Durchgestanden

Acht lange Jahre hat er nun gekämpft, hat sich immer wieder aufgerafft, sich einen neuen Schubs gegeben, sich vorgenommen, es allen zu zeigen, weil er ja tief in sich drinnen weiss, was er alles kann. Immer und immer wieder ist er an Grenzen gestossen, angeeckt und mutlos geworden. Gemeinsam haben wir nach Auswegen gesucht, oder zumindest nach Unterstützung, aber vieles, was zu Beginn vielversprechend aussah, stellte sich bald einmal als Sackgasse heraus. Wir haben daran gedacht, ihn in eine Privatschule zu stecken, ihn ganz aus der Schule zu nehmen, oder es vielleicht an einem anderen Ort zu versuchen, aber es gab immer wieder gute Gründe, dies nicht zu tun.

Morgen nun ist es endlich durchgestanden, nach den Sommerferien beginnt etwas Neues. Da ist zuerst einmal grosse Erleichterung, aber natürlich gibt es auch Fragen: Haben wir richtig gehandelt? War es richtig, ihm diese acht Jahre zuzumuten? Hätte es vielleicht doch eine Lösung gegeben, die wir einfach nicht erkennen konnten? 

Wir werden es nie wissen, ob es einen besseren Weg gegeben hätte. Was wir aber mit Sicherheit wissen: Hätten wir uns für eine Scheinlösung entschieden, hätte es noch länger gedauert, bis wir die Ursache für die Schwierigkeiten gefunden hätten. Es waren schwierige Jahre – vor allem für ihn, aber auch für uns. Doch am Ende steht die Hoffnung, dass wir jetzt endlich die richtige Lösung gefunden haben.

Ich wünsche dem FeuerwehrRitterRömerPiraten aus tiefstem Herzen, dass er nun endlich die Gelegenheit bekommt, zu erblühen und zu zeigen, was alles Wunderbares in ihm steckt. 

Höhle

Wieder so ein Wochenende…

Wir haben…

1. Zwei verschiedene Infoblätter, auf denen steht, um welche Zeit der FeuerwehrRitterRömerPirat und das Prinzchen an ihren Ständen erwartet werden und um welche Zeit sie zu ihrem Auftritt aufkreuzen müssen.

2. Einen kleinen Papierstreifen, auf dem steht, dass die Auftrittszeit auf Prinzchens Infoblatt nicht mehr gilt, da es eine Programmänderung gegeben hat, weshalb wir das Kind erst 45 Minuten später als ursprünglich angegeben zum Festplatz schicken sollen.

3. Einen Getränkebon und einen Essensgutschein für das Prinzchen.

4. Einen FeuerwehrRitterRömerPiraten, der sagt, er hätte diese Bons eigentlich auch bekommen sollen, aber der Lehrer habe wohl nicht mehr dran gedacht.

4. Einen Zoowärter, der auf die Frage, wann er denn seinen Einsatz habe, ob er in der Schule auch ein Infoblatt bekommen habe und wo seine Bons seien, nur die Schultern zuckt und antwortet: „Ääääääh… böööööö“.

5. Einen Zoowärter, der aber immerhin weiss, dass er um zehn vor elf auf dem Schulhausplatz erwartet wird. Was dort genau mit ihm geschehen wird? „Ääääääh… böööööö“.

6. Eine Luise, die auf den Tag verteilt mehrere Einsätze hat, was sie mir aber nicht im Detail erklären will, weil ich mich gerade wieder aufgeführt habe wie eine Mutter, weshalb sie leicht angesäuert ist. 

7. Eine WahtsApp-Nachricht, in der steht, um welche Zeit ich für den Getränkeausschank vorgemerkt bin, was ich aber nicht überprüfen kann, weil mein Handy den Geist nun definitiv aufgegeben hat.

8. Einen Ehemann, der verkündet, er habe eigentlich gar keine Lust auf das ganze Theater, er möchte lieber den ganzen Tag malen.

9. Ein Haus, das ganz dringend aufgeräumt werden sollte.

10. Einen Karlsson, der eigentlich vollkommen unbeteiligt sein könnte und deshalb lieber mit mir besprechen möchte, welche Sorte Brot er zur Abschlussfete mit dem Chemielehrer, die am Dienstag stattfindet, mitbringen soll, für wie viele Menschen so ein Laib denn reicht, wie man das Ganze umrechnen muss und ob ich ihm beim Backen helfen kann. 

