Alles auf einem Blatt

Wenn ich weiss, dass ich es möglicherweise nicht pünktlich zum Mittagessen nach Hause schaffen werde und „Meiner“ auch nicht da ist, gebe ich den Kindern am Morgen die nötigen Instruktionen, damit der Laden notfalls auch ohne mich laufen kann. Weil ich aber auch weiss, wie leicht solche Instruktionen zwischen Aufgabenblättern, Gruppenarbeiten, Znüniboxen und Pausenhofgeplänkel verloren gehen, finden die Kinder bei ihrer Heimkehr meistens auch noch einen Zettel vor. Darauf steht alles, was die Knöpfe wissen müssen:

  • Dass ich nicht da bin (Weil sie das bestimmt schon wieder vergessen haben.)
  • Wo ich bin (Weil sie das vermutlich gar nicht wissen, da sie am frühen Morgen nach „Ich komme heute Mittag vielleicht etwas später, weil…“ bereits wieder abgehängt haben.)
  • Mit wem ich unterwegs bin (Weil auch das vermutlich nicht hängen geblieben ist.)
  • Wer fürs Tischdecken verantwortlich ist (Weil natürlich wieder keiner dran denken wird, meinen farbenfroh gestalteten, laminierten Plan zu konsultieren.)
  • Was es zu essen gibt (Weil ich das in den frühen Morgenstunden, als ich sie über meine mögliche Abwesenheit informierte, noch nicht wusste.)
  • Wo sie das Essen finden (Weil… na ja, vielleicht hätte es diese Information nicht gebraucht, denn Essbares finden sie immer und sonst gehen sie halt der Nase nach, bis sie fündig geworden sind.)
  • Dass sie heute keine Gäste einladen können (Weil ein gewisser Zoowärter immer erst bei uns und dann bei den Eltern des besten Freundes nach dem Menü fragt, um zu entscheiden, wo es heute wohl besser schmecken wird und das geht nun mal nicht, wenn bei uns keiner am Herd steht, der die Frage nach der aktuellen Spezialität des Hauses beantworten kann. Und weil ich es den anderen Eltern gegenüber nicht okay finde, wenn ihre Kinder ohne ihr Wissen unbeaufsichtigt bei uns sind. Und weil dieses doofe Rezept trotz Verdoppelung der Menge bloss eine mickrige Portion Dampfnudeln ergeben hat, so dass es knapp für diejenigen reicht, die ich beim Kochen eingerechnet habe.)
  • Dass heute keiner auswärts essen darf, auch nicht dann, wenn das Menü dort ansprechender wäre (Weil ich nicht anderen Leuten ungefragt meine Kinder anhängen will, bloss weil ich es nicht rechtzeitig nach Hause schaffe. Und weil ich meine Knöpfe nicht in allen Himmelsrichtungen zusammensuchen will, wenn ich endlich nach Hause komme.)

Mit viel gutem Willen habe ich es geschafft, all diese Infos – natürlich ohne die Klammerbemerkungen – ziemlich gut leserlich auf einem einzigen A4-Blatt unterzubringen. Der Platz reichte sogar noch für ein Herzchen. Dennoch war nicht alles so, wie es sein sollte, als ich nach Hause kam. Das Prinzchen habe sich mit seiner Dampfnudel auf den Estrich zurückgezogen, erzählten mir Luise und der Zoowärter. Wegen einer üblen Beleidigung habe er den weiteren Verbleib am Esstisch für unzumutbar erachtet und jetzt bleibe er wohl noch eine Weile dort oben, um zu schmollen. 

Ich denke, ihr geht mit mir einig, dass sich ein solcher Konflikt hätte vermeiden lassen, wenn ich die anderen Anweisungen etwas kleiner geschrieben hätte, damit noch Raum für ein deutliches „Seid gefälligst nett miteinander!!!“ geblieben wäre. 

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Zeitreise

Man sagt ja, wir Mütter sollten uns auf gar keinen Fall so kleiden wie unsere halbwüchsigen Kinder. Für mich ist das kein Problem, denn Knallbuntes und Geblümtes, wie es mir gefällt, findet man selten in den Boutiquen, die hauptsächlich von Teenagern aufgesucht werden. Dass die eine oder andere meiner Altersgenossinnen der Versuchung nicht widerstehen mag, kann ich nach dem heutigen Einkaufsbummel mit Luise aber wieder nachvollziehen. 

Was soll denn eine Frau meiner Generation denken, wenn sie ausgerechnet an einem Tag, an dem sie sich danach sehnt, wieder jung zu sein, in einem solchen Laden steht? Dass sie zu alt ist für das ganze Zeug, das da verkauft wird? Natürlich nicht. Sie denkt, das Schicksal habe ihr eine Zeitreise geschenkt, die sie zufälligerweise ins Jahr 1987 zurück katapultiert habe. Was an den Kleiderständern hängt, sieht genau gleich aus wie das Zeug, das vor dreissig Jahren in ihrem Schrank hing, aus den Boxen dröhnt der – notdürftig auf modern getrimmte – Hit, zu dem sie zum ersten Mal mit der damals gerade aktuellen „Liebe ihres Lebens“ getanzt hat. Kann man es ihr verargen, wenn sie ohne gross zu überlegen den gleichen Fummel kauft wie ihre Tochter, wo sie sich doch auf einmal wieder fühlt wie damals? 

