Geschwisterneid

So manch ein jüngstes Kind ist sauer auf seine grösseren Geschwister, weil sie länger aufbleiben dürfen. Andere plagt der Neid, weil die Grossen mehr Taschengeld bekommen. Wieder andere finden es ungerecht, dass sie noch für alles und jedes um Erlaubnis fragen müssen, während die grossen Brüder und Schwestern scheinbar unbegrenzte Freiheit geniessen. Schliesslich gibt es auch solche, die sich daran stören, dass sie viele der Abenteuer, von denen die Grossen erzählen, nicht – bewusst – miterlebt haben.

Auch das Prinzchen hadert zuweilen mit seiner Position als jüngstes Kind, aber dabei plagt ihn eine andere Sorge: „Es stresst mich, wenn Karlsson und Luise andauernd von Quersummen und Flächenberechnungen reden“, sagte er heute beim Abendessen. „Wenn ich ihnen zuhöre, wird mir immer wieder bewusst, wie lange es noch dauert, bis ich das auch endlich lernen darf.“

Und wieder einmal frage ich mich, ob ich auch wirklich die Mutter dieses Kindes bin…

Kampf ums Sofa

Noch so etwas, was irgendwie gleich ist wie in der Kleinkindphase und doch ganz anders: Mitten in der Nacht wirst du wach, weil du die Kinder hörst. Schlaftrunken tappst du ins Wohnzimmer, um herauszufinden, was los ist. Soweit also alles noch wie zu alten Zeiten, als keine Nacht ohne nächtliche Ruhestörung verging.

Was du im Wohnzimmer antriffst, ist dann aber doch ein wenig anders. Dort findest du nämlich zwei Teenager, die mitten in einem erbitterten Streit stecken. Da wollte nämlich einer nach einem Albtraum Zuflucht auf dem Sofa suchen, fand das Sofa jedoch besetzt vor, weil es sich dort bereits ein anderer bequem gemacht hatte. Und dieser andere hatte nicht etwa mit einem Albtraum zu kämpfen, sondern war bloss zu faul gewesen, sein übliches Nachtlager aufzusuchen, nachdem er sich mit dem Eltern die „Medici“ reingezogen hatte. Wer ohne Albtraum-Legitimation auf dem Sofa nächtigt, braucht sich natürlich nicht zu wundern, wenn man versucht, ihn mitten in der Nacht unsanft aus dem Wohnzimmer zu vertreiben. 

Während in früheren Zeiten noch ein Windelwechsel und ein nächtlicher Snack reichten, um die Ruhe wieder herzustellen, solltest du heute also tatsächlich nachts um halb zwei eine pädagogisch wertvolle Problemlösung aus dem Pyjamaärmel schütteln. Und weil du das mit vom Schlaf umnebelten Verstand natürlich nicht schaffst, weisst du jetzt endlich wie unglaublich toll es sich anfühlt, im Halbschlaf zwei zornigen Teenagern ein wenig Vernunft einreden zu wollen.

Variationen

Auf die Gefahr hin, dass ich mich – wenn ich schon endlich mal wieder schreibe – auch noch wiederhole, hier eine Weisheit aus einem Haus voller Teenager und solcher, die es bald schon werden wollen:

  • Abends, wenn du allmählich zur Ruhe kommen möchtest, tropft auf einmal Wasser durch die Zimmerdecke, denn oben steht einer so lange unter der Dusche, bis die Duschtasse überläuft und sich das Wasser in den Eingangsbereich ergiesst. Weil er gerade unter der Dusche steht, kann er nicht dabei helfen, die Sauerei zu beseitigen und es liegt an den Erzeugern, den Schaden so rasch als möglich zu beheben, bevor das ganze Haus unter Wasser steht. Und weil du ihm erst hundert Mal gesagt hast, dass er nicht so lange duschen darf, bis es eine Überschwemmung gibt, trifft ihn keinerlei Schuld. 
  • Nachts, wenn dir endlich die Augen zugefallen sind, plötzlich laute Schritte im Treppenhaus. Bald darauf geht die Tür und wenig später steht ein halbwüchsiger Mensch mit einer Sorge in deinem Schlafzimmer. Vorbei ist es mit der Nachtruhe und du ahnst, dass du morgen einmal mehr mit schwerem Kopf erwachen wirst.
  • Mittags am Tisch, alles ist halbwegs friedlich, bis einer wagt, dem anderen einen falschen Blick zuzuwerfen. Vielleicht hat er sich auch erfrecht, ein unerwünschtes Geräusch von sich zu geben. Oder er nimmt sich die Freiheit heraus, nicht so frisch zu riechen wie alle anderen. Was auch immer der Grund sein mag – am Ende fliegen die Fetzen und man weiss nicht, wie die Dinge enden würden, wenn nicht ein Erwachsener schlichtend eingriffe. 
  • Irgendwann, im Laufe des Tages, völlig aus dem Nichts eine Frage, auf die du keine Antwort weisst. „Mama, warum…?“ und du stammelst irgend etwas zusammen, denn mit einem „Das erkläre ich dir, wenn du grösser bist“, lässt sich keiner mehr abspeisen.
  • Am Ende eines langen Tages, wenn du dir sehnlichst wünschst, endlich ins Bett gehen zu dürfen, schwirren energiegeladene junge Menschen durch die Räume und sämtliche Ermahnungen, es sei jetzt wirklich Zeit für Feierabend, stossen auf taube Ohren.

