Ein ganz normaler Bünzli halt

Wenn ich am frühen Morgen drei wildfremde Menschen dabei ertappe, wie sie mit Schaufel und Pickel bewaffnet durch unseren Garten stiefeln, meine eben erst erblühenden Schneeglöckchen zertreten und den im Herbst neu angepflanzten Heidelbeerbüschen gefährlich nahe kommen, geraten meine Grundsätze ins Wanken. Was hilft mir da mein Wissen, dass im direkt an unser Grundstück grenzenden Haus umgebaut wird, weshalb mit solchen Vorkommnissen zu rechnen war? Was hat die Stimme der Vernunft zu melden, die mir leise ins Ohr flüstert, die Kerle seien ja in dem Teil des Gartens unterwegs, den wir in diesem Frühjahr ohnehin neu gestalten wollen, da könnten sie keinen namhaften Schaden anrichten? Rein gar nichts, denn die Kleinkarierte in mir registriert nur „Schaufel. Pickel. Zertretene Schneeglöckchen. Heidelbeerbüsche in Gefahr!“ und schon reisst sie – noch im Pyjama – das Fenster auf, um in Erfahrung zu bringen, was dieses frevelhafte Tun auf unserem Grundstück zu bedeuten habe. 

Wenn es um meinen Garten geht, kommt leider auch bei mir der stinknormale Bünzli zum Vorschein, der halt auch irgendwo, zwischen Weltoffenheit und Toleranz, in mir drin hockt. 

Ich fürchte, der Umbau im Nachbarhaus wird meinen Entschluss, allen Menschen erst einmal unvoreingenommen zu begegnen und sie anständig zu behandeln, noch öfter auf eine harte Probe stellen. 

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Irgend etwas muss doch keimen

Wenn dich ein Käfer nach dem anderen überfällt und du keine andere Wahl mehr hast, als dich immer und immer wieder im Bett zu verkriechen, die Tage mit schlafen, Netflix und schlechten Nachrichten aus aller Welt hinter dich zu bringen, anstatt dich um deine Familie zu kümmern und deiner Arbeit nachzugehen, dann kannst du irgendwann nur noch eines tun: Eine ganze Menge Saatgut bestellen.

Irgendwann muss dieser elende Seuchenwinter ja ein Ende haben. Und gegen Weltuntergangsstimmung – das soll schon der alte Luther gewusst haben – hilft ohnehin nur das Pflanzen und da in unserem Garten kein Platz mehr für weitere Apfelbäume ist, müssen es eben Auberginen, Tomaten und Blumenkohl sein, die die Hoffnung auf bessere Zeiten wieder keimen lassen. 

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 Fast schon Etikettenschwindel

Wer – wie ich – regelmässig auf Pinterest nach vegetarischen Rezepten und Tipps für den Biogarten sucht, wird früher oder später mit Clean-Eating-Pins regelrecht überschwemmt. Irgendwie scheint der Algorithmus zu glauben, wer fleischlos und mehr oder weniger naturnah unterwegs ist, sei damit automatisch am aktuellen Ernährungshype – an dem in Tat und Wahrheit nur der Name neu ist – interessiert. Um den Algorithmus nicht zu beleidigen, habe ich mir einen dieser Pins etwas näher angeschaut. Das Thema war „Clean Baking“und die Frage lautete, wie man all die bösen, raffinierten Backzutaten durch „saubere“ Alternativen ersetzt.

Anstelle von dreckigem Weissmehl solle man Mandelmehl verwenden, hiess es da zum Beispiel. Böse Butter müsse durch Kokosöl, Mandelmus oder Erdnussbutter ersetzt werden, fieser Zucker durch Ahornsirup, Datteln oder zerdrückte Bananen. Das Ei vom Bauernhof soll durch Chiasamen und Wasser ausgetauscht werden. Natürlich stehen auf der Liste auch ein paar einheimische Zutaten, aber ein Grossteil der aufgeführten Alternativen wird ziemlich weit hergeholt und wächst ganz bestimmt nicht in den urbanen Gärten der sauberen Esser.

