Normal?

Auf diesem Planeten leben unglaublich viele kluge, beeindruckende und ganz und gar nette junge Menschen. Daneben gibt es in der Generation unserer Kinder – genau wie in jeder anderen Generation – ein paar Vertreter, die einen an der Menschheit zweifeln lassen. Leider hatte ich in letzter Zeit gleich mehrmals das Pech, mit solchen Jugendlichen im Bus zu sitzen.

Da war zum Beispiel die junge Frau, die sich in der Stosszeit demonstrativ so hinsetzte, dass der Fensterplatz zu ihrer Rechten frei blieb. Die alte Dame, die es wagte, sich an ihren Knien vorbei zu zwängen, um den einzigen freien Platz im Bus zu ergattern, bedachte sie mit giftigen Blicken. Den alten, zittrigen Mann, der sich ein paar Schritte von ihrem bequemen Sitzplatz entfernt mit beiden Händen an der Stange festklammerte, um bei der nächsten Kurve nicht hinzufallen, ignorierte sie geflissentlich. Auch dann noch, als eine Passagierin sie darum bat, den Sitzplatz doch bitte freizugeben. Ungerührt bliebt sie sitzen und scrollte durch ihre Nachrichten, während der alte Mann sich nach Kräften darum bemühte, auf beiden Füssen zu bleiben und sich dabei nicht anmerken zu lassen, wie sehr ihm das alles zusetzte.

Da war der Rotzbengel, der sich mit seinen Freunden laut vernehmlich über „diese elenden Schleiereulen“ lustig machte – wohl wissend, dass eine junge Frau mit Kopftuch keinen Meter von ihm entfernt stand und jedes einzelne seiner verächtlichen Worte verstehen konnte.

Da war die frischgebackene Berufsfrau, die mit unverkennbarem Stolz verkündete, sie sei doch nicht so doof wie alle anderen. Von den acht Arbeitsstunden, die sie täglich zu leisten habe, sei sie allerhöchstens drei oder vier Stunden produktiv. Mehr könne man von einem Menschen wirklich nicht erwarten.

Da waren die zwei Halbstarken, die laut herumpöbelten und für alles, was weiblich ist, nur ein einziges F-Wort kannten – und zwar nicht dasjenige, das mit F beginnt und mit -rauen endet.

Alle diese jungen Menschen hatten eins gemeinsam: Sie hatten es irgendwie fertig gebracht, durch die Volksschule zu kommen, eine Lehrstelle zu ergattern oder bereits einen Abschluss in der Tasche zu haben. Sie alle hatten in einem Bewerbungsverfahren Konkurrenten ausgestochen, weil jemand sie für kompetenter als andere gehalten hatte.

„Na und, das kann dir doch egal sein. Die führen sich im Berufsleben bestimmt ganz anders auf als nach Feierabend im Bus“, wird man mir jetzt sagen und mit grosser Wahrscheinlichkeit stimmt das auch.

Dennoch sind solche unfreiwilligen Begegnungen an manchen Tagen nicht nur schwer auszuhalten, sondern einfach nur schmerzhaft.

Zum Beispiel, wenn der Sohn einen Termin bei der Berufsberatung hat und dort gesagt bekommt, sein Zeugnis würde in einem Lehrbetrieb nicht mal angeschaut, damit habe er nicht die geringste Chance. Ein Zeugnis, wohlgemerkt, das detailliert aufzeigt, dass der Junge dank fleissigem Einsatz auf gutem Weg ist, von der Sonderschule aus den Anschluss an die Berufswelt zu schaffen. Dieser Junge, der schon zahlreiche Schwierigkeiten gemeistert und dabei gelernt hat, trotz so mancher Demütigung anständig zu bleiben, darf sich anhören, man sehe ihm seine Einschränkung halt schon ein wenig an, die Stellensuche werde sich da leider schwieriger gestalten als bei einem „normalen“ Jugendlichen.

Der Junge hat diese Aussagen zum Glück einigermassen gut weggesteckt. Und weil er von seinen Lehrerinnen und anderen Fachleuten gut begleitet wird, besteht die Hoffnung, dass er seine Nische finden wird.

Dennoch tun solche Sätze weh.

Erst recht, wenn der Eindruck davon, wie sich einige dieser „normalen“ Jugendlichen aufführen, noch so frisch ist.

