Hör mal

Als heute früh der Wecker klingelte, blieb ich eine Weile liegen, um in mich hinein zu hören. „Was würde dir denn heute gut tun, damit du zufrieden in den Tag starten kannst?“, fragte ich mich. Die Antwort liess nicht lange auf sich warten: „Ein langes, heisses Bad“, sagte ich seufzend. „Das habe ich mir doch redlich verdient, nachdem ich mich gestern  vom Morgengrauen bis zum späten Abend für Karlssons Geburtstag in der Küche abgerackert habe. Die Croissants, die Fleischpastete, die hausgemachte Pasta und das ganze Drumherum stecken mir heute noch in den Knochen. Ein Bad ist da genau das Richtige…“ Weiter kam ich nicht, denn schon räusperte sich die Stimme der Vernunft. Bevor sie mit ihren Einwänden loslegen konnte, fuhr ich also fort: „Ich könnte auch das Buch, das ich für meine nächste Artikelserie lesen muss, mit in die Wanne nehmen. Der Job ist gestern ja auch zu kurz gekommen.“ 

„Das mag ja ganz vernünftig klingen“, meinte die Stimme der Vernunft, „aber wie wär’s, wenn du nicht nur in dich hinein lauschen würdest, sondern auch mal hörtest, was in deiner Familie so läuft, ehe du das Badewasser einlässt?“ Tja, was will man da noch einwenden? Nichts. Man muss bloss hören, was sich da draussen, wo bereits das Familienleben tobt, alles abspielt. Da ist das Prinzchen, der sich in Ruhe seine täglichen 20 Minuten Medienkonsum reinziehen möchte. Karlsson, der seine Finger nicht von den Klaviertasten fernhalten mag, auch wenn er weiss, dass die räumlichen Verhältnisse bei uns nicht zulagssen, dass der eine fernsieht und der andere Klavier spielt. Der FeuerwehrRitterRömerPirat, der aus mir nicht bekannten Gründen auf dem Sofa genächtigt hat und seine Zeit braucht, bis er hellwach im neuen Tag angekommen ist. Der Zoowärter, der sich nicht recht entscheiden kann, ob er seine eigenen zwanzig Minuten Medienkonsum ebenfalls jetzt beziehen soll, oder ob er lieber heimlich beim Prinzchen mitschauen soll, um mir nachher mit treuherzigem Blick versichern zu können, er habe heute noch gar nichts Mediales gehabt. Irgendwann wird auch noch eine schlaftrunkene Luise ins Wohnzimmer schlurfen und sich lauthals darüber beklagen, dass alle bequemen Sitzplätze besetzt sind und dass sie frühmorgens – so zwischen zehn und halb zwölf – kein Klavierspiel ertragen kann. 

Das alles hörte ich, als ich aufhörte, nur in mich hinein zu hören und so musste ich der Stimme der Vernunft schweren Herzens recht geben. „Es wäre ganz und gar unvernünftig, jetzt in die Wanne zu steigen, denn früher oder später wird es da draussen knallen und zwar tüchtig. Ich denke, ich werde mich mit einer kurzen Dusche begnügen. Mehr liegt heute wohl nicht drin.“ 

Als ich wenig später unter der Dusche stand, hörte ich durch das Rauschen des Wassers, wie das Prinzchen, dessen zwanzig Minuten abgelaufen waren, an die Tür des Badezimmers polterte. Was er von mir wollte, konnte ich leider nicht verstehen, denn Karlsson haute jetzt, wo der Fernseher endlich schwieg, mit Elan in die Tasten, was vermutlich den Zoowärter und den FeuerwehrRitterRömerPiraten gewaltig störte. Ganz genau kann ich das nicht beurteilen, denn zwischen Wasserrauschen, Klavierspiel und Prinzchengepolter liess sich nicht genau eruieren, ob sie sich noch friedlich unterhielten oder bereits lautstark gegen den Lärm der anderen protestierten.

Nun, wie dem auch sei, eine Erkenntnis nehme ich aus dem heutigen Morgen mit: Auch im Jahr 17 nach Familiengründung ist es mir nicht möglich, ein Bad zu nehmen, wenn „Meiner“ unterwegs ist und alle fünf zu Hause sind. 

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Geschmackssache

Wenn ich Pasta koche, isst er das Zeugs meistens trocken, nur mit Käse. Es sei denn, es wäre Carbonara oder sonst ein langweiliger Klassiker.

Pflanzliche Lebensmittel nimmt er in der Regel in Form von Äpfeln zu sich, fast alles andere verschmäht er. Okay, wenn er wirklich gut drauf ist, nimmt er auch mal ein wenig Salat.

Knöpfli sind zwar seine Leibspeise, aber das hindert ihn nicht daran, sie mit viel Ketchup zu malträtieren. Pilze und Blaukraut, die meistens ebenfalls auf dem Tisch stehen, würdigt er keines Blickes. 

Auch Curry interessiert ihn nur, wenn es eingeschweizert als Riz Casimir daherkommt. Kommt Schärferes oder Exotischeres auf den Tisch, bleibt er lieber beim gedämpften Reis.