Gesünder und vollwertiger als der ganze raffinierte Mist, den wir in uns hinein schaufeln, ist das ganz bestimmt. Aber „sauber“? Nicht dass ich grundsätzlich etwas gegen Kokosöl, Mandelmehl, Bananen, Chiasamen und der gleichen hätte, und gegen bewusste Ernährung habe ich erst recht nichts einzuwenden. Aber spätestens wenn man sich mal ein paar Gedanken darüber macht, auf welchem Wege diese Dinge in unsere Küchen gelangen, müsste einem dämmern, dass die ganze „Sauberkeit“ schnell einmal durch ziemlich dreckige Luft, Wassermangel und andere Umweltsünden zunichte gemacht wird.

Aber wer will denn schon darüber nachdenken? Wo es doch so erbauend ist, sich selber bei jeder Mahlzeit sagen zu dürfen, was für ein guter Mensch man ist, weil man sich so ganz und gar rein ernährt.

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Am Gängelband

Wie ich es doch hasse, bevormundet zu werden! Da willst du am Morgen nur kurz bei Facebook vorbeischauen und was liest du dort als Erstes? „Guten Morgen Tamar. Heute wird es richtig kalt. Bleib besser drinnen an der Wärme“, oder so ähnlich. Nichts gegen den täglichen Wetterbericht, aber ich werde ja wohl noch selber entscheiden dürfen, ob ich das kühle Wetter drinnen bei einer Tasse Tee geniesse, oder draussen im Garten, wo noch zwei oder drei Dinge zu erledigen sind, bevor der Winter kommt. 

Ganz ähnlich läuft das, wenn ausnahmsweise mal ein bisschen Regen angesagt ist. „Bleib heute lieber am Trockenen“, mahnt Facebook, gerade so, als wäre ich nicht in der Lage, selber zu entscheiden, ob ich ein paar Regentropfen vertragen kann oder nicht. Ich soll den Regen gefälligst so verabscheuen, wie er heutzutage, wo die Leute nicht mehr wissen, wozu er gut ist, von der grossen Mehrheit verabscheut wird. Und wenn die Sonne heiss vom Himmel brennt, soll ich mich gefälligst freuen wie ein kleines Kind, auch wenn mir die erhöhten Ozonwerte den Atem rauben. 

Doch nicht nur Facebook glaubt, mir sagen zu müssen, was ich zu tun habe. Frage ich die SBB-App, wann mein Bus fährt, bekomme ich nicht die Abfahrtszeit angegeben, sondern die Zeit, wann ich zu Hause losgehen muss, damit ich ganz entspannt zur Bushaltestelle spazieren kann. Dabei ist der gelegentliche Sprint zur Haltestelle mein einziges Fitnessprogramm und das will ich gefälligst so beibehalten, damit mir niemand vorwerfen kann, ich würde mich überhaupt nie bewegen. Kommt hinzu, dass ich von Kind auf gelernt habe, im Fahrplan angegebene Zeiten für unumstössliche Wahrheiten zu halten, weshalb ich nun trotzdem wie ein kopfloses Huhn zur Haltestelle hetze, wo ich mir dann sieben Minuten lang die Beine in den Bauch stehen kann. (Sieben Minuten? Die glauben doch nicht im Ernst, ich bräuchte für 250 Meter Fussweg sieben Minuten? Ja, ich bin langsam, aber doch nicht so langsam.)

Allmählich habe ich es wirklich satt, andauernd gegängelt zu werden. Pinterest belästigt mich mit Hinweisen, wer mein „Pin-Twin“ sei, dabei treibe ich mich dort doch nur rum, um Kochrezepte und Gartentipps zu finden und nicht etwa, um meinen Freundeskreis zu vergrössern. Online-Medien setzen mir nur noch Artikel zu Themen vor, über die ich bereits etwas gelesen habe, dabei liegt für mich der Reiz der Zeitungslektüre gerade darin, über Dinge zu lesen, auf die ich selber nicht gekommen wäre. Die Werbebanner, die mich beim Surfen begleiten, versuchen verzweifelt, mir Bücher schmackhaft zu machen, über die ich mich zwar vor drei Monaten tatsächlich mal im Internet informiert habe, die ich inzwischen aber schon längst gekauft und gelesen habe. Und wenn die alle mich mal ausnahmsweise in Ruhe lassen, ruft bestimmt irgend so ein Depp an, der glaubt, mir am Telefon irgend etwas aufschwatzen zu müssen, was mir seiner Ansicht nach zu meinen Glück noch fehlt. 

