Denksport zum Feierabend

Familie V. wohnt in S.

Auf dem Parkplatz von Familie V. steht ein Ersatzfahrzeug mit fünf Sitzplätzen, das nach W. (3 km Entfernung von S.) gebracht werden sollte. Dort ist der Siebenplätzer von Familie V., der heute einen Termin auf dem Strassenverkehrsamt hatte, ab 16 Uhr abholbereit.

Papa V. ist von 13:30 bis 17:00 in B. (7,7 km Entfernung von S.) in einer Weiterbildung. Mama V. soll Papa V. um 13:15 nach B. fahren.

Mama V. muss am Nachmittag 2 Stunden arbeiten. 

Zoowärter V. muss um 16:00 zu Hause sein. Um 16.20 wird er in der Cellostunde erwartet. Da er erst um 16:08 gemütlich die Treppe hochkommt, muss sich Mama V. mit ihrer Moralpredigt über Pünktlichkeit kurz fassen, damit er trotzdem rechtzeitig zur Cellostunde kommt.

Mama V. ist gebeten, um 16 Uhr in W. das Ersatzauto gegen den familieneigenen Siebenplätzer einzutauschen.

Karlsson V. hat um 17:00 in O. (8,6 km Entfernung von S.) einen Auftritt mit der Violine.

Spätestens um 16:30 muss Mama V. mit Grossmama M. losfahren, wenn sie den Auftritt in O. nicht verpassen will. 

Prinzchen V. und seine fünf besten Freunde haben um 16 Uhr eine Akrobatikstunde in L. (6,6 km Entfernung von S.) Alle Kinder sollen in einem Auto Platz finden. Neben Familie V. haben zwei weitere Familien ein Auto mit sieben und mehr Sitzplätzen. Die eine Familie ist zum Zeitpunkt der Tagesplanung nicht erreichbar, von der anderen Familie weiss Mama V. gar nichts, da Prinzchen V. es versäumt hat, ihr zu sagen, dass dieser Junge auch mit von der Partie ist. Mama V. kann die Kinder aber auch nicht fahren, da sie um diese Zeit in O. dem Auftritt ihres Sohnes lauschen wird. Papa V. fährt nach der Weiterbildung mit den öffentlichen Verkehrsmitteln von B. zurück und wird daher auch nicht rechtzeitig da sein, um die Jungs zu chauffieren.

Die Vorspielstunde, bei der Karlsson V. mitmacht, dauert bis 18:30. Mama V. muss danach sofort mit Grossmama M. und Karlsson V. zurück nach S. fahren, damit sie um 19:00 in L. ist, wo die sechs Jungs von der Akrobatikstunde abgeholt und nach Hause gebracht werden wollen. Nach Möglichkeit sollte Mama V. um 19:30 zu Hause sein. 

Papa. V. muss spätestens um 19:45 los, wenn er rechtzeitig in S. (7,8 km Entfernung von S.) sein will, wo er sich mit einem Freund trifft. 

Aufgabe: Plane den Tag so, dass am Ende kein Familienmitglied von dir enttäuscht ist. Da der Siebenplätzer abends wieder unversehrt auf dem Parkplatz von Familie V. stehen soll, bist du gebeten, in jedem Moment einen kühlen Kopf zu bewahren. 

Beachte: Auf allen Strassen rund um S. hat es zahlreiche Baustellen. Ausserdem herrscht ab 16:30 in alle Richtungen dichter Feierabendverkehr. Die Pünktlichkeit darf dadurch nicht beeinträchtig werden.

Lösung: Die sei hier nicht verraten. Es soll ja da draussen Menschen geben, die sich hin und wieder langweilen und darum aus lauter Freude an der Sache gerne mal solche Denksportaufgaben lösen.*

* Okay, einen kleinen Hinweis kann ich ja geben: Es hilft, wenn man am frühen Nachmittag eine der Siebenplätzer-Mütter ans Telefon bekommt und ansonsten praktisch nichts so durchzieht, wie es ursprünglich geplant war. Zu erwarten, dass Mama V. abends noch Nerven hat, wäre aber ganz und gar illusorisch. 

So kauft man doch (k)ein Auto!

