Garteneile

Mein Gartenjahr, wie es normalerweise aussieht

Ende Januar: „Ich halte es keine Minute mehr aus ohne Gartenarbeit. Her mit dem Saatgut, aber schnell! Wenn doch bloss dieser elende Winter endlich zu Ende wäre, damit ich richtig loslegen könnte.“ Um mir meine Existenz halbwegs erträglich zu gestalten, fange ich an, Gartenratgeber zu wälzen. Gartenkataloge und einschlägige Online-Shops jedoch muss ich meiden, denn ich bin jetzt ausgesprochen anfällig dafür, dem Reiz geblümter Gummistiefel, überteuerter Werkzeuge und beheizbarer Frühbeete zu erliegen. 

Februar: Die Saatgut-Kiste ist zum Bersten voll, die ganze Wohnung ist überstellt mit Keimlingen und ich schimpfe pausenlos auf die Katzen, die meine Saatschalen als Klo missbrauchen und meinen zarten Pflänzchen Schaden zufügen. Immerhin gibt es jetzt ein paar Unterhaltsarbeiten, die erledigt werden wollen, ehe die Gartensaison beginnt. So bin ich wenigstens nicht dazu verdammt, meine Gartensehnsucht zu stillen, indem ich meinen Pflänzchen beim Wachsen zusehe.  

März: Ob ich auch wirklich genug angesät habe? Ist wohl besser, wenn ich noch ein paar Sorten mehr ziehe. Im Haus wird’s allmählich eng, weil die meisten Setzlinge zwar bereits eine stattliche Grösse erreicht haben, aber noch nicht nach draussen dürfen. Immer öfter ertappe ich mich bei dem Gedanken, ob ich es nicht vielleicht doch wagen soll… Die Stimme der Vernunft schafft es aber noch, mich zurückzuhalten: „Denk an den Frost…“, mahnt sie eins ums andere Mal. Um die Wartezeit zu verkürzen, streife ich trübselig durch Gartenabteilungen und ärgere mich, dass die mir nichts Anständiges zu bieten haben.

April: Alles, was schon irgendwie kann, geht nach draussen, drinnen wird aber weiterhin fleissig angesät. Könnte ja sein, dass ich trotzdem nicht genügend Setzlinge habe…

Mai: Kurz vor den Eisheiligen hält mich nichts mehr, die Pflanzen müssen raus. Worauf der Himmel in schöner Regelmässigkeit beschliesst, mir mit ein paar Frösten einen Denkzettel zu verpassen. Was meist wirkungslos bleibt, denn erstens hat unser Garten eine ausgesprochen günstige Südlage und zweitens hätte ich noch mehr als genug Setzlinge, falls trotzdem mal etwas erfrieren sollte. 

Juni: „Kannst du vielleicht ein paar Setzlinge gebrauchen?“, frage ich jeden, der mir über den Weg läuft. „Ich habe mal wieder zu viel gezogen…“ Weil ich nicht alles los werde, es aber auch nicht übers Herz bringe, unschuldige kleine Pflänzchen im Kompostkübel zu entsorgen, wird jeder freie Winkel im Garten bepflanzt. Natürlich bilde ich mir trotzdem ein, diesmal würde ich bestimmt den Überblick behalten über meine Pflanzen. 

Juli: Es wuchert…

August: … und wuchert…

September: … und wuchert. Dazwischen wird laufend geerntet, so sich denn das reife Zeug im Gestrüpp noch finden lässt. Weil ich zwischen dem Verblühen der letzten Pfingstrose und dem Erblühen der ersten Nachtkerze plötzlich das Gefühl hatte, mein Garten sei so leer und fade, besorge ich schon wieder neues Saatgut – auf dass das nächste Gartenjahr bunter werde. Zuweilen ist die Leere so unerträglich, dass ich mich in die Gärtnerei schleiche, um blühende Stauden zu kaufen.

Oktober: Wenn ich nicht am Ernten bin, drücke ich Blumenzwiebeln in den Boden, denn ich habe natürlich längst vergessen, wie zahlreich Tulpen, Krokusse, Narzissen, Schneeglöckchen, Hyazinthen, etc. in meinem Garten bereits vertreten sind. 

