Von Schafen und Touristen

Hier im Städtchen (oder zumindest in der Region) hat es

  • ein kleines Gebirge, „les Alpilles“ genannt,
  • viel Sonne und Wärme
  • eine beträchtliche Anzahl Feiertage, die irgendwie totgeschlagen werden wollen
  • eine überwältigende Anzahl Touristen aus dem In- und Ausland
  • eine beträchtliche, wenn auch nicht überwältigende Anzahl Schafe
  • ziemlich viele Marktfahrer mit ansprechendem Warenangebot
  • ziemlich viele fahrende Antiquitätenhändler
  • eine Strassenputzmaschine

Diese Schafe, so will es die Natur, verbringen die sonnigen, warmen Tage gerne auf den Weiden oben auf dem kleinen Gebirge, also müssen die Schafe irgendwie dorthin kommen. Früher begleiteten die Hirten die Schafe zu Fuss, heute aber, wo alles irgendwie rentieren muss, packt man die Tiere lieber auf ein motorisiertes Fahrzeug. Geht schneller und ist weniger schweisstreibend. 

Für die Schafe und die Hirten wäre also gesorgt, aber was stellt man bloss mit all den Touristen an, die auch irgendwie bei Laune gehalten werden wollen? Erst recht an diesen Feiertagen, an denen sie noch zahlreicher kommen als sonst und nicht so recht wissen, was sie anfangen sollen, wo doch fast alle Geschäfte geschlossen sind?

„Wir haben Schafe, Berge, Feiertage und Touristen“, muss ein findiger Mensch vor ein paar Jahren mal in einer Runde zur Förderung des Stadtlebens messerscharf analysiert haben. „Tun wir doch einfach so, als würden wir unsere Schafe noch immer zu Fuss auf die Berge treiben, lassen wir die Viecher zwei Runden um die Stadt rennen und wenn wir das Ganze am Pfingstmontag machen, kommen die Touristen in Scharen, darauf könnt ihr Gift nehmen.“ „Pfingstmontag? Bist du dir sicher? Da sind doch alle Läden zu. Nur wegen der paar Schafe kommt doch keiner“, gab ein ewiggestriger Zauderer zu bedenken. „Na, dann holen wir eben ein paar Marktfahrer. Das zieht immer bei den Touristen“, schlug ein anderer vor. „Aber nur mit Schafen und einer Handvoll Marktfahrer lässt sich kein Programm machen. Die Viecher sind im Nu zweimal um die Stadt herum und was fängst du dann mit all den Touristen an, die eigens deswegen in die Stadt gekommen sind?“, stänkerte der Zauderer weiter. „Dann holen wir eben noch ein paar Antiquitätenhändler. Die Kerle müssen ihren Ramsch doch auch loswerden und Touristen stehen auf das Zeugs“, schlug der Erste vor und die anderen in der Runde nickten zustimmend. „Aber die Viecher machen ganz schön Dreck“, wehrte sich der Zauderer ein letztes Mal. „Dann jagen wir eben am Schluss noch schnell die Putzmaschine durch die Strassen. Hat ja ohnehin ein Heidengeld gekostet, das Ding, da muss man es auch amortisieren“, sagte einer und damit war die Sache beschlossen.

Und so kam es, dass heute früh – wie jedes Jahr am Pfingstmontag – eine überwältigende Anzahl Touristen aus dem In- und Ausland ins Städtchen strömte, um einer beträchtlichen aber nicht überwältigenden Anzahl von Schafen dabei zuzusehen, wie sie so tun mussten, als würden sie noch immer zu Fuss auf ihre warmen, sonnenbeschienenen Weiden oben in den Bergen getrieben. Nach einer halben Stunde waren die Schafe wieder weg und bald darauf, als die Putzmaschine ihre Runden gedreht hatte, auch der Dreck, den sie hinterlassen hatten und die Touristen hatten eine Ausrede, den Rest des Pfingstmontags bei Marktfahrern und Antiquitätenhändlern totzuschlagen.

(Die Schafe waren übrigens äusserst reizvoll.) 

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5 Kommentare zu “Von Schafen und Touristen

    • Ich bin mit Milchschafen aufgewachsen und auch wenn ich mir selber nie welche zulegen würde, wird mir doch immer warm ums Herz, wenn ich ihnen begegne.

  1. Pingback: Wenn Mama Venditti nicht unter die Leute kommt… | Beautiful Venditti - Grossfamiliengroove à discrétion

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