Dialekt, wenn ich bitten darf

Eigentlich gehöre ich ja nicht zu den Menschen, die ein Problem mit Schriftdeutsch haben.  Hätte man in unserem Kanton über ein Mundart-Obligatorium im Kindergarten abgestimmt, hätte ich ein Nein in die Urne gelegt. Wenn Lehrer im Sportunterricht und auf der Schulreise Hochdeutsch reden, finde ich dies zwar ziemlich übertrieben, aber es käme mir nicht in den Sinn, deswegen einen Aufstand zu machen. Mich stört es nicht mal gross, wenn kleine Kinder hierzulande eine Zeit lang so klingen, als wären sie direkt einer seichten Fernsehsendung entstiegen. Früher oder später wächst sich das ja wieder aus. 

Sprechen mich aber auf der Strasse Kinder, die des Dialekts durchaus mächtig wären, auf Schriftdeutsch an, weil ich ja eine Fremde und somit so etwas wie eine Respektsperson bin, finde ich das schon ein wenig bedenklich. Nicht unbedingt, weil ich fürchte, unsere Mundart werde allmählich verdrängt, sondern weil den armen Knöpfen nicht mehr auffällt, dass man unser helvetisch gefärbtes Hochdeutsch besser nur hinter den verschlossen Türen eines Schulzimmers sprechen sollte, damit keiner hört, wie lächerlich wir klingen. 

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Back to normal

Die Winterferien, die mit ihrer Geruhsamkeit meinen Alltag gehörig auf den Kopf gestellt haben, sind seit gestern vorbei. Jetzt herrscht endlich wieder die gute alte Routine:

Kaum steige ich gestern Morgen in Zürich, wo ich einen Gesprächstermin habe, aus dem Zug, erreicht mich ein Anruf aus der Schule. Der FeuerwehrRitterRömerPirat fühlt sich nicht wohl und möchte nach Hause. Ich bin erleichtert. So werde ich wenigstens von jemandem erwartet, wenn ich aus der bösen, kalten Grossstadt nach Hause zurückkehre.  

Am Nachmittag dann ein Informationsbrief: Am Schmutzigen Donnerstag und am Fasnachtsdienstag fällt nachmittags der Unterricht aus. Ich stosse einen Freudenschrei aus. Jetzt muss ich wenigstens nicht alleine über das närrische Getue schimpfen, sondern kann mit den Kindern gemeinsam jammern. 

Der FeuerwehrRitterRömerPirat ist heute Morgen wieder auf den Beinen. Damit ich trotzdem nicht einsam bin, übergibt sich der Zoowärter. Er hat sich eigens darum bemüht, sich schon am ersten Schultag nach den Ferien in Sachen Käfer auf den neuesten Stand zu bringen.

Später dann eine Nachkontrolle im Kantonsspital, zu der die Versicherung Luise – und damit auch mich – eingeladen hat. Ach, wie bin ich doch dankbar für die vierzig Minuten im Wartezimmer und die halbe Stunde, die ich mehr oder weniger stumm an Luises Seite verbringen darf. Ich wüsste ja sonst nicht, was ich mit meiner Zeit anfangen sollte.

Wie schön, dass man jetzt endlich wieder mit der täglichen Portion Planänderung rechnen kann. Seitdem die Kinder an schulfreien Tagen immer erst kurz vor Mittag aus ihren Betten gekrochen kommen, sind Ferientage in diesem Haus so gefährlich ruhig geworden, dass man sich glatt daran gewöhnen könnte. 

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Differenzierter

Vor noch nicht allzu langer Zeit hätte es mir die Zornesröte ins Gesicht getrieben, wenn man mir einen Bericht mit dem Vermerk „ICD-10 F40.2 “ zur Unterschrift vorgelegt hätte. „Was fällt denen eigentlich ein, mein geliebtes Kind mit ein paar Buchstaben und Zahlen abzustempeln?“, hätte ich getobt und das Papier mit einigen bösen Kommentaren versehen ohne Unterschrift an den Absender zurückgeschickt.

