Elterliche Pflichten

Als Eltern hat man gewisse Pflichten. Zum Beispiel diejenige, eine Gelegenheit, spontan einen Abend zu zweit zu verbringen, nicht ungenutzt verstreichen zu lassen, ganz egal, wie müde und abgekämpft man auch sein mag.

Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat ohnehin die ganze Woche ausser Hause ist,…

… Karlsson und der Zoowärter am Montag verkünden, sie seien heute Abend eingeladen,…

… das Prinzchen bittet, bei einem Freund übernachten zu dürfen, wo doch morgen die Schule ausfalle…

und sich schliesslich bei der Luise, die seit Samstag an einer heftigen Halsentzündung leidet, endlich deutliche Anzeichen der Besserung bemerkbar machen, so dass ihr eine Freundin am Abend Gesellschaft leisten kann, 

dann hat man als Eltern gar keine andere Wahl, als sofort das Kinoprogramm zu studieren, sich über die Öffnungszeiten diverser Wellness-Tempel zu informieren und kurz Rücksprache mit dem Bankkonto zu halten, um zu entscheiden, was am ehesten drin liegt.  Es spielt – wie bereits gesagt – keine Rolle, ob man gerade in Stimmung ist, auszugehen. Es spielt auch keine Rolle, für welches Programm man sich am Ende entscheidet. Ja, es ist nicht einmal von Bedeutung, ob man lange oder kurz wegbleibt. Es geht einzig und allein darum, der elterlichen Pflicht nachzukommen, die da heisst, sich einen Szenenwechsel zu gönnen, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet.

Man weiss ja nie, wann die Umstände wieder ähnlich günstig sein werden. 

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Andere Phase

Als sich bereits am Dienstag abzeichnete, dass ich spätestens am Donnerstagabend auf dem Zahnfleisch gehen würde, verkündete ich: „Der Freitag gehört ganz alleine mir!“ Dann könnte ich endlich wiedermal…

den ganzen Tag intensiv an meiner Geschichte arbeiten, die schon so lange auf ihre Fertigstellung wartet,

oder mich mit einem guten Buch in den Garten setzen und das schöne Wetter geniessen, 

oder die Stelle, wo der Gartenteich hinkommen soll, mal richtig jäten und vorbereiten, 

oder Croissants backen. Und Brioches. Und Laugengebäck,

…. oder in den Wald gehen, 

oder in der Stadt einen Kaffee trinken und in den Buchhandlungen nach Lesestoff stöbern, 

oder gemütlich mit jemandem einen Tee trinken und ein wenig plaudern, 

oder mit dem Velo in die Stadtgärtnerei fahren, das lauschige Gartencafé geniessen und ein paar Blumen für den Balkon kaufen, 

oder sonst irgend etwas tun, was mir Freude macht, 

… oder Schwiegermama zur Nachkontrolle ins Spital begleiten und dann bis zum frühen Nachmittag mit ihr auf der Notfallstation warten, weil aus einer latenten Geschichte etwas Akutes geworden ist. 

Wann werde ich endlich begreifen, dass auf die „Bei uns dreht sich alles um die Kinder“-Phase nicht die „Jetzt bin aber ich wiedermal dran“-Phase folgt, sondern die „Schwiegermama braucht uns jetzt ganz dringend“-Phase? 

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Woran du erkennst,…

… dass du dringend wieder mal ein paar (arbeits- und haushalts)freie Stunden alleine verbringen solltest:

  • Wenn du auf dem Heimweg von einem Interviewtermin nicht nur die Autobahn meidest, sondern auch unter dem Vorwand, du müsstest unbedingt jetzt gleich sehen, wie sich die Orte deiner Kindheit verändert haben, zahlreiche Umwege machst.
  • Wenn du es vorziehst, in einer Tiefgarage ein kaltes Stück Pizza zu essen, anstatt dich zu Hause mit allen anderen an den Mittagstisch zu setzen.
  • Wenn du dir durchaus vorstellen könntest, in dieser Tiefgarage auch noch ein wenig zu lesen, was du nur deshalb nicht tust, weil du fürchtest, die Gratis-Parkzeit laufe demnächst ab.
  • Wenn dein Herz höher schlägt, als sich die Bahnschranke vor dir langsam senkt. Jawohl, genau die Bahnschranke, über die du in der Regel schimpfst, weil sie bekannt ist dafür, endlose Staus zu verursachen.
  • Wenn du ganz betrübt bist, dass nur ein einziger kurzer Güterzug durchfährt, bevor sich die Schranke wieder hebt.
  • Wenn du zwar den ganzen Heimweg voller Zuneigung an deinen Lieben und ihren Bedürfnissen herum studierst, du aber doch ungemein dankbar bist, dass mal keiner von ihnen mit Dauergequassel deine Gedanken durcheinander bringt. 
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Und ob die das können!

