Bloss keine falschen Schlüsse ziehen

Wenn sie sich fürchten, kommen sie nicht mehr in dein Bett gekrochen.

Ihre Geheimnisse vertrauen sie anderen an.

Haben sie sich auf irgend eine Weise weh getan, kommen sie nicht mehr weinend zu dir gerannt, um sich trösten zu lassen.

Ihre Bewunderung für dich bringen sie nur noch äusserst selten zum Ausdruck und wenn doch, dann meist als ironische Bemerkung kaschiert.

Wenn du abends weggehst, weinen sie dir keine Träne nach, es sei denn, du hättest die Fernbedienung mitgenommen, um sie vom fernsehen abzuhalten. 

Wühlst du in ihrem Beisein in deinen Kindheitserinnerungen, hören sie dir nicht mehr gebannt zu, sondern fallen dir irgendwann ins Wort, um zu sagen: „Ja, ich weiss, da hattest du ganz schreckliche Angst und deine Schwester musste dir wieder die Geschichte von der lustigen Watschelente erzählen, damit du einschlafen konntest. Hast du uns schon hundertmal erzählt…“

Seid ihr gemeinsam unterwegs, halten sie nicht mehr voller Stolz deine Hand. Viel lieber halten sie ein wenig Distanz, um nicht mit dir in Verbindung gebracht zu werden.

Was dir gehört, finden sie nicht mehr unglaublich toll, sondern ziemlich altbacken und peinlich. 

Machst du etwas falsch, sagen sie nicht mehr: „Schon okay, Mama“, denn dein Fehler liefert ihnen eine Gelegenheit, dir endlich einmal ins Gesicht zu sagen, was sie schon immer doof fanden. 

Nicht selten fällst du ihnen schlicht und einfach auf die Nerven.

Dennoch wäre es ganz und gar falsch, zu glauben, sie würden dich nicht mehr brauchen und hätten kein Bedürfnis mehr, von dir zu hören, dass du immer für sie da sein wirst und dass du sie über alles liebst. 

moln

 

Und jetzt bitte einen Muttertag…

  • Zwei Teenager, die sich beim Kochen des Mittagessens in die Haare geraten und deshalb die Küche in ein Schlachtfeld verwandeln
  • Ein Sohn, der nicht im Traum daran denkt, sich an das zu halten, was man ihm sagt, ganz egal, wie gut begründet die Vorgaben sind
  • Zwei kleine Jungs, die spät abends noch kichernd im Bett liegen und keine Anstalten machen, irgendwann die Klappe zu halten 
  • Zwei Mahlzeiten die durch endlose Sticheleien und Streitigkeiten unter Geschwistern verdorben werden
  • Viel unwilliges Murren über ein paar klitzekleine Aufgaben im Haushalt, die „Meiner“ und ich nicht ohne Hilfe erledigen wollen
  • Diverse hässliche pubertäre Wutausbrüche
  • Bruder, der seine Schwester aus dem Haus sperrt, einfach weil es angeblich so furchtbar lustig ist, wenn sie danach pausenlos Sturm läutet
  • Heftige Geschwisterrivalität inklusive lautstarker Auseinandersetzungen beim Fussballspiel auf der Quartierstrasse
  • Ein Papa, der irgendwann aus purer Verzweiflung damit anfängt, die Muttertags-Moralkeule zu schwingen

Eine geballte Ladung von all dem also, was das Elterndasein an manchen Tagen so anstrengend macht. Ein Muttertag, an dessen Ende du denkst, du hättest dir jetzt eigentlich einen Muttertag mehr als verdient. Nein, keinen mit rührseligen Gedichten, Pralinen und Selbstgebasteltem, sondern einen, an dem du dich mal ausgiebig von den oben aufgeführten Dingen erholen kannst. Dies bitteschön mindestens einmal pro Monat und nicht bloss an diesem einen Sonntag im Mai. 

Und weil du das Ganze ja nicht alleine durchstehst, sollte dem Mann an deiner Seite das Gleiche ebenfalls zustehen.  

anka

Unzufriedenheitstraining

Wiedermal ein ungeplanter Arzttermin. Wie jedes Mal vor der Untersuchung wird das Kind gebeten, sich wiegen und messen zu lassen. Die Praxisassistentin notiert sich Gewicht und Grösse und bemerkt genüsslich: „Beim letzten Besuch warst du genau gleich gross, aber zwei Kilos leichter.“

Bravo! Solche Bemerkungen sollte man – völlig normalgewichtigen – weiblichen Teenagern viel öfter vor die Füsse knallen. Sonst lernen die ja nie, mit ihrem Körper unzufrieden zu sein. 

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Spazieren für Fortgeschrittene

Spaziergänge mit Kleinkindern sind eine zeitraubende Angelegenheit. Alle paar Schritte bleibt man stehen, um eines der vielen kleinen Naturwunder zu beobachten, Mauern wollen erklommen werden und spätestens nach einer halben Stunde sind die kurzen Beinchen so müde, dass Tragen angesagt ist.

Auf Spaziergängen mit mittelgrossen Kindern kommt man zwar schneller voran, bis sie aber bereit sind, das Haus zu verlassen, muss so viel Überzeugungsarbeit geleistet werden, dass die Energie nicht mehr für weite Strecken reicht. 

Erst wenn einige Kinder schon gross sind, liegen anständige Spaziergänge drin und zwar abends, wenn die Kleineren im Bett sind und Mama und Papa alleine aus dem Haus gehen können.