Inzwischen sehe ich die Dinge ein wenig differenzierter. Ich weiss jetzt, welche Erleichterung eine solche Buchstaben-Zahlen-Kombination mit sich bringen kann, nachdem man sich über Jahre jeden Tag vor dem Aufstehen gefragt hat, ob der Morgen gut, mittelmässig oder miserabel laufen wird. Wenn einem plötzlich ganz viele Lichter auf einmal aufgehen, weil es für Vieles, was bis anhin unverständlich war, eine plausible Erklärung gibt. Wenn die ewige Frage „Was machen wir bloss falsch?“ mit „Nicht viel, vielleicht müsst ihr einfach noch etwas mehr Verständnis für die Situation aufbringen“ beantwortet wird. Und vor allem, wenn diese kryptischen Zeichen den Weg frei machen für eine Lösung, die den Bedürfnissen des Kindes gerecht wird. 

Also habe ich heute Vormittag ohne einen Moment zu zögern meine Unterschrift unter den Bericht gesetzt, den ich vor noch nicht allzu langer Zeit als eine Zumutung empfunden hätte. Habe ich mich weich klopfen lassen von einem System, das Kinder mit Diagnosen abstempelt? Habe ich kapituliert, weil die Situation auf die Dauer zu anstrengend geworden ist? Nein, ich glaube nicht, denn wo kein Leidensdruck besteht, halte ich solche Dinge weiterhin für unnötig und zuweilen auf für groben Unfug. Aber ich habe erkannt, dass ich meinem Kind keinen Gefallen erweisen würde, wenn ich mich durch meine Überzeugung daran hindern liesse, den Tatsachen ins Auge zu sehen.

Ach ja, natürlich stand in dem Bericht nicht die oben erwähnte Buchstaben-Zahlen-Kombination, sondern eine ganz andere. Auch wenn ich versuche, offen über unsere Herausforderungen zu schreiben, bleiben solche Dinge selbstverständlich vertraulich.

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Worauf es im Leben ankommt

Er war Inhalt von so manchem „Frau Venditti, wir müssen reden“-Gespräch…

Die eine oder andere Lehrerin fühlte sich durch ihn veranlasst, an den Erziehungsfähigkeiten von „Meinem“ und mir zu zweifeln.

Die praktischen Anforderungen des Schulalltags zwangen ihn beinahe in die Knie. 

Tönten wir bei Elterngesprächen an, er habe wohl deutlich mehr auf dem Kasten, als seine Schulnoten vermuten liessen, wurden wir mitleidig belächelt.

Ich wünschte, seine ehemaligen Lehrerinnen hätten ihn heute sehen können, wie er ergründete, was wahre Nächstenliebe bedeutet, wie wenig der Mensch eigentlich bräuchte, um wahrhaft glücklich zu sein, warum die Welt nicht besser wird, wenn wir alle immer mehr besitzen wollen und weshalb es in seinen Augen ökologisch fragwürdig ist, ein anderes Transportmittel als die eigenen Füsse zu benützen. 

Die Pädagoginnen, die in ihm stets nur den störrischen, schweigsamen Jungen mit der schlechten Handschrift und dem nicht ganz sauberen Pullover gesehen haben, hätten ihn wohl kaum wieder erkannt, wie er mir lückenlos und ausgesprochen wortgewandt seine Überzeugungen darlegte. Aber vielleicht hätten sie ihm auch gar nicht zugehört, denn vermutlich war sein Pullover auch heute nicht ganz sauber und natürlich war er mehr oder weniger ungekämmt. Und das ist es ja, worauf es im Leben ankommt und nicht etwa die Frage, die ihn so antreibt, nämlich, wie man verhindern könnte, dass die Welt gänzlich vor die Hunde geht.

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Familienträume

Solange du noch keine Kinder hast, stellst du dir das Familienleben ja irgendwie so vor: Am Morgen sitzt ihr alle zusammen friedlich am Tisch,trinkt frisch gepressten Orangensaft und esst dazu vollwertiges, hausgemachtes Müesli. (Ich glaube mich zu erinnern, dass in meiner Fantasiefamilie oft auch frische Waffeln, Scones oder Blaubeermuffins auf den Tisch kamen. So wie bei meiner amerikanischen Gastfamilie. Aber damals war mir noch nicht bewusst, dass meine Gastmutter nie Mittagessen kochen musste, weil die Töchter in der Schule assen. Und auch kein Abendessen. Das erledigte die Mikrowelle für sie.) Ihr unterhaltet euch ein wenig über den Tag und was ihr von ihm erwartet, räumt gemeinsam den Tisch ab und verlasst dann einer nach dem anderen geputzt und gestriegelt das Haus, währenddem sich die Küche auf magische Weise selber aufräumt. Die Kinder gehen zur Schule, wo sie brav sind, fleissig mitmachen und glänzende Noten schreiben, damit sie dereinst in der Lage sind, aller Welt zu zeigen, dass sie Gottes Geschenk an die Menschheit sind. Die Eltern verdienen derweilen ungestört das Geld, das ihr braucht, um in Frieden und Eintracht miteinander zu leben. Mittags und abends kommt ihr dann wieder in eurer selbstreinigenden Wohnung zusammen, um das Familienleben zu geniessen.

