Blamage für die Glucke

Eben noch war sie die strahlende Siegerin, die mit einer gehörigen Portion Gluckenliebe die Überzeugung in die Knie zwang. Heute aber stand sie da wie der grösste Depp, als sie feststellen musste, dass die Mama von Prinzchens bestem Freund besser Bescheid weiss über die Schwimmabzeichen, die sich unser Jüngster erschwommen hat. Ist ja auch gar zu peinlich, wenn man von einer anderen Mutter erzählt bekommt, der eigene Sohn sei bereits seit einer Woche im Besitz des Froschabzeichens. Klar hätte man vom Prinzchen erwarten dürfen, dass er sein Abzeichen voller Stolz zu Hause präsentiert, wie es sich für jedes halbwegs anständige Kind gehört. Von einer rechten Glucke hätte man aber auch erwarten dürfen, dass sie sich das Datum der Schwimmprüfung mit riesigen roten Buchstaben im Kalender einträgt, damit sie dem kleinen Helden einen gebührenden Empfang bereiten kann. Wo sie schon nicht die Zeit finden will, sich wie alle anderen Glucken an den Rand des Schwimmbeckens zu setzen, um mit eigenen Augen zu sehen, dass kein anderer ihrem Nachwuchs das Wasser reichen kann. 

Nun, das Unglück ist geschehen und die Glucke wird in den kommenden Tagen noch übereifriger sein als gewöhnlich, um ihre Schmach  zu vergessen. Ich fürchte, sie hat den nächsten Mittwoch ausersehen, um den ultimativen Beweis für ihre Mutterliebe zu liefern. Dann werden nämlich drei junge Vendittis zur gleichen Zeit an zwei verschiedenen Orten mit ihren Musikinstrumenten auftreten. „Meiner“ und ich sind ja der Meinung, es sei völlig in Ordnung, wenn im einen Publikum der Papa sitzt und im anderen die Mama. So, wie ich die Glucke kenne, wird sie aber versuchen, das detaillierte Programm von beiden Konzerten in Erfahrung zu bringen, um zu Prinzchens und Zoowärters Konzert zu hetzen, sobald der letzte Ton von Karlssons Vorspiel verklungen ist. 

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Zu früh vertraut

Während…

… ich davon ausgehe, dass ich heute, wo gerade noch einer unter zehn ist, nicht mehr andauernd hinter den Kindern her sein muss, um sie vor Dummheiten zu bewahren,…

… „Meiner“ und ich denken, wir hätten ihnen oft genug erklärt, mit Feuer werde nicht gespielt,…

… wir der Meinung waren, bei den vielen Besuchen bei der Feuerwehr sei einiges über Brandverhütung haften geblieben,…

… wir doch tatsächlich glaubten, wir seien jetzt in der Lebensphase angekommen, in der wir die Kinder an einem friedlichen Sonntagnachmittag auch mal eine Weile sich selber überlassen und nur noch mit einem Ohr hinhören könnten,…

…mir nicht einmal mehr bewusst war, dass sich im Wandschrank ein Bunsenbrenner befindet,…

… war den Schutzengeln offenbar bewusst, zu welch unüberlegtem Handeln ein fast Dreizehnjähriger noch fähig ist. Darum begrenzte sich der Schaden auf einen angekohlten Wäscheständer, einen stark lädierten Bunsenbrenner und eine halb verbrannte Küchenrolle. Der Junge kam mit einem gehörigen Schrecken und ohne Verbrennungen davon. 

Wie gut, dass Schutzengel weniger vertrauensselig sind als ich. 

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Debattieren wir ruhig weiter…

Internationaler Frauentag. In den Medien toben einmal mehr die Debatten um Lohngleichheit, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die gerechte Aufteilung von Hausarbeit. Jede Zeitschrift, die etwas auf sich hält, liefert eine Strickanleitung für den „Pussy Hat“ und als ein Ewiggestriger behauptet, Frauen könnten nun mal besser putzen als Männer, brandet eine Welle der Empörung durch die Sozialen Medien. Die Dinge müssten sich endlich ändern, fordern Frauen und Männer im Chor. 

