Der Kantönligeist gibt sich (fast) geschlagen

Damit hat er wohl nicht gerechnet, der Kantönligeist. Er, der in diesem Land schon in so manchen Kampf gegen den gesunden Menschenverstand als Sieger hervorgegangen ist, muss sich für einmal geschlagen geben. 

Wie vergnügt wäre er gewesen, wenn unser Kind nach den Sommerferien nicht in der Nähe, sondern viel weiter weg, dafür im „richtigen“ Kanton die Schule besuchen müsste. Wie hätte er sich gefreut, wenn „Meiner“ und ich an langen Abenden böse Briefe und seitenlange Anträge hätten verfassen müssen, um beim zuständigen Amt gegen den Entscheid zu protestieren. Wie stolz wäre er gewesen, wenn der Alltag einer weiteren Familie seinetwegen zu einem schier unerträglichen Hürdenlauf geworden wäre.

Tja, und nun sass er frustriert in der Ecke, starrte betrübt auf den Brief, der den Sieg des  gesunden Menschenverstandes schwarz auf weiss bestätigt, und verstand die Welt nicht mehr. „Hat denn heutzutage keiner mehr Achtung vor einer Kantonsgrenze?“, fragte er eins ums andere Mal und schluchzte laut. „Einen kleinen Sieg hast du ja trotzdem errungen“, sagte ich tröstend, weil er mir trotz meiner Freude doch irgendwie leid tat. „Immerhin haben bald schon zwei Vendittis andere Schulferien als der Rest der Familie. Das gibt ganz neue Herausforderungen bei der Ferienplanung.“ 

Da breitete sich ein fast schon diabolisches Lächeln auf dem traurigen Gesicht des Kantönligeistes aus. „So schnell lasse ich mich eben doch nicht kleinkriegen“, sagte er und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. 

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Interkultureller Dialogversuch, Teil VII

Für einmal kein Versuch, mich mit meiner Schwiegermama zu verständigen, sondern eine kleine Beobachtung über die Interaktion von Schweizern und Holländern:

Im Café, an der Kasse oder sonst irgendwo: Ein Holländer oder eine Holländerin sagt etwas zu uns. Wir haben das Gefühl, das Gesagte zu verstehen, denn irgendwie klingt das ja sehr Schweizerdeutsch. Aber natürlich verstehen wir nur Bruchstücke und darum geben wir unserem Gesprächspartner zu verstehen, dass wir eben doch nicht so recht verstehen. Inzwischen hat die Person aber mitbekommen, wie wir untereinander ein paar Worte auf Schweizerdeutsch gewechselt haben und von diesen Worten hat sie ebenfalls einige Bruchstücke verstanden, weil unsere Sprache für sie ja eben auch irgendwie vertraut klingt. Also gibt sie uns zu verstehen, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden, fügt ein paar klärende Worte hinzu, die für uns auch wieder irgendwie halbwegs verständlich sind und so geht das eine Weile weiter, bis wir uns mit viel Geschwätz, Gelächter und Gesten so gut verständigt haben, dass wir oft nicht mal den Umweg über das Englische nehmen müssen.

Ich finde diese Art von Völkerverständigung sympathischer als die Methoden, von denen man in diesen Tagen in den Nachrichten erfährt. 

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Dialekt, wenn ich bitten darf

Eigentlich gehöre ich ja nicht zu den Menschen, die ein Problem mit Schriftdeutsch haben.  Hätte man in unserem Kanton über ein Mundart-Obligatorium im Kindergarten abgestimmt, hätte ich ein Nein in die Urne gelegt. Wenn Lehrer im Sportunterricht und auf der Schulreise Hochdeutsch reden, finde ich dies zwar ziemlich übertrieben, aber es käme mir nicht in den Sinn, deswegen einen Aufstand zu machen. Mich stört es nicht mal gross, wenn kleine Kinder hierzulande eine Zeit lang so klingen, als wären sie direkt einer seichten Fernsehsendung entstiegen. Früher oder später wächst sich das ja wieder aus. 

Sprechen mich aber auf der Strasse Kinder, die des Dialekts durchaus mächtig wären, auf Schriftdeutsch an, weil ich ja eine Fremde und somit so etwas wie eine Respektsperson bin, finde ich das schon ein wenig bedenklich. Nicht unbedingt, weil ich fürchte, unsere Mundart werde allmählich verdrängt, sondern weil den armen Knöpfen nicht mehr auffällt, dass man unser helvetisch gefärbtes Hochdeutsch besser nur hinter den verschlossen Türen eines Schulzimmers sprechen sollte, damit keiner hört, wie lächerlich wir klingen. 

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Stimmbürger in den Startlöchern

Prinzchen schaut sich eine alte Ausgabe des „Nebelspalters“ an. Ein wiederkehrendes Thema ist die Volksabstimmung „Ja zur grünen Wirtschaft“, die damals gerade aktuell war.

