Fragealter für Fortgeschrittene

Früher war es ja noch mehr oder weniger einfach. „Mama, warum ist der Himmel blau?“, fragten sie. Oder: „Warum ist Wasser nass?“ Oder: „Warum können Menschen nicht fliegen?“ Klar, die Antworten auf diese Fragen konnte man auch nicht einfach aus dem Ärmel schütteln, aber die Knöpfe gaben sich schnell einmal zufrieden mit dem, was man sagte. Solange es man nicht bei einem gelangweilten „Einfach“ bewenden liess.

Bei Luise läuft das inzwischen so:

„Mama, wie funktioniert…?“

Umgehend beginnst du, in deinem Allgemeinwissen zu kramen, und beförderst irgend etwas zutage, was dir von deiner Gymnasialzeit noch in Erinnerung geblieben ist.

„Ja, Mama, das weiss ich. Aber wie funktioniert das genau?“, kommt die Folgefrage wie aus der Pistole geschossen. 

Noch einmal durchwühlst du den Schatz deines Allgemeinwissens und mit etwas Glück beförderst du die eine oder andere Ergänzung zutage. 

„Ja, Mama, das hast du mir schon einmal gesagt. Aber kannst du mir das nicht etwas genauer erklären? Ich möchte das im Detail verstehen.“

Erst stammelst du noch etwas zusammen, doch der Blick deiner Tochter sagt dir klar und deutlich, dass das nicht reicht und weil du einen wissbegierigen Teenager nicht mit seinen Fragen alleine lassen willst, schaust du nach, ob vielleicht das Internet das Gewünschte bieten kann. Aber auf die Schnelle lässt sich da aber auch nichts Ausführliches finden und so heisst es bald einmal:

„Aber Mama, das weiss ich doch alles schon. Kannst du mir denn wirklich nicht sagen, wie das ganz genau funktioniert?“

Nein, mein liebes Kind, das kann ich leider nicht. Entweder, du findest eine Fachperson, die dir weiterhelfen kann. Oder du machst dich auf die Socken, um so bald als möglich einen Doktortitel in der Tasche zu haben. Denn den wirst du brauchen, wenn du die Dinge so genau wissen willst. 

tugggummi

Die können das

Wenn ich von Dienstagnachmittag bis Freitagabend aus beruflichen Gründen ausser Hause bin,…

setzt „Meiner“ den Kindern zwar nicht jeden Tag zwei warme Mahlzeiten vor, aber ganz bestimmt genügend Essbares, auch wenn Luise bei einem verzweifelten Anruf kurz vor Mitternacht das Gegenteil behauptet.

sind die Unterlagen für die Steuererklärung, die monatelang unberührt herumlagen, endlich fertig ausgefüllt. Und die Anträge für die italienischen Pässe der Kinder auch.

ist alles für das morgige Jugendfest organisiert, auch wenn längst nicht alle nötigen Infos automatisch den Weg von der Schule nach Hause gefunden haben.

ist das Bett frisch bezogen, die Wäsche weitgehend erledigt, die Wohnung aufgeräumt und der Kühlschrank voll.

geht nicht die kleinste aller Kleinigkeiten vergessen. Nicht einmal das Flohmittel für die Katzen.

ist das Wohnzimmer frisch gestrichen. Leider ohne Rücksprache mit mir. Aber wer will sich schon beklagen, dass man nicht dabei sein durfte, als das ganze Wohnzimmer Kopf stand?

werde ich von einem ausgesprochen gut gelaunten Herrn Gemahl, einer gar nicht besonders ausgehungert wirkenden Tochter und einem kühlen Getränk am Bahnhof empfangen.

frage ich mich einmal mehr, warum das alles ohne mich so viel reibungsloser läuft.

Geschwisterneid

So manch ein jüngstes Kind ist sauer auf seine grösseren Geschwister, weil sie länger aufbleiben dürfen. Andere plagt der Neid, weil die Grossen mehr Taschengeld bekommen. Wieder andere finden es ungerecht, dass sie noch für alles und jedes um Erlaubnis fragen müssen, während die grossen Brüder und Schwestern scheinbar unbegrenzte Freiheit geniessen. Schliesslich gibt es auch solche, die sich daran stören, dass sie viele der Abenteuer, von denen die Grossen erzählen, nicht – bewusst – miterlebt haben.

Auch das Prinzchen hadert zuweilen mit seiner Position als jüngstes Kind, aber dabei plagt ihn eine andere Sorge: „Es stresst mich, wenn Karlsson und Luise andauernd von Quersummen und Flächenberechnungen reden“, sagte er heute beim Abendessen. „Wenn ich ihnen zuhöre, wird mir immer wieder bewusst, wie lange es noch dauert, bis ich das auch endlich lernen darf.“

Und wieder einmal frage ich mich, ob ich auch wirklich die Mutter dieses Kindes bin…

Kampf ums Sofa

Noch so etwas, was irgendwie gleich ist wie in der Kleinkindphase und doch ganz anders: Mitten in der Nacht wirst du wach, weil du die Kinder hörst. Schlaftrunken tappst du ins Wohnzimmer, um herauszufinden, was los ist. Soweit also alles noch wie zu alten Zeiten, als keine Nacht ohne nächtliche Ruhestörung verging.