Na ja, natürlich kann man ihr das verargen. Nicht, weil sie so cool und angesagt wie ihre Tochter sein will, sondern weil sie weit nach ihrem vierzigsten Geburtstag noch imner nicht erkannt hat, wie abgrundtief hässlich löchrige Jeans mit neonfarbenen Comic-Aufdrucken sind. 

Wasabi & Tabasco

Mal wieder einer aus der Kategorie „Verstehe einer dieses Kind“:

Der kleine Prinz, der meine ganz und gar kindergerechte Erdnuss-Kokos-Nudelpfanne verschmäht,…

… seine Pasta vorzugsweise ohne Sauce, dafür mit Butter und Reibkäse zu sich nimmt,…

… bei jeder anständigen Gemüsesuppe die Nase rümpft,…

… weder mit Risotto gefüllte Peperoni noch einen deftigen Eintopf mit Bohnen und Wurst probieren mag und sogar fade Salzkartoffeln auf dem Teller links liegen lässt…

der Junge also, für dessen Geschmacksknospen selbst die einfachsten Gerichte irgendwie zu exotisch sind, erzählt mir heute voller Begeisterung, er habe neulich bei seinem besten Freund Wasabi-Erdnüsse mit Tabasco probiert, das habe umwerfend gut geschmeckt. Dann will er wissen, ob wir das auch mal haben könnten und ob wir vielleicht im Garten ganz viel Wasabi anpflanzen könnten.

Das also war es, was ihm an meiner Küche nicht gepasst hat…

Sieht nach Aufatmen aus

  • Nach sechs Jahren Durststrecke begegnet uns endlich wieder das zufriedene, strahlende Kind, das er von Geburt an bis zur Einschulung war.
  • Innerhalb von vierzehn Tagen gerade mal ein kleiner Konflikt, der nicht annähernd an das herankommt, was in den letzten Jahren üblich geworden war.
  • Endlich hören wir wieder dieses herzhafte Lachen, das wir so vermisst haben.
  • Am Mittagstisch in der Schule hat er den Widerstand aufgegeben und zum ersten Mal in seinem Leben Tomaten probiert. (Was nicht heissen soll, dass er sie gemocht hat…)
  • Die Hilfsbereitschaft, die er schon immer in sich hatte, mag sich wieder zeigen. 
  • Wir bekommen die Elternbriefe zu sehen, bevor die darin angekündigten Anlässe ohne unsere Anwesenheit stattgefunden haben. 
  • Die Worte sprudeln wieder aus ihm heraus wie ein Wasserfall.
  • Um Hausaufgaben brauchen wir uns nicht zu sorgen. Falls er überhaupt welche hat, ist seine Motivation so gross, dass er sich aus eigenem Antrieb darum kümmert.
  • Er erzählt wieder von seinen Zukunftsträumen. 
  • Wir fühlen uns, als hätten wir alle seit vielen, vielen Jahren wieder einmal Ferien, obschon wir mitten im Berufs- und Schulalltag stecken. 

Das Schuljahr ist gerade mal zwei Wochen alt und doch könnte ich noch viele weitere Gründe aufzählen, weshalb der Schulwechsel für den FeuerwehrRitterRömerPiraten (und uns alle) wohl wirklich das Beste war. 

aubergine

Wenn Mama nicht mitspielt…

Wenn mir der Zoowärter mit leuchtenden Augen vorschlägt, unser Mama-Sohn-Ausflug, den er von seinem zehnten Geburtstag noch zugute hat, könnte nach Deutschland zur Games-Messe führen,…

Wenn das Leuchten in seinen Augen schlagartig erlischt, als ich ihm erkläre, das sei erstens zu weit weg, zweitens zu teuer und drittens ganz und gar nicht das, wozu ein solcher Mama-Sohn-Ausflug gedacht sei,…

Wenn schliesslich die Tränen fliessen, weil ich auch nicht dafür bin, dass er mit seinen Freunden fährt und sich das Ticket mit seinem Taschengeld kauft,…

Wenn er krampfhaft versucht, nicht laut loszuheulen, als ich ihm darlege, den Leuten, die Kinder mit fabelhaften Werbespots bombardieren, ginge es eigentlich nur darum, Geld zu verdienen,…

Wenn er mir lustlos aufzählt, was er gern macht und gut kann, damit ich ihm daraufhin eine Predigt über sein spannendes, abwechslungsreiches Leben abseits des Bildschirms halten kann,…

Wenn er sich widerwillig von mir dazu überreden lässt, an seinem nächsten freien Nachmittag einen Kuchen mit mir zu backen, weil solche echten Erlebnisse so viel toller sind als das mehr oder weniger sinnlose Drücken von Knöpfen,…

Wenn er nach unserem langen Gespräch mit hängendem Kopf in seinem Zimmer verschwindet, wo man ihn noch bis spät laut schluchzen hört,…