Ob Italienisch, Exotisch oder Gutbürgerlich – meistens hat es etwas dabei, was ihm nicht besonders zusagt, weshalb er lieber bei dem bleibt, was er kennt. 

Man könnte also sagen, der FeuerwehrRitterRömerPirat sei kein besonders aufgeschlossener Esser. Morgen aber, wenn die Sushi-Platte, die er sich als Geburtstagsessen gewünscht hat, auf dem Tisch steht, wird er herzhaft zugreifen. 

Ich hingegen werde die Nase rümpfen und auf irgend etwas Altbewährtem herumkauen. 

värld

 

Besiegt

Falls jemand von euch heute zufällig in der Migros Aarau war und dort irgendwo zwischen Gemüseabteilung und Molkerei einem übel zugerichteten, laut klagenden Etwas begegnet ist: Das war meine Überzeugung, die nach einem brutalen Kampf mit der Glucke zu Boden gegangen ist. Die zwei lagen ja schon seit Tagen miteinander im Streit um die Erdbeerfrage und heute, einen Tag vor Luises Geburtstag, kam es zum Showdown. Es muss leider gesagt sein, dass meine Überzeugung von Anfang an einen schlechten Stand hatte, denn Luises flehender Blick hatte sie bereits gestern ziemlich ins Wanken gebracht. Somit hatte die Glucke heute ein leichtes Spiel. Unbeirrt marschierte sie zum Regal mit dem ökologisch verwerflichen Erdbeer-Sonderangebot, nachdem sie die Überzeugung mit einem gezielten Schlag in die Magengrube ausser Gefecht gesetzt hatte. Während sich die Arme heulend auf dem Fussboden wand, schnappte sich die Glucke auch noch frische Him- und Heidelbeeren, die ihre Lasterhaftigkeit mit einem Bio-Label zu kaschieren versuchten. „Schnell, zugreifen, solange die Alte noch darniederliegt!“, hörte ich sie murmeln, als sie das Zeug in den Korb legte. 

Später, nachdem die Ware bezahlt war, ging ich zurück in den Laden, um meiner Überzeugung auf die Füsse zu helfen. Erst wollte sie nicht mehr mit mir mitkommen. „Verräterin!“, zischte sie. „Wie konntest du bloss so hinterhältig sein und mich an die Glucke verraten?“ „Ich verspreche dir, in den kommenden Wochen besonders gut auf dich zu hören, um für mein heutiges Versagen zu sühnen“, gab ich zur Antwort. „Aber du musst auch das Positive sehen. Immerhin hat sich Luise diesmal keine Spargeln aus Peru gewünscht.“

Chabis

 

 

Die Glucke und die Grüne, die hatten einen Streit…

Einmal mehr befinde ich mich in einem dieser banalen Dilemmata, in die nur Mütter geraten, die einerseits der Meinung sind, an Geburtstagen seien sämtliche erfüllbaren Wünsche zu erfüllen, die aber andererseits den tiefen Wunsch verspüren, so umweltbewusst wie nur immer möglich durchs Leben zu gehen. Diesmal geht es um Luise und die Erdbeeren.

Luise ist ein Frühlingskind. Leider aber eines, das das Licht der Welt ein paar Wochen vor Beginn der hiesigen Erdbeersaison erblickt hat. Dies hindert sie aber nicht daran, sich zum Geburtstag einen Berg Erdbeeren mit Schlagrahm zu wünschen. Die Glucke in mir drängt mich natürlich dazu, eine Ausnahme zu machen und ihr diesen Wunsch zu erfüllen, aber die Grüne, die eben auch in mir steckt, sträubt sich mit Haut und Haaren dagegen.

Man weiss ja, woher die Erdbeeren kommen, die jetzt schon in den Regalen liegen. Mit der Frage, weshalb dies ökologisch bedenklich ist, hat man sich selbstverständlich eingehend befasst und natürlich hat man sich auch unzählige Male darüber geärgert, dass das Zeug rundum in Plastik verpackt daherkommt. Kurz: Man weiss, dass die Erdbeeren, die um diese Zeit bei uns zu haben sind, ganz schrecklich böse sind.

Und sie sind ja nicht nur böse, sie sind auch furchtbar fade und wässrig. Kommt hinzu, dass es ganz schön peinlich wäre, wenn ich beim Einkauf ertappt würde. Wie stünde ich denn da, mit hochrotem Kopf, peinlich berührt stammelnd, ich würde sowas ja eigentlich nie tun, aber es sei nun mal Luises Geburtstag und da könne man doch nicht so sein…

Der Fall wäre eigentlich klar: Luise muss an ihrem Geburtstag auf umweltverträglichere Weise glücklich werden. Doch wenn sie mich dann ansieht mit ihren grossen, himmelblauen Augen, dann schmelzen meine Grundsätze dahin wie der letzte Schnee an der Frühlingssonne. 

Noch ist der Streit zwischen der Glucke und der Grünen nicht entschieden, doch schon heute steht fest, dass eine der beiden am Ende zutiefst beleidigt sein wird. 

