20 Rappen Differenz

Mal wieder an einer Kasse, diesmal in einem kleinen Laden am Bahnhof, wo ich mir ein Getränk und ein Sandwich kaufen will. Vor mir eine elegant gekleidete ältere Dame, die einen Vanille-Glacestängel bezahlt und den jungen Verkäufer in das folgende Gespräch verwickelt.

Dame (im fordernden Tonfall): „Sie, jetzt müssen Sie mir etwas erklären. Heute Morgen habe ich in einer anderen Filiale Ihrer Ladenkette genau den gleichen Glacestängel gekauft und der kostete 90 Rappen. Dieser hier kostet nur 70 Rappen. Wie kommt es zu diesem Preisunterschied?“

Verkäufer (überaus freundlich): „War das vielleicht an einer Tankstelle?“

Dame (immer noch im gleichen Tonfall): „Jawohl, das war an einer Tankstelle. Dann sind die Waren an der Tankstelle also grundsätzlich teuerer als bei Ihnen?“

Verkäufer (weiterhin sehr freundlich): „Nicht grundsätzlich, aber es kann schon mal sein, dass es Preisunterschiede gibt.“

Dame (fast noch ein wenig unfreundlicher): „Ich will doch wissen, warum ich am einen Ort mehr bezahle als am anderen Ort. 90 Rappen für so einen Glacestängel finde ich halt schon ein wenig übertrieben.“

Verkäufer (unverändert freundlich): „Ja, das kann ich schon verstehen.“

Dame (fast schon aufgebracht): „Das ist halt schon ein ziemlicher Unterschied, ob man 70 oder 90 Rappen bezahlt. Ich meine, das sind immerhin 20 Rappen mehr.“

Momente später sehe ich sie an der Bushaltestelle sitzen – ohne Glacestängel. Hat sie den wirklich so schnell verschlungen? Oder hat sie ihn am Ende nur gekauft, damit sie sich über die unsägliche Preisdifferenz beklagen kann?

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Sammeln Sie Märkli? 

Neulich an der Kasse. Vor mir bezahlt ein Mann seine Ware.

Kassierin: „Sammeln Sie die Märkli?“

Kunde: „Nein, die können Sie der Dame hinter mir geben.“

Ich: „Danke, das ist nett, aber ich sammle auch nicht.“

Die Kassierin und ich unterhalten uns über die verschiedenen Sanmelaktionen und warum ich nicht sammle. Sie scannt derweilen meine Artikel, ich packe ein, wir reden weiter über meine Unlust am Märkli-Sammeln, sie nennt den Betrag und während ich im Portemonnaie krame, fragt Sie: „Sammeln Sie die Märkli?“ 

Ich: „Äääääh, nein…“

Kassierin: „Ach ja, stimmt. Darüber haben wir uns ja gerade unterhalten.“

Weil ich „Meinem“ noch ein paar Dinge für die Schule bringen muss, sind die nächsten Waren, die auf dem Band liegen, auch für mich. Sie scannt, ich packe ein und wir reden weiter über Märkli. Diesmal geht es darum, wie mühsam es für das Kassenpersonal ist, wenn alle paar Wochen etwas anderes verteilt werden muss. Manchmal sei es schwierig, da überhaupt noch den Überblick zu behalten, erklärt sie. Dann sind alle Artikel gescannt, sie nennt den Betrag, ich krame im Portemonnaie und sie fragt: „Sammeln Sie die Märkli?“

Ich: „“Äääääh, nein… Auch bei diesem Einkauf nicht.“

Kassierin: „Ach ja, stimmt. Darüber haben wir uns ja gerade unterhalten.“

Kopfschüttelnd verlasse ich den Laden. War das jetzt ein Roboter, der gelernt hat, sich wie eine echte Kassierin zu verhalten, oder eine Kassierin, die trainiert, sich wie ein Roboter aufzuführen, damit sie ihren Job auch in Zukunft behalten kann?

Was nicht auf dem Einkaufszettel steht

Wenn du zur falschen Zeit einkaufen gehst, kann es dir passieren, dass du nur mit der Hälfte der Dinge, die auf deiner Liste stehen, heimkehrst. Dafür schleppst du eine Menge Sachen mit nach Hause, die man in den Regalen nicht finden kann:

Müttersorgen

Pausenhofstreitereien

Krankengeschichten

Nachbarschaftskonflikte

Lehrerversagen

Die schmutzige Wäsche wildfremder Leute

Ehekräche

Generelle Überforderungen

Zuweilen kommt es gar vor, dass du um einige Ratschläge erleichtert nach Hause gehst, obschon du die deinen Gesprächspartnern doch gar nicht aufbürden wolltest, denn du weisst, wie sauer die andern aufstossen können.

An solchen Einkäufen schleppe ich ganz schön schwer. Wie elend muss einem Menschen zumute sein, dass er mir – einer Wildfremden – zwischen Butterzöpfen und Fischstäbchen sein ganzes Leid klagt?