Immer wieder Situationen, die du irgendwie kennst und die doch nicht mehr ganz gleich sind. Und plötzlich dämmert dir: „Kleine Kinder, kleine Sorgen – grosse Kinder, grosse Sorgen“ ist komplett falsch.

Es müsste heissen: „Kleine Kinder, tausend Sorgen – grosse Kinder, Variationen von genau den gleichen Sorgen.“

akelei

Wer trägt hier eigentlich die Konsequenzen?

Das Prinzchen hat etwas ausgefressen und weil es in der Sache in erster Linie um verspätetes Heimkommen und unvollständige Informationen ging, muss er seine Freizeit  in den nächsten sieben Tagen zu Hause verbringen. Kein Fussballspiel auf dem Schulhausplatz, keine kleinen Gäste zum Mittagessen, kein „Ich geh mal ein wenig im Dorf spazieren und schaue, ob ich einen Freund antreffe“.

Noch keine 24 Stunden ist es her, seitdem ich ihn voller Zorn dazu verdonnert habe, brav an meiner Seite zu bleiben und schon frage ich mich, wen von uns beiden ich eigentlich mehr bestraft habe. Seit gestern Abend liegt er mir nämlich im Zehnminutentakt mit seinen Klagen in den Ohren:

„Mir ist soooo langweilig.“

„Was soll ich bloss machen?“

„Aber Mama, ich muss mich doch austoben können. Bewegung ist gesund.“

„Du musst doch verstehen, dass ich nicht einfach nur im Garten bleiben kann, wenn ich nach draussen gehe.“ 

„Darf ich denn nicht wenigstens Velo fahren? Ich verspreche dir auch hoch und heilig, dass ich nicht heimlich zu einem meiner Freunde gehe.“

So beständig redet er auf mich ein, bis ich ihm irgendwann erlaube, ein paar Runden auf dem Velo zu drehen. Ein Entscheid, der Prinzchens Gejammer für ein paar Minuten zum Verstummen bringt, mir dafür aber Ärger mit Karlsson einhandelt. Der hat sich nämlich diebisch darüber gefreut, dass der jüngste Bruder auch mal die Konsequenzen seines leichtfertigen Handelns tragen muss und findet nun, wenn ich so lasch sei, werde das nie etwas mit der guten Kinderstube. Ich habe also die Wahl: Stur bleiben und Prinzchens Gejammer aushalten oder die Leine ein wenig lockern und mir mit Karlsson hitzige Erziehungsdiskussionen liefern.

Ich fürchte, die kommende Woche wird nicht nur für das Prinzchen sehr, sehr lang…

banane

Meine Zahnbürste gehört mir!

Und weil sie mir gehört, will ich nicht, dass sie im Mund eines meiner Familienmitglieder landet. Ja, ich weiss, es gibt Menschen, denen würde so etwas nichts ausmachen, aber ich bin ein Grossfamilienkind, das inzwischen selber eine Grossfamilie hat, ich habe also im Leben mehr als genug geteilt. Darum bin ich nicht bereit, meine Zahnbürste mit jemandem teilen, nicht mal mit den Menschen, die ich über alles liebe. Und ich bin nicht die einzige in unserer Familie, die das so sieht. Ja, eigentlich sehen wir das alle gleich, aber natürlich teilen wir trotzdem andauernd unsere Zahnbürsten.

Es ist nämlich so: Jedes Mal, wenn wir sieben komplett unterschiedliche Zahnbürsten kaufen und jedem Familienmitglied einschärfen, welche nun seine ist, dauert es gerade mal ein paar Tage, bis der Erste vergessen hat, mit welcher er sein Gebiss putzen muss und schon vergreift sich wieder einer am Besitz eines anderen. 