Fehltage

Es dürfte hinlänglich bekannt sein, wie verweichlicht berufstätige Eltern in der Schweiz sind. Kaum muss ein Kind mal krankheitsbedingt ein paar Tage das Bett hüten, jammern wir auch schon rum, die gesetzlich bewilligten Fehltage würden nie und nimmer ausreichen.

Die Schulleitung unserer Primarschule hat ganz richtig erkannt, dass mit solchen Memmen-Eltern kein Staat zu machen ist. Darum baut sie gerne mal ein kleines Spontaneitätstraining in den Schulalltag ein. Dieses Programm ist simpel, aber sehr wirkungsvoll:

Du schickst dein Kind am Donnerstagmorgen wie gewohnt zur Schule, wo es von einer Lehrperson empfangen wird, die auf dem Zahnfleisch geht und verkündet, den Vormittag könne sie gerade noch knapp durchstehen, aber am Nachmittag müsse sie im Bett bleiben. Dein Kind kommt darum mittags mit einem Brief nach Hause, in dem die Schulleitung mit in ein paar trockenen Sätzen erklärt: Lehrerin leider krank – heute und morgen kein Unterricht – falls niemand zu Hause ist, wird das Kind in einer anderen Klasse betreut.

Und das ist die Botschaft, die zwischen diesen trockenen Zeilen steht: „Wir haben wahrlich Besseres zu tun, als auf die Schnelle eine Stellvertretung aufzutreiben, bloss weil einige von euch Eltern glauben, sie müssten berufstätig sein. Klar können unsere anderen Lehrerinnen und Lehrer zur Not auch mal ein paar Stunden eure Blagen beaufsichtigen, aber glaubt bloss nicht, die hätten dann auch noch Zeit, denen Lerninhalte weiterzugeben. Aber ist ja nicht unser Problem. Ihr wolltet ja unbedingt beides haben – Kinder und Job. Da müsst ihr halt um Gottes willen ein wenig flexibel sein.“

Tja, und flexibel wirst du, ob du nun willst oder nicht. Du kannst ja nicht den Chef anrufen und sagen: „Ich kann heute leider nicht zur Arbeit kommen. Unsere Lehrerin liegt mit hohem Fieber im Bett.“ Wo die Arbeitgeber doch schon Freudensprünge machen, wenn du dich wegen eines kranken Kindes von der Arbeit abmeldest.

Warum wir tun, was wir nie hätten tun wollen

Bevor ich loslege eine kurze Vorbemerkung: „Meiner“ und ich gehören nicht zu den Eltern, die der Schule gegenüber von Grund auf negativ eingestellt sind. Wie auch? Wo doch „Meiner“ seine Brötchen selber als Lehrer verdient und wir daher nur zu gut wissen, wie anspruchsvoll dieser Job ist. Wir gehören auch nicht zu den Eltern, die behaupten, die ganze Institution sei verkommen, bloss weil wir selber ein paar ausgesprochen negative und schmerzhafte Erfahrungen machen mussten. Wie auch? Wo wir doch immer wieder das Privileg haben, engagierten und verständnisvollen Lehrpersonen zu begegnen, die einen unglaublich positiven Einfluss auf ihre Schülerinnen und Schüler haben. Ja, wir vertreten gar die heutzutage ganz und gar nicht mehr zeitgemässe Meinung, Lehrer dürften auch mal Fehler machen. Es soll daher bitte niemand auf die Idee kommen, zwischen diesen Zeilen etwas zu lesen, was da gar nicht steht. Dieser Post ist kein Rundumschlag gegen die Institution Schule. Er soll lediglich aufzeigen, warum Eltern zuweilen Dinge tun müssen, die sie auf diese Weise eigentlich gar nie hätten tun wollen.

Zum Beispiel, ein Kind mitten im Schuljahr von der Schule, von der man bloss ein paar Schritte entfernt wohnt, abzumelden und es an eine Schule zu schicken, die 15 Kilometer entfernt liegt. 

Warum man so etwas tut?

