Andere Phase

Als sich bereits am Dienstag abzeichnete, dass ich spätestens am Donnerstagabend auf dem Zahnfleisch gehen würde, verkündete ich: „Der Freitag gehört ganz alleine mir!“ Dann könnte ich endlich wiedermal…

den ganzen Tag intensiv an meiner Geschichte arbeiten, die schon so lange auf ihre Fertigstellung wartet,

oder mich mit einem guten Buch in den Garten setzen und das schöne Wetter geniessen, 

oder die Stelle, wo der Gartenteich hinkommen soll, mal richtig jäten und vorbereiten, 

oder Croissants backen. Und Brioches. Und Laugengebäck,

…. oder in den Wald gehen, 

oder in der Stadt einen Kaffee trinken und in den Buchhandlungen nach Lesestoff stöbern, 

oder gemütlich mit jemandem einen Tee trinken und ein wenig plaudern, 

oder mit dem Velo in die Stadtgärtnerei fahren, das lauschige Gartencafé geniessen und ein paar Blumen für den Balkon kaufen, 

oder sonst irgend etwas tun, was mir Freude macht, 

… oder Schwiegermama zur Nachkontrolle ins Spital begleiten und dann bis zum frühen Nachmittag mit ihr auf der Notfallstation warten, weil aus einer latenten Geschichte etwas Akutes geworden ist. 

Wann werde ich endlich begreifen, dass auf die „Bei uns dreht sich alles um die Kinder“-Phase nicht die „Jetzt bin aber ich wiedermal dran“-Phase folgt, sondern die „Schwiegermama braucht uns jetzt ganz dringend“-Phase? 

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Man müsste halt mal richtig abschalten

Einfach in die Ferien zu fahren, reicht leider nicht mehr. Man müsste sich auch von den Sozialen Medien fern halten, um sich richtig zu erholen. 

Da verbringt man ganz entspannte Tage in einem gemütlichen Ferienhaus, geniesst die traumhafte Landschaft, hat viel Zeit für Kinder, Gedanken, Texte, die Enten im Teich, holländischen Käse und andere wundervolle Dinge. Es wäre so einfach, sich voll und ganz auf all das Schöne zu konzentrieren, aber dann begeht man den Fehler, kurz auf Facebook vorbeizuschauen und schon ist es vorbei mit dem Ferienfrieden. Die ganze Schweiz, so verrät ein Blick auf die Timeline, ist in Panik, weil der April sich in den letzten Tagen so aufgeführt hat, wie man es eigentlich von ihm erwarten dürfte. Schreckensbilder von kältegeplagten Tulpen, Wehklagen über erfrorene Setzlinge, Schimpftiraden auf Petrus, der mit seinen Launen gemütliche Stunden auf dem Balkon verunmöglicht. 

Wie will man da noch die Ferien geniessen? Wo es doch schon schwer genug war, den Garten für fast zwei Wochen sich selbst zu überlassen? Jetzt also die quälenden Fragen: Ist den Tomatenpflanzen im Gewächshaus auch wirklich warm genug? Werden wir bei der Heimkehr lauter traurige, geknickte Blumen antreffen? Hätte ich die Artischocken vielleicht doch noch einmal mit Tannzweigen zudecken sollen? Müssen wir uns am Ende gar die diesjährige Obsternte abschminken?

Natürlich zeigt sich bei der Heimkehr, dass man sich die ganzen Sorgen hätte sparen können. Dem Garten geht es dank seiner geschützten Lage prächtig. Ich hätte also meine Ferien getrost bis zum letzten Tag geniessen dürfen. Aber um das zu können, hätte ich auch Ferien von Facebook machen müssen.

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Garten oder Ferien?

Oh ja, wir brauchen Ferien und zwar ganz dringend. Die vergangenen Wochen waren angefüllt mit allem, was das Familienleben zu einem nie enden wollenden Rennen im Hamsterrad macht. Magen-Darm-Käfer, die vom einen Kind zum anderen gereicht wurden und zwar so, dass immer dann, wenn endlich wieder einer gesund zur Schule ging, der andere krank zu Hause bleiben musste. Nie enden wollende Putz- und Aufräumorgien. Prüfungen, bei denen im allerletzten Moment elterliche Unterstützung gefragt war. Schwiegermütterliche Gesundheitsprobleme, bei denen nicht nur unsere moralische Unterstützung, sondern auch unsere Fähigkeiten als Übersetzer gefragt waren. Ein Kater, der sich entschlossen hat, seine gute Kinderstube hinter sich zu lassen und sein Geschäft überall dort zu verrichten, wo es gerade verführerisch nach frisch gewaschener Wäsche riecht. Zahlreiche Termine, zum Beispiel ein Schulgespräch, das freundlicherweise auf zwei Termine mitten am Vormittag aufgeteilt wurde, weil Mama Venditti ja flexibler ist als die Menschen, die sie zum Gespräch treffen soll. Schülerkonzerte und Schulbesuchstage, bei denen man halt gerne anwesend ist, ganz egal, wie wenig Zeit man eigentlich hat. Und sonst noch ein paar Dinge, die dafür sorgen, dass wir das Gefühl haben, wir hätten uns zehn freie Tage in mehr als verdient.

