Morgenidylle

Früher Morgen, das Café im Einkaufszentrum ist noch fast leer. Aus den Lautsprechern plärrt Madonna, die Kaffeemaschine durchläuft ein lärmintensives Reinigungsprogramm, aus der Küche dringen scheppernde Geräusche, auf übergrossen Bildschirmen laufen Cartoons in grellen Farben und an einem der hinteren Tische geben zwei ergraute Herren lautstark ihre diversen rassistischen Vorurteile zum Besten.

Mitten in diese Idylle platzt eine Mutter mit weinendem Kleinkind.

Kann man es den Gästen verargen, dass sie den beiden unwillige Blicke zuwerfen und gehässige Bemerkungen fallen lassen?

Wo es im Café vor der Ankunft des verzogenen Görs doch so friedlich und still war…

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Folgenschwer

Der FeuerwehrRitterRömerPirat heute beim Abendessen: „Als ich zu Frau XY in die Schule kam, ermordete sie sogleich meine Schulfreude.“

Ich: „Stimmt, ich erinnere mich. Du warst so froh, endlich ein Schüler zu sein und dann war deine Begeisterung schon nach wenigen Tagen verflogen. Aber deine Schulfreude ist inzwischen bestimmt wieder nachgewachsen. Es geht dir doch jetzt so gut.“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Na ja, weisst du, so einfach ist das nicht. Die meisten Menschen haben nur eine Schulfreude und wenn die mal umgebracht worden ist, wächst nicht so leicht wieder eine neue.“

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Blind vor Wut

Dass es unter Kindern immer mal wieder zu kleineren und grösseren Streitigkeiten kommen kann, war mir schon bewusst, bevor Karlsson in den Kindergarten kam. Dass Mütter und Väter sich erst in solche Konflikte einmischen sollten, wenn die Knöpfe ohne Hilfe nicht mehr hinausfinden, war nicht nur für „Meinen“ und mich, sondern auch für die meisten anderen Eltern klar. Dass man bei der Schlichtung zwar zugunsten des eigenen Kindes voreingenommen sein darf, dabei aber nie das Ziel eines möglichst friedlichen Zusammenlebens aus den Augen verlieren sollte, stellte niemand grundsätzlich in Frage. Auch dann nicht, wenn man mal etwas deutlichere Worte gebrauchen musste, um dem Zoff ein Ende zu setzen. 

Aus diesem Grund rieb ich mir erstaunt die Augen, als ich zum ersten Mal einer Mutter gegenüberstand, die nicht gekommen war, um den Streit zwischen ihrem und meinem Sohn schlichten zu helfen, sondern um sich mit mir zu zoffen und mir mangelnde Erziehungsfähigkeiten vorzuwerfen.

Noch erstaunter und ziemlich besorgt bin ich, weil mir vermehrt Geschichten zu Ohren kommen von Müttern und Vätern, die blind vor Wut auf Acht- oder Neunjährige losgehen, um sie mit wüsten Schimpfwörtern, Beleidigungen und Gewaltandrohungen einzuschüchtern. Dass ihr kleiner Sonnenschein zu Hause eine sehr einseitige Version der Vorfälle geschildert haben könnte, fällt ihnen nicht im Traum ein, und so sehen sie sich berechtigt, den „Feind“ ihres Kindes mal so richtig zusammenzustauchen. Soll der doch heulend und vor lauter Angst zitternd zu Mama rennen! In ihren Augen hat er es nicht besser verdient. 

So sehr ich verstehen kann, wie wütend man wird, wenn ein Kind wegen eines anderen Kindes schniefend und schluchzend nach Hause kommt – Beschimpfungen und Drohungen gegen kleine Kinder gehen meiner Meinung nach entschieden zu weit. Und so ertappe ich mich dabei, wie ich die guten alten Zeiten zu glorifizieren beginne. Zeiten, in denen sich Eltern noch wie halbwegs vernünftige Erwachsene aufführten und nicht wie der übelste Pausenhof-Bully.

karo

 

Wie es mir gefällt

Die Flötenlehrerin bekommt beim Weihnachtskonzert mit, dass Prinzchen, der seit etwas mehr als einem Jahr bei ihr den Unterricht besucht, einen klavierspielenden grossen Bruder hat. In der nächsten Unterrichtsstunde gibt sie Prinzchen zu den drei Liedern, die er üben soll, die Klavierbegleitung mit, damit die beiden Brüder gemeinsam musizieren können. Einfach so, weil sie denkt, der Kleine könnte vom Zusammenspiel mit dem Grossen profitieren.

Wunderbar, so ein Instrumentalunterricht. 

Erst recht, wenn diesmal beim familiären Zusammenspiel nicht „Santa Claus is coming to town“ auf dem Programm steht…

färg

 

Das war auch schon einfacher

Glaubt mir, ich gehöre ganz bestimmt nicht zu den Menschen, die Internet, Smartphone, Tablet & Co. als Teufelszeug bezeichnen und die am liebsten wieder zurück in die Steinzeit möchten. Diese Dinge haben unser Leben in vielerlei Hinsicht vereinfacht und ich bin durchaus bereit, zu gestehen, dass ich mir ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen könnte. Ich vertrete auch nicht die Meinung, junge Menschen müssten bis zu ihrem 18. Geburtstag digital unberührt bleiben, um gesund heranwachsen zu können. Solange sie noch genügend andere Interessen haben, sollen sie dürfen – auch wenn manche Inhalte aus pädagogischer Sicht nicht über alle Zweifel erhaben sind. 

