Falsche Zielgruppe

Man sagt, Facebook wisse viel mehr über uns, als wir uns vorstellen könnten.

Man sagt auch, wir bekämen in unserer Timeline nur Dinge zu sehen, die auf unsere Interessen abgestimmt seien. 

Man lehrt uns, nur Leute, die zur definierten Zielgruppe gehörten, würden bestimmte Werbungen zu sehen bekommen. 

Ausserdem sagt man, diese Werbung sei eng mit dem verknüpft, was wir den lieben langen Tag im Netz suchen.

Warum um alles in der Welt bekomme ich dann seit ein paar Tagen andauernd die „Buy 2 + 1 Free“-Anzeige für modische Hidschabs eingespielt? Habe ich vielleicht jemals den Eindruck erweckt, ich hätte demnächst vor, nur noch verhüllt aus dem Haus zu gehen? 

Ach, übrigens: Bei dem Angebot handelt es sich um ein „Mother’s Day Special Offer“. Ich müsste also wohl schnell zuschlagen, wenn ich wollte…

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Die Macht der Werbung

So sehr ich es auch versuche, ich kann’s nicht verstehen. Begreife nicht, wie man sein Taschengeld dafür sparen kann. Wie man auf unzählige schöne Dinge verzichtet, um ganz bestimmt genügend Geld zu haben, damit man die Sammlung bald vergrössern kann. Wie man auf die Idee kommt, die kostbaren iPad-Minuten, die Mama und Papa einem zugestehen, damit zu vergeuden, sich ein Video nach dem anderen reinzuziehen. Weshalb man tieftraurig ist, weil man das Ende des Filmchens nicht mitbekommen hat, da die iPad-Minuten zu schnell um waren und man jetzt nicht weiss, ob der Held noch lebt oder nicht. Kriege nicht in meinen Kopf hinein, wie man sich all die Namen merken kann und dann auch noch weiss, zu welchem Namen welche Charaktereigenschaften gehören. Habe erst recht kein Verständnis dafür, wie man für viele Stunden in diese Rollen schlüpfen kann. Wie man nach dem Rollenspiel zu zeichnen anfängt, viele viele Blätter voll, immer die gleichen Figuren. (Oder vielleicht auch nicht – welcher Erwachsene weiss das denn so genau?) Und wenn einen die Eltern aus dem Spiel reissen, einfach so, vollkommen rücksichtslos, weil sie irgendwelche Sehenswürdigkeiten sehen wollen, dann vergnügt man sich auf der Autofahrt damit, einander Pantomimen vorzuspielen, damit die anderen erraten können, welchen der Grossartigen man imitiert. 

Schon oft habe ich mir die Dinger angeschaut, habe sie in meinen Händen gedreht und gewendet, um daran irgend etwas Schönes zu finden. Habe gefühlt, ob da vielleicht etwas wäre, was einem so angenehm in der Hand liegt, dass man es nicht mehr aus den Fingern geben mag. Habe ihre Gelenke gebogen, gestreckt und beinahe gebrochen, nur um herauszufinden, warum es so viel Spass macht, mit ihnen Zeit zu verbringen. Glaubt mir, ich habe ehrlich versucht, hinter das Geheimnis zu kommen, aber alles, was meine Augen sehen ist pure Hässlichkeit und ganz viel Plastik.

Nie werde ich verstehen, warum gleich drei meiner Kinder voll darauf abfahren, aber immerhin kann ich jetzt wieder voll und ganz an die Macht der Werbung glauben. Wie sonst kämen kleine Jungen darauf, sich so etwas Abscheuliches aus tiefstem Herzen zu wünschen?

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Eingewickelt

Wenn eine zufriedene, nicht gestresste Mama Venditti an einem Samstagmittag alleine mit einem gut gelaunten Karlsson unterwegs ist, kann es vorkommen, dass Mama Venditti Dinge kauft, die sie sonst nie kauft. Und das geht so: Man achte darauf, dass Mama Venditti genügend Zeit hat und einen Kontostand, der höher ist als erwartet. Dann schicke man die beiden in eine grosse Migrosfiliale und sorge dafür, dass Mama und Sohn am Degustations-Stand für Corn Flakes vorbeikommen. Und dann geschieht Folgendes:

Corn Flakes-Dame zu Karlsson: „Möchtest du etwas probieren?“

Karlsson murmelt etwas und nickt.