Tja, und dann wachst du eines Tages in einer Realität auf, in der ein guter Tag dadurch gekennzeichnet ist, dass keiner sich weigert, eine saubere Unterhose anzuziehen, du von niemandem zur Schnecke gemacht wist, weil seine längst überfälligen Hausaufgaben nicht mehr auffindbar sind und niemand an einer ominösen Übelkeit leidet, die „Deinen“ und dich darüber diskutieren lässt, wer von euch beiden heute Abstriche bei der Arbeit macht. So gesehen hatten wir vorgestern einen ausgesprochen harmonischen Start in den Tag. 

Das Theater ging erst am Mittag los, als einer sich mit der unsäglichen Forderung konfrontiert sah, nach dem Essen einen sauberen Pullover anzuziehen.

Wo soll das bloss hinführen?

Seit Karlsson am Gymnasium ist, wird am Esstisch öfter mal über Chemie, Physik und dergleichen gesprochen. Anfangs war das eher ein grosses Gejammer, doch mit der Zeit hat unser Ältester gemerkt, dass das Zeug ganz interessant sein kann, wenn man sich vertieft damit auseinandersetzt. Weil Prinzchen grundsätzlich alles cool findet, was Karlsson tut und er ausserdem einen naturwissenschaftlich interessierten Freund gefunden hat, wurden Chemie, Physik und dergleichen auch für unseren Jüngsten zum Thema.

Als im Herbst Prinzchens Geburtstag nahte, bekam ich eines Tages eine Liste in die Hand gedrückt mit den Titeln sämtlicher Kindersachbücher, die auf dem Gabentisch erwünscht waren. Chemie, Physik, Astronomie, Mathematik… (Okay, da stand auch ein Buch über berühmte Komponisten und eins über den ersten Weltkrieg auf der Liste, aber die Stossrichtung war eindeutig.)

Einige Wochen nach dem Geburtstag verkündete der kleine Prinz, er wolle dereinst Chemiker und Mathematiker werden. Mein einziger Trost bei diesen beunruhigenden Nachrichten war die falsche Betonung von „Mathematiker“. Wer die Berufsbezeichnung nicht richtig aussprechen kann, wird ja wohl kaum so richtig wissen, was er will, nicht wahr? 

Zu Weihnachten musste ein Experimentierkasten her. Natürlich der Grösste, der zu haben war. 

Heute hielt er mir die Begleitbroschüre seines Experimentierkastens unter die Nase. Er wollte das Periodensystem der Elemente erklärt bekommen. Mehr als die rudimentärsten Basics konnte er von mir natürlich nicht in Erfahrung bringen, denn mein bruchstückhaftes Grundwissen liegt schon längst tief begraben unter dem ganzen Kram, der sich seit der Matura in meinem Kopf angesammelt hat. 

Ob man es als Glück bezeichnen darf, dass eine Freundin zugegen war, die dem Prinzchen mit lebendigen Schilderungen erklären konnte, was es mit der bunten Tabelle auf sich hat? Für ihn ganz bestimmt, denn er bekam nicht nur viele gute Antworten auf seine Fragen, es wurde auch sein Appetit nach mehr geweckt. Für mich hingegen… Na ja, welche Mutter nimmt es schon locker, wenn sie erkennen muss, dass ihr Stern gerade sehr tief gesunken ist, weil sie ihrem Sohn nicht erklären kann, was ihn brennend interessiert? 

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Auf der anderen Seite…

Neulich geriet ich in eine Diskussion, bei der ich mich ganz unerwartet auf der für mich eher ungewohnten Seite des Arguments wiederfand. Es ging um die Lehrer und ihre Missetaten. Um ihre Rolle als Gefängniswärter, die unseren Kindern die Freiheit rauben. Um ihre Herzlosigkeit, mit der sie ihren Schützlingen begegnen. Um ihre Foltermethoden, mit denen sie den Kleinen das Leben schwer machen.

