Wo soll das bloss hinführen?

Seit Karlsson am Gymnasium ist, wird am Esstisch öfter mal über Chemie, Physik und dergleichen gesprochen. Anfangs war das eher ein grosses Gejammer, doch mit der Zeit hat unser Ältester gemerkt, dass das Zeug ganz interessant sein kann, wenn man sich vertieft damit auseinandersetzt. Weil Prinzchen grundsätzlich alles cool findet, was Karlsson tut und er ausserdem einen naturwissenschaftlich interessierten Freund gefunden hat, wurden Chemie, Physik und dergleichen auch für unseren Jüngsten zum Thema.

Als im Herbst Prinzchens Geburtstag nahte, bekam ich eines Tages eine Liste in die Hand gedrückt mit den Titeln sämtlicher Kindersachbücher, die auf dem Gabentisch erwünscht waren. Chemie, Physik, Astronomie, Mathematik… (Okay, da stand auch ein Buch über berühmte Komponisten und eins über den ersten Weltkrieg auf der Liste, aber die Stossrichtung war eindeutig.)

Einige Wochen nach dem Geburtstag verkündete der kleine Prinz, er wolle dereinst Chemiker und Mathematiker werden. Mein einziger Trost bei diesen beunruhigenden Nachrichten war die falsche Betonung von „Mathematiker“. Wer die Berufsbezeichnung nicht richtig aussprechen kann, wird ja wohl kaum so richtig wissen, was er will, nicht wahr? 

Zu Weihnachten musste ein Experimentierkasten her. Natürlich der Grösste, der zu haben war. 

Heute hielt er mir die Begleitbroschüre seines Experimentierkastens unter die Nase. Er wollte das Periodensystem der Elemente erklärt bekommen. Mehr als die rudimentärsten Basics konnte er von mir natürlich nicht in Erfahrung bringen, denn mein bruchstückhaftes Grundwissen liegt schon längst tief begraben unter dem ganzen Kram, der sich seit der Matura in meinem Kopf angesammelt hat. 

Ob man es als Glück bezeichnen darf, dass eine Freundin zugegen war, die dem Prinzchen mit lebendigen Schilderungen erklären konnte, was es mit der bunten Tabelle auf sich hat? Für ihn ganz bestimmt, denn er bekam nicht nur viele gute Antworten auf seine Fragen, es wurde auch sein Appetit nach mehr geweckt. Für mich hingegen… Na ja, welche Mutter nimmt es schon locker, wenn sie erkennen muss, dass ihr Stern gerade sehr tief gesunken ist, weil sie ihrem Sohn nicht erklären kann, was ihn brennend interessiert? 

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Mitfühlen

„Heute beim Spielen erzählte eines der Kinder, dass es von seinen Eltern geschlagen wird“, berichtete einer unserer Söhne neulich, als er nach Hause kam. „Immer, wenn es im Sport nicht so gut ist, oder wenn es seine Hausaufgaben nicht gut gelöst hat, wird es bestraft. Manchmal sogar, wenn es etwas haben möchte, was die Eltern nicht so toll finden.“ Sie hätten dem Kind vorgeschlagen, die Schule zu informieren, aber davor habe es Angst. Auch einen Anruf bei der Notfallnummer wolle es nicht machen, denn wenn das auskäme, würde alles noch viel schlimmer. „Am liebsten wären wir alle gleich zum Haus dieser Eltern marschiert, um ihnen zu sagen, dass sie nicht schlagen dürfen“, erzählte unser aufgebrachter Sohn weiter. „Das arme Kind tut mir so leid. Man müsste doch etwas tun können, um ihm zu helfen.“

Es dürfte den Spielkameraden wohl tatsächlich schwer fallen, dem Kind zu helfen, ohne seine Situation zu verschlimmern. Dass sie es ermutigt haben, die Sache nicht einfach hinzunehmen und mit ihm überlegt haben, wo Hilfe zu holen wäre, hat mich aber tief berührt. Ich glaube, wenn in meiner Generation ein Kind erzählt hätte, dass es zu Hause geschlagen wird, hätten nicht wenige in der Gruppe resigniert mit dem Kopf genickt und gesagt: „Ich auch.“

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Von den schönen Dingen

Vor lauter Haushaltärger habe ich die schönen Dinge ein wenig aus den Augen verloren, dabei gibt es doch so vieles, worüber ich mich freuen kann:

Ein letztes Bad im Aarekanal, danach ein ausgedehntes Picknick mit lieben Freunden.