November: „Ich werde nie wieder gärtnern. Ich mein’s ernst. Diese Plackerei kann mir gestohlen bleiben.“

Dezember: „Ich werde zwar mit grosser Wahrscheinlichkeit nie wieder gärtnern, aber vielleicht könnte ich mir doch die eine oder andere Sache für den Garten zu Weihnachten wünschen.“

Und im Januar geht es wieder von vorne los, Jahr für Jahr für Jahr…

Doch dann begann eines Tages das…

…Gartenjahr 2018

Januar 2018: Eben erst habe ich mein neues Saatgut in der Box verstaut und die wichtigsten Termine in der Garten-App eingetragen, als ich Krokus, Winterling und Veilchen mindestens einen Monat zu früh beim Erblühen ertappe. Der Aprikosenbaum macht den Eindruck, als wäre er auch bald soweit, so dass ich mich gezwungen sehe, umgehend zur Baumschere zu greifen, um wenigstens das Allernötigste zu stutzen, ehe der Frühling über uns hereinbricht. Sogar die Narzissen tragen bereits deutlich erkennbare Knospen. Am schlimmsten aber treiben es die Vögel. Morgen für Morgen das gleiche Lied: „Wenn du jetzt nicht endlich loslegst, verpennst du die ganze Gartensaison“, drängen sie mich, obschon sie solches Zeug um diese Jahreszeit noch gar nicht von sich geben dürften.  

Wäre da nicht die Stimme der Vernunft, die mir mit letzter Kraft ins Ohr flüstert: „Glaub mir, der nächste Frost kommt bestimmt…“, würden in meinem Garten im März 2018 die ersten Tomatenpflanzen kläglich erfrieren. 

Winterling

Die neuen Zucchini

Zucchini traut sich heutzutage ja kaum einer mehr anzupflanzen. Zu oft stand man ratlos im Garten und fragte sich, was man mit den Riesendingern anstellen sollte, die ohne das geringste Zutun des Hobbygärtners in rauen Mengen herangewachsen waren. Die Versuche, sie zu verschenken, blieben bald einmal erfolglos. „Meine Kinder mögen leider keine Zucchini“, redeten sich die potentiellen Empfänger heraus. Oder: „Ich hab schon von der Schwiegermutter drei Stück geschenkt bekommen und weiss beim besten Willen nicht, wie wir damit fertig werden sollen.“ Um die Dinger doch noch loszuwerden, begann man irgendwann, alte Kochzeitschriften nach Rezepten für Zucchinikuchen zu durchforsten und dann musste man sich nur noch einreden, das Gebäck schmecke gut, um mit der Zucchini-Ernte fertig zu werden.

Es scheint, die Menschen hätten inzwischen gelernt, dass es reicht, wenn pro Gemeinde zwei oder drei Personen Zucchini anbauen, um den Bedarf der Bevölkerung zu decken. Seither bekommt man das Zeug nur noch äusserst selten ungefragt geschenkt. Doch wir Hobbygärtner sind ein uneinsichtiges Völkchen. Irgendetwas Pflegeleichtes, Geschmacksneutrales, das ohne grossen Aufwand reiche Ernte bringt, müssen wir einfach heranziehen, um glücklich zu sein. Nachdem die Zucchini in Verruf geraten sind, haben wir schnell einen würdigen Ersatz gefunden: Den Patisson. Der gedeiht mindestens so prächtig, hat aber den Vorteil, dass das einzelne Exemplar klein und handlich bleibt. Die zu Beschenkenden erschrecken dann nicht so leicht ob der Grösse und sind eher bereit, ohne faule Ausreden die Gabe in Empfang zu nehmen. Und weil es die Dinger in verschiedenen Farbschattierungen gibt, können Hobbygärtner ihre Ernte untereinander tauschen wie die Kinder ihre Fussballbildchen. Ich habe diesen Sommer bereits drei Exemplare in Orangegelb herausgerückt und im Gegenzug je zwei Hellgelbe und zwei Weisse bekommen.

Kennt zufällig jemand ein Rezept für Patisson-Kuchen? 

Tomatenpanik

Spätestens Ende Januar kommen die Entzugserscheinungen. Wenn ich nicht endlich etwas ansäen darf, werde ich verrückt. Also konsultiere ich den umfassenden Katalog des Saatguthändlers meines Vertrauens, natürlich stets mit dem Vorsatz, nur das Allernötigste zu bestellen. Der gute Vorsatz hält in der Regel genau so lange, bis ich bei den Tomatensamen angelangt bin und dann überkommt mich die Gier. 