Dennoch verspüre ich heute das tiefe Bedürfnis, sämtliche Geräte in hohem Bogen aus dem Fenster zu werfen. Nach einer Woche Weihnachtsferien habe ich es mal wieder tüchtig satt, den ganzen Tag darüber zu wachen, dass keiner die ihm erlaubte Bildschirmzeit überschreitet oder heimlich Handy oder iPod ins Kinderzimmer schmuggelt, um sich die Nächte spielend um die Ohren zu schlagen. Die endlosen Diskussionen, warum wir auch während der Ferien nicht wollen, dass sie sich rund um die Uhr unterhalten lassen, hängt mir allmählich zum Hals heraus. 

Nein, ich möchte die Vergangenheit wirklich nicht verklären, aber Medienerziehung war deutlich einfacher, als man einen Computer hochfahren und eine zerkratzte CD-ROM einlegen musste, um in die Welt eines Games zu entschwinden. Ich kann mich zumindest nicht erinnern, dass Karlsson oder Luise jemals versucht hätten, ein Gerät ins Zimmer zu schmuggeln, als sie in Prinzchens Alter waren. 

Wie hätten sie auch Tower und Bildschirm unter dem Pyjama verstecken wollen? 

liv

Er ist jetzt alt genug dafür

Es waren einmal eine Mama und ein Papa, die viele kleine Kinder und wenig freie Zeit hatten. Freie Zeit aber hätten sie gebraucht, wenn sie einander anständige Weihnachtsgeschenke hätten kaufen wollen, denn der Onlinehandel steckte damals hierzulande noch in den Kinderschuhen. Also mussten die Mama und der Papa ihre Weihnachtseinkäufe irgendwie zwischen Windelbergen, schlaflosen Nächten und eingestürzten Duplotürmen erledigen. Weil das ziemlich schwierig war, blieb der Mama einmal nichts anderes mehr übrig, als dem Papa ein Rückenmassage-Gerät zu schenken, das ihr zwischen die Finger geriet, als sie mit einer Horde von Kleinkindern im Schlepptau einen monströsen Wocheneinkauf erledigte. Mit grossem Befremden starrte der Papa am Weihnachtsabend das Gerät an, das er aus dem Geschenkpapier gewickelt hatte. Ob er denn schon so alt sei, dass er so ein Ding brauche, wollte er wissen. Zum ersten und einzigen Mal kam es zu Streit wegen eines Geschenks, denn er wusste nicht zu würdigen, dass sie immerhin noch geistesgegenwärtig genug gewesen war, trotz Stilldemenz daran zu denken, überhaupt etwas für ihn zu kaufen. 

Die Jahre gingen ins Land und das Rückenmassage-Gerät fristete ein trauriges Dasein in einer Kiste. Hin und wieder, wenn das Badezimmer gründlich aufgeräumt wurde, tauchte es aus der Versenkung auf. Die Mama und der Papa lachten dann über das missglückte Weihnachtsgeschenk und dachten an die Zeit zurück, als es vor lauter Familienleben kaum einmal möglich war, einander etwas zuliebe zu tun. Dann verschwand das Gerät wieder ungenutzt in der Kiste.

Allmählich aber wurden die Mama und der Papa älter, sie machten erste Erfahrungen mit Hexenschüssen und schliesslich, als an Weihnachten 2017 die Heizung für eine geschlagene Woche den Dienst quittierte, zog sich der Papa wegen der Kälte eine üble Rückenverspannung zu. So übel war die, dass er sich endlich alt genug fühlte, um das Gerät in Betrieb zu nehmen.

Als er wenig später etwas schmerzfreier und deutlich entspannter auf dem Sofa sass, konnte er tun, was ihm vor Jahren noch nicht möglich war: Er könnte sich von Herzen bedanken für das, was er eigentlich nie hätte haben wollen.

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Familienabend

Unsere aktuelle Familienphase:

„Lasst uns doch mal wieder alle zusammen Aristocats schauen! Das wäre doch so schön. Erinnert ihr euch noch, wie wir uns immer vor dem Gewitter gefürchtet haben? Und wie lustig der besoffene Gänserich war? Und der alte Mann mit den Glotzaugen. Und die Strassenkatzen mit ihrer schrägen Musik… Und dann haben wir das immer zusammen gespielt. Ich war Berlioz, du warst Marie und du Toulouse. Dabei bist du doch eher wie Toulouse und ich wie Berlioz.“

Und wenn der Film zu Ende ist:

„Du blöde Kuh! Immer musst du…“

„Nein, du bist hier einfach reinspaziert und hast alles kaputt gemacht!“

„Stimmt doch überhaupt nicht. Wenn du nicht so bescheuert wärst…“

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