Was willst du mal werden?

Bewerbungen schreibt er praktisch ohne elterliche Hilfe. Er hat in der Schule gelernt, wie das geht.

Neulich war er schnuppern. Einen Tag nur, aber der Betrieb verlangte dennoch eine schriftliche Bewerbung. Danach gab’s eine Power Ponit-Präsentation in der Schule. Die Kids können das besser als mancher Erwachsene, der seinen Text mühsam von ein paar langweilig gestalteten Folien abliest und mit der Fernbedienung kämpft.

Heute bewarb er sich für ein „Berufswahlpraktikum“. Vier Tage im Juli nächsten Jahres. Den Lebenslauf schüttelte er einfach so aus dem Ärmel. Auch in der Schule gelernt und zwar perfekt. 

Im November wird er vierzehn, wie man sich beim Vorstellungsgespräch korrekt verhält, weiss er aber bereits jetzt. Was man besser nicht anzieht auch. Obschon er nach der obligatorischen Schulzeit gerne noch ein paar Schuljahre anhängen möchte und darum nicht so bald ein Vorstellungsgespräch haben wird. Und obschon er noch gar nicht so genau weiss, welchen Beruf er mal ausüben möchte. (Eine Lehrstelle wird er sich aber auf alle Fälle suchen, als Plan B.)

Kein Zweifel, die Teenager von heute werden gut auf das Berufsleben vorbereitet. Sehr viel besser als wir damals. Nahezu perfekt. Was ich grundsätzlich gut finde. Ist ja auch eine äusserst wichtige Angelegenheit, die man nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte. 

Nur manchmal fragt eine leise Stimme in mir, wann denn eigentlich die Teenagerjahre stattfinden sollen. Kurz vor der Pensionierung?

(Okay, ich geb’s zu. Die Glucke in mir findet, so habe er wenigstens keine Zeit, auf dumme Gedanken zu kommen.)

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8 Kommentare zu “Was willst du mal werden?

  1. Ich denke das immer wieder. Bei mir ist es ja noch nicht so lange her, aber ich finde, die Berufswahl ist irgendwie einfach zu früh. Klar, heute stehen auch nach einer Lehre noch alle Türen offen, egal für welchen Weg man sich entscheidet. Und trotzdem ist Wechseln und von Vorne zu beginnen doch nicht so einfach, wie alle einem glauben machen wollen.

    Ich habe das KV absolviert, weil ich gerne am Computer arbeite, es eine gute, grundlegende Ausbildung ist und ich keinen handwerklichen Beruf erlernen wollte.
    Ich möchte gerne eine andere Ausbildung machen oder in einer völlig anderen Branche arbeiten. Aber weil ich alleinerziehend bin, ist für mich Geld verdienen schlussendlich wichtiger, als meine persönlichen Berufswünsche. Ich bin nicht komplett unglücklich in meinem Beruf, ich mache meine Arbeit immer noch gerne, aber ich weiss, dass ich nicht mein ganzes Leben da bleiben möchte. Und ich weiss, was ich viel lieber tun würde…

    Heute weiss ich, dass ich gerne „richtig“ mit Menschen arbeite, heute wäre ich selbstbewusst genug, um mich an eine Ausbildung in der Informatik zu wagen (obwohl Mathematik nicht meine Stärke ist) und ich weiss, wie wichtig es ist, die richtige Branche zu wählen, so offen das Berufsfeld auch aussehen mag.

    Ich würde heute vieles anders machen. Andererseits, länger zur Schule gehen, hätte ich auch nicht wollen. Für mich war der Zeitpunkt um von der Schule in die Lehre zu wechseln ideal. Aber in der siebten, spätestens in der achten Klasse, zu entscheiden, welchen Weg ich in der Zukunft gehen möchte, finde ich immer noch zu früh.

    • Es soll ja Menschen geben, die bereits als kleine Kinder wissen, was sie mal machen wollen. Für die ist das System sicher okay. Dann gibt es noch solche, die es sich auch später noch leisten können, einen Wechsel vorzunehmen. Und dann sind da wir Mütter, die gerade durch die Zeit zu Hause mit den Kindern merken, was wir wirklich vermissen im Berufsleben. Die Spannung, einerseits zu wissen, was man kann und will und andererseits mit einem Brotjob Geld verdienen zu müssen, erlebte ich lange Zeit als extrem herausfordernd.

    • Oh wie das kenne. Auch ich habe das KV absolviert weil es eine gute Ausbildung ist (und das auch wirklich jede einzelne Person die ich kenne überdeutlich erwähnte). Nun gut, ich habe unglaublich tolle Sachen erlebt welche ich mir dank arbeiten und sparen leisten konnte und welche ich nie missen möchte, aber trotzdem würde ich einen anderen Weg einschlagen. Wenn man nämlich lange in einer Branche war eird es unheimlich schwer zu wechseln. Eine Umschulung als Erwachsene mit Kindern ist auch nicht gerade einfach bzw. sehr teuer. Aber wie soll man so was alles mit 14 schon in Betracht ziehen wollen/kõnnen? Und der Druck „das Richtige“ zu wählen würde ja noch grösser.

      • Wenn wir Mütter und Väter werden, lernen wir so viele Dinge, die uns im Beruf nützlich sein könnten und Kinderhaben schärft den Blick fürs Wesentliche, so dass viele von uns erst in dieser Lebensphase entdecken, worin wir wirklich gut sind. Wollen wir aber etwas an unserer beruflichen Situation ändern, stehen wir in dem sonst so durchlässigen Schweizer System vor nahezu unüberwindbaren Mauern. Ziemlich frustrierend, finde ich.