Ich weiss, ihr denkt jetzt, ich sei bestimmt diejenige gewesen, die all diese Dinge geäussert hat. Immerhin werde ich nicht müde, lauthals über die Schule zu zetern und zu schimpfen. Habe ich nicht gerade vorgestern meinem Ärger wieder einmal Luft verschafft? Aber so hat meine Gesprächspartnerin geredet und ich habe dagegen gehalten und zwar nicht nur, weil ich Tisch und Bett mit einem Lehrer teile, der so gar nicht dem Bild des Schulzimmer-Tyrannen entsprechen will. Dass ich mich plötzlich in der Rolle der glühenden Lehrerverteidigerin wiederfand, hat auch andere Gründe.

Ja, man darf – und muss zuweilen auch – der Schule als Institution kritisch gegenüberstehen. Man soll nicht einfach alles widerspruchslos hinnehmen, was der Lehrplan für unsere Kinder vorsieht. Es gibt Situationen, in denen es angebracht ist, harte Kämpfe mit Lehrpersonen auszufechten, wenn sie nicht das Wohl des Kindes, sondern irgend ein halbgares pädagogisches Hirngespinst im Sinne haben. Es gibt auch viele gute Gründe, die eigenen Kinder der Schule gar nicht mehr anzuvertrauen. Von mir aus darf man sogar eine Lehrperson nicht mögen und alles grundfalsch finden, was sie oder er tut. In meinem Leben gibt es auch zwei oder drei Pädagogen, bei denen es mir ausgesprochen schwer fällt, etwas Gutes zu finden. 

Was man bei all dem aber nicht vergessen darf, ist die Tatsache, dass Lehrer und Lehrerinnen auch nur Menschen sind. Menschen, die in der Regel nicht böswillig handeln – obschon natürlich auch diese Regel ihre Ausnahmen kennt; ich rede da leider aus Erfahrung. Menschen, die sich meistens bei dem, was sie tun, etwas überlegen – obschon uns diese Überlegungen manchmal schleierhaft sind. Menschen, die aus irgend einem Grund sind, wie sie sind. Menschen, die vermutlich nicht selten ebenso laut über uns seufzen, wie wir über sie. Menschen, die einen Job ausüben, in dem ich schon am ersten Tag scheitern würde, weil ich nicht die Nerven dazu hätte. Menschen, die … Ach, was soll ich auch noch weiter aufzählen? Sie sind halt einfach auch nur Menschen. So wie du und ich. Darum lasse ich mich – bei aller Kritik an der Schule meiner Kinder – nicht vor den Karren jener spannen, die in jedem Lehrer ein kinderfressendes Monster sehen.

Mein Positionsbezug hatte aber auch noch andere Gründe. Nämlich die Perlen unter den vielen Lehrerinnen und Lehrer, die meine Kinder schon unterrichtet haben. Die Primarlehrerin, die dafür verantwortlich ist, dass eines unserer Kinder in zwei Jahren nur an einem einzigen Tag keine Lust hatte, zur Schule zu gehen. Der Klassenlehrer, der immer und immer wieder die Geduld aufbringt, unserem Sohn noch eine Chance zu geben. Die Förderlehrerin, die bei den Kindern so beliebt ist, dass sie ihr fast vors Velo springen, um sie zu begrüssen, wenn sie an unserem Haus vorbeifährt. Die Oberstufenlehrerinnen, die es nicht nur fertig bringen, die Herzen der Teenager im Sturm zu erobern, sondern die sogar in der Lage sind, überkritische, zynische Mütter zu begeistern. Die Geschichtslehrerin, die das Kunstwerk zustande bringt, ihre Schüler darüber nachdenken zu lassen, dass Kolumbus vielleicht nicht der Held war, als den die Geschichtsschreibung ihn gerne darstellt. 

Meine Gesprächspartnerin wollte mir natürlich nicht glauben, dass es solche Lehrer und Lehrerinnen gibt. Aber es gibt sie sehr wohl. Und wir sollten sie gefälligst anständig behandeln, denn sie sind es, die dafür sorgen, dass unsere Kinder trotz aller Mängel, die unser Schulsystem leider hat, viel Gutes mitbekommen.

Und wenn ihr jetzt findet, ich trete heute etwas gar oberlehrerhaft auf, dann schreibt das bitte den Käfern zu, die mir das Prinzchen in seiner unendlichen Grosszügigkeit freundlicherweise überlassen hat. Er hat jetzt genug gejammert und gestöhnt. Jetzt darf ich…

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