Man komme mir jetzt bitte nicht mit Ratschlägen, wie sich das verhindern liesse. Wir haben schon alles probiert. Kennzeichnung mit unterschiedlichen Gummibändern. Beschriftung mit wasserfestem Stift. Individuelle Halterungen. Getrennte Unterbringungsorte. Unterschiedliche Bürstengrössen… Hat alles nichts geholfen.

Das einzige, was das Problem – vielleicht – lösen würde, wären Zahnbürsten, die wir mit unseren Vornamen bedrucken lassen. Leider existiert so etwas in einer Welt, in der jeder erdenkliche Mist existiert, noch nicht. Selbstverständlich besteht durchaus die Möglichkeit, Zahnbürsten bedrucken zu lassen. Mit Werbung. Aber wir brauchen keine Werbung, wir brauchen eine Lösung für unser Problem. Natürlich gäbe es auch Zahnbürsten mit bereits vorgedruckten Namen, aber die kommen nicht in Frage, weil Luise und das Prinzchen die einzigen in der Familie sind, die einen massentauglichen Vornamen haben. Alle anderen müssten mit ungeputzten Zähnen rumlaufen. 

Es bleibt mir also auch weiterhin nichts anderes übrig, als meine Zahnbürste mit allen Mitteln zu verteidigen. Und alle paar Tage „Himmel, wer hat schon wieder meine Zahnbürste genommen?!“ zu schreien. Und jedes Mal, wenn Ersatz fällig ist, den Laden nach sieben komplett unterschiedlichen Modellen abzusuchen, in der Hoffnung, die Unterschiede seien endlich mal augenfällig genug, damit keiner mehr auf die Idee kommt, sich an der Bürste eines anderen zu vergreifen. 

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Erholung? Doch nicht in den Ferien!

Der FeuerwehrRitterRömerPirat und ich sind uns einig: Rom war Stress pur. Klar, das Kolosseum war beeindruckend, die Villa Borghese und die Trajanssäule auch. Das Wetter war traumhaft und wir beide haben keinerlei Mühe damit, ein paar Köstlichkeiten der italienischen Küche aufzuzählen, die wir vermissen werden. Während er sich über die Sangoku-Figur freut, die er in der Ewigen Stadt günstig erstanden hat, kann ich es kaum erwarten, die Rezepte aus dem Lievito-Madre-Backbuch, das ich mir als Souvenir auserkoren habe, auszuprobieren. Die Woche im Süden war also keine reine Zeitverschwendung. 

Aber der ganze Lärm, die vielen Menschen, die endlosen Fussmärsche bis endlich wieder eine Metrostation in Sicht war, der Diebstahl meines Portemonnaies, das Warten auf andere Familienmitglieder, die immer nur wollten, was uns gerade nicht in den Kram passte, die an Hitze grenzende Wärme, das Gedränge bei jeder Sehenswürdigkeit und in der Metro, der Mangel an Zeit ganz für sich allein,…

Der FeuerwehrRitterRömerPirat und ich sind uns einig: Rom wäre eigentlich schon okay, aber jetzt, wo wir es gesehen haben, bräuchten wir dringend ein paar Tage Erholung.

Zu blöd nur, dass die Ferien vorbei sind…

rosa

Ostervorbereitungen

Ein Monat vor Ostern: Mama Venditti denkt, sie könnte dieses Jahr mal für etwas mehr österliche Stimmung sorgen und stellt sich vor, wie hübsch es sein könnte, wenn im Garten ein Osterbäumchen dekoriert wäre. Auch die Fenster könnte man ein wenig aufhübschen und vielleicht sonst noch ein paar Winkel im Haus. Weil es aber noch sehr lange dauert bis Ostern, kauft sie einfach mal einen Bund Tulpen für die Frühlingsstimmung im Haus. 

Drei Wochen vor Ostern: Mama Venditti denkt sich immer noch, sie könnte dieses Jahr mal für etwas mehr österliche Stimmung sorgen, hat dann aber keinen Platz mehr im Einkaufswagen und ausserdem keine Lust, noch länger im Laden zu bleiben. Also verschiebt sie die Angelegenheit auf später. Sie kauft statt dessen wieder einen Bund Tulpen. 

Zwei Wochen vor Ostern: Mama Venditti schaut sich den Osterkram in den Läden näher an, findet alles zu kitschig, zu billig, zu langweilig und beschliesst, dass sie ihr Geld für Besseres ausgeben kann. Zum Beispiel für einen Bund Tulpen.  