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Mangelnder Shopping-Enthusiasmus

Wenn andere Mütter mit ihren Töchtern Kleider kaufen:

„Wow! Dieser Style steht dir ja echt gut. Dazu brauchst du jetzt unbedingt noch eine passende Jacke und dann ist dein Look perfekt. Komm, ich zeige dir, wie du den Schal umbinden musst, damit dein Outfit richtig gut zur Geltung kommt. Okay, perfekt. Und jetzt dreh dich mal um, ich möchte noch sehen, wie das von hinten aussieht. Suuuuuper! Du hast deinen Look gefunden! Du musst einfach mutiger werden, zu deinem Style stehen, zur Geltung bringen, wie schön du bist. So, und jetzt probierst du noch das Kleid an. Dazu solltest du unbedingt eine schwarze, blickdichte Strumpfhose tragen. Das wird dann total heiss aussehen. Ach, und natürlich brauchst du ein Paar High Heels. Die besorgen wir auch noch gleich. Ich kann es kaum erwarten, dich darin zu sehen. Das Kleid passt dir wie angegossen. Stell dir mal vor, wie du erst aussehen wirst, wenn wir die richtigen Accessoires dazu gefunden haben. Ein Hammer-Outfit wird das…“ (Nein, das habe ich nicht erfunden. Das ist eine ziemlich wörtliche Widergabe dessen, was ich heute gehört habe.)

Wenn ich mit meiner Tochter Kleider für einen Teenie-Galaabend kaufe:

„Lass mal sehen. Sieht gut aus. Wirklich richtig schön. Wie? Du willst noch ein anderes Kleid anprobieren? Aber warum denn? Dieses hier ist doch perfekt. Na gut, dann probierst du die anderen eben auch noch an…“ Ich nicke vier weitere Kleider ab und gebe dann mein Schlussurteil bekannt: „Ja, ich finde auch, dass du das Grüne nehmen solltest. Sieht wirklich toll aus. Gut, dann brauchen wir jetzt nur noch eine passende Strumpfhose und dann können wir von hier verschwinden. Ach so, du brauchst ja noch Schuhe. Na, dann lass uns das möglichst schnell hinter uns bringen.“ Und natürlich bringe ich später, als sie beim Anprobieren der High Heels stolpert, nicht das eigentlich von mir erwartete: „Ach, mach dir keine Sorgen, mit etwas Übung schaffst du das schon und sonst buchen wir dir einen High-Heel-Kurs, damit du richtig elegant laufen lernst“ über die Lippen, sondern bloss etwas, was meine Tochter als schadenfreudiges Gelächter bezeichnen würde, was aber in Wirklichkeit natürlich allerhöchstens ein wohlwollendes Schmunzeln war. 

Nein, ich tauge wahrlich nicht als enthusiastische Shopping-Begleiterin. Dafür sage ich meiner Tochter manchmal auch dann, wenn sie vollkommen zerknittert aus dem Bett gekrochen kommt, wie hinreissend ich sie finde. (Zugegeben: Ich prüfe erst vorsichtig, ob die aktuelle Laune ein solches Kompliment erlaubt…)

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Liebe Migros

Schön, dann sammeln wir also mal wieder. Wie könnten wir auch darauf verzichten, wo doch die winzigen Igelchen und Maulwürfchen so unglaublich herzig sind? Ist ja auch ganz toll, dass sich die Kinder eine Zeit lang mit der Frage befassen, woher das Essen auf unserem Tisch kommt. Bei der Sache mit dem Saatgut, das in jedem zweiten Sammelbeutel steckt, hätten eure Marketing-Gurus jedoch noch etwas schärfer nachdenken sollen. Warum? Darum:

Die Saatgut-Nummer hat euer schärfster Konkurrent bereits im Frühling durchgezogen und jetzt sieht es irgendwie danach aus, als hättet ihr von denen die Restposten übernommen. Nicht gerade originell, finde ich.

Bei der Konkurrenz gab es das Zeug im Töpfchen, bei euch aber muss man sich schon selber zu helfen wissen, denn ihr liefert bloss Samen und Erde. Okay, die anderen haben damals die Sache auch nicht ganz zu Ende gedacht, denn bei denen bildete sich mit der Zeit Staunässe, was vermutlich bei den meisten angesäten Pflänzchen zu einem verfrühten Absterben führte. Aber vielleicht hättet ihr ja aus den Fehlern eurer Konkurrenz lernen und anständige Töpfchen mitliefern können. 

Ihr gebt euch mit eurer Aktion ja so furchtbar naturnah, aber dass sich die Gartensaison hierzulande gerade ihrem Ende zuneigt, scheint ihr nicht zu wissen. Wie stellt ihr euch das vor?

