Schönes Wochenende, liebe Lehrer

An alle engagierten Lehrerinnen und Lehrer da draussen: 

Glaubt mir, ich kann mir ziemlich gut vorstellen, wie ihr euch am Ende einer ereignisreichen Schulwoche fühlt. Warum? Weil einer von euch mit mir sein Leben teilt und der ist jeweils ziemlich geschlaucht, wenn er ins Wochenende startet. Geschlaucht und selbstkritisch, denn weil er seine Sache gut machen will, sieht er oft nur, was er hätte besser machen können und nicht das, was alles bestens lief. Vielleicht geht es euch jeweils ganz ähnlich und darum möchte ich euch, bevor ich euch ein schönes Wochenende wünsche, kurz sagen, wie wichtig ihr seid.

Engagierte Lehrer können nämlich bewirken, dass einer*, der die Schule bis anhin als einen Ort erlebt hat, wo er nie genügen kann, jeden Tag fröhlich aus dem Haus geht und zufrieden wieder zurückkommt. Dass er mit leuchtenden Augen erzählt, was er alles gelernt hat und jeden, der ihm über den Weg läuft, mit den Scherzfragen unterhält, die er in der Schule gestellt bekommen hat. Dass er weiss, an wen er sich wenden kann, wenn ihm eine Schulkameradin andauernd auf der Nase herumtanzt und darum nicht mehr so gereizt sein muss, wenn es mal wieder zum Krach kommt. Dass er plötzlich Lust hat, sich mit einem Freund zum Lernen zu treffen und abends verkündet, er wolle im Bett noch ein wenig lesen. Dass er sich etwas zutraut und lernt, mit denen auszukommen, die er bis anhin gemieden hat. Dass er nicht mehr in Panik gerät, wenn er die Hausaufgaben vergessen hat, weil man ihm trotzdem noch mit Wohlwollen begegnet. Dass er die Schule plötzlich eine richtig tolle Sache findet und von seinen Lehrern redet, als wären sie Superhelden.

Was ihr auch seid, denn Menschen, die fähig sind, das Leben eines Kindes – und damit auch seiner Eltern – so viel schöner zu machen, sind die Grössten.

* Und zwar nicht derjenige, der die Schule gewechselt hat, sondern ein anderer. 

flowers

Sieht nach Aufatmen aus

  • Nach sechs Jahren Durststrecke begegnet uns endlich wieder das zufriedene, strahlende Kind, das er von Geburt an bis zur Einschulung war.
  • Innerhalb von vierzehn Tagen gerade mal ein kleiner Konflikt, der nicht annähernd an das herankommt, was in den letzten Jahren üblich geworden war.
  • Endlich hören wir wieder dieses herzhafte Lachen, das wir so vermisst haben.
  • Am Mittagstisch in der Schule hat er den Widerstand aufgegeben und zum ersten Mal in seinem Leben Tomaten probiert. (Was nicht heissen soll, dass er sie gemocht hat…)
  • Die Hilfsbereitschaft, die er schon immer in sich hatte, mag sich wieder zeigen. 
  • Wir bekommen die Elternbriefe zu sehen, bevor die darin angekündigten Anlässe ohne unsere Anwesenheit stattgefunden haben. 
  • Die Worte sprudeln wieder aus ihm heraus wie ein Wasserfall.
  • Um Hausaufgaben brauchen wir uns nicht zu sorgen. Falls er überhaupt welche hat, ist seine Motivation so gross, dass er sich aus eigenem Antrieb darum kümmert.
  • Er erzählt wieder von seinen Zukunftsträumen. 
  • Wir fühlen uns, als hätten wir alle seit vielen, vielen Jahren wieder einmal Ferien, obschon wir mitten im Berufs- und Schulalltag stecken. 

Das Schuljahr ist gerade mal zwei Wochen alt und doch könnte ich noch viele weitere Gründe aufzählen, weshalb der Schulwechsel für den FeuerwehrRitterRömerPiraten (und uns alle) wohl wirklich das Beste war. 

aubergine

Unterrichtsausfall

Vorgestern starteten Karlsson, Luise, der Zoowärter und das Prinzchen ins Schuljahr. Zwei Tage später als „Meiner“ und der FeuerwehrRitterRömerPirat, deren Schulen ennet der Kantonsgrenze stehen. Bei uns, wo die Katholiken in der Mehrheit sind, wollte man erst noch abwarten, bis am Dienstag Maria in den Himmel aufgefahren war, ehe man die Schulglocken wieder läuten liess.  