Eine Woche vor Ostern: Mama Venditti erinnert sich daran, dass sie in den vergangenen Jahren immer etwas spät dran war mit dem Kauf von Osterhasen und dass darum nicht mehr alles zu haben war, was sie eigentlich hätte haben wollen. Also beschliesst sie, dieses Jahr etwas früher dran zu sein als üblich. Heute aber hat sie grad gar keine Lust, also schiebt sie die Sache auf. Und die Sache mit der Osterdekoration hakt sie für dieses Jahr gänzlich ab. Dafür aber kauft sie einen Bund Tulpen. 

Fünf Tage vor Ostern: Mama Venditti begreift, dass sie sich jetzt wirklich beeilen muss mit dem ganzen Osterkram. Also kauft sie Osterhasen – nach Möglichkeit für jedes Kind ein Exemplar, das zu seiner Persönlichkeit passt -, Zuckereier und anderen Kram. Tulpen kauft sie keine, denn diejenigen, die sie vor zwei Tagen gekauft hat, sind noch nicht verblüht. 

Drei Tage vor Ostern: Mama Venditti merkt, dass sich die Kinder nicht nur auf Osterhasen, sondern auch auf ein kleines Geschenk freuen, also macht sie sich fieberhaft auf sie Suche nach etwas Kleinem, das trotzdem brauchbar und zur Persönlichkeit des Kindes passend ist. Sie kauft wieder keine Tulpen, denn diejenigen, die sie vor vier Tagen gekauft hat, haben es noch nicht geschafft, zu verblühen. 

Zwei Tage vor Ostern: Mama Venditti öffnet den Schrank, in dem die Hasen versteckt sind, eines der Viecher fällt heraus, zerbricht auf dem Fussboden und Mama Venditti hat zwei Probleme: 1. Sie muss noch einmal einkaufen gehen, um den Hasen zu ersetzen. 2. Sie muss sich bereits jetzt den Kopf darüber zerbrechen, wie man einen zerbrochenen Hasen verwertet. Gewöhnlich stellt sich diese Frage erst zwei Wochen nach Ostern. Ausserdem fällt ihr ein, dass es vielleicht trotzdem ganz nett wäre, ein paar Eier zu färben. Da sie weder Zwiebelschalen noch Eierfarbenreste noch Strümpfe aus früheren Jahren finden kann, färbt sie mit Schwarztee und erntet darob von ihrem Mann und ihrem ältesten Sohn viel Spott, weil die finden, die ehemals weissen Eier sähen jetzt einfach aus, als wären sie als braune Eier zur Welt gekommen. 

Ein Tag vor Ostern: Papa Venditti hat den zerbrochenen Osterhasen ersetzt, Mama Venditti findet plötzlich, ein Brunch zu Ostern wäre doch eigentlich ganz nett, sie müsse nur noch ein wenig backen und Karlsson findet, es müssten dringend ein paar Blumen her, es sehe ja gar nicht österlich aus im Haus. Ausserdem findet er, es müssten unbedingt ein paar Eier gefärbt werden. Es sei doch einfach schön, wenn die Familie zusammenkomme, um gemeinsam eine nette Ostertradition zu pflegen. 

Abend vor Ostern: Familie Venditti – mit Ausnahme von Luise, die über Ostern nicht da ist und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten, der etwas Wichtiges am Handy verpassen könnte – färbt gemeinsam Ostereier. Was nach einer fröhlichen Familienaktivität klingt, sieht in Wirklichkeit so aus: Sieben von zwanzig Eiern haben einen grossen Sprung in der Schale, vier von den nicht gesprungenen Eiern erleiden beim Färben einen Sturz und haben jetzt ganz viele Sprünge in der Schale, die noch ganzen Eier sind über und über mit Farbe beschmiert, die halbe Küche ist mit Farbe beschmiert und mit Ausnahme des Prinzchens fragen sich alle, was an dieser blöden Eierfärberei überhaupt Spass machen soll. 

Etwas später am Abend vor Ostern: Die Küche ist wieder sauber, die jüngeren Kinder sind im Bett. Die Osterdekoration besteht aus zwanzig absolut nicht Instagram-tauglichen Ostereiern sowie einem Blumenstrauss ohne Tulpen, denn Tulpen bekam man hier in den vergangen Wochen wahrlich genug zu sehen. 

Ebenfalls am Abend vor Ostern: Weil Mama Venditti es mal wieder total vergeigt hat mit der Osterdekoration, hat sich der Garten dazu entschlossen, die Sache selber an die Hand zu nehmen, indem er rechtzeitig zu Ostern Narzissen, Hyazinthen, Veilchen und die eine oder andere Tulpe zum Erblühen gebracht hat. Wer braucht denn schon einen mit Osterkram behängten Baum, wenn in der Erde eine Unzahl von Blumenzwiebeln steckt? 

chäfer