Zwischen dem Tag, an dem der Pöstler das Saatgut liefert und dem Tag, an dem ich endlich ansäen kann, liegen qualvolle Wochen. Immer und immer wieder sortiere ich den Inhalt meiner Saatgutbox, immer und immer wieder seufze ich über den Winter, der kein Ende nehmen will. Dann endlich, Ende Februar, kann ich die Saatschalen hervorholen. Natürlich säe ich grosszügig an, denn man kann ja nie wissen, was den Keimlingen alles zustossen könnte.

Erst recht nicht, wenn sie einen Monat später im beheizten Frühbeet auf dem Balkon stehen. Was, wenn die Heizung nicht warm genug ist? Was, wenn doch ein kalter Luftzug in den Tunnell weht? Was, wenn tagsüber die Sonne zu warm scheint und das Kondenswasser auf die zarten Pflänzchen tropft. 

Beruhigen kann ich mich eigentlich erst im April wieder, wenn die Jungpflanzen ins Gewächshaus übersiedeln. Wobei ich natürlich auch dann noch genügend Anlass zur Sorge finde. Könnte ja sein, dass der Boden trotz achtzig Zentimeter tiefer Erdschicht, schützender Gewächshauswand und Aussentemperaturen von 10 Grad noch durchfriert, nicht wahr? 

Natürlich wachsen meine Tomatenpflänzchen dennoch fleissig weiter und wenn die Eisheiligen von dannen gezogen sind, ohne namhaften Schaden anzurichten, atme ich endlich auf. Zumindest solange ich noch nicht allzu viele Setzlinge verschenkt habe. Wenn sich die Reihen in den Hochbeeten allmählich zu lichten beginnen, werde ich wieder leicht panisch. Reichen 25 Stauden wirklich, um mich einen Sommer lang glücklich zu machen? Und die Setzlinge sind ja auch so furchtbar klein. Aus denen werden bestimmt nie anständige Pflanzen, deren Zweige sich unter der Last der Früchte biegen. Mehrmals täglich schleiche ich mich ins Gewächshaus, um zu sehen, ob sich meine Lieben auch wirklich gut entwickeln und obschon sie allmählich richtig gross werden, bringe ich es nicht mehr übers Herz, mich von weiteren Pflanzen zu trennen. Lieber ziehe ich neue Stecklinge aus den herausgebrochenen Zweigen, um sie an Freunde weiterzugeben. 

Und so kommt es, dass ich mich jedes Jahr im Juli auf allen Vieren unter den herabhängenden Zweigen ins Gewächshaus kämpfen muss, um nachzusehen, ob es meinen geliebten Tomaten gut geht und ob es vielleicht irgendwo in diesem Urwald schon etwas Reifes zu ernten gibt.

Andere Phase

Als sich bereits am Dienstag abzeichnete, dass ich spätestens am Donnerstagabend auf dem Zahnfleisch gehen würde, verkündete ich: „Der Freitag gehört ganz alleine mir!“ Dann könnte ich endlich wiedermal…

den ganzen Tag intensiv an meiner Geschichte arbeiten, die schon so lange auf ihre Fertigstellung wartet,

oder mich mit einem guten Buch in den Garten setzen und das schöne Wetter geniessen, 

oder die Stelle, wo der Gartenteich hinkommen soll, mal richtig jäten und vorbereiten, 

oder Croissants backen. Und Brioches. Und Laugengebäck,

…. oder in den Wald gehen, 

oder in der Stadt einen Kaffee trinken und in den Buchhandlungen nach Lesestoff stöbern, 

oder gemütlich mit jemandem einen Tee trinken und ein wenig plaudern, 

oder mit dem Velo in die Stadtgärtnerei fahren, das lauschige Gartencafé geniessen und ein paar Blumen für den Balkon kaufen, 

oder sonst irgend etwas tun, was mir Freude macht, 

… oder Schwiegermama zur Nachkontrolle ins Spital begleiten und dann bis zum frühen Nachmittag mit ihr auf der Notfallstation warten, weil aus einer latenten Geschichte etwas Akutes geworden ist. 

Wann werde ich endlich begreifen, dass auf die „Bei uns dreht sich alles um die Kinder“-Phase nicht die „Jetzt bin aber ich wiedermal dran“-Phase folgt, sondern die „Schwiegermama braucht uns jetzt ganz dringend“-Phase? 

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Man müsste halt mal richtig abschalten

Einfach in die Ferien zu fahren, reicht leider nicht mehr. Man müsste sich auch von den Sozialen Medien fern halten, um sich richtig zu erholen. 