Nun, in erster Linie, weil fünf Kinder aus ein und derselben Familie grundverschieden sein können. Während Karlsson, Luise und das Prinzchen sich an der örtlichen Primarschule trotz einiger Widrigkeiten recht gut zurecht fanden und finden, mach(t)en der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter am gleichen Ort die Hölle durch. Klar, perfekt war es an dieser Schule nie, das können auch andere Eltern bestätigen, aber wer nicht durchs Raster fällt, macht seinen Weg ohne namhafte Probleme. Anders ist es, wenn ein Kind die Erwartungen nicht ganz erfüllt. Dann bekommt es sehr schnell einen Stempel aufgedrückt und alles wird sehr schwierig. So schwierig, dass du irgendwann keinen anderen Weg mehr siehst, als den langen, beschwerlichen Weg der psychologischen Abklärungen zu gehen. Und dies, obschon du zu den Menschen gehörst, die ein Kind so nehmen wollen, wie es ist, mit all seinen Stärken und Schwächen.

Tja, und schon hast du zum ersten Mal getan, was du nie hättest tun wollen. Aber das ist eigentlich gar nicht so schlecht, denn im besten Fall hast du am Ende des langen, beschwerlichen Weges eine Diagnose, dein Kind bekommt endlich die Hilfe, die es schon längst gebraucht hätte und du darfst dabei zusehen, wie das zarte Pflänzchen, das so lange seinen Kopf hängen liess, wieder aufblüht. So war das beim FeuerwehrRitterRömerPiraten und es ist eine wahre Freude, zu sehen, wie er mit seinem ganzen Wesen immer deutlicher zum Vorschein kommt. 

Doch nicht immer steht am Ende einer Abklärung eine Diagnose. Manchmal ist da nur eine Erklärung, warum es dem Kind so geht, wie es ihm eben geht. Eine Erklärung, die für die Eltern vollkommen einleuchtend ist und die dem Kind wieder neuen Auftrieb gibt – die aber nur weiter hilft, wenn die Lehrpersonen erkennen, dass auch ein Kind, das „nichts hat“, manchmal viel Hilfe und Verständnis braucht, um wieder auf die Füsse zu kommen. Wenn es nicht bekommt, was es braucht, suchst du halt plötzlich verzweifelt nach alternativen Schulangeboten, in der Hoffnung, einen Ort zu finden, wo das Kind nächsten Sommer, wenn ohnehin ein Schulwechsel auf dem Programm steht, wieder neue Kräfte sammeln kann. 

Und wieder hast du etwas getan, was du eigentlich nie hättest tun wollen, denn gewöhnlich vertrittst du ja die Überzeugung, Hindernisse seien zum Überwinden da. Doch auch das ist eigentlich gar nicht so schlecht, denn du vertrittst ja auf der anderen Seite auch die Überzeugung, dass es für einzigartige Menschen keine Standardlösungen geben kann. Warum also nicht nach Alternativen suchen, wenn die Hürden anders nicht zu überwinden sind? Immerhin bist du noch soweit bei deinen Prinzipien geblieben, dass du mit deinem Kind erst einmal ein Kapitel sauber abschliessen willst, bevor ein neues aufgeschlagen wird. 

Doch manchmal will in dem Kapitel einfach nichts Gutes mehr kommen. Da folgen nur noch weitere Episoden im altbekannten Stil, das Kind kommt immer öfter traurig oder zornig nach Hause und wenn du von der betreffenden Lehrperson wissen willst, wie sich die Situation verbessern liesse, wartest du vergeblich auf Antwort. Es ist hier nicht der Ort, um im Detail zu erzählen, was alles schief gelaufen ist, doch an einem gewissen Punkt wird dir klar: Da kommt kein Happy Ending mehr. So kommt es schliesslich, dass du den Schlusspunkt mitten ins fast beendete Kapitel setzt – dick und fett, damit ihn auch ja keiner übersehen kann.

Es fällt nicht leicht, diesen verfrühten Schlusspunkt zu setzen und doch geht es zuweilen nicht anders.

Weil auch ein so duldsames und freundliches Kind wie der Zoowärter irgendwann die Nase voll hat.

Weil nach so vielen negativen Episoden die elterlichen Nerven blank liegen.

Weil vermutlich auch den Lehrern die Lust vergangen ist, sich mit diesen nervigen Eltern rumzuschlagen.

Und weil die gefundene Alternative Hoffnung auf einen Neuanfang macht und du daher nur zu gerne bereit bist, ein paar Überzeugungen über Bord zu werfen. 