Oder könnten. Wenn da nicht die Katze wäre, die laut klagend hinter ihnen her rennt und jedes Mal in Panik gerät, wenn sie ihre Menschen für einen Augenblick aus den Augen verliert. Um nichts in der Welt lässt sie sich abhängen und so bleibt einem am Ende nichts anderes übrig, als noch einmal nach Hause zu gehen, das Tier mit List ins Treppenhaus zu locken und dann heimlich still und leise noch einmal abzuschleichen. Dann endlich kann es losgehen mit dem Abendspaziergang. 

Man muss dann allerdings damit leben können, dass man bei der Rückkehr von einer zutiefst beleidigten Katze in Empfang genommen wird. 

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Verfeinert mit einer Prise Chaos

Man sollte ja meinen, bei dem fortgeschrittenen Alter unserer Kinder wäre ein mehr oder weniger pannenfreier Familienausflug möglich. Doch mehr als eine gemütliche Teestunde mit Scones und Clotted Cream gefolgt von einem Stadtbummel liegt offenbar nicht drin, bevor wieder das Chaos über uns hereinbricht. Eine übervolle Blase, die keine zwölfminütige Heimfahrt mehr aushalten kann, zwingt zu einer Pause im Nirgendwo, Augenblicke später steckt der eine heulend im Sumpf, der andere mit nasser Hose im Wassergraben, und weil sich die grosse Schwester bei diesem Anblick das Lachen nicht verkneifen kann, herrscht danach im Auto nicht nur Gestank, sondern auch ausgesprochen dicke Luft.

Und so endet der Nachmittag halt nicht wie geplant mit gemütlichem Beisammensein, sondern mit hektischem Gerenne zum Waschsalon, der hier in der Siedlung bereits um 18 Uhr schliesst.

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Gemütlichkeit auf der falschen Seite von Vierzig

Da sitzen wir nun in dieser für unsere Familie offenbar perfekte Ferienanlage im holländischen Friesland. Das Prinzchen kann den ganzen Tag zwischen Fussballplatz, Schwimmbad, Spielplatz und Badewanne hin und her wetzen. Karlsson und Luise – die anfänglich befürchtet hatten, wir seien hierher gekommen, um Freunde fürs Leben zu finden, damit wir uns nie wieder mit Ferienplanung herumschlagen müssen – fühlen sich mit Whirlwanne, netten kleinen Städtchen und W-LAN ausgesprochen wohl. Für den FeuerwehrRitterRömerPirat sind die Verhältnisse ebenfalls optimal, denn er kann sich je nach Stimmung dem Prinzchen oder den Grossen anschliessen oder aber sich in sein Einzelzimmer zurückziehen. So haben „Meiner“ und ich endlich die Gelegenheit, den Zoowärter, den wir zu Hause nur zu Gesicht bekommen, wenn gerade keiner seiner Freunde verfügbar ist, näher kennen zu lernen. Dies behagt ihm und uns so sehr, dass wir lange Stunden am Esstisch sitzen, der Zoowärter plaudernd, „Meiner“ malend und ich einfach so. 

Dieser Esstisch ist perfekt gelegen, denn er gewährt freien Blick auf die „Strasse“, wo wir gestressten Kleinkindeltern, die sich auch bei zweifelhaftem Wetter dazu gezwungen sehen, einer pädagogisch wertvollen Aktivität nachzugehen, beobachten können. Ein freier Blick auf das Schauspiel also, in dem wir vor ein paar Jahren selber noch Akteure waren.  Schwammig erinnere ich mich, wie ich mich damals davor gefürchtet habe, dereinst einmal zur Zuschauerin zu werden. Auf der falschen Seite von Vierzig müsse es ganz schrecklich sein, dachte ich.

Dabei ist es hier drüben deutlich entspannter. Ja, es war schön, kleine Kinder zu haben. Aber in der warmen Stube am Fenster zu sitzen, während andere bei Wind und Wetter dafür sorgen müssen, dass der Nachwuchs nicht vom Laufrad fällt, hat halt schon etwas für sich. Und wenn man dann beobachtet, wie drei Kinderwagenmütter aufgeregt zu tuscheln anfangen, weil sie durchs grosse Fenster eine total entspannte Mittelalterliche mit himmelblauer Maske auf dem alternden Gesicht sehen können, dann kann man nur sagen: „Ist es nicht schön, wenn man irgendwann alt genug ist, um sich keine Gedanken mehr zu machen, was die Leute von dir denken?“

Natürlich funktioniert das nur, solange kein Teenager ins Zimmer gerannt kommt, der fordert, man solle gefälligst die himmelblaue Schmiere aus dem Gesicht entfernen, mit so einer Mutter am Fenster müsse man sich ja schämen.

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Kinderträume

Gross wollen sie sein und zwar so schnell als möglich.

Den lieben langen Tag nur tun, was ihnen gefällt, kein Erwachsener im Rücken, der zum Aufräumen und zum Lernen drängt.

Die Welt erobern und allen zeigen, was in ihnen steckt.

Nicht sein wie die Eltern, die all die wunderbaren Möglichkeiten, die sie hätten haben können, für ein paar Kinder und ein Haus mit Garten in den Wind geschlagen haben. Diese faden Alten, die nicht begreifen wollen, wie cool es ist, erwachsen zu sein. Diese Stümper, die ihr Geld lieber für Steuern und Krankenkasse als für schönes Mobiliar und tolle Reisen ausgeben. Diese Spinner, die glauben, davor warnen zu müssen, wie schnell man selber so ist wie jene, über die sie heute noch den Kopf schütteln.

Und natürlich verstehen sie beim besten Willen nicht, weshalb Papa in seiner Freizeit bis zum Ellbogen im verstopften WC steckt.

Nein, meine lieben Kinderlein, er macht das nicht, weil das schon immer sein Zukunftstraum war.

Er macht das, weil Erwachsenen wirklich nicht wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie Kinder bekommen. 

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