Wie die Geschichte mit dem kaputten Auto weitergegangen ist? Nun… ganz anders als Auto-Geschichten bei uns gewöhnlich laufen. Als bekennende Autohasser schieben „Meiner“ und ich jeden Autokauf so lange vor uns her, wie es nur geht, um uns dann, wenn die Karre schon fast schlapp gemacht hat, verzweifelt irgendwo einen fahrbaren Untersatz aufzutreiben. Weil wir von Autos nicht das Geringste verstehen, taugt das Ding dann meistens nicht besonders viel und so müssen wir uns ein paar Jahre später wieder mit der leidigen Angelegenheit herumschlagen

Diesmal war alles anders.

Diesmal sagte „Meiner“ zum Garagisten: „Suchen Sie uns doch bitte ein Auto, wir haben von Tuten und Blasen keine Ahnung.“ Er nannte ein paar Kriterien, die uns wichtig sind und vierundzwanzig Stunden später bekam ich mitten in einer Sitzung die Nachricht von meinem Herrn Gemahl: „Auto gekauft. Morgen können wir es abholen.“

Zugegeben, zuerst war ich ziemlich sauer, denn als ich Details erfahren wollte, konnte er mir gerade mal die Farbe (schwarz), den Kilometerstand (irgend eine Zahl, die mir ohnehin nichts sagt) und den Preis (an der unteren Grenze unseres Budgets) nennen. „Himmel, so kauft man doch kein Auto!“, seufzte ich und nahm mir vor, „Meinem“ am Abend tüchtig die Meinung zu sagen.

„Meiner“ hatte aber mal wieder Glück. Kaum war ich zu Hause angekommen, musste er auch schon wieder weg und während er weg war, hatte die Stimme der Vernunft sehr viel Zeit, beruhigend auf mich einzureden. „Früher habt ihr eure Autos immer selber ausgesucht…“, fing sie an. „Genau! So etwas macht man doch gemeinsam, wenn man verheiratet ist“,  unterbrach ich sie aufgebracht. „Ja, ihr habt das immer gemeinsam gemacht, aber wie ist das jeweils ausgegangen?“, sagte sie sanft und sah mich dabei an, wie man ein begriffsstutziges kleines Kind ansieht. „Na ja… nicht besonders gut…“, gestand ich kleinlaut. „Nicht besonders gut? Du untertreibst mal wieder, meine Liebe. Eine Katastrophe war das mit euch beiden. Erinnerst du dich an den Kia, der andauernd auf offener Strasse stehen blieb? Und an den Fiat, bei dem irgendwann ohne äussere Einwirkung die Fensterscheibe in tausend Scherben zersprang? Und wie war das nochmal mit der letzten Karre, die nach so kurzer Zeit bereits den Geist aufgegeben hat, obschon ihr sie für so perfekt gehalten habt? Ach ja, und dann war da noch…“ „Schon gut, ich habe verstanden“, sagte ich mit einem müden Lächeln. „Dann siehst du also ein, dass man dir und ‚Deinem‘ in Sachen Autokauf so gar nichts zutrauen kann?“ Ich nickte brav. „Siehst du auch ein, dass ihr jetzt erst recht wieder Mist gebaut hättet, weil ihr die komischen Motorengeräusche so lange überhört habt, bis ihr gar keine andere Wahl mehr hattet, als sofort ein neues Auto aufzutreiben?“ Ich nickte noch einmal brav. „Dann siehst du also bestimmt auch ein, dass es das Klügste war, euch aus der Sache rauszuhalten und die Suche einem Fachmann zu überlassen.“ Ich nickte ein drittes Mal brav und als „Meiner“ nach Hause kam, konnte ich ganz ehrlich sagen: „Ich habe zwar keine Ahnung, was wir für ein Auto bekommen, aber ich glaube, das hast du irgendwie doch ganz gut gemacht.“

Und das denke ich jetzt, wo ich das Auto zu Gesicht bekommen habe, noch immer. Obschon ich nie im Leben ein schwarzes Auto hätte fahren wollen.

Aber vielleicht achten Menschen, die etwas von Autos verstehen, auch nicht auf die Farbe…

Verschlossen

Grossfamilienleben – schön, abwechslungsreich und manchmal auch ganz schön anstrengend, wenn man sich im Gewirr der vielen Stimmen Gehör verschaffen will. Dass es oft mehr als ein sanftes Säuseln braucht, um sich gegen die anderen durchzusetzen, versteht sich von selbst. Eines der wirkungsvollsten Mittel im Kampf um die allgemeine Aufmerksamkeit: Die verschlossene Badezimmertür. 

