten und verständnisvollen Lehrpersonen zu begegnen, die einen unglaublich positiven Einfluss auf ihre Schülerinnen und Schüler haben. Ja, wir vertreten gar die heutzutage ganz und gar nicht mehr zeitgemässe Meinung, Lehrer dürften auch mal Fehler machen. Es soll daher bitte niemand auf die Idee kommen, zwischen diesen Zeilen etwas zu lesen, was da gar nicht steht. Dieser Post ist kein Rundumschlag gegen die Institution Schule. Er soll lediglich aufzeigen, warum Eltern zuweilen Dinge tun müssen, die sie auf diese Weise eigentlich gar nie hätten tun wollen.

Zum Beispiel, ein Kind mitten im Schuljahr von der Schule, von der man bloss ein paar Schritte entfernt wohnt, abzumelden und es an eine Schule zu schicken, die 15 Kilometer entfernt liegt. 

Warum man so etwas tut?

Nun, in erster Linie, weil fünf Kinder aus ein und derselben Familie grundverschieden sein können. Während Karlsson, Luise und das Prinzchen sich an der örtlichen Primarschule trotz einiger Widrigkeiten recht gut zurecht fanden und finden, mach(t)en der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter am gleichen Ort die Hölle durch. Klar, perfekt war es an dieser Schule nie, das können auch andere Eltern bestätigen, aber wer nicht durchs Raster fällt, macht seinen Weg ohne namhafte Probleme. Anders ist es, wenn ein Kind die Erwartungen nicht ganz erfüllt. Dann bekommt es sehr schnell einen Stempel aufgedrückt und alles wird sehr schwierig. So schwierig, dass du irgendwann keinen anderen Weg mehr siehst, als den langen, beschwerlichen Weg der psychologischen Abklärungen zu gehen. Und dies, obschon du zu den Menschen gehörst, die ein Kind so nehmen wollen, wie es ist, mit all seinen Stärken und Schwächen.

Tja, und schon hast du zum ersten Mal getan, was du nie hättest tun wollen. Aber das ist eigentlich gar nicht so schlecht, denn im besten Fall hast du am Ende des langen, beschwerlichen Weges eine Diagnose, dein Kind bekommt endlich die Hilfe, die es schon längst gebraucht hätte und du darfst dabei zusehen, wie das zarte Pflänzchen, das so lange seinen Kopf hängen liess, wieder aufblüht. So war das beim FeuerwehrRitterRömerPiraten und es ist eine wahre Freude, zu sehen, wie er mit seinem ganzen Wesen immer deutlicher zum Vorschein kommt. 

Doch nicht immer steht am Ende einer Abklärung eine Diagnose. Manchmal ist da nur eine Erklärung, warum es dem Kind so geht, wie es ihm eben geht. Eine Erklärung, die für die Eltern vollkommen einleuchtend ist und die dem Kind wieder neuen Auftrieb gibt – die aber nur weiter hilft, wenn die Lehrpersonen erkennen, dass auch ein Kind, das „nichts hat“, manchmal viel Hilfe und Verständnis braucht, um wieder auf die Füsse zu kommen. Wenn es nicht bekommt, was es braucht, suchst du halt plötzlich verzweifelt nach alternativen Schulangeboten, in der Hoffnung, einen Ort zu finden, wo das Kind nächsten Sommer, wenn ohnehin ein Schulwechsel auf dem Programm steht, wieder neue Kräfte sammeln kann. 

Und wieder hast du etwas getan, was du eigentlich nie hättest tun wollen, denn gewöhnlich vertrittst du ja die Überzeugung, Hindernisse seien zum Überwinden da. Doch auch das ist eigentlich gar nicht so schlecht, denn du vertrittst ja auf der anderen Seite auch die Überzeugung, dass es für einzigartige Menschen keine Standardlösungen geben kann. Warum also nicht nach Alternativen suchen, wenn die Hürden anders nicht zu überwinden sind? Immerhin bist du noch soweit bei deinen Prinzipien geblieben, dass du mit deinem Kind erst einmal ein Kapitel sauber abschliessen willst, bevor ein neues aufgeschlagen wird. 

