Die können das

Wenn ich von Dienstagnachmittag bis Freitagabend aus beruflichen Gründen ausser Hause bin,…

setzt „Meiner“ den Kindern zwar nicht jeden Tag zwei warme Mahlzeiten vor, aber ganz bestimmt genügend Essbares, auch wenn Luise bei einem verzweifelten Anruf kurz vor Mitternacht das Gegenteil behauptet.

sind die Unterlagen für die Steuererklärung, die monatelang unberührt herumlagen, endlich fertig ausgefüllt. Und die Anträge für die italienischen Pässe der Kinder auch.

ist alles für das morgige Jugendfest organisiert, auch wenn längst nicht alle nötigen Infos automatisch den Weg von der Schule nach Hause gefunden haben.

ist das Bett frisch bezogen, die Wäsche weitgehend erledigt, die Wohnung aufgeräumt und der Kühlschrank voll.

geht nicht die kleinste aller Kleinigkeiten vergessen. Nicht einmal das Flohmittel für die Katzen.

ist das Wohnzimmer frisch gestrichen. Leider ohne Rücksprache mit mir. Aber wer will sich schon beklagen, dass man nicht dabei sein durfte, als das ganze Wohnzimmer Kopf stand?

werde ich von einem ausgesprochen gut gelaunten Herrn Gemahl, einer gar nicht besonders ausgehungert wirkenden Tochter und einem kühlen Getränk am Bahnhof empfangen.

frage ich mich einmal mehr, warum das alles ohne mich so viel reibungsloser läuft.

Lektion im Zug

Man vergisst ja so leicht, wie privilegiert man ist, wenn man mal ein paar Jahre lang im Home-Office gearbeitet hat. Eine gelegentliche Zugfahrt kann deshalb ganz heilsam sein. Wobei ich sagen muss, dass der vollbesetzte Zug zur Stosszeit vollauf genügt hätte, um mir mein unfassbares Glück vor Augen zu führen. Aber offenbar erachtete es das Leben für notwendig, mir mal wieder zu zeigen, was andere Menschen Tag für Tag durchmachen.

Und so fand ich mich ausgerechnet in dem Zug wieder, der kurz nach der Abfahrt erst einmal mitten im Tunnel stehenblieb und dann, als alle Unklarheiten aus dem Weg geräumt waren, wieder zurück zum Ausgangsbahnhof fuhr, um eine längere, aber nicht durch einen anderen Zug blockierte Strecke zu befahren. Damit ich mir meines Glückes noch etwas bewusster würde, platzierte mich das Leben neben einer fülligen Dame, die keinerlei Hemmungen zeigte, einen Teil meines Sitzplatzes für sich in Anspruch zu nehmen. Uns gegenüber fläzte sich ein nicht mehr ganz frisch riechender Herr fast schon provokativ auf seinen zwei Sitzplätzen, die er trotz Stosszeit hatte ergattern können. Für die akustische Untermalung der gemächlichen Zugfahrt sorgte ein Rentner, der sich ein paar Abteile hinter mir für alle hörbar und sehr wortgewaltig über die verlängerte Heimfahrt beschwerte. Und weil das Leben offenbar fürchtete, ich würde mich in diesem Umfeld nach einiger Zeit allzu wohl fühlen, schickte es in regelmässigen Abständen eine ältere Dame durchs Abteil, die eiligen Schrittes und laut furzend das WC aufsuchte. Auf diese Weise beglückt kam ich – von Schwindelgefühl und Übelkeit geplagt – mit 90 Minuten Verspätung zu Hause an. 

Ratet mal, wer nach dieser Lektion morgen früh fröhlich pfeifend und überaus dankbar in ihrem Home-Office aufkreuzen wird…

rosa

Eine Vorwarnung wäre nett gewesen

Damit das klar ist: Ich bin den Ärztinnen und Ärzten, die sich in den vergangenen 10 Tagen um den Zoowärter gekümmert haben, unendlich dankbar. Selbstverständlich verstehe ich, dass wir oft auf sie warten mussten, weil sie noch so viel anderes zu tun hatten. Dass mein eigener Job dabei zurückstehen musste, steht für mich ausser Frage.

Dennoch dünkt mich, den Halbgöttern in Weiss sei kaum bewusst, dass auch wir, die wir beruflich kein Leben retten, hin und wieder noch anderes zu tun haben, als am Krankenbett unseres Kindes zu sitzen.

Fragst du nach einer Woche, wie lange der Spitalaufenthalt schätzungsweise dauern könnte, du hättest da noch ein paar andere Kinder, die dich brauchen, schaut man dich verwundert an. Noch ein wenig verwunderter ist der Blick, als du erklärst, du hättest am Donnerstag eine Sitzung und wärest deshalb froh, wenn du den Tag ein wenig planen könntest. Als dann endlich der Tag des Austritts gekommen ist, platzt die Ärztin mit einer Nachricht ins Zimmer, die jede berufstätige Mutter – auch eine, die im Home Office arbeitet – ins Schwitzen bringt: Eine volle Woche noch müsse das Kind zu Hause bleiben, das werde in solchen Fällen immer so gehandhabt, das sei doch sonnenklar. Nun, die Ärztin mag wohl eine Expertin bezüglich des Heilungsverfahrens in „solchen Fällen“ sein. Vom Familienalltag hingegen scheint sie keine Ahnung zu haben. Zumindest versetzt sie deine Erklärung, so etwas müsste man Eltern im Voraus mitteilen, weil das stets gewisse organisatorische Herausforderungen mit sich bringe, in grosses Erstaunen.

