Eine Samichlaus-Geschichte

Letztes Jahr hatten wir einen römisch-katholischen Samichlaus. „Ja, gibt es denn auch andere? Der St.Niklaus war doch irgend so ein Heiliger“, mögen einige nun fragen aber das zeigt, dass ihr euch in der Samichlaus-Sache ganz und gar nicht auskennt. Natürlich gibt es andere. In unserem Fall hat man die Wahl zwischen Turnverein-Samichlaus aus Dorf A, Turnverein-Samichlaus aus Dorf B, Pontonier-Samichlaus (oder pausieren die gerade?), Privat-Samichlaus (bei dem man immer hofft, dass die Kinder die Stimme nicht oder erst, wenn er gegangen ist, erkennen) Adventsmarkt-Samichlaus (bei dem man stets Angst hat, ihm könnten die Mandarinen ausgehen, ehe man mit seiner Brut zu ihm durchgedrungen ist) und für ganz Verzweifelte natürlich noch unzählige Supermarkt-Samichläuse.

„Okay, ich sehe, es gibt da eine ganze Palette“, sagt ihr Skeptiker jetzt, „aber ich verstehe trotzdem nicht ganz, wie du mitten im April auf die Idee kommst, vom Samichlaus zu erzählen? Wo doch inzwischen auch der Osterhase schon Schnee von gestern ist.“ Himmel, immer diese kritischen Rückfragen! Reicht es denn nicht, zu wissen, dass ich immer nur über die Dinge schreibe, die ganz dringend aus meinem Kopf raus müssen und nicht warten können, bis offiziell Saison dafür ist? Und überhaupt, dieser Samichlaus, von dem ich erzählen will, war einer mit Nachwirkung, darum schwirrt er ja auch heute in meinem Kopf rum. 

Es war also so: Da kam letztes Jahr dieser Samichlaus in seiner vollen römisch-katholischen Pracht, in seinem Sack das dicke Buch, in welches er den Zettel geklebt hatte, den ich über unsere Kinder zusammengestellt hatte. „Bitte dieses Jahr nur Lob, keinen Tadel. Das Prinzchen fürchtet sich sonst ganz fürchterlich“, hatte ich geschrieben und nun war der Arme natürlich ganz und gar im Clinch. „Man kann doch nicht nur loben“, muss er in seinen langen Bart gebrummt haben, „Wo kämen wir denn da hin, wenn so etwas Schule machte?“ Also überlegte er, wie er den kleinen bis mittelgrossen Vendittis doch noch ein wenig moralische Wegzehrung mitgeben könnte und da dieser Samichlaus neben seinem Amt auch Predigten schreibt und nicht Boote rudert oder am Barren turnt, hatte er eine Idee: Er würde diesen verzogenen Vendittis, die nicht mal ein wenig Tadel ertragen mochten, eine nette kleine Predigt halten. Die Kernaussage dieser Predigt lautete: „Steht dazu, wenn ihr etwas ausgefressen habt.“ Im Leben würden nun mal Missgeschicke passieren und es werde einem viel leichter ums Herz, wenn man solche Sachen nicht für sich behalte, sondern offen und ehrlich gestehe, erklärte der Chlaus und schenkte jedem Kind einen schlichten Kerzenhalter, der an seine Botschaft erinnern sollte.

Diese Kerzenhalter sind natürlich schon längst in all den vielen Winkeln unserer Wohnung verschwunden, aber die Predigt hallt noch immer nach, obschon – oder vielleicht weil – sie ganz freundlich dahergekommen war. „Der Samichlaus hat doch gesagt, wir sollen dazu stehen, wenn wir eine Dummheit gemacht haben“, sagen jetzt unsere Kinder zerknirscht, wenn sie mal wieder etwas ausgefressen haben und sie keinen Weg sehen, „den anderen“ zu beschuldigen. „Na ja, kleine Kinder glauben eben noch an den Samichlaus“, mag jetzt der eine oder andere von euch Skeptikern brummen, aber in diesem Fall lässt sich das nicht so leicht damit abtun. Warum nicht? Nun, erstens einmal sind sämtliche Tadel, die ich vor Prinzchens Tadel-Phobie dem Chlaus ins dicke Buch diktiert habe, ungehört verhallt; nicht ein einziger war wirkungsvoll genug, um unser Familienleben nachhaltig zum Positiven zu verändern. Und zweitens sind es nicht nur die Kleinen, die seit der Predigt offener zu ihren Missgeschicken stehen, sogar die Grossen meinten vor ein paar Tagen: „Wir hätten es ja eigentlich verschweigen wollen, aber dann ist uns der Samichlaus in den Sinn gekommen.“ Okay, diese Aussage war mit einem gewohnt zynischen Teenager-Grinsen garniert und wohl auch nicht ganz ernst gemeint, aber wen kümmert das schon, wenn das Resultat stimmt? 

Und jetzt wisst ihr auch, weshalb ich mitten im April auf die Idee komme, euch vom Samichlaus zu erzählen. 

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2 Kommentare zu “Eine Samichlaus-Geschichte

  1. also das, liebe tamar, finde ich einfach eine ganz wunderbare geschichte! ich habe auch sehr gute erfahrungen mit dem katholischen samichlaus gemacht und das will bei meiner samichlaus-phobie etwas heissen. grüsse nach frankreich!

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