Himmel, ich weiss ja, dass sowas heutzutage nicht mehr modern ist, aber lasst mich gefälligst selber denken. Mag sein, dass ich deswegen tatsächlich mal einen Bus verpasse, einen interessanten Pin übersehe, oder gar ein gutes Buch nicht lese, weil ich vergessen habe, dass es mich eigentlich interessiert hätte. Die Gefahr, einen Regenguss abzubekommen, ist hingegen gering, denn ich bin durchaus in der Lage, zu interpretieren, was die grauen Wolken am Himmel zu bedeuten haben. 

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Lehrgeld

Die Krautfäule ist beileibe keine Unbekannte für mich. Im Gegenteil. Ihr sind schon so viele meiner geliebten Tomaten zum Opfer gefallen, dass ich mir dieses Jahr mit meinem Kolumnenhonorar ein grosses Gewächshaus geleistet habe, um den Pflanzen ein schützendes Dach zu bieten. Diesmal würde ich nicht mit ansehen müssen, wie eben noch wunderschöne Tomaten plötzlich braun und unansehnlich werden, des war ich mir sicher.

Leider habe ich einen gravierenden Fehler begangen: Ich habe Ferien gebucht. Die drei Wochen Schweden im Juli waren des Guten zu viel für meine verwöhnten Nachtschattengewächse. Wie konnte ich es wagen, die langen Sommerabende im Norden zu geniessen, während sie mit voller Kraft Blattwerk, Zweige und Blüten produzieren mussten? Aus Protest gegen die schändliche Vernachlässigung hoben sie die Dachfenster des Gewächshauses aus ihrem Angeln. Erst sah es so aus, als wäre diese Racheaktion folgenlos geblieben, doch irgendwann letze Woche war nicht mehr zu übersehen, dass sich die Fäulnis breit macht, wo der Regen eingedrungen ist. Was blieb mir da anderes übrig, als radikal durchzugreifen, um zu retten, was noch nicht befallen ist? Beim Wegräumen der kranken Pflanzen wurde mir schmerzlich bewusst, dass uns die diesjährigen Sommerferien nicht nur eine ganze Stange Geld, sondern auch kiloweise Tomaten gekostet haben. 

Na ja, immerhin zeigt sich jetzt, wo das Tomatengestrüpp beseitigt ist, dass es den Peperoni, die ebenfalls im Gewächshaus wohnen, ganz prächtig geht. Und weil der Dschungel nun gelichtet ist und die Herbstsonne so richtig durchs Dach scheinen kann, darf ich immerhin hier auf eine reiche Ernte hoffen. 

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Von den schönen Dingen

Vor lauter Haushaltärger habe ich die schönen Dinge ein wenig aus den Augen verloren, dabei gibt es doch so vieles, worüber ich mich freuen kann:

Ein letztes Bad im Aarekanal, danach ein ausgedehntes Picknick mit lieben Freunden.

Das Prinzchen, das spät am Abend noch wach im Bett sitzt und aus voller Kehle seine selbst erfundenen Melodien schmettert.

Bekocht und umsorgt zu werden von herzensguten Menschen, die finden, wir hätten eine Auszeit vom Badewannen-Abwasch verdient.

Ein Abendspaziergang mit „Meinem“ und der Katze, die uns in der Dunkelheit nicht ohne ihren Schutz ziehen lassen will.

Die Artischockenernte, die zwar nicht überreich, aber doch reicher als erwartet ausgefallen ist. 

Karlsson, der sich an der neuen Schule fühlt, wie ein Fisch im Wasser.

Malven, Astern, Dahlien, Phlox, Herbstanemonen, Scabiosen und Prachtkerzen, die um die Wette blühen. 

Jede einzelne kostbare Minute, in der ich nichts über Pokémon hören muss.

Luise und der Zoowärter, die sich nach schwierigen Zeiten wieder aufgerappelt haben und zu ihrer alten Lebensfreude zurückfinden. 

Ein Birnbaum, den wir schon längst aufgegeben hatten, der nun zum ersten Mal in seinem Leben wunderschöne Früchte trägt. 

Der FeuerwehrRitterRömerPirat, der immer sogleich fühlt, wenn jemand Aufmunterung braucht. 

Nach sehr langer Zeit wieder mal eine neue Idee in meinem Kopf, die sich vielleicht eines Tages zu etwas Gutem weiterspinnen lässt.

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