Krokus

Geburtstags-Absurditäten

Wenn die lebenslange Raucherin, die sich sogar in schlimmen Krankheitszeiten geweigert hat, den Tabakkonsum zu reduzieren, ihrem Enkel zum sechzehnten Geburtstag eine Glückwunschkarte, die ihr die Lungenliga zum Spendensammeln ins Haus geschickt hat, zukommen lässt. 

Wenn die Vegetarierin, die ihrem Sohn jedes Jahr Leberpastete und andere Schweinereien zubereiten musste, überall herumerzählt, er habe sich jetzt gemässigt, sie werde nie wieder Leber anrühren müssen, am Vorabend des Geburtstags trotzdem wieder mit spitzen Fingern Innereien in die Küchenmaschine schmeisst.

Wenn zwei Kinder hungrig vom Tisch gehen, weil sich unter all den Leckereien, die sich der grosse Bruder gewünscht hat, nichts findet, was sie mögen. Nein, nicht einmal Nudeln ohne Sauce und Käse, denn es gibt Kinder die zwar Teigwaren mögen, aber keine Nudeln. (Fragt nicht bitte nicht, was der Unterschied zwischen Teigwaren und Nudeln sein soll…)

Wenn der Jüngste, der so dünn ist, dass man seine Rippen zählen kann, dreissig Minuten nach dem üppigen Geburtstagsmahl, hinter einem vierstöckigen Sandwich sitzt und verkündet, er müsse jetzt Zvieri essen, sonst werde er kläglich verhungern. 

Wenn die Mutter, die den ganzen Tag in der Küche steht, um die kulinarischen Wünsche ihres Sohne zu erfüllen, irgendwann auf die Frau zu schimpfen beginnt, die den Jungen dermassen verwöhnt hat.

blatter

 

 

 

Jugend und Kultur

Da klagen sie immer, Jugendliche würden sich nicht für Kultur interessieren. Anstatt sich in gepflegtem Rahmen eine Symphonie anzuhören, würden die sich lieber bekifft irgendwo an einem Open Air-Festival im Schlamm wälzen. Man könne sich noch so sehr um sie bemühen, mit klassischer Musik liessen sie sich einfach nicht hinter dem Ofen hervor locken.

Wenn dann aber ein Jugendlicher nichts lieber tut, als Symphonien, Oratorien, Variationen, Sonaten und dergleichen zu lauschen und du möchtest für ihn in einem der grösseren Konzerthäuser dieses Landes Karten reservieren, weil er nicht weiss, was er sich zum Sechzehnten wünschen soll, dann heisst es: „Natürlich bieten wir Studentenvergünstigungen an, aber reservieren? Das können Sie gleich vergessen. Wenn einer, der noch grün hinter den Ohren ist, wirklich glaubt, er sei in der Lage, Bachs Weihnachtsoratorium zu geniessen, soll er das gefälligst beweisen, indem er sein Ticket an der Abendkasse holt. Wird ja wohl kaum ausverkauft sein. Wer will denn schon Bach  hören?“

Nun gut, ganz genau so haben sie es natürlich nicht gesagt, aber die Botschaft war klar: Sitzplätze für junge Musikliebhaber gibt es in diesem Haus nur, wenn sich nicht genügend Gutbetuchte finden lassen, um die Reihen zu füllen.

(Ach ja, einem Jugendlichen würde es selbstverständlich auch nichts ausmachen, mehr als eine Stunde Reisezeit in Kauf zu nehmen, nur um an der Abendkasse zu erfahren, Bach sei nun wieder Erwarten doch ausverkauft. Die haben ja ohnehin zu viel Zeit, die Jungen und das Bahnbillett wird denen ja auch fast gratis hinterher geschmissen…)

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Die haben vielleicht Wünsche…

Geburtstagskinder haben mich schon immer dazu bringen können, Dinge zu tun, die ich sonst für niemanden auf der Welt tun würde. Für Karlsson habe ich mit Todesverachtung Leber durch den Fleischwolf gedreht und Sülze zubereitet, Luise hat mich dazu gebracht ihr Barbies zu schenken und mit ihr die wildesten Bahnen des Europa Parks zu testen, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten konnte ich den innigen Wunsch, die hausgemachten Knöpfli mit Ketchup zu verspeisen, nicht verwehren und der Zoowärter brachte mich dazu, dem Disney-Konzern sehr viel mehr Geld in den Hintern zu schieben, als mir lieb gewesen wäre. Einzig das Prinzchen sah während der ersten sieben Jahre keinen Grund, mich dazu zu zwingen, über meinen Schatten zu springen. Höchste Zeit also, dass auch er einen Liebesbeweis von mir fordert, der mich Überwindung kostet. Nächsten Mittwoch ist es soweit: Ich soll ihn und seine Geburtstagsgäste ins Fussballmuseum begleiten.

Ich weiss nicht, was ich schlimmer finde: Die Tatsache, dass ich mich einen ganzen Nachmittag lang mit Bällen, Fussballern und Pokalen befassen muss oder der Gedanke, dass die FIFA jetzt auch noch von uns Geld bekommt. 

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