Am Ende dieser Woche kehrt der FeuerwehrRitterRömerPirat aus dem Skilager nach Hause. Er sei gelobt worden, weil er in der Küche so gut geholfen habe, erzählt er. Die meisten Jungs in seiner Gruppe hätten gesagt, sie müssten im Haushalt nie mithelfen. Von den Mädchen hingegen müsse eigentlich jede zu Hause mit anpacken. 

Da können wir am Frauentag noch lange weiter debattieren…

Familienbeobachtungen

Ist ein Kind für ein paar Tage verreist, wird es nicht ruhiger im Haus. Die anderen füllen einfach die Lücke, die durch die Abwesenheit entsteht, mit umso mehr Geplapper. Soll bitte keiner behaupten, die dauerquasselnden Geschwister müssten eben die einmalige Gelegenheit nutzen, auch mal endlich zu Wort zu kommen. Diese Regel gilt nämlich auch, wenn das abwesende Kind zur schweigsamen Sorte gehört. 

Im Normalfall klingt die Geschwisterallergie sofort ab, wenn zwischen dem Bruder und der Schwester, die einander gerade nicht ausstehen können, eine genügend grosse Distanz liegt. Bei ausgeprägter Unverträglichkeit zeigt die räumliche Trennung leider keinerlei Wirkung. Schon die Nennung des Namens des abwesenden Kindes löst ein zorniges Knurren aus. Sieht ganz so aus, als müsse man in solch schweren Fällen mit der Behandlung der Allergie zuwarten, bis die Pubertät durchgestanden ist.

Manche Kinderfilme wirken auf den ersten Blick vollkommen harmlos, entfalten aber im Nachhinein eine derart beängstigende Wirkung, dass Schlafen im eigenen Bett für mindestens eine Woche ausgeschlossen ist. 

Wenn zwei durch einen Film dauerhaft verängstigte Kinder in einem Bett schlafen, um einander gegenseitig die Angst zu nehmen, sind die Kinder nach kurzer Zeit nicht mehr verängstigt. Dafür stehen bald einmal verärgerte Eltern im Zimmer. 

So weit sind wir jetzt also schon

Es ist kurz vor Mittag und weil im Kühlschrank gähnende Leere herrscht, hetze ich noch schnell in die Migros. Wie immer, wenn ich Essen für die Familie einkaufe, flüstert mir eine leise Stimme ins Ohr: „Mehr Poulet! Du weisst doch, wie sehr sie das lieben. Und unbedingt zwei Becher Crème Fraîche. Einer reicht nie und nimmer. Willst du nicht ein ganzes Kilo rote Bohnen nehmen? Die mögen sie doch auch so gern. Halt! Stop! Mehr Käse! Mehr Mais! Mehr Oliven! Und mehr Tortillas! Himmel, nun greif schon zu. Die hungrige Meute wird das innert Sekunden vertilgt haben.“

Fünfzehn Minuten später stehe ich am Herd und rühre in den Töpfen. Luise kommt nach Hause, wenig später der Zoowärter, dann keiner mehr. Ach so, ist ja Mittwoch. Prinzchen wird also wie immer bei seinem besten Freund essen. Der FeuerwehrRitterRömerPirat ist im Skilager. „Meiner“ ist in der Stadt, um dem Zoowärter eine neue Jacke und mir neues Henna zu besorgen. Karlsson bleibt an seinem freien Nachmittag in der Schule. Er hat sich vorgenommen, mit Freunden zu lernen,  was – wenn ich mich recht erinnere – bei Gymnasiasten meist zu einer ausgedehnten und äusserst unterhaltsamen Diskussionsrunde führt. Vor fünf ist nicht mit ihm zu rechnen.

„So fängt das also an“, murmle ich vor mich hin, als der Zoowärter, Luise und ich hinter einem riesigen Berg Essen am fast unbesetzten Tisch sitzen.

Tja, ich fürchte, bald werden sie über mich lachen, so wie wir jeweils über unsere Mutter gelacht haben, wenn sie für die Neun kochte, die früher am Tisch sassen, anstatt für die Zwei, die tatsächlich zum Essen erschienen.