CF- D: „Von welchen möchtest du probieren?“

Karlsson zeigt auf die Vollkornflocken mit den Feigenstückchen.

CF-D warnt: „Die haben aber keine Schokolade drin. Das sind Vollkornflocken.“

K: „Ich möchte aber die.“

Mama Venditti, mit stolzem Unterton: „Er ist sich gewöhnt, Vollkornflocken zu essen. „

CF-D: „Das ist aber erstaunlich. Die meisten Kinder meinen, das seien Schoko-Corn Flakes, weil sie so dunkel sind. Und dann sind sie enttäuscht, weil sie nicht süss sind.“

Karlsson mampft mit Genuss seine Corn Flakes und strahlt übers ganze Gesicht: „Die sind sooooo gut.“

Schön, dass Karlsson seinen Gratis-Snack genossen hat, aber Mama Venditti möchte jetzt weitergehen.

CF-D zu Mama Venditti: „Die haben viele Ballaststoffe, kaum Fett, wenig Zucker und sie regen die Verdauung an.“

M V denkt: Bla bla bla. Das weiss ich alles schon. Aber deswegen kaufe ich das überteuerte Zeug dennoch nicht. So leicht lasse ich mir nichts aufschwatzen.
und sagt, um zu unterstreichen, dass Karlsson kein Kind von der Stange ist: „Magst du die Corn Flakes, Karlsson? Sind sie besser als die Vollkornflocken, die wir sonst immer zu Hause haben?“

Karlsson nickt. Mama Venditti will jetzt wirklich weitergehen. Die Corn Flakes kann sie je bei Gelegenheit mal kaufen, aber jetzt steht gerade eine neue grosse Schachtel zu Hause in der Vorratskammer.

CF-D: „Das ist ja ganz erstaunlich. Ein Kind das so gerne Vollkornflocken mag! Ich finde auch, dass man gesünder essen sollte. Aber dass die Kinder da mitmachen, kommt ja ganz selten vor. Das sieht man wirklich nicht alle Tage.“

Und schon legt Mama Venditti ein Schachtel Vollkornflocken mit wenig Fett, wenig Zucker und noch weniger Feigenstückchen in den Einkaufswagen und bezahlt viele Franken dafür. So eine nette Dame, die sofort erkennt, welch besonderes Kind der Karlsson ist, verkauft bestimmt besonders gute Corn Flakes. Nicht wahr?

So nicht mit uns!

Die müssen ja wirklich verzweifelt sein, die Leute von Hapimag. Dies zumindest schliesse ich aus der Tatsache, dass sie uns nun schon zum vierten Mal angerufen haben, um uns Aktien zu verkaufen. Gestern beim Frühstück, dann  wieder abends um halb zehn und heute Morgen wieder beim Frühstück. Wenn die wüssten, dass sie „Meinen“ und mich so nur in den Widerstand treiben, würden sie wohl nicht so schnell wieder zum Telefonhörer greifen, um uns weitere Gratis-Ferienwochen zu versprechen, damit wir uns endlich erbarmen und eine Aktie zeichnen.

Dabei fällt es uns nicht im Traum ein, hier wieder einmal Ferien zu machen. Nicht dass es nicht schön wäre hier. Es ist ein Traum. Aber ein Ort, wo Menschen ein- und ausgehen, die das Prinzchen mit versteinerter Miene anstarren, wenn er ihnen sein Engelslächeln schenkt, ist kein Ort für uns. Wo man des Prinzchens Charme einfach so widerstehen kann, können wir uns doch nicht zu Hause fühlen. Traumhafte Lage hin oder her.

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Erwischt

Die erwischen mich doch immer wieder! Kaum sind die letzten Regenwaldbildchen getauscht, strenge ich mich nach Leibeskräften an, auf einem virtuellen Erdbeerfeld möglichst viele Erdbeeren zu pflücken. Und dies bloss, weil die Migros mir mal wieder ein Mail geschrieben hat, in dem sie mich, die „Liebe Frau Venditti“, persönlich dazu aufgefordert hat, das Spiel doch mal mitzuspielen. Und das nächste, das übernächste und das überübernächste natürlich auch. Denn nur, wer am Ende 10000 Punkte hat, darf am Wettbewerb teilnehmen. Wenn die Migros pfeift, dann springe ich. Und wenn dabei im Garten die echten Heidelbeeren und Cherry-Tomaten faul werden, weil ich virtuelle Erdbeeren pflücken muss. Und wenn die ganze Familie im Chaos ersäuft, weil zwar inzwischen sämtliche Möbel ihren neuen Platz gefunden haben, nicht aber sämtlicher Abfall entsorgt und sämtlicher Dreck weggeputzt ist.