… dann wünsche ich mir einen Augenblick lang, wir hätten uns dazu entschieden, unsere Kinder irgendwo in der Abgeschiedenheit grosszuziehen, damit wir uns nicht immer mit dem Mist herumschlagen müssen, den andere an unsere Knöpfe herantragen. 

danse

Gnadenfrist

Da springen eine Mama und ein Papa nach langem Zögern endlich über ihren Schatten, melden ihr jüngstes Kind zum Fussballtraining an, obschon ihnen vor den endlosen Stunden am Spielfeldrand graut, überbringen dem Kind die frohe Botschaft – und was geschieht? Fällt ihnen der Kleine jubelnd um den Hals? Erzählt er jedem, der ihm über den Weg läuft, er dürfe jetzt endlich bei den Junioren mitmachen? Von wegen! Er zuckt nur müde mit den Schultern, läuft danach tagelang übel gelaunt durchs Haus und geht bei jeder Gelegenheit an die Decke. 

Ein paar Tage später kommt er plötzlich spätabends ins Wohnzimmer. Ob sich der Trainer schon gemeldet habe, will er wissen. Sieht ganz so aus, als wolle doch allmählich so etwas wie ungeduldige Vorfreude aufkommen. Aber nur bis zur nächsten Frage: „Muss ich denn unbedingt dorthin gehen?“, will der Junge wissen und die Eltern bringen vor lauter Staunen den Mund nicht mehr zu. Natürlich müsse er nicht, antworten sie schliesslich, als sie die Sprache wieder gefunden haben und der Kleine zottelt zufrieden ab ins Bett. 

Ein solcher Wandel lässt einer zu Schuldbewusstsein neigenden Mama natürlich keine Ruhe. Am Ende will der Sohn nur deshalb nicht mehr, weil er den Widerwillen der Eltern spürt. Also setzt sie sich an sein Bett, um mehr zu erfahren. Hat er Angst vor dem Training? Haben ihn die grossen Geschwister bearbeitet? Will er nicht, weil Mama und Papa nicht wirklich wollen? Nein, nichts von alldem. Er denke halt einfach, es mache viel mehr Spass, mit den Freunden in der Freizeit dem Ball nachzurennen. Und der grosse Pelé habe ja später auch alles vergessen müssen, was er im Training gelernt habe, um ein Star zu werden, das habe er im Film gesehen. (Jawohl, die Fussballbegeisterung ist so gross, dass man sich solche Filme antut…) Darum wolle er jetzt einfach nicht mehr. Und wie er das sagt, ist er zum ersten Mal seit Tagen wieder zufrieden und gelöst. 

Weil die Mama weiss, dass solche Szenen Jahre später oft ganz anders erzählt werden, als sie sich in Wirklichkeit abgespielt haben und sie keine Lust hat, in dieser Erzählung als die Böse dargestellt zu werden, die den Traum von der Fussballkarriere im Keim erstickt hat, rät sie dem Sohn, noch einmal darüber zu schlafen. Die Anspannung kehrt zurück, also macht die Mama, die noch immer keine Lust hat, später die Böse zu sein, einen weiteren Vorschlag: Jetzt absagen und in einem Jahr, wenn er dann trotzdem will, noch einmal mit dem Verein Kontakt aufnehmen. Der Vorschlag wirkt, der Junge schlägt vor Erleichterung Purzelbäume auf dem Bett.

Wären die Mama und der Papa nicht zu müde, würden sie am liebsten auch Purzelbäume schlagen. Die Gefahr, dass sie eines Tages gelangweilt am Rande des Spielfelds stehen müssen, ist zwar noch nicht gebannt, aber immerhin haben sie eine Gnadenfrist bekommen.

Und einen endlich wieder zufriedenen Sohn. 

ball

 

Grossfamilie testet das Kleinfamilienleben

„Wieviele sind wir heute?“, fragt der diensthabende Küchendiener jeweils, wenn es ans Tischdecken geht. Unter der Woche lautete die Antwort bis anhin meistens „Sechs. Karlsson isst in der Schule.“ Ab morgen werde ich fast immer antworten: “ Fünf. Der FeuerwehrRitterRömerPirat und Karlsson essen in der Schule.“ An den Tagen, an denen Luise Hauswirtschaftsunterricht hat, testen wir das Kleinfamilienleben. Und wenn ich am gleichen Tag auch noch ein Meeting habe, werden „Meiner“, der Zoowärter und das Prinzchen ganz verloren an dem grossen Tisch sitzen. 

Es ist schon eigenartig: Kaum haben wir es endlich halbwegs geschafft, dieser Chaostruppe ein wenig Disziplin und Ordnung beizubringen, so dass eine halbwegs gepflegte Tischkonversation möglich ist, fangen sie auch schon an, tagsüber in alle Himmelsrichtungen auszufliegen. Man hat mich ja schon immer gewarnt, das werde schneller gehen, als ich mir vorstellen könne. Aber solche Dinge glaubt man immer erst, wenn man gedankenverloren in die viel zu vollen Schüsseln starrt und sich fragt, ob man es sich jemals wieder abgewöhnen wird, solche Unmengen zu kochen.