Geschwisterneid

So manch ein jüngstes Kind ist sauer auf seine grösseren Geschwister, weil sie länger aufbleiben dürfen. Andere plagt der Neid, weil die Grossen mehr Taschengeld bekommen. Wieder andere finden es ungerecht, dass sie noch für alles und jedes um Erlaubnis fragen müssen, während die grossen Brüder und Schwestern scheinbar unbegrenzte Freiheit geniessen. Schliesslich gibt es auch solche, die sich daran stören, dass sie viele der Abenteuer, von denen die Grossen erzählen, nicht – bewusst – miterlebt haben.

Auch das Prinzchen hadert zuweilen mit seiner Position als jüngstes Kind, aber dabei plagt ihn eine andere Sorge: „Es stresst mich, wenn Karlsson und Luise andauernd von Quersummen und Flächenberechnungen reden“, sagte er heute beim Abendessen. „Wenn ich ihnen zuhöre, wird mir immer wieder bewusst, wie lange es noch dauert, bis ich das auch endlich lernen darf.“

Und wieder einmal frage ich mich, ob ich auch wirklich die Mutter dieses Kindes bin…

Her mit meiner Waage!

Es muss an dem schlechten Ruf liegen, den Eltern heutzutage geniessen, anders kann ich mir die Sache nicht erklären. „Die setzen ihren Kindern doch ohnehin nur Fertigprodukte vor. Die kommen doch problemlos eine Zeit lang ohne ihre Küchenwaagen klar“, muss einer der Lehrer gesagt haben. „Die meisten schicken ihre Brut über Mittag doch ohnehin in die Kebab-Bude“, muss eine Lehrerin darauf geantwortet haben. „Man wird wohl froh sein müssen, wenn überhaupt jedes Kind eine Waage auftreiben kann.“ 

So oder so ähnlich muss es in der Besprechung getönt haben, als man beschloss, die Kinder zu beauftragen, eine Küchenwaage mitzubringen, auf dass die Klasse das Thema „Schätzen und Abwägen“ praxisnah üben könne. 

Man verstehe mich bitte nicht falsch. Gegen praxisnahen Unterricht habe ich ganz und gar nichts einzuwenden. Aber bitte nicht mit meiner Küchenwaage. Die wird in unserem Haushalt nämlich nicht nur zu Übungszwecken gebraucht. Die ist ein ausgesprochen wertvolles Mitglied meiner Küchenausstattung, denn ohne sie wüsste ich nicht, ob der Lievito Madre ausreichend Futter bekommt, ob die Verhältnisse von Dinkel und Weizen im Brotteig ausgewogen sind und ob ich es bei der Brioche mal wieder mit der Butter übertreibe. Natürlich habe ich gewisse Dinge inzwischen so halbwegs im Gefühl, aber an manchen Tagen ist auf meine Gefühle ganz und gar kein Verlass, weshalb die Waage eben doch unerlässlich ist. 

Man mag sich fragen, weshalb ich nicht laut vernehmlich Nein gesagt habe, als das Prinzchen mich bat, die Waage mitnehmen zu dürfen. Nun, das hat durchaus seine Gründe. Zum einen habe ich in den vergangenen Jahren gelernt, dass Lehrpersonen nicht sehr erfreut sind, wenn Kinder ihre Hausaufgaben nicht erledigen. Zum anderen hat mir das Prinzchen hoch und heilig versprochen, es sei doch bloss für einen Tag und weil noch Brot da war, glaubte ich, so lange ohne sie auskommen zu können. Und dann soll mal einer versuchen, dem Prinzchen einen Wunsch auszuschlagen, wenn er so vor einem steht, mit treuherzigem Blick, zuckersüssem Lächeln und dem Gesicht voller Sommersprossen. Bei so viel Charme kann man einfach nicht nein sagen.

Tja, und jetzt muss ich eben damit klarkommen, dass es halt doch nicht nur für einen Tag war. Meine Waage wird nun bereits seit einer Woche im Schulzimmer festgehalten. Und das Schlimmste an der Sache ist: Während ich mich vor lauter Sehnsucht nach ihr verzehre und mich bereits zweimal dazu gezwungen sah, Brot zu kaufen, feiert sie wohl gerade Party mit ihren Kolleginnen, denn so viele verschiedene Küchenwaagen wie jetzt hatte sie zum letzen Mal um sich, als sie noch in irgend einer Haushaltabteilung darauf wartete, von mir gekauft zu werden. 