Da verbringt man ganz entspannte Tage in einem gemütlichen Ferienhaus, geniesst die traumhafte Landschaft, hat viel Zeit für Kinder, Gedanken, Texte, die Enten im Teich, holländischen Käse und andere wundervolle Dinge. Es wäre so einfach, sich voll und ganz auf all das Schöne zu konzentrieren, aber dann begeht man den Fehler, kurz auf Facebook vorbeizuschauen und schon ist es vorbei mit dem Ferienfrieden. Die ganze Schweiz, so verrät ein Blick auf die Timeline, ist in Panik, weil der April sich in den letzten Tagen so aufgeführt hat, wie man es eigentlich von ihm erwarten dürfte. Schreckensbilder von kältegeplagten Tulpen, Wehklagen über erfrorene Setzlinge, Schimpftiraden auf Petrus, der mit seinen Launen gemütliche Stunden auf dem Balkon verunmöglicht. 

Wie will man da noch die Ferien geniessen? Wo es doch schon schwer genug war, den Garten für fast zwei Wochen sich selbst zu überlassen? Jetzt also die quälenden Fragen: Ist den Tomatenpflanzen im Gewächshaus auch wirklich warm genug? Werden wir bei der Heimkehr lauter traurige, geknickte Blumen antreffen? Hätte ich die Artischocken vielleicht doch noch einmal mit Tannzweigen zudecken sollen? Müssen wir uns am Ende gar die diesjährige Obsternte abschminken?

Natürlich zeigt sich bei der Heimkehr, dass man sich die ganzen Sorgen hätte sparen können. Dem Garten geht es dank seiner geschützten Lage prächtig. Ich hätte also meine Ferien getrost bis zum letzten Tag geniessen dürfen. Aber um das zu können, hätte ich auch Ferien von Facebook machen müssen.

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Garten oder Ferien?

Oh ja, wir brauchen Ferien und zwar ganz dringend. Die vergangenen Wochen waren angefüllt mit allem, was das Familienleben zu einem nie enden wollenden Rennen im Hamsterrad macht. Magen-Darm-Käfer, die vom einen Kind zum anderen gereicht wurden und zwar so, dass immer dann, wenn endlich wieder einer gesund zur Schule ging, der andere krank zu Hause bleiben musste. Nie enden wollende Putz- und Aufräumorgien. Prüfungen, bei denen im allerletzten Moment elterliche Unterstützung gefragt war. Schwiegermütterliche Gesundheitsprobleme, bei denen nicht nur unsere moralische Unterstützung, sondern auch unsere Fähigkeiten als Übersetzer gefragt waren. Ein Kater, der sich entschlossen hat, seine gute Kinderstube hinter sich zu lassen und sein Geschäft überall dort zu verrichten, wo es gerade verführerisch nach frisch gewaschener Wäsche riecht. Zahlreiche Termine, zum Beispiel ein Schulgespräch, das freundlicherweise auf zwei Termine mitten am Vormittag aufgeteilt wurde, weil Mama Venditti ja flexibler ist als die Menschen, die sie zum Gespräch treffen soll. Schülerkonzerte und Schulbesuchstage, bei denen man halt gerne anwesend ist, ganz egal, wie wenig Zeit man eigentlich hat. Und sonst noch ein paar Dinge, die dafür sorgen, dass wir das Gefühl haben, wir hätten uns zehn freie Tage in mehr als verdient.

Dabei gibt es nur ein Problem: Ich will mich nicht von meinem Garten trennen. Mitten im Winter, als wir das Ferienhaus reservierten, dachte ich natürlich noch nicht daran, dass ich Anfang April meinen Tulpen beim Erblühen und meinen Setzlingen beim Wachsen zusehen will. Doch jetzt, wo allmählich der Tag naht, an dem wir unsere Koffer packen müssen dürfen, packt mich die Wehmut und ich ertappe mich dabei, wie ich nach Ausreden suche, damit ich zu Hause bleiben darf. Wie, ihr glaubt, ich würde übertreiben? Aber nicht doch! Ich habe gar verlauten lassen, vielleicht wäre es besser, wenn ich hier bliebe, denn man könne ja nie wissen, ob Schwiegermama Unterstützung brauche. 

Ihr seht also, ih will mich wirklich nicht von meinen Pflanzen trennen. Auch nicht für zehn dringend benötigte Ferientage. 

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