Dabei gibt es nur ein Problem: Ich will mich nicht von meinem Garten trennen. Mitten im Winter, als wir das Ferienhaus reservierten, dachte ich natürlich noch nicht daran, dass ich Anfang April meinen Tulpen beim Erblühen und meinen Setzlingen beim Wachsen zusehen will. Doch jetzt, wo allmählich der Tag naht, an dem wir unsere Koffer packen müssen dürfen, packt mich die Wehmut und ich ertappe mich dabei, wie ich nach Ausreden suche, damit ich zu Hause bleiben darf. Wie, ihr glaubt, ich würde übertreiben? Aber nicht doch! Ich habe gar verlauten lassen, vielleicht wäre es besser, wenn ich hier bliebe, denn man könne ja nie wissen, ob Schwiegermama Unterstützung brauche. 

Ihr seht also, ih will mich wirklich nicht von meinen Pflanzen trennen. Auch nicht für zehn dringend benötigte Ferientage. 

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Bienen auf Abwegen

Wer den Wildbienen etwas Gutes tun wolle, müsse das schon richtig machen, las ich neulich. Die hohlen Pflanzenstängel dürften auf gar keinen Fall einen zu grossen Durchmesser aufweisen, die Nisthilfe müsse unbedingt eine Rückwand haben und sei an einer Stelle anzubringen, die schon am frühen Morgen von der Sonne beschienen werde.   Selbstverständlich müsse es sich bei dem Zuhause für die Bienen um ein fachmännisch hergestelltes Qualitätsprodukt handeln, denn den ganzen Kram, der in den Läden erhältlich sei, könnte man ebenso gut als Feuerholz verwenden. Man solle sich aber bloss nicht einbilden, man leiste mit einer solchen Nisthilfe einen Beitrag zu einem funktionierenden Ökosystem, die Bienen würden sich ja ohnehin nicht in den heimischen Garten verirren.

„Mal wieder alles falsch gemacht“, brumme ich und starre auf die billige Nisthilfe, die wir mal von irgend jemandem geschenkt bekommen haben, ein kleines Ding ohne Rückwand, das voller Pflanzenstängel mit zweifelhaftem Durchmesser ist. Natürlich steht es nicht dort, wo die Morgensonne hinscheint, sondern dort, wo sich frühestens am späten Nachmittag die ersten Sonnenstrahlen zeigen. 

Nachdem ich fertig gelesen habe, sitze ich lange am Küchentisch und beobachte versonnen die Wildbienen, die nun schon seit dem ersten Sonnenstrahl – von dem sie gar nichts mitbekommen haben, weil ihr rückwandloses Zuhause auf der falschen Seite des Hauses steht – emsig zwischen ihren hohlen Pflanzenstängeln und den Nektarpflanzen hin und her fliegen. 

Mir scheint, die Tierchen, die seit letztem Frühling freiwillig auf unserem Balkon leben, haben keinen blassen Schimmer davon, was sich für anständige Wildbienen gehört. Ob ich denen mal erklären muss, dass die Fachleute gar keine Freude haben an ihrem Lebensstil? 

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Ein ganz normaler Bünzli halt

Wenn ich am frühen Morgen drei wildfremde Menschen dabei ertappe, wie sie mit Schaufel und Pickel bewaffnet durch unseren Garten stiefeln, meine eben erst erblühenden Schneeglöckchen zertreten und den im Herbst neu angepflanzten Heidelbeerbüschen gefährlich nahe kommen, geraten meine Grundsätze ins Wanken. Was hilft mir da mein Wissen, dass im direkt an unser Grundstück grenzenden Haus umgebaut wird, weshalb mit solchen Vorkommnissen zu rechnen war? Was hat die Stimme der Vernunft zu melden, die mir leise ins Ohr flüstert, die Kerle seien ja in dem Teil des Gartens unterwegs, den wir in diesem Frühjahr ohnehin neu gestalten wollen, da könnten sie keinen namhaften Schaden anrichten? Rein gar nichts, denn die Kleinkarierte in mir registriert nur „Schaufel. Pickel. Zertretene Schneeglöckchen. Heidelbeerbüsche in Gefahr!“ und schon reisst sie – noch im Pyjama – das Fenster auf, um in Erfahrung zu bringen, was dieses frevelhafte Tun auf unserem Grundstück zu bedeuten habe. 

Wenn es um meinen Garten geht, kommt leider auch bei mir der stinknormale Bünzli zum Vorschein, der halt auch irgendwo, zwischen Weltoffenheit und Toleranz, in mir drin hockt. 

Ich fürchte, der Umbau im Nachbarhaus wird meinen Entschluss, allen Menschen erst einmal unvoreingenommen zu begegnen und sie anständig zu behandeln, noch öfter auf eine harte Probe stellen. 

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