11. Eine Wekaustellung, bei der es viele wunderschöne Schülerarbeiten zu besichtigen gibt, was man natürlich in aller Ruhe tun möchte.

12. Mehrere Zettel und Zettelchen, auf denen angegeben ist, um welche Zeit am Sonntag die vielen schönen Werkarbeiten abzuholen sind. 

13. Einen FeuerwehrRitterRömerPiraten, der auf gar keinen Fall vergessen darf, die Werkarbeiten seines Schulkameraden ebenfalls abzuholen, da dieser am Sonntag nicht da ist. 

14. Eine Mama, die morgen nach Bern zum schwedischen Buchklub abrauschen wird, obschon der Papa doch wirklich ein Paar zusätzliche Hände gebrauchen könnte, um all die Werkarbeiten unversehrt nach Hause zu bringen.

15. Einen Fresszettel, auf dem ich versucht habe, die wichtigsten Punkte aus den einzelnen Infobriefen zusammenzufassen, um einen mehr oder weniger geordneten Gesamtüberblick zu bekommen. 

Und jetzt füge man aus all diesen Zutaten einen gelungenen Wochenende zusammen, an dem sich nicht nur die einzelnen Familienmitgleider zu den rechten Zeiten an den rechten Orten einfinden, sondern auch die Familie als Ganzes sich aktiv und selbstverständlich vollkommen entspannt am Schul- und Dorfleben beteiligt.

Lagebericht aus dem ganz normalen Familienleben

Früher Mittwochmorgen. Hinter mir liegt eine ausgesprochen schlechte Nacht, denn der Kopf wollte auch im Halbschlaf nicht damit aufhören, sich Gedanken zu machen, was uns wohl beim eilig einberufenen Gespräch mit Schwiegermamas Ärzten erwartet. Und es ist ja nicht nur die Frage nach dem möglichen Inhalt des Gesprächs, der den Kopf nicht zur Ruhe kommen lässt, sondern auch die Gedanken an das, was in den kommenden Tagen und Wochen wohl alles noch folgt.

Dem Alltag ist es natürlich herzlich egal, was nachts war und so macht man sich eben auf in einen Tag, der die folgenden Programmpunkte enthält: 

  • Vormittags Business as usual, also Schule für die Kinder, Unterrichten für „Meinen“, leichtfüssige Kolumne über das Familienleben schreiben für mich.
  • Möglichst sofort nach Unterrichtsschluss: „Meiner“ ins Spital, um zu übersetzen, was die Ärzte Schwiegermama zu sagen haben. Termin seit vorgestern bekannt. 
  • 15:00 Uhr: Die Ärzte wollen „Meinen“ und mich – dass wir beide erwartet werden, wurde ausdrücklich betont – alleine sprechen, während die drei jüngeren Kinder auf dem Spielplatz auf uns warten werden. Termin seit gestern Nachmittag bekannt.
  • 16:20 Uhr: Der Zoowärter hat Hauptprobe für seinen heutigen Auftritt mit dem Cello.
  • 17:00 Uhr: Das Prinzchen hat Hauptrobe für seinen heutigen Auftritt mit der Flöte.
  • 19:00 Uhr: Grosser Auftritt von Zoowärter und Prinzchen. Immerhin am gleichen Anlass und nicht zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten.
  • Irgendwann: Essen besorgen für Prinzchens morgige Schulreise, Mahlzeiten auf den Tisch bringen, Hausaufgaben betreuen, diverse Fahrten von A nach B und wieder zurück, dem Chaos Einhalt gebieten, etc. Um die Sache nicht noch komplizierter zu machen, hat „Meiner“ bereits zwei Termine abgesagt, für Unvorhersehbares bleibt dennoch kaum Raum. 

Aber natürlich trifft das Unvorhersehbare ein und zwar in Form einer akuten „Ich will nicht zur Schule gehen, weil ihr so doofe Eltern seid“-Krise, die sich in einem der Kinderzimmer abspielt. Eine Krise, die wir erst mit gutem Zureden, viel Verständnis und Appell an die Vernunft zu lösen versuchen, was aber zunehmend schwieriger wird, als sich herausstellt, dass der Schulverweigerung ein unbändiges Verlangen nach unerlaubter Handy-Zeit zugrunde liegt. Luise meldet derweilen an, sie fühle sich krank und müsse im Bett bleiben, alle anderen müssen irgendwie selber mit dem klar kommen, was gerade ansteht, denn „Meiner“ und ich sind vollauf damit beschäftigt, die Krise irgendwie in den Griff zu bekommen. 