Doch manchmal will in dem Kapitel einfach nichts Gutes mehr kommen. Da folgen nur noch weitere Episoden im altbekannten Stil, das Kind kommt immer öfter traurig oder zornig nach Hause und wenn du von der betreffenden Lehrperson wissen willst, wie sich die Situation verbessern liesse, wartest du vergeblich auf Antwort. Es ist hier nicht der Ort, um im Detail zu erzählen, was alles schief gelaufen ist, doch an einem gewissen Punkt wird dir klar: Da kommt kein Happy Ending mehr. So kommt es schliesslich, dass du den Schlusspunkt mitten ins fast beendete Kapitel setzt – dick und fett, damit ihn auch ja keiner übersehen kann.

Es fällt nicht leicht, diesen verfrühten Schlusspunkt zu setzen und doch geht es zuweilen nicht anders.

Weil auch ein so duldsames und freundliches Kind wie der Zoowärter irgendwann die Nase voll hat.

Weil nach so vielen negativen Episoden die elterlichen Nerven blank liegen.

Weil vermutlich auch den Lehrern die Lust vergangen ist, sich mit diesen nervigen Eltern rumzuschlagen.

Und weil die gefundene Alternative Hoffnung auf einen Neuanfang macht und du daher nur zu gerne bereit bist, ein paar Überzeugungen über Bord zu werfen. 

Aufgeflogen

Der Zoowärter hat sich in eine junge Katze verliebt. Weil er seine Eltern inzwischen nur allzu gut kennt, weiss er, dass er sich Verbündete zulegen muss, wenn er bekommen will, was er sich wünscht. Kaum sieht er Karlsson und Luise, fängt er an, die Vorzüge des Tierchens zu preisen. Damit rennt er natürlich offene Türen ein, denn für Katzen sind die zwei immer zu haben. Der Zoowärter braucht bloss die Farbe des Fells zu beschreiben und den Preis zu nennen und schon sind die grossen Geschwister Feuer und Flamme. Und natürlich fassen sie auch sogleich einen Plan: „Wenn Mama und Papa dagegen sind, kaufen wir sie uns eben selber. Die kostet ja fast gar nichts.“ Nachdem das Prinzchen und der FeuerwehrRitterRömerPirat den Deal abgenickt haben, ist die Katze so gut wie gekauft.

Unsere Kinder wissen allerdings nur zu gut, dass so eine Katze Futter braucht und weil dieses Futter nicht eben billig ist, müssen sie „Meinen“ und mich halt doch ins Boot holen. Das geht für einmal schneller als sie erwartet hätten, denn es gibt da so eine Sache, von der wir den Zoowärter nur allzu gern überzeugen möchten. „Na ja, wenn der Zoowärter die Katze haben will, muss er eben….“, beginnt „Meiner“. Mehr braucht er gar nicht zu sagen. „Daran habe ich auch schon gedacht…“, pflichte ich ihm grinsend bei.

Das Prinzchen sitzt am Tisch und schaut uns mit Entsetzen an. „Ihr wollt mir doch nicht etwa sagen, dass ihr den Zoowärter mit einer Katze bestechen wollt?“ Seine Entrüstung ist echt. Nie, aber auch gar nie hätte er so etwas für möglich gehalten.

Tja, was soll man darauf antworten? Natürlich dies: „Mein liebes Kind, du glaubst doch nicht im Ernst, wir täten so etwas zum ersten Mal?“

Und wer jetzt denkt, „Meiner“ und ich seien ein ganz und gar verkommenes Pack, dem sei gesagt: Wer Kinder hat und nicht zumindest schon mal mit solchen Gedanken gespielt hat, werfe den ersten Stein.

 

Denksport zum Feierabend

Familie V. wohnt in S.

Auf dem Parkplatz von Familie V. steht ein Ersatzfahrzeug mit fünf Sitzplätzen, das nach W. (3 km Entfernung von S.) gebracht werden sollte. Dort ist der Siebenplätzer von Familie V., der heute einen Termin auf dem Strassenverkehrsamt hatte, ab 16 Uhr abholbereit.

Papa V. ist von 13:30 bis 17:00 in B. (7,7 km Entfernung von S.) in einer Weiterbildung. Mama V. soll Papa V. um 13:15 nach B. fahren.

Mama V. muss am Nachmittag 2 Stunden arbeiten. 

Zoowärter V. muss um 16:00 zu Hause sein. Um 16.20 wird er in der Cellostunde erwartet. Da er erst um 16:08 gemütlich die Treppe hochkommt, muss sich Mama V. mit ihrer Moralpredigt über Pünktlichkeit kurz fassen, damit er trotzdem rechtzeitig zur Cellostunde kommt.