  2. (Vorwarnung: Dieser Kommentar hat kein Fazit. Aber dein Eintrag hat mich bewegt und Gedanken provoziert die ich teilen wollte. Einfach so. Auch noch: mein Deutsch ist nicht mehr so gut wie es sein sollte.)

    Ich kann mich noch sehr gut an die Teenagerzeit erinnern und wie die „jetzt wachs e mol uf“-Welteinstellung und meine innere Stimme einfach nicht miteinander freundlich sein konnten. Ich weiss, dass es der Schweiz oekonomisch so gut geht, weil unsere Einstellung es uns nicht erlaubt Zeit unproduktiv zu „verschwenden.“ I get it now. Aber was mich als 14-jaehriger interessierte war ganz und gar nicht serioes genug fuer den kleinen microkosmos in dem wir lebten.
    Dieselben fuenf Worte deines Blogtitels waren damals die fuenf absolut Stress- und Furcht-einfloessendsten Worte, die mir als 14-jaehriger jemand sagen konnte. Diese simplen fuenf Worte sagten mir jedes Mal wie sehr ich hier nicht reinpasse; meine Weltanschauung voellig inkorrekt und unlogisch ist; kurz: nicht gut genug. In den raren Momenten wo ich den Mut aufbrachte eine ehrliche Antwort zu teilen, kriegte ich dann den „Blick“ – eine Reihenfolge von Verwirrung dann innerlicher „aha-Moment“ gefolgt von Jammer. Oft kam dann die verbale Lektion, welche ich heute eher als re-solidifizierung der Weltanschauung des/der Fragestellenden auslege. Meine Antwort war offensichtlich verwirrend, weil ich offensichtlich durch meine visuell sehr offensichtliche nicht-100%-schweizerische Herkunft innerlich verwirrt sein muss. Falls der letzte Satz ein wenig kompliziert rueberkam, dann ‚welcome to my world‘ als 14-jaehriger.
    Keine Angst, ich hab’s gut ueberlebt 😉 Ich bin generell happy und hatte bis jetzt ein erfuelltes Leben von furchteinfloessenden Tiefen und Hoehen. Aber ich wuerde luegen, wenn ich sagen wuerde, dass ich heute als 40-jaehriger nicht immer noch ein wenig Scham fuehle, wenn mich ein Schweizer fragt: „Was machen Sie denn beruflich?“ Zum Glueck habe ich eine momentane Wahlheimat gefunden wo meine Antwort anders interpretiert wird, gefolgt von einem ganz anderen „Blick,“ und oft (sehr oft) verbal die Weltanschauung von beiden Menschen re-solidifiziert: „Living the dream.“

    • Schon okay mit der Länge des Kommentars. Meine Antwort wird auch nicht gerade kurz. Und solange du noch solch komplexe Gedankengänge auf Deutsch formulieren kannst, würde ich mir keine Sorgen machen. 😉
      Was du hier schreibst, ist mir alles andere als fremd, passte – und passe? – ich doch aus ganz anderen Gründen als du auch nie richtig ins Bild der Schweizer “Bünzli”-Welt. Dieses Nichtverstandenwerden, wenn man versucht, seine Träume in Worte zu fassen, dieser Druck, sich möglichst früh für einen Brotjob entscheiden zu müssen, anstatt einen Weg zu suchen, das tun zu können, was einen wirklich zutiefst begeistert… Es gibt Momente, in denen ich dich darum beneide, dass du den Mut aufgebracht hast, von hier wegzugehen (obschon ich mich nach meinen Erfahrungen mit den nicht gerade weltoffenen Rednecks im Mittleren Westen wohl für ein anderes Land entschieden hätte
      😀 ), denn “living the dream” ist hierzulande auch heute noch nicht ganz einfach. (Zumindest nicht, wenn man ein paar Mäuler zu stopfen hat. 🙂 Ansonsten ist es schon etwas einfacher als früher.)
      Das Schlimme an der verwirrenden Welt der 14-Jährigen ist ja, dass man um gar keine Preis nach aussen hin zeigen darf, was einen innerlich so zerreisst, weil man sich von den Erwachsenen nicht verstanden fühlt und die Gleichaltrigen nur darauf zu lauern scheinen, einen fertig zu machen (was in unserem Jahrgang wohl nicht nur blosse Einbildung, sondern Tatsache war). Und so dachte zum Beispiel ich damals: “Der M. B., der hat’s voll im Griff. Der weiss, was er vom Leben will. Ich hingegen…”. Heute, wo ich deinen Kommentar lese, wird mir einmal mehr bewusst, wie sehr man sich als Teenager doch irren kann.
      Und weil neben mir gerade ein Teenager sitzt, der jede meiner Tipp-Pausen als Aufforderung zum Quatschen versteht, setze ich meinem Kommentar hier ein Ende, obschon auch der kein wirkliches Fazit hat. 🙂

  3. Es ist wohl mit 14 auch zu früh das zu wissen, da ist der junge Mensch doch noch voll im Umbruch.
    Meine 3 hatten es da besser, weil sie bis 18-19 in der Schule waren und sich danach erst für eine Studienrichtung entscheiden mussten.

    • Das ist eigentlich auch Karlssons Plan, aber im Kanton Solothurn sind sie besonders gewieft darin, möglichst viele Schüler vom Gymnasium abzuhalten…

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