„Meiner“ und die Kinder, die weder krank sind, noch Krise schieben, können irgendwann das Haus verlassen, während ich mich weiterhin erfolglos mit der Krisenintervention beschäftige. Um halb neun sind meine Nerven endgültig aufgebraucht und die Nachbarn dürfen einmal mehr hören, wie laut Mama Venditti brüllen kann und wie heftig sie die Türen knallt, wenn der Geduldsfaden gerissen ist. Ein kleiner Deal – „Du darfst bis 10 Uhr weiter trotzen, dann gehst du ohne Murren zur Schule“ – entspannt die Lage endlich und ich könnte mich der Kolumne widmen. Doch wie soll man leichtfüssige Worte über das Familienleben aus dem Hut zaubern, wenn das Familienleben gerade alles andere als leichtfüssig daherkommt? Ausheulen bei meiner Mama und danach Flucht ins Gewächshaus zu den Tomaten sind da schon eher angebracht und dadurch kehrt endlich so etwas wie Ruhe ein. Zumindest bis zehn Uhr, aber immerhin geht es jetzt nicht mehr um Schulverweigerung, sondern nur noch um Zahnbürstenverweigerung und damit kann ich so halbwegs leben. 

Inzwischen ist es Mittag, der Routine-Teil des Tages ist abgeschlossen und wir können mit dem, was an Energie noch übrig ist, das Nachmittagsprogramm in Angriff nehmen. (Na ja, immerhin hat der FeuerwehrRitterRömerPirat nach der Heimkehr aus der Schule aus freien Stücken den Tisch gedeckt, obschon „Meiner“ und ich heute Küchendienst hätten.) 

Warum ich mir dennoch die Zeit nehme, zu bloggen? Damit ich der Netzgemeinschaft jetzt, wo ich noch mittendrin stecke, ehrlich darüber berichten kann, wie wenig das Familienleben an manchen Tagen mit zuckersüssen Cupcakes, hinreissend komischen Kindersprüchen und unglaublich kreativen Pinterest-Basteltipps zu tun hat. Denn wenn ich einmal vergessen habe, wie sich das alles anfühlt, werde ich mit ziemlicher Sicherheit vollmundig behaupten, es seien genau diese Zeiten gewesen, die uns als Familie stärker gemacht hätten und nicht die traumhaften Abendstunden  an einem See irgendwo in Schweden. 

rosor

Am gleichen Strick

Wer die Schule gerne mal kritisiert, sollte auch nicht schweigen, wenn etwas gut läuft. Also zum Beispiel dann, wenn die Kinder beim Mittagessen etwas erzählen, was uns Eltern Bauchweh macht, „Meiner“ und ich beschliessen, der Lehrerin eine Notiz zu schreiben, damit sie Bescheid weiss und sie, kaum ist der Unterricht zu Ende, anruft, um uns zu sagen, dass sie unser Anliegen ernst nimmt und bereits dabei ist, eine konkrete Lösung zu suchen.

Fühlt sich eigentlich ganz gut an, wenn man gemeinsam am gleichen Strick zieht.

Der Kantönligeist gibt sich (fast) geschlagen

Damit hat er wohl nicht gerechnet, der Kantönligeist. Er, der in diesem Land schon in so manchen Kampf gegen den gesunden Menschenverstand als Sieger hervorgegangen ist, muss sich für einmal geschlagen geben. 

Wie vergnügt wäre er gewesen, wenn unser Kind nach den Sommerferien nicht in der Nähe, sondern viel weiter weg, dafür im „richtigen“ Kanton die Schule besuchen müsste. Wie hätte er sich gefreut, wenn „Meiner“ und ich an langen Abenden böse Briefe und seitenlange Anträge hätten verfassen müssen, um beim zuständigen Amt gegen den Entscheid zu protestieren. Wie stolz wäre er gewesen, wenn der Alltag einer weiteren Familie seinetwegen zu einem schier unerträglichen Hürdenlauf geworden wäre.