Es ist geradezu beängstigend, wie jemand, der jeglicher Werbung ziemlich gleichgültig begegnet und an jeder Ecke Betrug wittert, einem Detailhändler mit Haut und Haaren ergeben sein kann. Man frage nur mal meine besten Freunde, wie ich in Fahrt gerate, wenn jemand meine verehrte Migros kritisiert.  Und das nicht erst, seitdem Bänz Friedli vom Migros Magazin zum Halbgott aller Hausfrauen aufgestiegen ist. Und auch nicht, seitdem es ein Bekenntnis gegen Aldi und Lidl ist, wenn man bei der Migros postet. Nein, so war ich schon als Kind.  Das ist wohl eine genetische Sache, gegen die man heute noch genauso machtlos ist wie man es früher, vor der Erfindung der plasitschen Chirurgie, gegen Hakennasen und abstehende Ohren war. Coop ist doof, Volg noch doofer, Denner am doofsten. Und bei dieser Meinung bleibe ich, obschon Denner schon längst der Migros gehört und Coop und Migros fusionieren könnten, weil sie einander ohnehin jeden Furz nachmachen.

Wobei ich darauf hinweisen muss, dass natürlich Coop die Migros nachmacht und nicht umgekehrt. Ist ja wohl klar.

Weitere Stilfragen

War das wieder ein Sonntagnachmittag! So richtig gemütlich. Ein bisschen Beerenpflücken, ein bisschen im Internet surfen und Geschenke suchen, ein bisschen Zeitung lesen. Dabei bin ich auf einige Kuriositäten gestossen, die ich ihrer Schönheit wegen nicht für mich behalten will.

Da ist zum Beispiel das ganzseitige Cablecom-Inserat in der „NZZ am Sonntag“. Eine gewisse Gina Hagmann aus St. Gallen hält ein angeblich handgeschriebenes Plakat mit der folgenden Aufschrift in der Hand: „Bei cablecom sind die Installationen sogar für mich Bubi einfach.“ Nun, wie ein Bubi sieht die doch ziemlich ältliche Gina Hagmann nicht aus, doch beim heutigen Jugendlichkeitswahn ist es wohl schmeichelhafter, sich selber als Bubi zu outen, als zu seinen Falten zu stehen.

Ein anderer schöner Satz aus der heutigen Sonntagspresse: „Religion in der Schule hat seinen Platz, aber nicht als eine Einweisung in einen bestimmten Glauben, sondern als Unterricht über alle Religionen.“ Ist doch schön, dass der Religion nicht ganz aus die Schulzimmern verbannt werden soll. Es ist ja schon traurig genug, dass der grammatikalische Geschlecht in das NZZ keinen Platz mehr hat.

Ob ich wohl nächsten Donnerstag nach Zürich fahren soll? Dort findet nämlich der „Tag des Zahnes für alle“ statt. So ganz nach dem Motto „Einer für alle, alle für Einen.“ Vielleicht aber ersteigere ich mir lieber die „Schweinebequem-Pluderhose“, auf die ich heute bei Ricardo gestossen bin. Die gefällt mir nämlich wirklich. „Meiner“ ist zwar dagegen. Dabei ist sie doch bloss schweinebequem und nicht schweineteuer. Und ausserdem würde sie meinen Bauch gut verstecken. Damit ich  beim nächsten Einkauf nicht wieder gefragt werde, ob ich schon wieder schwanger sei. Nun ja, meine Bauchdecke ist auch sieben Monate nach der fünften Schwangerschaft noch nicht besonders straff. Aber ich hatte ja auch noch keine Zeit für den Mommy Makeover. Obschon der doch heute genauso zum Muttersein gehört wie morgendliche Übelkeit, durchwachte Nächte und Schwangerschaftsstreifen.