Was du im Wohnzimmer antriffst, ist dann aber doch ein wenig anders. Dort findest du nämlich zwei Teenager, die mitten in einem erbitterten Streit stecken. Da wollte nämlich einer nach einem Albtraum Zuflucht auf dem Sofa suchen, fand das Sofa jedoch besetzt vor, weil es sich dort bereits ein anderer bequem gemacht hatte. Und dieser andere hatte nicht etwa mit einem Albtraum zu kämpfen, sondern war bloss zu faul gewesen, sein übliches Nachtlager aufzusuchen, nachdem er sich mit dem Eltern die „Medici“ reingezogen hatte. Wer ohne Albtraum-Legitimation auf dem Sofa nächtigt, braucht sich natürlich nicht zu wundern, wenn man versucht, ihn mitten in der Nacht unsanft aus dem Wohnzimmer zu vertreiben. 

Während in früheren Zeiten noch ein Windelwechsel und ein nächtlicher Snack reichten, um die Ruhe wieder herzustellen, solltest du heute also tatsächlich nachts um halb zwei eine pädagogisch wertvolle Problemlösung aus dem Pyjamaärmel schütteln. Und weil du das mit vom Schlaf umnebelten Verstand natürlich nicht schaffst, weisst du jetzt endlich wie unglaublich toll es sich anfühlt, im Halbschlaf zwei zornigen Teenagern ein wenig Vernunft einreden zu wollen.

Variationen

Auf die Gefahr hin, dass ich mich – wenn ich schon endlich mal wieder schreibe – auch noch wiederhole, hier eine Weisheit aus einem Haus voller Teenager und solcher, die es bald schon werden wollen:

  • Abends, wenn du allmählich zur Ruhe kommen möchtest, tropft auf einmal Wasser durch die Zimmerdecke, denn oben steht einer so lange unter der Dusche, bis die Duschtasse überläuft und sich das Wasser in den Eingangsbereich ergiesst. Weil er gerade unter der Dusche steht, kann er nicht dabei helfen, die Sauerei zu beseitigen und es liegt an den Erzeugern, den Schaden so rasch als möglich zu beheben, bevor das ganze Haus unter Wasser steht. Und weil du ihm erst hundert Mal gesagt hast, dass er nicht so lange duschen darf, bis es eine Überschwemmung gibt, trifft ihn keinerlei Schuld. 
  • Nachts, wenn dir endlich die Augen zugefallen sind, plötzlich laute Schritte im Treppenhaus. Bald darauf geht die Tür und wenig später steht ein halbwüchsiger Mensch mit einer Sorge in deinem Schlafzimmer. Vorbei ist es mit der Nachtruhe und du ahnst, dass du morgen einmal mehr mit schwerem Kopf erwachen wirst.
  • Mittags am Tisch, alles ist halbwegs friedlich, bis einer wagt, dem anderen einen falschen Blick zuzuwerfen. Vielleicht hat er sich auch erfrecht, ein unerwünschtes Geräusch von sich zu geben. Oder er nimmt sich die Freiheit heraus, nicht so frisch zu riechen wie alle anderen. Was auch immer der Grund sein mag – am Ende fliegen die Fetzen und man weiss nicht, wie die Dinge enden würden, wenn nicht ein Erwachsener schlichtend eingriffe. 
  • Irgendwann, im Laufe des Tages, völlig aus dem Nichts eine Frage, auf die du keine Antwort weisst. „Mama, warum…?“ und du stammelst irgend etwas zusammen, denn mit einem „Das erkläre ich dir, wenn du grösser bist“, lässt sich keiner mehr abspeisen.
  • Am Ende eines langen Tages, wenn du dir sehnlichst wünschst, endlich ins Bett gehen zu dürfen, schwirren energiegeladene junge Menschen durch die Räume und sämtliche Ermahnungen, es sei jetzt wirklich Zeit für Feierabend, stossen auf taube Ohren.

Immer wieder Situationen, die du irgendwie kennst und die doch nicht mehr ganz gleich sind. Und plötzlich dämmert dir: „Kleine Kinder, kleine Sorgen – grosse Kinder, grosse Sorgen“ ist komplett falsch.

Es müsste heissen: „Kleine Kinder, tausend Sorgen – grosse Kinder, Variationen von genau den gleichen Sorgen.“

akelei

Wer trägt hier eigentlich die Konsequenzen?

