Wächst sich das denn nie aus?

Pokémon, immer nur Pokémon. Sage ich: „Schau mal, wie herzig dieser Hamster aussieht“, antwortet er: „Ja, der ist wirklich herzig, aber schau mal dieses Pokémon, das ist noch viel herziger.“ Erfährt er, dass nach den Sommerferien sein Taschengeld erhöht wird, rechnet er sogleich aus, wie viel schneller er dann seine Kartensammlung erweitern kann. Reden wir darüber, dass er sich in der Schule wirklich mehr Mühe geben sollte, erklärt er, sei doch schon schlau genug, er kenne fast alle Pokémon-Namen auswendig. Und wenn das Prinzchen dem Ball hinterher rennt, findet er, ein Pokéball wäre doch viel besser als ein Fussball. „Mein lieber Zoowärter, es gibt wirklich wichtigere Dinge in diesem Leben als diese doofen Pokémon. Können wir endlich wiedermal über etwas anderes reden?“, sage ich manchmal, wenn ich die Schnauze voll habe von diesen doofen Monstern, die meinem Kind das Taschengeld aus dem Portemonnaie ziehen. 

Manchmal hängt mir das Ganze so sehr zum Hals heraus, dass ich schreien könnte. Wie froh bin ich dann, wenn mich „Meiner“ dazu überredet, trotz Müdigkeit abends noch etwas trinken zu gehen.

Doch welche Gesprächsfetzen wehen da vom Nebentisch zu uns herüber?

„War es denn ein legendäres Pokémon oder nicht?“ „Nein, wenn es ein Legendäres gewesen wäre, dann hätte er es natürlich eingefangen, aber es war ein ganz Gewöhnliches.“

Und ich habe allen Ernstes gedacht, diese Seuche wachse sich irgend wann aus, aber leider muss ich erkennen, dass sie bei manchen Leuten anhält, bis der Kellner nicht mal mehr einen Ausweis sehen will, wenn sie Hochprozentiges bestellen. 

gurke

 

Herzerwärmend

Wenn du mehr oder weniger beiläufig bemerkst, der jüngere Bruder habe sich bei einer Gelegenheit vermutlich ausgeschlossen gefühlt und dich dann wenig später einer der älteren Brüder beiseite zieht, um dich zu fragen, wie du das gemeint hättest und was er besser machen könne, damit der Kleinere sich wohl fühlt und du die beiden am nächsten Tag bei einer gemeinsamen Aktivität antriffst, dann wird es dir ganz unglaublich warm ums Herz und du denkst, wie wunderbar Geschwister doch zueinander sein können, wenn sie wollen. 

Und wenn dann zwei andere kleine Brüder freudenstrahlend von einem Stadtausflug nach Hause kommen und berichten, das gestrige Geburtstagskind habe einen Teil seines Geburtstagsgeldes geopfert, um sie zum Fast Food einzuladen, dann wird dir noch viel wärmer ums Herz, denn Grosszügigkeit ist eine Sache, die du deinen Kindern nicht beibringen kannst, weshalb du einfach dankbar sein darfst, wenn sie von alleine zu spriessen beginnt. 

ljus

Fühlt sich an wie Ferien

Das Badezimmer, das Karlsson am Samstag geputzt hat, ist heute noch fast ganz sauber.

Wenn wir essen, ist die Küche danach im Nu aufgeräumt.

Am Tisch kann man sein eigens Wort verstehen, weil alle reif genug sind, einander ausreden zu lassen.

Bleibt nach dem Frühstück ein leerer Joghurtbecher auf dem Tisch stehen, weiss man ganz genau, wen man herbei pfeifen muss, damit aufgeräumt wird. Die Ausrede vom „anderen“, der seine Sache mal wieder nicht gemacht hat, zieht jetzt nämlich nicht.

Manchmal ist es auch einfach still im Haus, weil jeder mit irgend etwas beschäftigt ist.

Man möge mir verzeihen, dass ich diese Woche hin und wieder denke, so ein Leben mit einem Einzelteenager sei schon deutlich unkomplizierter als das, was wir üblicherweise Alltag nennen. 