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Peinlich? Mir doch egal!

Man legt uns Müttern nahe, unsere Teenager nicht mehr in aller Öffentlichkeit zu umarmen, wenn sie ein gewisses Alter erreicht haben. Peinlich sei das für die Kinder und vielleicht auch ein Anzeichen von Überbehütung. Als ich heute den FeuerwehrRitterRömerPiraten zum Reisecar begleitete, der ihn ins Skilager bringt, habe ich ihn trotzdem umarmt, bevor er das Treppchen hochstieg. 

Erstens, weil er mein Kind bleibt, auch wenn er mich inzwischen um gute sieben Zentimeter überragt. Das ändert aber nichts daran, dass er mir fehlen wird, wenn er fünf Tage lang nicht hier ist, um auf meinen Nerven herumzutanzen, also lasse ich es mir nicht nehmen, ihn noch einmal in den Arm zu nehmen und insgeheim ein bisschen sentimental zu werden, weil er jetzt auch schon so gross ist. 

Zweitens, weil er jetzt in dem Alter ist, in dem Eltern vordergründig nicht mehr viel zu bieten haben. Als Mass aller Dinge gilt die Meinung der Schulfreunde. Als Vorbild dienen offiziell die Stars und Sternchen, inoffiziell die Klassenlehrer und Leiter verschiedener Freizeitangebote. Brauchen sie mal jemanden, dem sie das Herz ausschütten können, kommen Grossmütter, Tanten und Gotten zum Zug. Was bleibt mir da als Mutter noch zu tun? Nur eines: Für diese kleine Prise Peinlichkeit in ihrem Leben zu sorgen. Damit sie jetzt bei ihren Freunden etwas zum Lästern haben und später dann – wenn ich in ihren Augen schon längst nicht mehr peinlich, sondern so etwas wie eine Heilige bin – ein paar Erinnerungen, die sie hemmungslos verklären können. 

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Er wollte doch nur mal tanzen

Ein einziges Mal nur wollte er es seinen Brüdern gleich tun. Irgend so eine sinnlose Dummheit anstellen, bei der man sich fragen muss, ob das Denkorgan überhaupt zu Rate gezogen wurde. Eines dieser fiesen Ärgernisse, mit denen man die Eltern so wunderbar auf die Palme treiben kann. Missetaten, die, wenn sie ans Licht kommen, mit einem entrüsteten „Ich war das bestimmt nicht!“ dem „anderen“ in die Schuhe geschoben werden. 

Mit einem kleinen Loch in der vollen Milchflasche wollte er testen, ob auch er, der gewöhnlich immer so seriös und perfektionistisch unterwegs ist, für ein wenig Action im Haus sorgen könne. 

Nun, man weiss ja, wie es kommt, wenn Ungeübte sich mit Streichen versuchen. Meistens scheitert die Sache schon daran, dass sie nicht kaltblütig genug sind, um so zu tun als wüssten sie von nichts. So war es auch bei ihm. Das Loch wurde entdeckt und drei Minuten später wussten wir, dass er der Schuldige war. Weil sein Sündenregister noch nicht sehr umfangreich ist, wäre ihm schnell verziehen gewesen. Leider verstaute aber „Meiner“ den Krug mit der Milch, die er hatte retten können, so ungeschickt im Kühlschrank, dass sie sich heute Morgen über meine Füsse ergoss, bevor ich nur eine Spur von Koffein intus hatte. So kam es, dass derjenige, der die Sache ins Rollen gebracht hatte, im Morgengrauen ein mütterliches Donnerwetter über sich ergehen lassen musste. 

Irgendwie tat mir das Prinzchen fast leid. Er wollte doch nur mal testen, ob er auch ein paar Tanzschritte auf den elterlichen Nerven wagen darf.

Ich glaube, er weiss jetzt, dass er es besser bleiben lässt. Ihm fehlt nicht nur die Übung, er ist auch nicht abgebrüht genug, um eine geballte Ladung mütterlichen Zorns mit einem gekonnten Schulterzucken von sich abzuschütteln.

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