Wenn das Schuljahr bereits mit einer Feiertagsbrücke anfängt, ist das selten ein gutes Zeichen. Der Brief, der heute ins Haus flatterte, bestätigte meine Vorahnungen. Daraus war nämlich unter anderem zu erfahren:

Unterrichtsausfall am 20. September – Kantonaler Lehrertag

Unterrichtsausfall am 1. November – schon wieder katholischer Feiertag

Unterrichtsausfall am 2. und 3. November – Der Kanton verdonnert die Lehrer zu einer Weiterbildung.

Und dazwischen natürlich wie immer drei Wochen Herbstferien. 

Ich glaube, ich lasse dem Herrn Bildungsdirektor demnächst auch mal einen Brief ins Haus flattern. Berufstätige Eltern werden sich denken können, was darin zu lesen sein wird. 

blommorna

Privilegiert?

Nachteilsausgleich – ein Wort, das seit etwas mehr als einem Jahr eine gewichtige Rolle in unserem Leben spielt, weil eines unserer Kinder darauf angewiesen ist. Bei den Elefantenrunden mit Fachleuten, Lehrpersonen und Eltern tauchten von Lehrerseite stets die gleichen Bedenken auf: „Was werden die anderen Schüler sagen, wenn wir Ihrem Kind das erlauben? Werden sie sich dann nicht benachteiligt fühlen?“ Gerade so, als würde man einem, der ohnehin schon alles kann, noch besondere Privilegien einräumen. 

Dabei ist so ein Nachteilsausgleich ja nichts weiter als ein Schemel, den man einem etwas kurz geratenen Menschen zur Verfügung stellt, damit er – wie alle anderen –  in der Lage ist, auch das oberste Fach im Schrank zu erreichen. 

katt

Grossfamilie testet das Kleinfamilienleben

„Wieviele sind wir heute?“, fragt der diensthabende Küchendiener jeweils, wenn es ans Tischdecken geht. Unter der Woche lautete die Antwort bis anhin meistens „Sechs. Karlsson isst in der Schule.“ Ab morgen werde ich fast immer antworten: “ Fünf. Der FeuerwehrRitterRömerPirat und Karlsson essen in der Schule.“ An den Tagen, an denen Luise Hauswirtschaftsunterricht hat, testen wir das Kleinfamilienleben. Und wenn ich am gleichen Tag auch noch ein Meeting habe, werden „Meiner“, der Zoowärter und das Prinzchen ganz verloren an dem grossen Tisch sitzen. 

Es ist schon eigenartig: Kaum haben wir es endlich halbwegs geschafft, dieser Chaostruppe ein wenig Disziplin und Ordnung beizubringen, so dass eine halbwegs gepflegte Tischkonversation möglich ist, fangen sie auch schon an, tagsüber in alle Himmelsrichtungen auszufliegen. Man hat mich ja schon immer gewarnt, das werde schneller gehen, als ich mir vorstellen könne. Aber solche Dinge glaubt man immer erst, wenn man gedankenverloren in die viel zu vollen Schüsseln starrt und sich fragt, ob man es sich jemals wieder abgewöhnen wird, solche Unmengen zu kochen. 

Etwa so würde ich das sagen

Wenn eine Mutter sich Sorgen macht, bei ihrem Kind sei etwas nicht so, wie es sein sollte, dann sagen wir anderen Mütter in der Regel: „Mach dir keine Sorgen. Du wirst sehen, das geht ganz von selbst. Die einen können etwas früher reden, die anderen laufen dafür schon bald. Das kommt schon gut.“ Meistens haben wir Mütter recht mit dieser Aussage. Dennoch würde ich heute etwas differenzierter antworten, wenn mich eine andere Mutter fragen würde, wie ich die Dinge sehe. Nämlich je nach Situation so: 