In ihrer mildesten Form kommt sie zur Anwendung, wenn einer findet, er habe jetzt genug Küchendienst geleistet. Flugs wird eine volle Blase vorgetäuscht und schon hat man sich eine Auszeit von der Schinderei verschafft. Natürlich gibt man vor, sich zu beeilen, kommt aber erst wieder raus, wenn das Ende der Arbeit absehbar ist und man höchstens noch einen Teller wegräumen oder einen Lappen in den Wäschekorb werfen muss. Klar, die Vorwürfe, die man zu hören bekommt, wenn man endlich das Bad verlässt, sind nicht besonders nett, aber immerhin hat man der ganzen Familie bewiesen, dass man sich durchaus zur Wehr setzen kann, wenn die Eltern mal wieder zu viel Einsatz verlangen. 

Die verschlossene Badezimmertür ist auch ein wirkungsvolles Mittel, wenn man der älteren Schwester, die in Diskussionen stets die Oberhand behält, vor Augen führen will, dass man sich trotz ihrer Wortgewandtheit nicht klein kriegen lässt. Kaum hat sie ihren Putzdienst angetreten, verschwindet man im Bad, um ausgiebig zu duschen. So ausgiebig, dass die Tür  noch immer verschlossen ist, wenn sie ganz dringend rein müsste, um den Putzkessel zu holen. Als wäre man ganz plötzlich von einem Hygienefimmel gepackt worden, zieht man das Haarewaschen, das Eincremen und das Anziehen so sehr in die Länge, bis die Schwester wutschnaubend von dannen stapft. Solange der jüngere Bruder kein Einsehen kennt, ist an ein Ende der Putzarbeiten nicht zu denken, also ist sie gezwungen, eine Pause einzulegen. Doch kaum hat sie es sich auf dem Sofa bequem gemacht, öffnet sich die Badezimmertür wie von Zauberhand. „Da hast du deinen doofen Putzkessel. Musst du mich immer so hetzen, wenn ich am Duschen bin?“, raunzt der nunmehr blitzsaubere Bruder und zieht sich hochzufrieden in sein Zimmer zurück. 

Die fieseste Methode aber ist es, im Bad zu verschwinden, wenn einer frühmorgens ganz dringend den Zug erwischen müsste, aber die Zähne noch nicht geputzt hat. Welch ein erhebendes Gefühl, endlos lange auf dem WC zu sitzen und zuzuhören, wie Eltern und Geschwister panisch gegen die Tür poltern und brüllen, man solle gefälligst aufschliessen, der Bruder verpasse sonst seinen Zug! So viel Macht hat man selten über seine Liebsten. Und so sehr man seine Liebsten auch lieben mag – an manchen Tagen muss man ihnen doch einfach zeigen, wer hier der Chef ist.

Wer nun denkt, das Problem mit der verschlossenen Badezimmertür liesse sich ganz einfach umgehen, indem man im Haus mehrere Bäder einbaut, der irrt leider. In unserem Haus gibt es drei Bäder, aber nur eine der drei Türen hat die Macht, den Familienfrieden ernsthaft zu beeinträchtigen, denn das Bad ist so günstig gelegen, dass immer einer in der Nähe ist, der das Drama mitbekommt. 

Keine andere Tür in unserem Haus ist so oft verschlossen wie diese. 

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La Burocrazia zeigt sich von ihrer netten Seite

La Burocrazia Italiana kann ganz schön nerven. Sie kann kleinlich sein, herablassend, unpünktlich, unnötig kompliziert, träge, wichtigtuerisch und absolut unverständlich für Menschen, die in der Schweiz gross geworden sind. Zu jedem Besuch auf dem Konsulat gehört auch der Anblick verzweifelter Secondas und Secondos, die es nicht fassen können, dass man ihnen so etwas zumutet.

Wie wir heute erfahren haben, kann sie aber auch ganz anders.