  • Sollen wir die Stockrosen, die Cherry-Tomaten, die Peperoni und die Wiesenblumen jetzt aussäen und dann den ganzen Winter hindurch hätscheln, bis sie im Frühling ins Freie dürfen?
  • Oder war das so gedacht, dass wir das Saatgut aufbewahren, bis es Zeit wird, die neue Gartensaison vorzubereiten? Falls ja, wie sollen wir unseren Kindern, die ja bekanntlich immer sofort ein Resultat sehen wollen, schonend beibringen, dass sie jetzt nur noch warten müssen, bis Räbeliechtliumzug, Samichlaus, Weihnachten und Ostern  vorbei sind, ehe sie mit Säen und Giessen anfangen dürfen? Und glaubt ihr wirklich, wir wüssten dann im Frühling noch, an welchem Ort wir das Zeug gelagert haben? Vermutlich werden wir nicht mal mehr wissen, dass da irgendwo noch Saatgut herumliegt, wo doch dann bestimmt schon wieder die nächste Sammelaktion läuft, die unsere volle Aufmerksamkeit fordert.

Davon, dass wohl mehr als die Hälfte eurer Kundschaft gar nicht den Platz hat für Stockrosen und Wildblumen, wollen wir gar nicht erst anfangen. Es geht bei der Aktion ja leider nicht wirklich darum, Betonwüsten in blühende Wiesen zu verwandeln.

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Diesmal (hoffentlich) ohne uns

Pro 20 Franken Einkauf schenken sie dir ein Briefchen mit Stickers oder sonst irgend einen Sammelkram, im Laden gibt es das dazu passende Album zum Einkleben der Bildchen zu kaufen und natürlich hoffen sie, dass die Kinder das Zeug auf dem Pausenhof fleissig tauschen und einander dazu animieren, die Eltern anzuflehen, noch etwas mehr Geld auszugeben, damit es mehr Bildchen gibt. Mal sind es Bildchen von wilden Tieren, mal Sehenswürdigkeiten aus der Schweiz im Miniformat, mal fantastische Kreaturen, von denen keiner so richtig weiss, was sie darstellen sollen und welche Substanz der Designer intus hatte, als er sie erschuf.

Über Jahre lief das so und jedes Mal, wenn ich an der Kasse stand und gefragt wurde, ob ich auch sammle, antwortete ich seufzend: „Na ja, diesmal werden wir wohl noch einmal mitmachen müssen.“ Natürlich kaufte ich auch brav das Sammelalbum und den anderen Kram, der zur Sammelwut halt einfach dazugehört.

Heute lief es anders, zum ersten Mal in all den Jahren. „Sammeln Sie auch?“, fragte die Kassierin und zückte schon die Stickers, weil Mama Venditti ja immer sammeln muss. Ein einziger Blick genügte und mir war klar: Diesmal muss sie nicht, die Mama Venditti.

Warum nicht? Weil uns der Himmel mit vier Söhnen – und einer Tochter – beschenkt hat, die sich keinen Deut um Fussball scheren. Darum müssen wir diesmal nicht.

Es sei denn natürlich, die Meute auf dem Pausenhof bekäme Wind davon, wie viele Bildchen unsere Fussballverächter innert kürzester Zeit beisammen hätten, weil wir den Grossteil unseres Einkommens beim Wocheneinkauf abliefern. 

Verzogene Bande

Da ködert…ääähm, ich meine belohnt der Grossvorteiler meines Vertrauens seine treuen Kunden, die ihre Einkäufe nicht ennet der Grenze tätigen, mit Überraschungspaketen. Pro zwanzig Franken gibt’s ein Märkli und pro zwanzig Märkli ein Päckli. Und was tun sie, die lieben Kunden? Stänkern auf Facebook rum, wie das alles doch nicht fair sei.

Nur zehn Märkli pro Einkauf, obschon man 221 Franken und 15 Rappen hingeblättert hat!

In beiden Familienpäckchen das gleiche Spielzeug – wie langweilig!

Viel zu kurz, diese Aktion.

Man kriegt diese Sammelkarte ja niiiieeee voll!

An der Expresskasse vergessen sie immer, die Märkli abzugeben.

Die Konkurrenz ist viel grosszügiger mit Sonderaktionen.

Die Verkaufsstelle Hintertupfingen hatte die Familienpäckli einen Tag zu früh im Laden. Eine Sauerei so etwas!

Wenn der vor mit die Märkli nicht will, könnte die Verkäuferin ja grosszügig sein und sie mir geben, aber nein, die gibt mir nicht mehr, als sie unbedingt muss, die blöde Kuh.

Warum bekommt man nur etwas, wenn man bei denen einkauft? Die könnten das Zeug ja auch einfach so verschenken.

In meinem Päckli hatte es lauter Dinge, die ich nicht mag. Können die nicht besser auswählen?

Und so weiter, seitenlang. Ein elendes Geheule, Gejammer und Geschimpfe, als ob vom Inhalt dieser Pakete – die ja eigentlich nichts weiter als überdimensionierte Gratismuster sind – das nackte Überleben der Familie abhinge. Und gerade so, als hätten wir auf diesem Planeten keine anderen Sorgen.

Man könnte ja auch einfach mal nett lächeln und danke sagen. Vielleicht bekäme man dann sogar ein oder zwei Märkli mehr.

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