Ich hoffe sehr, die Gute schreibt sich das hinter die Ohren und informiert die nächsten Eltern etwas früher darüber, dass das Familienleben auch nach Spitalaustritt noch eine Weile lang auf dem Kopf stehen wird.

Betreuungsintensiv

Wenn die Kinder allmählich grösser werden, fürchtet man ja zuweilen, man sei zu nichts mehr nutze. Wer braucht denn noch meine Fürsorge, wenn alle sich immer selbständiger durchschlagen können?

Nun, solange wir unsere Heizung im Keller haben, brauche ich wohl nicht zu befürchten, gänzlich in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Seit einigen Wochen verlangt sie nämlich alle paar Stunden nach meiner Aufmerksamkeit. Mal klagt sie, es gelinge ihr nicht, Pellets anzusaugen, mal hat sie Schwierigkeiten mit der Rostklappe, dann wieder fühlt sie sich durch zu viel Sauerstoff daran gehindert, ihre Arbeit zu verrichten. Manchmal reicht es, wenn ich ihr gut zurede und die richtigen Knöpfe drücke, meistens aber verlangt sie dann trotzdem bald darauf laut klagend nach einem Fachmann, der sich ihrer Nöte annimmt. So oder so verbringe ich derzeit unendlich viel Zeit fröstelnd im Heizkeller – entweder, weil ich verzweifelt versuche, die richtigen Köpfe zu finden, oder aber weil ich mir den Mund fusselig rede, um dem Fachmann, in dessen Anwesenheit sich unsere Heizung plötzlich wieder vorbildlich aufführt, begreiflich zu machen, dass wirklich etwas nicht stimmen kann, wenn das Ding alle paar Stunden einen Warnstreik einlegt. Nach einigem Suchen findet natürlich jeder anständige Fachmann eine Fehlerquelle und so weiss ich auch, was ich Ende Monat mit dem Geld, das ich in meinem derzeit ziemlich kühlen Home Office verdiene, anstellen soll.*

Unsere betreuungsintensive Heizung bewahrt mich nicht nur vor allzu viel Beschaulichkeit, sie führt auch unseren ach so selbständigen Kindern vor Augen, wie unverzichtbar ich trotz allem noch bin. Solange „Meiner“ nämlich fast pausenlos unterwegs ist, liegt es ganz in meiner Macht, für halbwegs warme Verhältnisse zu sorgen.

Wenn man die Dinge von dieser Warte betrachtet, müsste ich eigentlich dankbar sein für den ganzen Mist.

* Und das ausgerechnet in einem Winter, in dem wir bislang rekordverdächtig wenig für Heizmaterial ausgegeben haben.

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Wobei man es natürlich auch so sehen kann

Man könnte froh sein, dass der Monteur einen auf dem Laufenden hält, so dass man immerhin abschätzen kann, wie lange man frieren wird  – voraussichtlich bis morgen Abend. Nicht wie der Fensterbauer, der versprochen hat, so bald als möglich zu kommen, uns aber immer noch die Erklärung schuldig ist, was man in seiner Welt unter „so bald als möglich“ versteht. 

Man könnte auch erleichtert sein, dass man nun doch nicht zwischen Klavierstimmer und Heizungsmonteur hin und her rennen muss, weil sie nicht gleichzeitig im Haus sein werden.

Man könnte mit sich selbst zufrieden sein, weil man neulich – offenbar in weiser Voraussicht – in der Migros ganz spontan zwei sehr grosse, sehr weiche Kuscheldecken in den Einkaufswagen gelegt hat.

Man könnte sogar darüber jubeln, dass wir bloss frieren und nicht auch noch stinken müssen, weil die Solaranlage trotz Hochnebel noch ein paar Tropfen Warmwasser produzieren mag. 

Und natürlich könnte man zutiefst dankbar sein, dass man überhaupt ein Dach über dem Kopf hat, genügend warme Kleider und einen Herd, auf dem man reichlich warmes Essen und heissen Tee zubereiten kann.