Das Prinzchen hat etwas ausgefressen und weil es in der Sache in erster Linie um verspätetes Heimkommen und unvollständige Informationen ging, muss er seine Freizeit  in den nächsten sieben Tagen zu Hause verbringen. Kein Fussballspiel auf dem Schulhausplatz, keine kleinen Gäste zum Mittagessen, kein „Ich geh mal ein wenig im Dorf spazieren und schaue, ob ich einen Freund antreffe“.

Noch keine 24 Stunden ist es her, seitdem ich ihn voller Zorn dazu verdonnert habe, brav an meiner Seite zu bleiben und schon frage ich mich, wen von uns beiden ich eigentlich mehr bestraft habe. Seit gestern Abend liegt er mir nämlich im Zehnminutentakt mit seinen Klagen in den Ohren:

„Mir ist soooo langweilig.“

„Was soll ich bloss machen?“

„Aber Mama, ich muss mich doch austoben können. Bewegung ist gesund.“

„Du musst doch verstehen, dass ich nicht einfach nur im Garten bleiben kann, wenn ich nach draussen gehe.“ 

„Darf ich denn nicht wenigstens Velo fahren? Ich verspreche dir auch hoch und heilig, dass ich nicht heimlich zu einem meiner Freunde gehe.“

So beständig redet er auf mich ein, bis ich ihm irgendwann erlaube, ein paar Runden auf dem Velo zu drehen. Ein Entscheid, der Prinzchens Gejammer für ein paar Minuten zum Verstummen bringt, mir dafür aber Ärger mit Karlsson einhandelt. Der hat sich nämlich diebisch darüber gefreut, dass der jüngste Bruder auch mal die Konsequenzen seines leichtfertigen Handelns tragen muss und findet nun, wenn ich so lasch sei, werde das nie etwas mit der guten Kinderstube. Ich habe also die Wahl: Stur bleiben und Prinzchens Gejammer aushalten oder die Leine ein wenig lockern und mir mit Karlsson hitzige Erziehungsdiskussionen liefern.

Ich fürchte, die kommende Woche wird nicht nur für das Prinzchen sehr, sehr lang…

banane

Meine Zahnbürste gehört mir!

Und weil sie mir gehört, will ich nicht, dass sie im Mund eines meiner Familienmitglieder landet. Ja, ich weiss, es gibt Menschen, denen würde so etwas nichts ausmachen, aber ich bin ein Grossfamilienkind, das inzwischen selber eine Grossfamilie hat, ich habe also im Leben mehr als genug geteilt. Darum bin ich nicht bereit, meine Zahnbürste mit jemandem teilen, nicht mal mit den Menschen, die ich über alles liebe. Und ich bin nicht die einzige in unserer Familie, die das so sieht. Ja, eigentlich sehen wir das alle gleich, aber natürlich teilen wir trotzdem andauernd unsere Zahnbürsten.

Es ist nämlich so: Jedes Mal, wenn wir sieben komplett unterschiedliche Zahnbürsten kaufen und jedem Familienmitglied einschärfen, welche nun seine ist, dauert es gerade mal ein paar Tage, bis der Erste vergessen hat, mit welcher er sein Gebiss putzen muss und schon vergreift sich wieder einer am Besitz eines anderen. 

Man komme mir jetzt bitte nicht mit Ratschlägen, wie sich das verhindern liesse. Wir haben schon alles probiert. Kennzeichnung mit unterschiedlichen Gummibändern. Beschriftung mit wasserfestem Stift. Individuelle Halterungen. Getrennte Unterbringungsorte. Unterschiedliche Bürstengrössen… Hat alles nichts geholfen.

Das einzige, was das Problem – vielleicht – lösen würde, wären Zahnbürsten, die wir mit unseren Vornamen bedrucken lassen. Leider existiert so etwas in einer Welt, in der jeder erdenkliche Mist existiert, noch nicht. Selbstverständlich besteht durchaus die Möglichkeit, Zahnbürsten bedrucken zu lassen. Mit Werbung. Aber wir brauchen keine Werbung, wir brauchen eine Lösung für unser Problem. Natürlich gäbe es auch Zahnbürsten mit bereits vorgedruckten Namen, aber die kommen nicht in Frage, weil Luise und das Prinzchen die einzigen in der Familie sind, die einen massentauglichen Vornamen haben. Alle anderen müssten mit ungeputzten Zähnen rumlaufen. 

Es bleibt mir also auch weiterhin nichts anderes übrig, als meine Zahnbürste mit allen Mitteln zu verteidigen. Und alle paar Tage „Himmel, wer hat schon wieder meine Zahnbürste genommen?!“ zu schreien. Und jedes Mal, wenn Ersatz fällig ist, den Laden nach sieben komplett unterschiedlichen Modellen abzusuchen, in der Hoffnung, die Unterschiede seien endlich mal augenfällig genug, damit keiner mehr auf die Idee kommt, sich an der Bürste eines anderen zu vergreifen. 

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