Mama V. ist gebeten, um 16 Uhr in W. das Ersatzauto gegen den familieneigenen Siebenplätzer einzutauschen.

Karlsson V. hat um 17:00 in O. (8,6 km Entfernung von S.) einen Auftritt mit der Violine.

Spätestens um 16:30 muss Mama V. mit Grossmama M. losfahren, wenn sie den Auftritt in O. nicht verpassen will. 

Prinzchen V. und seine fünf besten Freunde haben um 16 Uhr eine Akrobatikstunde in L. (6,6 km Entfernung von S.) Alle Kinder sollen in einem Auto Platz finden. Neben Familie V. haben zwei weitere Familien ein Auto mit sieben und mehr Sitzplätzen. Die eine Familie ist zum Zeitpunkt der Tagesplanung nicht erreichbar, von der anderen Familie weiss Mama V. gar nichts, da Prinzchen V. es versäumt hat, ihr zu sagen, dass dieser Junge auch mit von der Partie ist. Mama V. kann die Kinder aber auch nicht fahren, da sie um diese Zeit in O. dem Auftritt ihres Sohnes lauschen wird. Papa V. fährt nach der Weiterbildung mit den öffentlichen Verkehrsmitteln von B. zurück und wird daher auch nicht rechtzeitig da sein, um die Jungs zu chauffieren.

Die Vorspielstunde, bei der Karlsson V. mitmacht, dauert bis 18:30. Mama V. muss danach sofort mit Grossmama M. und Karlsson V. zurück nach S. fahren, damit sie um 19:00 in L. ist, wo die sechs Jungs von der Akrobatikstunde abgeholt und nach Hause gebracht werden wollen. Nach Möglichkeit sollte Mama V. um 19:30 zu Hause sein. 

Papa. V. muss spätestens um 19:45 los, wenn er rechtzeitig in S. (7,8 km Entfernung von S.) sein will, wo er sich mit einem Freund trifft. 

Aufgabe: Plane den Tag so, dass am Ende kein Familienmitglied von dir enttäuscht ist. Da der Siebenplätzer abends wieder unversehrt auf dem Parkplatz von Familie V. stehen soll, bist du gebeten, in jedem Moment einen kühlen Kopf zu bewahren. 

Beachte: Auf allen Strassen rund um S. hat es zahlreiche Baustellen. Ausserdem herrscht ab 16:30 in alle Richtungen dichter Feierabendverkehr. Die Pünktlichkeit darf dadurch nicht beeinträchtig werden.

Lösung: Die sei hier nicht verraten. Es soll ja da draussen Menschen geben, die sich hin und wieder langweilen und darum aus lauter Freude an der Sache gerne mal solche Denksportaufgaben lösen.*

* Okay, einen kleinen Hinweis kann ich ja geben: Es hilft, wenn man am frühen Nachmittag eine der Siebenplätzer-Mütter ans Telefon bekommt und ansonsten praktisch nichts so durchzieht, wie es ursprünglich geplant war. Zu erwarten, dass Mama V. abends noch Nerven hat, wäre aber ganz und gar illusorisch. 

Volljährig

Die Parties sind vorbei, die Blumen in den Vasen lassen allmählich ihre Köpfe hängen, Keller und Küche sind wieder aufgeräumt und das schöne Geschirr ist zurück im Schrank. Im Kühlschrank stehen die Reste der Fleischpastete, für die ich gestern mit Todesverachtung Schweine- und Kalbfleisch durch den Fleischwolf gedreht habe und der Herd bleibt für die nächsten drei Tage kalt, weil ich nach zweieinhalb Tagen Dauereinsatz schlicht keine Lust mehr habe, in Kochtöpfen zu rühren – was absolut kein Problem ist, denn „Meiner“ und ich haben uns mal wieder mit den Mengen vertan. Nachdem alle Gäste gegangen sind, ist im Haus wieder die übliche (Un)ruhe eingekehrt und so habe ich endlich Zeit, mich um die Glucke zu kümmern, die seit gestern früh schluchzend und schniefend im hintersten Winkel des Wohnzimmers kauert.

„Was hast du denn?“, frage ich sie so mitfühlend wie möglich. Offen gestanden habe ich nach dem Trubel der vergangenen Tage nicht gerade viel Geduld für ihre Gefühlsduseleien. 

„Es ist wegen Karlsson…“, presst sie mühsam hervor.