Was nicht heissen soll, dass ich es immer so haben möchte. Aber zur Abwechslung ist es ganz angenehm. 

blommorna igen

Ungebetene Feriengäste

Eigentlich wüsste ich es ganz genau: Als Mutter sollst du dich nie zu früh und erst recht nicht allzu laut über ein paar ruhigere Tage freuen. Aber was hätte ich denn tun sollen? Die Vorfreude auf die erste Sommerferienwoche, in der vier von fünf Kindern im Jungscharlager sind, was Karlsson, „Meinem“ und mir sieben Tage ungewohnte Ruhe im Haus beschert, war einfach zu gross. Da musste ich doch hin und wieder davon reden, auch wenn ich ganz genau wusste, dass irgendwo immer ein paar Käfer lauern, die mithören, um dich genau dann zu attackieren, wenn ruhigere Zeiten anbrechen.

Genau so war es auch diesmal. Als ich gestern Nachmittag die Packliste fürs Jungscharlager studierte, klingelte es plötzlich an der Türe. Es war eine dicke, fette Erkältung, die mir einen Besuch abstatten wollte. 

„Meine Liebe, wie habe ich dich doch vermisst! Es ist so lange her, seitdem wir Zeit hatten, uns zu unterhalten“, rief sie und versuchte, mich an ihre Brust zu ziehen.

„Halt! Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?“, stammelte ich und versuchte, mich ihr zu entziehen, doch ohne Erfolg, denn sie war unglaublich kräftig.

„Nun hab dich nicht so!“, sagte sie mit beleidigtem Unterton. „Da haben wir im Winter so viele nette Stunden miteinander verbracht und jetzt gibst du vor, mich nicht zu kennen. Man wird als Erkältung ja wohl auch mal im Sommer unangekündigt bei seinen besten Freunden reinplatzen dürfen.“

„Ääääh, es ist so… es ist gerade sehr ungünstig. Luise, der FeuerwehrRitterRömerPirat, der Zoowärter und das Prinzchen wollen nämlich morgen ins Ferienlager fahren und da dachten ‚Meiner‘ und ich….“

Weiter kam ich nicht, denn die Erkältung fiel mir ins Wort: „Wunderbar! Da hast du ja nicht nur Platz für mich, sondern auch noch für meine reizenden Kinderlein. Ohrenweh! Halsweh! Kopfweh! Wo steckt ihr denn schon wieder? Ihr braucht euch nicht zu verstecken, die Dame hier ist sehr nett. Sie hat uns gerade eine Ferienwohnung angeboten. Ist das nicht reizend?“

Und bevor ich noch etwas sagen konnte, stürmte die Erkältung mit ihrer ungezogenen Brut ins Haus. Während die Kinder sich die ganze Nacht mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten vergnügten, machte es sich die Erkältung an meinem Bett gemütlich.

„Ist das nicht herrlich?“, sagte sie eins ums andere Mal. „Sieben Tage lang nur du und ich. So etwas gibt es selten, das muss man geniessen.“

„Freu dich nicht zu früh“, gab ich mit heiserer Stimme zurück. „Mir scheint, der FeuerwehrRitterRömerPirat habe bereits die Nase voll von deinen ungezogenen Gören und mit wem wollen sie sich denn vergnügen, wenn er morgen seinen Geschwistern ins Ferienlager nachreist? Karlsson ist zu alt für solchen Kinderkram und ‚Meiner‘ ist von seinen Schülern abgehärtet. Wir werden euch schneller los sein, als dir lieb ist.“ 

„Wir werden ja sehen“, sagte sie spöttisch und strich mir über meine heisse Stirn. „Wir werden ja sehen…“

skål

 

Durchgestanden

Acht lange Jahre hat er nun gekämpft, hat sich immer wieder aufgerafft, sich einen neuen Schubs gegeben, sich vorgenommen, es allen zu zeigen, weil er ja tief in sich drinnen weiss, was er alles kann. Immer und immer wieder ist er an Grenzen gestossen, angeeckt und mutlos geworden. Gemeinsam haben wir nach Auswegen gesucht, oder zumindest nach Unterstützung, aber vieles, was zu Beginn vielversprechend aussah, stellte sich bald einmal als Sackgasse heraus. Wir haben daran gedacht, ihn in eine Privatschule zu stecken, ihn ganz aus der Schule zu nehmen, oder es vielleicht an einem anderen Ort zu versuchen, aber es gab immer wieder gute Gründe, dies nicht zu tun.