Ob ich versuchen soll, sie mithilfe von Lösegeld zurückzuholen? 20 hausgemachte Croissants sollten wohl reichen, um den Lehrer gnädig zu stimmen. 

Wobei, wie soll das gehen? Wo ich doch die Zutaten nicht abwägen kann…

skål

Ist das noch gesund?

Grundsätzlich habe ich mich damit abgefunden, dass unser Jüngster eine grosse Liebe zur Mathematik entwickelt hat. Ja, mehr als das. Ich habe sogar angefangen, mich über seine Begeisterung zu freuen, denn aus schmerzhafter Erfahrung weiss ich, wie herausfordernd die Schullaufbahn werden kann, wenn man sich mit Zahlen schlecht verträgt. 

Wenn aber der kleine Prinz beim Arbeiten mit der Mathe-App in Rage gerät, weil er als Drittklässler bei der Addition von Dezimalzahlen noch nicht so recht den Durchblick hat, sich dennoch weigert, auf ein einfacheres Level zu wechseln und abends eine Stunde lang Rotz und Wasser heult, weil er nicht mehr rechnen, sondern schlafen soll, trage ich mich doch allmählich mit dem Gedanken, den Zugang zu den Zahlen zu beschränken. 

So viel Mathematik kann doch unmöglich gesund sein…

grapefruit

 

 

Nicht nur für Selfies

Selbsternannte Erziehungsexperten mahnen gerne, wir Eltern sollten unseren Teenagern einen gesunden Umgang mit dem Smartphone beibringen. Dass Luises Handy – ohne ihr Zutun – den Geist aufgegeben hat, würden sie bestimmt als ganz besonderen Glücksfall betrachten. Endlich kann sie die wunderbare Erfahrung machen, wie entspannend es ist, nicht erreichbar zu sein. Sie wird gezwungen, von Angesicht zu Angesicht mit ihren Mitmenschen zu kommunizieren, kann sich nicht andauernd auf Instagram und Snapchat rumtreiben und muss mal ein paar Wochen lang ein Leben leben, wie unsere Generation es als normal betrachtet. Ich vermute, man würde uns raten, das Gerät absichtlich nicht allzu schnell zu ersetzen, auf dass unsere Tochter lerne, dass es auch ohne geht.

Doch genau in diesem Punkt irren diejenigen, die bei der Kombination „Teenager & Handy“ immer sogleich den Mahnfinger heben. Ohne Handy geht es nämlich wirklich fast nicht mehr und zwar nicht, weil die Jugend von heute so verkommen und oberflächlich wäre. Sondern weil die Schule schon längst auf das Handy als Arbeitsgerät zählt.

Vokabeln büffeln, Klassenchat, Kommunikation mit Lehrerinnen und Lehrern, Infos zu Hausaufgaben, Organisieren von Musikstunden – wer in schulischen Dingen mithalten will, braucht ab einem gewissen Alter ein Handy. Wer länger offline ist, verpasst unter Umständen ziemlich viel wirklich Wichtiges. An manchen Orten – nicht bei uns – herrscht gar Smartphone-Pflicht ab Oberstufe. 

Zwar bin ich der Meinung, Eltern sollten selber entscheiden dürfen, wann ihr Kind reif für ein Smartphone ist. Ansonsten aber sehe ich durchaus auch Vorteile in dieser Entwicklung. Dank Handy sind die Kinder nämlich in vielen schulischen Angelegenheiten selbständiger als wir es in ihrem Alter waren. Mit zunehmender Reife dämmert ihnen gar, dass das Ding nicht nur Selfies macht. Und wenn sie damit nur lange genug Englisch-Wörtchen gebüffelt haben, sind sie sogar dankbar, wenn sie das Gerät mal wieder aus den Händen legen dürfen. 

Soll mir also keiner sagen, wir sollten Luise ein paar Wochen zappeln lassen, ehe sie einen Ersatz für ihr kaputtes Handy bekommt. Die Schule wäre darob wohl fast ebenso wenig erfreut wie unsere Tochter. Ob wir dazu denn gar nichts mehr zu sagen haben? Nun ja, allzu viel nicht. Und doch ziemlich Entscheidendes: Welches Modell sie am Ende in den Händen hält, hängt einzig und alleine von unserer Grosszügigkeit ab. 

beans