„Was ist denn mit Karlsson?“, frage ich, obschon ich natürlich ganz genau weiss, was sie meint. Weil sie weiss, dass ich weiss, versucht sie gar nicht erst, meine Frage zu beantworten. Sie schluchzt einfach weiter und so ist es an mir, in Worte zu fassen, was sie quält: „Karlssons achtzehnter Geburtstag war wohl ein bisschen viel für dich. Du fühlst dich grad, als würde er morgen ausziehen und nie mehr wieder kommen.“ Mit grossen, traurigen Augen sieht sie mich an und nickt, bleibt aber weiter stumm. „Bei der Erinnerung daran, wie er gestern seinen ersten Abstimmungszettel ausgefüllt und voller Stolz in den Briefkasten der Gemeindekanzlei eingeworfen hat, bricht dir fast das Herz.“ Sie nickt wieder, wischt sich mit dem Ärmel die triefende Nase sauber, sagt aber noch immer nichts. „Du denkst voller Wehmut an die vergangenen Tage mit kleinen Jungen mit den braunen Kulleraugen und dem Eisbären-Teddy und wünschst dir, die Zeit wäre nicht so furchtbar schnell verflogen.“ Sie wimmert leise: „Mein kleiner, lieber Kaslsson…“ Und dann heult sie wieder Rotz und Wasser.

Ich glaube, die Glucke ist heute nicht empfänglich für das, was ich ihr zu sagen habe: Dass ihr kleiner, lieber Karlsson jetzt halt ein grosser, lieber Karlsson ist. Dass er zwar volljährig, aber deswegen noch längst nicht flügge ist. Dass ihr ehemals kleiner Junge sich doch ganz gut macht. Und dass es durchaus seine Vorzüge hat, mit halbwegs erwachsenen Kindern durchs Leben zu gehen. 

Ich glaube, die Glucke braucht noch ein wenig Zeit, sich damit abzufinden, dass ihr Erstgeborener allmählich erwachsen wird. Darum lasse ich sie schniefend und schluchzend in ihrer Ecke sitzen, um mit Karlsson auf seine Volljährigkeit anzustossen. 

Die nächste Generation übernimmt

Es gab mal eine Zeit in meinem Leben, da hatte ich so etwas wie Autorität. Da konnte ich sagen: „Glaubt bloss nicht, ich würde heute die Möbel aufbauen, die wir gestern gekauft haben. Es ist Sonntag, da gebe ich mich ganz bestimmt nicht mit Hammer und Schraubenzieher ab.“ Die Kinder gehorchten, die Schachteln aus dem schwedischen Möbelhaus blieben im Auto und wir alle hatten unsere Ruhe.

Dass diese Zeiten vorbei sind, zeichnete sich schon ab, als Luise damit begann, ihre Möbel selber aufzubauen. Allerdings liess ich mich dadurch nicht verunsichern, denn unsere zupackende Tochter bekommt ja nicht alle Tage ein neues Bett oder einen Schrank. 

Auch als gestern der FeuerwehrRitterRömerPirat am späten Abend noch die Schachteln, die wir am Nachmittag gekauft hatten, aus dem Auto holte und seine neuen Regale aufbaute, beunruhigte mich dies noch nicht sonderlich. Immerhin ist der Junge in der Pubertät, da muss man sich doch einfach über mütterliche Anweisungen hinwegsetzen.

Seit heute Nachmittag aber weiss ich, dass ich in diesem Haus nicht mehr allzu viel zu melden habe. Trotz meines Verbots schleppte das Prinzchen sein neues Bücherregal Einzelstück für Einzelstück in die Wohnung und wenig später hatte er nicht nur ohne elterliche Hilfe sein Regal aufgebaut, sondern auch ein paar alte Möbel ins Treppenhaus verfrachtet und sein Zimmer komplett auf den Kopf gestellt. Das alles an einem Sonntag, an dem ich eigentlich der ganzen Familie Ruhe und Beschaulichkeit verordnet hatte.

Man sieht also, dass meine Autorität mehr als bloss angeschlagen ist. 

Was aber auch seine Vorteile hat. 

Immerhin kann ich mich in Zukunft gemütlich zurücklehnen, wenn es mal wieder ein Möbel aufzubauen gibt. Jetzt, wo sogar der Jüngste bewiesen hat, wie gut das ohne mich geht, sehe ich keinen Grund, warum ich mich weiter mit komplizierten Anleitungen und fehlenden Schrauben herumschlagen sollte.