Morgen nun ist es endlich durchgestanden, nach den Sommerferien beginnt etwas Neues. Da ist zuerst einmal grosse Erleichterung, aber natürlich gibt es auch Fragen: Haben wir richtig gehandelt? War es richtig, ihm diese acht Jahre zuzumuten? Hätte es vielleicht doch eine Lösung gegeben, die wir einfach nicht erkennen konnten? 

Wir werden es nie wissen, ob es einen besseren Weg gegeben hätte. Was wir aber mit Sicherheit wissen: Hätten wir uns für eine Scheinlösung entschieden, hätte es noch länger gedauert, bis wir die Ursache für die Schwierigkeiten gefunden hätten. Es waren schwierige Jahre – vor allem für ihn, aber auch für uns. Doch am Ende steht die Hoffnung, dass wir jetzt endlich die richtige Lösung gefunden haben.

Ich wünsche dem FeuerwehrRitterRömerPiraten aus tiefstem Herzen, dass er nun endlich die Gelegenheit bekommt, zu erblühen und zu zeigen, was alles Wunderbares in ihm steckt. 

Höhle

Faltenfrei

Früher oder später müssen wohl alle Halbwüchsigen gegen ihr Elternhaus rebellieren, auch diejenigen, die die Auflehnung nicht unbedingt im Blut haben. Sie werden vielleicht einfach einen etwas sanfteren Weg einschlagen. So wie Karlsson, der plötzlich alles bügelt, was sich bügeln lässt. Nein, nicht nur sein Kleidung, auch seine Bettwäsche und manchmal sogar die Badetücher.

Was daran so rebellisch sein soll? Nun, in diesem Haus wird aus Prinzip nicht gebügelt und zwar schon seit vielen Jahren nicht mehr. Bügeln ist reine Zeitverschwendung, finden „Meiner“ und ich, denn kaum hat man die Kleider am Leib, sind sie auch schon wieder zerknittert. Ausserdem müssten wir den lieben langen Tag am Bügelbrett stehen, wollten wir je den Wäscheberg in perfekte, faltenfreie Stapel verwandeln. So lange schon haben wir das Bügeleisen zuhinterst im Schrank verstaut, dass der Zoowärter und das Prinzchen die Arbeit nur vom Hörensagen kennen würden, wenn nicht der grosse Bruder irgendwann damit angefangen hätte. 

Wie immer bei solchen Dingen fing alles ganz harmlos an. Karlsson wollte zu einem Konzert, die Grossmama bot ihm an, sein Hemd zu bügeln und damit war es um ihn geschehen. Erst griff er nur bei speziellen Anlässen zum Bügeleisen, doch mit der Zeit wurde das Bedürfnis nach perfekt geglätteter Kleidung immer grösser. Richtig schlimm wurde es, als ihm die Grossmama ihre Bügelmaschine vermachte. Seither kann er stundenlang am Tisch sitzen, vor sich ein Berg von Leintüchern, Hemden und Hosen. Und wenn er damit fertig ist, fragt er, ob wir vielleicht noch etwas hätten, was wir gebügelt haben möchten.

Das alles ist nicht so harmlos, wie es aussieht, denn man könnte diesen Bügelwahn durchaus auch als stumme Anklage verstehen. „Warum musste ich immer in zerknitterten Kleidern rumlaufen?“, scheint er uns zu fragen. „Seht ihr denn nicht, wie viel schöner ein faltenfreies Leben ist? Habt ihr denn gar kein Pflichtbewusstsein?“

Nun, unser Pflichtbewusstsein in Sachen Wäschepflege mag wohl tatsächlich nicht allzu gross sein. Dafür aber wissen wir, was sich für anständige Eltern gehört, wenn der Sohn rebelliert: Wir machen uns Vorwürfe und fragen uns, was wir anders hätten machen müssen. Ob sich die Exzesse hätten vermeiden lassen, wenn wir der Wäschepflege mehr Aufmerksamkeit geschenkt hätten? Ob er uns je verzeihen wird, dass wir derart schlechte Vorbilder waren? Ob bei ihm das Bügeln zu einer Besessenheit wird, so dass am Ende auch Waschlappen und Unterhosen faltenfrei sein müssen? Und natürlich auch die bange Frage, ob die jüngeren Geschwister sich von ihrem grossen Bruder beeinflussen lassen, so dass am Ende „Meiner“ und ich die einzigen Zerknitterten unter den vielen Faltenfreien sein werden. 

Wobei uns das ja ohnehin blüht in den nächsten Jahren…

blomma