Das Prinzchen, das spät am Abend noch wach im Bett sitzt und aus voller Kehle seine selbst erfundenen Melodien schmettert.

Bekocht und umsorgt zu werden von herzensguten Menschen, die finden, wir hätten eine Auszeit vom Badewannen-Abwasch verdient.

Ein Abendspaziergang mit „Meinem“ und der Katze, die uns in der Dunkelheit nicht ohne ihren Schutz ziehen lassen will.

Die Artischockenernte, die zwar nicht überreich, aber doch reicher als erwartet ausgefallen ist. 

Karlsson, der sich an der neuen Schule fühlt, wie ein Fisch im Wasser.

Malven, Astern, Dahlien, Phlox, Herbstanemonen, Scabiosen und Prachtkerzen, die um die Wette blühen. 

Jede einzelne kostbare Minute, in der ich nichts über Pokémon hören muss.

Luise und der Zoowärter, die sich nach schwierigen Zeiten wieder aufgerappelt haben und zu ihrer alten Lebensfreude zurückfinden. 

Ein Birnbaum, den wir schon längst aufgegeben hatten, der nun zum ersten Mal in seinem Leben wunderschöne Früchte trägt. 

Der FeuerwehrRitterRömerPirat, der immer sogleich fühlt, wenn jemand Aufmunterung braucht. 

Nach sehr langer Zeit wieder mal eine neue Idee in meinem Kopf, die sich vielleicht eines Tages zu etwas Gutem weiterspinnen lässt.

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Wenn Mama Venditti nicht unter die Leute kommt…

…dann geht das anfänglich ganz gut. Gar nicht so schlimm, mal etwas weniger Zeit zu verquatschen, denkt sie. Und überhaupt: Alleine ist man in dieser Familie ja nie, da gibt’s immer jemanden, der Lust auf ein Gespräch hat, manchmal auch spät abends, wenn Mama Vendittis Bedarf an sozialer Interaktion längst gedeckt wäre. Nach einer Weile aber fängt sie an, ihre Freunde zu vermissen und sie ist dankbar für die Erfindung von Social Media, wohl wissend, dass die kurzen Kommentare einen tiefschürfenden Meinungsaustausch nie und nimmer ersetzen können. 

Spätestens jetzt wäre es Zeit für ein paar Stunden mit Freunden, doch während einer Auszeit gestalten sich solche Dinge bekanntlich etwas schwierig, also fängt sie an, mit jedem zu quatschen, der naiv genug ist, sich auf ein Gespräch einzulassen. Mit der deutschen Touristin, die bei der Schafparade zufällig an der gleichen Strassenecke steht, wird erörtert, warum es so viele Menschen in die Provence zieht. Mit dem Auswanderer, der auf dem Markt edle Kaffeekannen verkauft, unterhält man sich über Waldorf-Schulen in Frankreich. Mit dem Iren, der seit Menschengedenken mit handgefertigten Holzschwertern und Ritterkostümen handelt, redet man erst mal über Homeschooling, dann von Flüchtlingspolitik, schliesslich stünde man kurz davor, die Welt zu retten, würde nicht Mama Vendittis Familie deutliche Anzeichen von Ungeduld erkennen lassen. Sogar mit der blasierten Verkäuferin im Delikatessengeschäft tauscht sie sich eifrig über Vorlieben beim Kochen aus und stünde nicht demnächst das Ende der Auszeit bevor, sie würde wohl anfangen, die Bäume zu belästigen…
Seid also vorgewarnt, liebe Freunde, wenn Mama Venditti wieder zu Hause ist, hat sie ganz schrecklich viel Nachholbedarf.