Sie kann einen nach zehn Minuten Wartezeit ausgesprochen höflich ins Zimmer bitten, wo ein perfekt vorbereiteter Staatsdiener darauf wartet, der Grossfamilie Venditti – mit Ausnahme der Mutter, die nur dabei sein muss, um zu unterschreiben – italienische Pässe auszustellen. Nachdem der freundliche Herr sich vergewissert hat, dass sowohl „Meiner“ als auch ich des Italienischen mächtig sind, wechselt er zu einem makellosen Deutsch und von da an ist La Burocrazia pure Nebensache. Natürlich muss hin und wieder eine Unterschrift gesetzt oder ein Fingerabdruck gemacht werden, aber viel mehr ist dem Herrn an gepflegter Konversation gelegen. Wittgenstein, Brecht, Marx, Günther Anders, Shakespeare, zwischendurch auch mal ein Diplomatenwitz über das verschlafene Bern oder eine Bemerkung über das AKW in unserer Nachbarschaft – das sind die Dinge, über die er mit uns reden möchte und nicht die Lappalie, dass „Meiners“ Heimatgemeinde noch nicht alle unsere Kinder im Register vermerkt hat. Dass er unseretwegen eine halbe Stunde über Dienstschluss hinaus arbeiten muss, ist ihm vollkommen egal, dass unsere Kinder nur ein paar Worte italienisch sprechen, ist kein Thema. Nach neunzig Minuten verlassen wir das Konsulat mit sechs nagelneuen Pässen.

So reibungslos ist das alles gelaufen, dass ich mir ernsthaft überlege, ob ich die Einladung des netten Herrn annehmen und die italienische Staatsbürgerschaft beantragen soll. Jetzt, wo alle anderen auch auf dem Papier halbe Italiener sind, fühle ich mich ein wenig einsam in der Familie.

Aber wer sagt mir denn, dass La Burocrazia auch so nett und unkompliziert ist, wenn ich als Bittstellerin auftrete? Dass sie auch ganz anders kann, habe ich ja schon zur Genüge miterlebt…

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Freitagabend

Was man mit so einem Freitagabend doch alles anstellen könnte…

Man könnte zum Beispiel auf dem Balkon sitzen, die angenehme Kühle nach dem Gewitter geniessen, die Nachbarn, die im Garten sitzen, belauschen und den Mond bestaunen.

Vielleicht möchte man die Arbeitswoche aber auch mit einem kühlenden Bad im Fluss beschliessen. 

Oder gemütlich mit den Kindern am Tisch sitzen, etwas Gutes essen und über dies und jenes plaudern.

Auch das Open-Air-Kino wäre eine Option.

Oder das Streetfood Festival.

Oder man könnte ganz spontan ein paar nette Menschen einladen.

Das alles wäre schön.

Am allerschönsten aber ist es doch immer, wenn man am späten Freitagabend noch mit einem wutschnaubenden Kind und einem moralpredigenden Ehemann auf dem Fussboden sitzen darf, um Legosteine, Dreckwäsche, Hörspielfiguren, unerlaubt ins Zimmer geschmuggeltes Geschirr, zerknitterte Hausaufgabenblätter und feuchte Badehosen zu sortieren, damit im Kinderzimmer endlich die Ordnung herrscht, die dort schon am letzten Freitagabend hätte herrschen müssen.  

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Eine Vorwarnung wäre nett gewesen

Damit das klar ist: Ich bin den Ärztinnen und Ärzten, die sich in den vergangenen 10 Tagen um den Zoowärter gekümmert haben, unendlich dankbar. Selbstverständlich verstehe ich, dass wir oft auf sie warten mussten, weil sie noch so viel anderes zu tun hatten. Dass mein eigener Job dabei zurückstehen musste, steht für mich ausser Frage.

Dennoch dünkt mich, den Halbgöttern in Weiss sei kaum bewusst, dass auch wir, die wir beruflich kein Leben retten, hin und wieder noch anderes zu tun haben, als am Krankenbett unseres Kindes zu sitzen.

Fragst du nach einer Woche, wie lange der Spitalaufenthalt schätzungsweise dauern könnte, du hättest da noch ein paar andere Kinder, die dich brauchen, schaut man dich verwundert an. Noch ein wenig verwunderter ist der Blick, als du erklärst, du hättest am Donnerstag eine Sitzung und wärest deshalb froh, wenn du den Tag ein wenig planen könntest. Als dann endlich der Tag des Austritts gekommen ist, platzt die Ärztin mit einer Nachricht ins Zimmer, die jede berufstätige Mutter – auch eine, die im Home Office arbeitet – ins Schwitzen bringt: Eine volle Woche noch müsse das Kind zu Hause bleiben, das werde in solchen Fällen immer so gehandhabt, das sei doch sonnenklar. Nun, die Ärztin mag wohl eine Expertin bezüglich des Heilungsverfahrens in „solchen Fällen“ sein. Vom Familienalltag hingegen scheint sie keine Ahnung zu haben. Zumindest versetzt sie deine Erklärung, so etwas müsste man Eltern im Voraus mitteilen, weil das stets gewisse organisatorische Herausforderungen mit sich bringe, in grosses Erstaunen.

