Statistenrolle

Das Gefühl kenne ich noch bestens aus Baby- und Kleinkinderjahren: Die Ohnmacht, im eigenen Leben nur noch eine Statistenrolle zu spielen, der Frust, eigentlich nichts mehr zu melden zu haben, sondern einfach nur noch zu reagieren. Einziges Mittel, um mit diesen Ohnmachtsgefühlen fertig zu werden, war der Gedanke, dass wir uns das selber ausgesucht haben. „Wir haben Kinder gewollt und zwar mehr als eins, also Augen zu und durch, wenn immer möglich mit einem Lächeln auf den Lippen“, sagte ich wohl unzählige Male zu mir selber und auch wenn das nicht immer eine sofortige Wirkung zeigte, so half mir dieser Gedanke doch durch viele Tage und Nächte, die anders waren, als ich mir das eigentlich vorgestellt hatte. 

Wenn man mir heute am Telefon sagt: „Der Termin ist am Dienstagnachmittag, wir erwarten Sie um drei. Nein, es geht nicht ohne Sie, es muss jemand dabei sein, der Deutsch spricht“, dann kommen ganz ähnliche Gefühle wie damals auf. „Kann man denn einfach so über mich verfügen?“, grummle ich und weil sich Solches und Ähnliches mehrmals pro Woche so zuträgt, grummle ich viel. Sehr viel. Und dummerweise ist da kein „Wir haben es ja so gewollt…“, das mir hilft, die Sache zu nehmen, wie sie eben ist. Da ist höchstens ein „Was kann ich denn dafür, dass sie nie richtig Deutsch gelernt hat?“ oder ein „Nur, weil ich ihren Sohn geheiratet habe, heisst das noch lange nicht, dass das Spital mich herumkommandieren kann“ und manchmal auch ein „Warum ausgerechnet jetzt, wo die Kinder endlich aus dem Gröbsten raus sind?“ 

Diese Gedanken sind nicht nett, sie ändern auch nichts an der Lage und ich suche immer wieder brav nach Wegen, um doch einigermassen wohlwollend geben zu können, was man von mir erwartet. Dass diese Gedanken kommen, ist aber wohl ebenso unausweichlich wie die Ohnmachtsgefühle, die ich zuweilen empfand, als Luise über mehrere Jahre hinweg die Nacht zum Tag machte. 

rifiuti; prettyvenditti.jetzt

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2 Kommentare zu “Statistenrolle

  1. Deine Gedanken sind menschlich. Ich finde sie berechtigt und wichtig, um den zeitfressenden Spagat zwischen Krankenhaus, Familie und Job weiter durchzustehen. Ich wünsche euch allen viel Kraft. Liebe Grüsse
    Carmen

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