Tja, und nun sass er frustriert in der Ecke, starrte betrübt auf den Brief, der den Sieg des  gesunden Menschenverstandes schwarz auf weiss bestätigt, und verstand die Welt nicht mehr. „Hat denn heutzutage keiner mehr Achtung vor einer Kantonsgrenze?“, fragte er eins ums andere Mal und schluchzte laut. „Einen kleinen Sieg hast du ja trotzdem errungen“, sagte ich tröstend, weil er mir trotz meiner Freude doch irgendwie leid tat. „Immerhin haben bald schon zwei Vendittis andere Schulferien als der Rest der Familie. Das gibt ganz neue Herausforderungen bei der Ferienplanung.“ 

Da breitete sich ein fast schon diabolisches Lächeln auf dem traurigen Gesicht des Kantönligeistes aus. „So schnell lasse ich mich eben doch nicht kleinkriegen“, sagte er und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. 

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Dialekt, wenn ich bitten darf

Eigentlich gehöre ich ja nicht zu den Menschen, die ein Problem mit Schriftdeutsch haben.  Hätte man in unserem Kanton über ein Mundart-Obligatorium im Kindergarten abgestimmt, hätte ich ein Nein in die Urne gelegt. Wenn Lehrer im Sportunterricht und auf der Schulreise Hochdeutsch reden, finde ich dies zwar ziemlich übertrieben, aber es käme mir nicht in den Sinn, deswegen einen Aufstand zu machen. Mich stört es nicht mal gross, wenn kleine Kinder hierzulande eine Zeit lang so klingen, als wären sie direkt einer seichten Fernsehsendung entstiegen. Früher oder später wächst sich das ja wieder aus. 

Sprechen mich aber auf der Strasse Kinder, die des Dialekts durchaus mächtig wären, auf Schriftdeutsch an, weil ich ja eine Fremde und somit so etwas wie eine Respektsperson bin, finde ich das schon ein wenig bedenklich. Nicht unbedingt, weil ich fürchte, unsere Mundart werde allmählich verdrängt, sondern weil den armen Knöpfen nicht mehr auffällt, dass man unser helvetisch gefärbtes Hochdeutsch besser nur hinter den verschlossen Türen eines Schulzimmers sprechen sollte, damit keiner hört, wie lächerlich wir klingen. 

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Back to normal

Die Winterferien, die mit ihrer Geruhsamkeit meinen Alltag gehörig auf den Kopf gestellt haben, sind seit gestern vorbei. Jetzt herrscht endlich wieder die gute alte Routine:

Kaum steige ich gestern Morgen in Zürich, wo ich einen Gesprächstermin habe, aus dem Zug, erreicht mich ein Anruf aus der Schule. Der FeuerwehrRitterRömerPirat fühlt sich nicht wohl und möchte nach Hause. Ich bin erleichtert. So werde ich wenigstens von jemandem erwartet, wenn ich aus der bösen, kalten Grossstadt nach Hause zurückkehre.  

Am Nachmittag dann ein Informationsbrief: Am Schmutzigen Donnerstag und am Fasnachtsdienstag fällt nachmittags der Unterricht aus. Ich stosse einen Freudenschrei aus. Jetzt muss ich wenigstens nicht alleine über das närrische Getue schimpfen, sondern kann mit den Kindern gemeinsam jammern. 

Der FeuerwehrRitterRömerPirat ist heute Morgen wieder auf den Beinen. Damit ich trotzdem nicht einsam bin, übergibt sich der Zoowärter. Er hat sich eigens darum bemüht, sich schon am ersten Schultag nach den Ferien in Sachen Käfer auf den neuesten Stand zu bringen.

Später dann eine Nachkontrolle im Kantonsspital, zu der die Versicherung Luise – und damit auch mich – eingeladen hat. Ach, wie bin ich doch dankbar für die vierzig Minuten im Wartezimmer und die halbe Stunde, die ich mehr oder weniger stumm an Luises Seite verbringen darf. Ich wüsste ja sonst nicht, was ich mit meiner Zeit anfangen sollte.

Wie schön, dass man jetzt endlich wieder mit der täglichen Portion Planänderung rechnen kann. Seitdem die Kinder an schulfreien Tagen immer erst kurz vor Mittag aus ihren Betten gekrochen kommen, sind Ferientage in diesem Haus so gefährlich ruhig geworden, dass man sich glatt daran gewöhnen könnte. 

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