  • Machst du dir Sorgen, weil das Kind deiner besten Freundin schon ganz selbständig isst, deines sich aber noch füttern lässt? Dann mach dir keine weiteren Gedanken. Deines redet dafür schon in Zweiwortsätzen.
  • Ach so, die Grossmama findet, in diesem Alter müsse das Kind das doch schon längst können? Dann vergiss die Sache gleich wieder und schalte deine Ohren beim nächsten Treffen mit der Grossmama auf Durchzug. 
  • Die Grossmama hat dich neulich gefragt, ob dir auch schon aufgefallen sei, dass dein Kind in dieser oder jener Sache vielleicht ein wenig Mühe habe? Und dir selber ist das tatsächlich auch schon aufgefallen? Dann behalte die Sache im Auge und lass dich von kompetenter Seite beraten, wenn die Bedenken bestehen bleiben.
  • Die Kindergärtnerin, die dir bei jedem Elterngespräch gesagt hat, es sei alles bestens, dein Kind entwickle sich prächtig, sagt jetzt –  kurz bevor die Stellenprozente fürs neue Schuljahr festgelegt werden-, auf einmal, dein Kind brauche ganz dringend spezielle Förderung? Und die Förderlehrerin, die ohne dein Wissen zum Gespräch eingeladen worden ist, nickt eifrig? Dann informiere dich umgehend, ob vielleicht die Stelle der Förderlehrerin bedroht ist, weil für das nächste Schuljahr nicht so viele Anmeldungen eingegangen sind. Falls dem so ist, wehre dich mit Händen und Füssen dagegen, dass dein Kind dazu verknurrt wird, den Job der Förderlehrerin zu retten.
  • Die Kindergärtnerin, die dafür bekannt ist, dass sie jedem Kind sein eigenes Tempo lässt und nicht vorschnell unterstützende Massnahmen vorschlägt, weist zum wiederholten Mal darauf hin, sie habe den Eindruck, dein Kind brauche in einem bestimmten Punkt Unterstützung? Sie bringt dir gar einen Vorschlag, wie sich diese Unterstützung möglichst sanft umsetzen liesse, ohne dein Kind zum Problemfall abzustempeln? Dann stell deine Überzeugung, Unterstützung sei in jedem Fall schlecht, mal für eine Weile in die Ecke und befasse dich eingehend mit der Sache. Könnte nämlich sein, dass etwas dran ist. 
  • Du hast einen Artikel gelesen und wurdest immer mal wieder vom Gefühl beschlichen, da werde dein Kind beschrieben? Dann hast du im Internet im Namen deines Kindes einen Selbsttest gemacht und zur Antwort bekommen, die Wahrscheinlichkeit, dass dein Kind genau in diese Schublade gehöre, liege bei 61,54 Prozent? Dann schmeiss die blöde Zeitschrift weg, vergiss das Testergebnis und befreie dein Kind um Himmels Willen sofort wieder aus dieser elenden Schublade, bevor es keine Luft mehr bekommt.
  • Du wirst einfach das Gefühl nicht los, dass da irgend etwas ist? Dein Kind scheint unglücklich zu sein und Menschen, die euch nahe stehen, zeigen sich besorgt? Dann lass nicht locker, bis du der Ursache auf die Spur gekommen bist. Hole Zweitmeinungen ein, wenn du das Gefühl hast, ihr würdet nicht ernst genommen. Informiere dich eingehend und wenn du endlich Antworten auf deine Fragen bekommen hast, sorge dafür, dass dein Kind die bestmögliche Hilfe bekommt. (Ja, auch dann, wenn du in solchen Angelegenheiten grundsätzlich skeptisch bist. Wenn dein Kind Hilfe braucht, dann soll es die auch bekommen. Basta!)

fisk

 

Durchgestanden

Acht lange Jahre hat er nun gekämpft, hat sich immer wieder aufgerafft, sich einen neuen Schubs gegeben, sich vorgenommen, es allen zu zeigen, weil er ja tief in sich drinnen weiss, was er alles kann. Immer und immer wieder ist er an Grenzen gestossen, angeeckt und mutlos geworden. Gemeinsam haben wir nach Auswegen gesucht, oder zumindest nach Unterstützung, aber vieles, was zu Beginn vielversprechend aussah, stellte sich bald einmal als Sackgasse heraus. Wir haben daran gedacht, ihn in eine Privatschule zu stecken, ihn ganz aus der Schule zu nehmen, oder es vielleicht an einem anderen Ort zu versuchen, aber es gab immer wieder gute Gründe, dies nicht zu tun.

Morgen nun ist es endlich durchgestanden, nach den Sommerferien beginnt etwas Neues. Da ist zuerst einmal grosse Erleichterung, aber natürlich gibt es auch Fragen: Haben wir richtig gehandelt? War es richtig, ihm diese acht Jahre zuzumuten? Hätte es vielleicht doch eine Lösung gegeben, die wir einfach nicht erkennen konnten? 

Wir werden es nie wissen, ob es einen besseren Weg gegeben hätte. Was wir aber mit Sicherheit wissen: Hätten wir uns für eine Scheinlösung entschieden, hätte es noch länger gedauert, bis wir die Ursache für die Schwierigkeiten gefunden hätten. Es waren schwierige Jahre – vor allem für ihn, aber auch für uns. Doch am Ende steht die Hoffnung, dass wir jetzt endlich die richtige Lösung gefunden haben.

Ich wünsche dem FeuerwehrRitterRömerPiraten aus tiefstem Herzen, dass er nun endlich die Gelegenheit bekommt, zu erblühen und zu zeigen, was alles Wunderbares in ihm steckt. 

Höhle