  

Kinderlose Kinderexperten

Meine kinderlosen Freundinnen sind Gold wert. Mit ihnen kann ich über die Dinge quatschen, die sich außerhalb meiner Mamawelt abspielen. Sie erfahren von mir, was sie ohne Kinder verpassen (und was nicht), ich lerne von ihnen, wie man die Dinge auch noch sehen könnte, wenn man sie nicht immer im Hinblick auf die eigenen Kinder betrachtete. Bei ihnen kann ich auch mal ungehemmt darüber lästern, wie sehr mir der Tanz ums goldene Kind, den manche Mütter veranstalten, auf den Geist geht. Im Gegenzug berichten sie mir schonungslos offen über die Abgründe des „Single-WG-wie soll meine Zukunft aussehen?“-Lebens. Kurzum, sie sind eine echte Bereicherung, diese Frauen. 

Was ich hingegen nicht ertragen kann, sind kinderlose Menschen, die Kinder und Teenager nur vom Hörensagen und vor allem aus den Medien kennen und sich dennoch für Experten halten. Menschen, mit denen man solche Gespräche führt (Dieses hier ist übrigens fiktiv, leider aber nicht frei erfunden.): 

Ich: „Meine Tochter ist in den Ferien jeweils sehr viel experimentierfreudiger mit ihrem Kleiderstil. Dann trägt sie Dinge, die sie für die Schule nie anziehen würde.“

Mein Gegenüber seufzt tief, legt die Stirn in sorgenvolle Falten und sagt: „Ja, das ist heutzutage einfach schlimm mit diesem Markenwahn. Die Kinder trauen sich ja nicht mehr aus dem Haus, wenn sie nicht die richtigen Klamotten tragen…“

„So habe ich das nicht gemeint“, unterbreche ich, um mir nicht den ganzen Markenkleider-Sermon, den ich inzwischen in- und auswendig kenne, anhören zu müssen. „An unserer Schule ist das eigentlich kein Problem…“

Weiter komme ich nicht, bevor mein Gegenüber ins Wort fällt: „Nein, glaub mir, die Kids leiden richtig. Wenn die die falschen Schuhe an den Füssen haben, werden die verprügelt. Ich habe neulich diesen Artikel gelesen…“

Jetzt ist es an mir, unhöflich zu sein: „Ich weiss, an manchen Schulen läuft das tatsächlich so, aber bei uns schlagen wir uns mit anderen Themen rum. Meine Tochter ist halt jetzt einfach in dem Alter, in dem man nicht auffallen will…“

„Das ist es genau, was ich meine“, unterbricht mich mein Gegenüber schon wieder. „In dem Artikel haben sie diese bekannte Jugendpsychologin zitiert…wie heisst sie nochmal?… Ach, ist ja auch egal, aber auf alle Fälle hat sie gesagt, die Kids wollten auf gar keinen Fall mehr auffallen, weil sie sonst…“

So geht das dann so lange weiter, bis die Person meine Aussage über Luises Kleiderstil so weit zurechtgebogen hat, dass sie als Beleg für die Thesen aus dem Zeitungsartikel herhalten kann. Und bis ich mir überlege, ob ich der Person einen Praktikumsplatz bei uns zu Hause anbieten soll, damit sie mal Kinder und Teenager in freier Wildbahn erleben kann. 

Noch Fragen, warum ich solche Menschen nicht zu meinem Freundeskreis zähle?

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Kleine Absurditäten

Manchmal begegnen mir im Alltag Dinge, die zu klein sind, um einen ganzen Blogpost zu füllen, aber auch zu köstlich, um sie einfach wegzuschmeissen. Zum Beispiel diese hier:

  • „Du hast fünf Kinder? Wie, kein Patchwork? Dann seid ihr also in einer Sekte.“
  • „So viele Jahre habe ich der Lungenliga gespendet und jetzt habe ich trotzdem eine Lungenentzündung.“ (Nein, da schwang keine Ironie mit. Auch keine Bitterkeit. Einfach grosses Erstaunen, dass die Schutzfunktion der Spende nicht ausreichend war.)
  • „Die war voll fies zum Prinzchen. Er wollte sie angreifen, aber sie ist einfach zur Seite gesprungen und dann ist er auf den harten Boden gefallen. Echt, voll fies war das. Die kann doch nicht einfach ausweichen, wenn er sie angreifen will.“
  • „Sieh mal, eine Schwangere. Ich hab schon so lang keine Schwangere mehr gesehen, dass ich gar nicht mehr gewusst habe, wie die aussehen.“
  • „Mama, darf ich heute Nachmittag mit einem Freund abmachen?“ – „Ja, natürlich.“ – „Oh, schade. Aber kannst du wenigstens sagen, dass ich schon um halb fünf nach Hause kommen muss?“
  • „Also, wenn Sie die Post umleiten lassen wollen, müssen Sie zuerst mal ein Online-Konto einrichten. Wie? Die Person hat keine E-Mail-Adresse? Tja, dann müssen Sie eben die temporäre Adressänderung notariell beglaubigen lassen.“
  • „Warum ich deine Lichterkette zerstört habe? Ich war halt wütend auf dich.“ – „Das war die schönste Lichterkette, die ich je hatte.“ – „Echt, Mama, die hat dir gefallen? Na, dann tut es mir eben leid, dass ich das hässliche Ding kaputt gemacht habe.“
  • „Ich weiss auch nicht, was die mit diesen Kreuzworträtselheften machen. Da hat es in letzter Zeit immer so viele Fehler drin. Nie hat es genügend Feldchen für die Wörter, die ich schreiben will.“ (Nein, das war kein Kind.)
  • „Auf unserer Homepage hat es bestimmt noch ganz viele passende Angebote für Sie. Durchsuchen Sie sie doch gleich mal. Nur ist die Seite leider gerade zusammengebrochen und wir brauchen ein paar Tage, bis sie wieder läuft.“
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Seien wir doch (nicht immer so schrecklich) flexibel

Seitdem ich von zu Hause aus arbeite, bin ich zeitlich sehr flexibel. Viele Menschen in meinem Umfeld sind dies auch und manchmal kommen zwei von uns Flexiblen auf die Idee, uns zum Tee zu treffen. Das läuft dann so:

A: „Wir sollten uns mal zum Tee treffen.“

B: „Gute Idee, das sollten wir wirklich mal tun und zwar bald.“

A: „Ja, unbedingt bald.“

Zwei Wochen später:

B. „Du, wir sollten uns wirklich mal zum Tee treffen.“

A: „Oh ja, das machen wir.“

B: „Irgendwann in den nächsten Wochen.“

A: „Gut, ich melde mich. Ich kann’s mir eigentlich fast immer einrichten.“

B: „Ich auch.“

Drei Monate später: 

A: „Du, wir wollten uns doch mal zum Tee treffen.“

B: „Machen wir! Wann?“

A: „Ich bin flexibel.“

B: „Ich auch.“

A: „Schlag doch mal ein paar Termine vor.“

B: „Ich schau mir mal meinen Terminkalender an.“

Drei Wochen später:

B: „Also, hier meine Terminvorschläge. Mir geht’s eigentlich immer am Mittwochvormittag, am Donnerstagnachmittag oder am Freitag über Mittag. Ich könnte aber auch nächsten Samstag um fünf, am Montag ab zehn Uhr oder übernächsten Sonntag gegen Abend.“

A: „Danke! Ich schau mal, wann es mir geht.“

Vier Tage später:

A: „Hab‘ nachgeschaut. Wie wär’s mit nächstem Mittwoch?“

B: „Tut mir leid, Mittwochvormittag geht eigentlich immer, aber gestern habe ich Bescheid bekommen, dass ich Sitzung habe. Ausnahmsweise nur. Donnerstagnachmittag ist aber immer noch frei.“

A: „Donnerstag ist nicht gut nächste Woche. Sonst immer, aber nächsten Donnerstag muss ich zum Zahnarzt. Nehmen wir den Mittwoch in einer Woche? Der ginge mir auch noch.“

B: „Super, Mittwoch in einer Woche. Neun Uhr. Ich freu mich!“

A: „Ich auch!“

Zwei Tage später:

B: „Du, ich hab total vergessen, dass ich Mittwoch in einer Woche Besuch habe. Können wir eine Woche später?“

A: „Ja, prima, geht auch. Es bleibt bei neun Uhr?“

B: „Ja, übernächsten Mittwoch, neun Uhr. Perfekt!“ 

Übernächster Mittwoch, zwanzig vor neun:

A: „Du, können wir verschieben? Mein Jüngster ist gerade von der Schule nach Hause gekommen und kotzt sich die Seele aus dem Leib.“

B: „Oh je, der Arme. Wir suchen dann einen neuen Termin, wenn er wieder gesund ist. Wir sind ja flexibel.“

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