Aber dann ertappe ich mich eben doch dabei, wie ich meinen grossen Zeh ins Bad des Selbstmitleids tauche, um zu prüfen, ob ich es mir dort gemütlich machen soll. Immerhin darf die ganze Familie irgendwo im Warmen sitzen, nur ich muss mir in meinem Homeoffice den Allerwertesten abfrieren. Und ausnahmsweise auswärts arbeiten geht auch nicht, weil sonst der Klavierstimmer, der seinen Job neu angetreten hat, seinen Weg nicht findet. Zwischen Flügel und Spinett meiner Mutter, Karlssons Cembalo und unserem Klavier könnte man sich gar leicht verirren.

ljus

Da bin ich wieder

Mitte Oktober, …

… wenn Karlsson allmählich von der Sehnsucht nach der Schule gepackt wird und die verbleibenden Ferientage nur aushalten kann, indem wir gemeinsam himmlisches Essen (hausgemachte Ravioli, zum Beispiel) zubereiten,…

… wenn „Meiner“ hingegen jeden Morgen mit einem tiefen Seufzer der schönen Ferientage in der Toscana gedenkt und sich dann schweren Herzens aufmacht, um seine Schüler, die bereits wieder dürfen, was Karlsson so gerne möchte, zu unterrichten,… 

… wenn auch der FeuerwehrRitterRömerPirat sich schon wieder Morgen für Morgen aus dem Bett quälen muss, was sich aber im Vergleich zu früher fast schon wie ein Spaziergang anfühlt, da er seit dem Schulwechsel nur noch ein ganz gewöhnlicher Morgenmuffel und kein Schulverweigerer mehr ist,… 

… wenn Luise an den Tagen, an denen sie nicht bei „Meinem“ im Schulzimmer schnuppert, nicht vor dem Mittagessen aus dem warmen Bett gekrochen kommt und es dafür meist erst nach Mitternacht wieder aufsucht,…

… wenn der Zoowärter und das Prinzchen zu diversen Ferienpass-Veranstaltungen chauffiert werden müssen, was meinen Tag in viele kleine, unbrauchbare Häppchen teilt,…

… wenn ich denen, die schon wieder müssen, eine halbwegs geregelte Tagesstruktur bieten sollte, den anderen aber nicht zu viele Einschränkungen auferlegen sollte,…

… wenn ich selber auch zu denen gehöre, die bereits wieder müssen, weshalb es mir eigentlich ganz und gar nicht gelegen kommt, dass andere von mir unterhalten werden möchten,…

… und dann noch all die Dinge zu tun sind, die man halt so tun muss, nachdem man zwei Wochen in Italien dem süssen Nichtstun gefrönt hat, zwei Geburtstage zu planen sind und der Garten auf die kalte Jahreszeit vorbereitet werden möchte…

… sollte man eigentlich keine Blogpause beenden. Das hätte ich bereits wissen müssen, als ich die Pause angekündigt habe, denn ich weiss ja inzwischen, wie es Mitte Oktober bei uns so läuft. Da ich aber die vergangenen Wochen genutzt habe, um hier ein wenig auszumisten und neu zu gestalten, weiss ich wieder, dass ich a) zu einem deutlich ungeeigneteren Zeitpunkt mit dem Schreiben angefangen habe und b) mir während viel anstrengenderen Phasen immer wieder die Zeit genommen habe, weiterzumachen.

Wäre doch gelacht, wenn ich jetzt, wo mein Leben im Vergleich zu früher fast schon beschaulich ist, nicht in der Lage wäre, dem Schreiben wieder einen festen Platz in meinem Alltag einzuräumen. 

Wie kann man die blockieren?

Der Kaminfeger, der dir ungefragt seine Meinung über Ölheizungen (das Beste, was es auf dieser Welt gibt), den Vaterschaftsurlaub (ein unnötiger Mist, über den man nur redet, weil die Frauen heute zu verweichlicht sind, um sich alleine um den Nachwuchs zu kümmern) und die heutigen Eltern (lauter Loser, die keine Ahnung haben vom Leben) vor die Füsse knallt.

Der Sitznachbar im Bus, der dich fragt, ob du verstanden hättest, was die zwei Männer miteinander geredet hätten, nur um dir dann für den Rest der Fahrt erzählen zu können, was er von diesen zwei Männern im Speziellen (nichts) und von Afrikanern im Allgemeinen (noch einmal nichts) hält.

Die Frau im Wartezimmer, die dir – kaum hast du ihr erklärt, du möchtest deine Wartezeit gerne zum Arbeiten nutzen – die traurige Lebensgeschichte ihrer Cousine zweiten Grades zu erzählen beginnt und auch dann nicht aufhört, als du anfängst, demonstrativ in die Tasten zu hauen.

Der Typ in der Warteschlange, der dir voller Stolz erzählt, wenn ein Rentner hinter ihm an der Kasse drängle, frage er ihn, ob er ein Rendezvous mit dem Tod habe. (Worauf ich ihm erzähle, wenn meine Kinder sich darüber wunderten, dass ich mit jedem rede, würde ich ihnen jeweils sagen, solange mir einer nicht zweifelsfrei bewiesen habe, dass er ein Idiot sei, würde ich versuchen, nett zu bleiben. Wodurch er sich natürlich nicht angesprochen fühlte, da ich weiterhin nett und freundlich blieb.)

Manchmal verstehe ich ja schon, warum sich die Menschen lieber hinter ihren Computern verschanzen, wo man solche Leute einfach blockieren kann. 

fågel