Ich hoffe sehr, die Gute schreibt sich das hinter die Ohren und informiert die nächsten Eltern etwas früher darüber, dass das Familienleben auch nach Spitalaustritt noch eine Weile lang auf dem Kopf stehen wird.

Befindlichkeiten

Tag 1: Leerer Magen? Bleierne Müdigkeit? Volle Blase? – Alles egal. Hauptsache, die finden endlich heraus, was mit dem Kind los ist.

Tag 2: Leerer Magen? Bleierne Müdigkeit? Volle Blase? – Alles egal. Hauptsache, wir bekommen bald den richtigen Arzt zu Gesicht, damit es dem Kind bald wieder besser geht.

Tag 3: Leerer Magen? – Wer mag denn schon essen, wenn das Kind gleich operiert wird? Bleierne Müdigkeit? – Bei so viel Nervosität spürt man die doch gar nicht mehr. Volle Blase? – Na ja, immerhin die stellt kein Problem mehr dar, weil man sich während der Wartezeit ja irgendwie die Zeit vertreiben muss. Zudem hat man immerhin mal Zeit gehabt, eine Dusche zu nehmen und sich umzuziehen. Also Luxus pur.

Tag 4: Magen voll, Blase leer und Müdigkeit spielt keine Rolle mehr, denn man sitzt ja ohnehin den ganzen Tag nur da und hofft, dem Kind gehe es endlich ein wenig besser.

Tag 5: Mit leiser Stimme melden sich ein paar Bedürfnisse, die während der Aufregung der vergangenen Tage vergessen gegangen sind. Schnell bringt man sie zum Schweigen, denn die Gesundheit des Kindes hat jetzt Vorrang. Und was sich nicht zum Schweigen bringen lässt, wird durch die Anforderungen des Spitalalltags schnell auf seinen Platz verwiesen. Mama hat da zu sein, wenn sie gebraucht wird, da liegt nichts anderes mehr drin.

Tag 6: Die Müdigkeit haut auf den Tisch. Sie hat jetzt wirklich genug davon, andauernd ignoriert zu werden. Weil es dem Kind inzwischen deutlich besser geht, wagt man es, eine Nacht zu Hause im eigenen Bett zu verbringen. Das schlechte Gewissen begehrt auf. Das arme, kranke Kind! So alleine und verlassen in seinem grossen Spitalbett! Ganz abgebrühte Mütter lassen sich dadurch natürlich nicht beeindrucken. Die brauchen schon die eine oder andere spitze Bemerkung von Pflegepersonal und Zimmernachbarin, um sich tüchtig dafür zu schämen, dass sie ihr Kind so schändlich vernachlässigen.

Tag 7: Das Kind lässt die Mama wissen, das mit der Nacht zu Hause sei ganz und gar nicht in seinem Sinne gewesen. Nein, es habe sich nicht gefürchtet und es sei auch nicht wirklich schlimm gewesen ohne die Mama. Aber trotzdem… Mehr braucht Mama nicht, um wissen, wohin ihre bleierne Müdigkeit gehört: Fest eingeschlossen in einen Schrank, aus dem sie erst wieder rausgelassen wird, wenn das Kind aus dem Spital entlassen wird. Da sich das Kind inzwischen mit dem Zimmernachbarn angefreundet hat, hätte die Müdigkeit zwar theoretisch viel Zeit, sich um sich selbst zu drehen. Doch in einem engen, von zwei lebhaften Jungs und zwei trägen Müttern bewohnten Spitalzimmer gibt es dafür tagsüber kaum Platz. Es sei denn, die Müdigkeit gebe sich mit einem ganz gewöhnlichen Stuhl zufrieden.

Tag 8 & folgende: Wir werden sehen… Ein inzwischen putzmunteres Kind und eine übermüdete Mutter, die beide noch nicht nach Hause dürfen, weil die Ärzte zuerst ganz sicher sein wollen, dass die Entzündungswerte sich in die richtige Richtung bewegen, werden irgendwie ein paar sehr lange Stunden hinter sich bringen müssen. Vermutlich wird es sich anfühlen wie ein endloser Aufenthalt im Wartezimmer, denn eigentlich geht es nur noch darum, aus ärztlichem Mund ein „Sie dürfen nach Hause gehen“ zu vernehmen.