Mit Kerzenschein, einer Auswahl von Kaffee, Tee und Guetzli sowie einer perfekt aufgeräumten und geputzten Wohnung wurden wir empfangen, als wir vom Wellness-Wochenende mit Freunden nach Hause kamen. Wer das alles organisiert hat? Niemand Geringeres als die fünf Kinder – allen voran die zwei Grössten -, die in den vergangenen Jahren für so manchen „Wann lernen die endlich, ein wenig Ordnung zu halten“-Seufzer verantwortlich waren. Die Kinder, die sich im Alltag längst nicht immer so kooperativ verhalten, wie wir uns dies wünschen würden, die aber offenbar sehr wohl in der Lage sind, unsere Erwartungen bei Weitem zu übertreffen, wenn wir ihnen die Gelegenheit dazu bieten. 

Da hoffen wir doch, ihre Erkenntnis, dass Putzen und Aufräumen weit anstrengender sind als sie es sich vorgestellt hätten, sei länger haltbar, als die Erholung, die „Meiner“ und ich während der freien Tage genossen haben. 

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Liebe Mitmütter

Glaubt mir, ich weiss nur zu gut, wie einsam und endlos die Tage sein können, wenn die Kleinen noch klein sind. Ich weiss auch, wie unglaublich gut es tut, endlich einmal einen ganzen Abend lang mit Freundinnen unterwegs zu sein. Dennoch muss ich euch sagen, dass es bestimmte Orte gibt, an denen weder ich noch sonst irgend jemand mithören möchte, was ihr einander zu erzählen habt.

Ja, ich weiss, die Ferien im Kinderhotel waren unglaublich toll. Endlich waren eure Knöpfe rund um die Uhr beschäftigt und ihr hattet Zeit zum Lesen. Und dann dieses Buffet! So viel gutes Essen und ihr musstet keinen Finger dafür krumm machen. Und natürlich wollt ihr auch noch über den USA-Trip reden, wo es so tolle Pancakes gab und wo ihr euch all die vielen Kilos, die ihr vorher mühselig abgenommen hattet, gleich wieder angefressen habt. Sogar euer Kleiner, der doch sonst nie etwas essen mag, hat da so richtig reingehauen. Der Schwiegervater hat dann natürlich wieder blöd gemeckert, aber das kennt man von ihm ja nicht anders. Ach, und wo wir schon von den Schwiegereltern reden….

So geht das in einem Fort, mit viel Gekicher und Gejammer und das macht euch so unglaublich glücklich, dass ihr keine Sekunde daran denkt, dass ihr euch die Sauna mit Menschen teilt, die hergekommen sind, um zur Abwechslung mal den Familenalltag hinter sich zu lassen. Also unterhaltet euch gefälligst über Dinge, die eure unfreiwilligen Mithörer auch interessieren. Oder unterhaltet euch am besten gar nicht, denn euer ewiges Geschnatter nervt gewaltig, wenn man versucht, möglichst viel Entspannung in die kurzen kinderfreien Stunden zu packen.

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Allmählich werden sie frech…

„Mama, Papa, wann kommt ihr endlich wieder nach Hause?“, tönte es früher, als unsere Kinder noch klein waren, durchs Telefon, wenn „Meiner“ und ich uns alle paar Monate mal dazu aufraffen konnten, zusammen auszugehen. Manchmal kam der Anruf erst kurz vor unserer Rückkehr, manchmal auch schon bevor wir überhaupt an unserem Ziel angekommen waren. Meist war es Luise, die zum Telefon griff, manchmal auch Karlsson oder der FeuerwehrRitterRömerPirat.

Als die Kinder grösser waren, wurden diese Anrufe immer seltener. Die Momente ohne Mama und Papa wurden kostbar, der Augenblick, in dem wir wieder zur Tür hereinkamen, wurde nicht mehr herbeigesehnt. 

Gestern, als „Meiner“ und ich uns nach längerer Pause wiedermal einen gemeinsamen Saunatag gönnten, waren wir deshalb ziemlich erstaunt über Karlssons Anruf. „Na ja, vielleicht fürchtet er, wir würden zu spät zu seiner Schulschlussfeier kommen“, meinte „Meiner“. „Oder sie wollen wissen, ob die Zeit noch reicht, um das Chaos, das sie angerichtet haben, zu beseitigen“, sagte ich.

Eigentlich wollten sie aber nur wissen, wann sie sich in ihre Verkleidungen stürzen müssen. Als wir zur Tür hereinkamen, sassen sie nämlich da, Karlsson und Luise, verkleidet als „Meiner“ und ich. „Lasst mich gefälligst in Ruhe meine Netflix-Folge schauen!“, stänkerte der falsche Papa hinter seinem iPad. „Ich muss diese Woche noch mindestens 13 Stunden arbeiten und komme einfach nirgendwo hin“, klagte die falsche Mama, die ihren Laptop auf dem Schoss hielt.

Allmählich werden sie frech, die „Kleinen“.

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Sahnehäubchen

Es gab eine Zeit in meinem Leben, da war Genuss ein rares Gut. Ich war buchstäblich rund um die Uhr gefordert, sehr oft auch körperlich. Ein Bad zu nehmen, ungestört ein Tässchen Tee zu geniessen oder einen ganzen Film am Stück zu schauen, war purer Luxus. Während dieser Zeit bedeuten fünfzehn ungestörte Minuten mit einem liebevoll angerichteten Dessert, einem Latte Macchiato und einer Duftkerze die Welt. Wer mir eine wirklich grosse Freude bereiten wollte, schenkte mir nicht nur eine Badekugel von Lush, sondern gleich noch einen dicken Schmöker und eine Stunde kinderfrei dazu. Alles Liebliche zog mich magisch an, denn um mich herum herrschte fast immer das Chaos. Wann immer ich ein paar Franken übrig hatte, schleppte ich Rosarotes und Geblümtes an, um meinem Leben einen freundlicheren Anstrich zu verleihen. 

Inzwischen ist mein Leben nicht unbedingt weniger herausfordernd, doch die Dinge, die vor ein paar Jahren noch mein Herz hatten höher schlagen lassen, sind selbstverständlicher geworden. Wenn ich finde, ich hätte mal wieder etwas Entspannung nötig, lässt sich das meist einrichten und falls es doch mal nicht klappen sollte, ist das zwar ärgerlich, ein Vollbad im Selbstmitleid nehme ich deswegen aber nicht. Mein Bedürfnis nach Ruhe und Erholung hat also wieder halbwegs normale Ausmasse angenommen. Wenn es um meine eigene Zeit geht, steht nicht mehr der Wunsch nach Entspannung im Vordergrund, sondern der unbändige Drang, zumindest einen Teil der Ideen, die in meinem Kopf schlummern, zum Leben zu erwecken. 

Mit einem gewissen Befremden registriere ich jetzt den ganzen „Gönn dir was“-Kult, der sich in den letzten Jahren ausgebreitet hat. Die Regale in den Läden, die vollgestopft sind mit wunderschönen, aber eigentlich unnützen Dingen, das Tamtam das gemacht wird um die perfekte Kaffeepause im perfekten Ambiente, der Aufwand, der betrieben wird, um es sich selber gut gehen zu lassen. Klar haben wir es uns verdient, nach den anstrengenden Kleinkinderjahren ein wenig auszuspannen und die Ruhezeiten, die wir verpasst haben, nachzuholen. Natürlich tut es gut, hin und wieder die Füsse hochzulegen, über das Leben nachzudenken und die schönen Dinge zu geniessen. Es ist sogar nötig, das hin und wieder zu tun, sonst verrennt man sich so leicht. Manchmal aber scheint mir, wir Mütter zwischen vierzig und sechzig seien drauf und dran, uns das, was eigentlich das Sahnehäubchen sein sollte, zum Lebensinhalt zu machen.

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