Prinzchen: „Grüne Wirtschaft? Soll man da Ja oder Nein stimmen?“

Ich: „Ich habe Ja gestimmt, denn ich finde es wichtig, dass wir die Umwelt schützen.“ 

Prinzchen: „Dann ist diese Abstimmung also schon vorbei?“

Ich: „Ja und die Mehrheit hat Nein gestimmt.“

Prinzchen (zu sich selber): „Dann hätte ich hier unbedingt Ja stimmen müssen, wenn ich schon abstimmen dürfte.“

Nur noch zehn Jahre, dann darf er…

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Ein ganz normaler Bünzli halt

Wenn ich am frühen Morgen drei wildfremde Menschen dabei ertappe, wie sie mit Schaufel und Pickel bewaffnet durch unseren Garten stiefeln, meine eben erst erblühenden Schneeglöckchen zertreten und den im Herbst neu angepflanzten Heidelbeerbüschen gefährlich nahe kommen, geraten meine Grundsätze ins Wanken. Was hilft mir da mein Wissen, dass im direkt an unser Grundstück grenzenden Haus umgebaut wird, weshalb mit solchen Vorkommnissen zu rechnen war? Was hat die Stimme der Vernunft zu melden, die mir leise ins Ohr flüstert, die Kerle seien ja in dem Teil des Gartens unterwegs, den wir in diesem Frühjahr ohnehin neu gestalten wollen, da könnten sie keinen namhaften Schaden anrichten? Rein gar nichts, denn die Kleinkarierte in mir registriert nur „Schaufel. Pickel. Zertretene Schneeglöckchen. Heidelbeerbüsche in Gefahr!“ und schon reisst sie – noch im Pyjama – das Fenster auf, um in Erfahrung zu bringen, was dieses frevelhafte Tun auf unserem Grundstück zu bedeuten habe. 

Wenn es um meinen Garten geht, kommt leider auch bei mir der stinknormale Bünzli zum Vorschein, der halt auch irgendwo, zwischen Weltoffenheit und Toleranz, in mir drin hockt. 

Ich fürchte, der Umbau im Nachbarhaus wird meinen Entschluss, allen Menschen erst einmal unvoreingenommen zu begegnen und sie anständig zu behandeln, noch öfter auf eine harte Probe stellen. 

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Wie ich unseren Käse verraten habe

Heute Abend nach langer Zeit wieder einmal Marktforschung am Telefon.

Nachdem man die üblichen Dinge über mich in Erfahrung gebracht hat – Alter, Geschlecht, Nationalität – die Frage aller Fragen:

„Frau Venditti, mögen Sie Schweizer Käse?“

Und weil ich diese Frage mit „Ja, natürlich“ beantworte, folgen weitere Fragen, die meine Liebe zum Schweizer Käse fassbarer machen sollen.

Ob ich der Meinung sei, Schweizer Käse sei würziger als alle anderen Käsesorten auf der Welt. Ob ich denke, inländischer Käse werde mit mehr Sorgfalt hergestellt als ausländischer Käse. Ob ich finde, nur Schweizer Käse bestehe ausschliesslich aus naturbelassenen Zutaten. Ob ich die Überzeugung vertrete, Schweizer Käse werde in einer intakten Umwelt produziert. Und noch ein paar weitere Fragen, die ich als gebürtige Schweizerin natürlich allesamt ohne zu zögern mit einem kräftigen Ja hätte beantworten müssen.

Aber was tue ich schlechter Mensch stattdessen? Denke an die dampfenden Nudeln, die man mir im Piemont aus einem ausgehöhlten Parmiggiano serviert hat. Erinnere mich daran, wie ich den Cheddar lieben gelernt habe. Muss aufpassen, dass ich bei den Fragen bleibe, anstatt in Gedanken abzuschweifen zu der wunderbaren Käseauswahl in Frankreich. Gestehe ausländischen Käsern das gleiche Berufsethos zu wie den einheimischen. Weigere mich standhaft, meiner Liebe zum Käse eine Landesgrenze zu setzen. Und behaupte am Ende gar, weder unser Käse noch irgend ein anderer werde in einer intakten Natur hergestellt, weil es sowas auf unserem Planeten kaum mehr gebe. Also Verrat auf der ganzen Linie.

Am Ende der Befragung weiss ich einmal mehr: Ich tauge definitiv nicht zur Nationalistin. Auch nicht in Sachen Käse.

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Nur schnell einen Termin vereinbaren

Es liegt mir fern, zu behaupten, früher sei alles besser gewesen (auch wenn man sich in diesen trüben Tagen unbeschwertere Zeiten herbeisehnt), aber wenn ich mir überlege, was man heute alles auf sich nehmen muss, um einen ganz banalen Arzttermin zu bekommen, sehne ich mich schon fast ein wenig nach dem griesgrämigen, hochnäsigen Hausarzt aus Kindertagen. Nun gut, ihn wünsche ich mir eigentlich nicht zurück, denn er war wirklich ein ausgesprochen unsympathischer Zeitgenosse, aber das simple Prozedere, das damals noch möglich war, um zu ihm zu gelangen, das fand ich eigentlich ganz nett.

Das ging damals nämlich so:

Waren wir krank, blieben wir im Bett, bis wir wieder gesund waren. Waren wir sehr krank, überlegte meine Mutter so lange, ob wir zum Arzt gehen sollten, bis die Sache ausgestanden war und sich der Besuch erübrigte. Waren wir sehr sehr krank, liess sie sich einen Termin geben, ein paar Stunden später sassen wir eingeschüchtert im Untersuchungszimmer, wo wir aufs Gründlichste durchgecheckt und ausgeschimpft wurden, weil wir ja bestimmt irgend etwas falsch gemacht hatten, um so krank zu werden, dann gab es ein Rezept und damit war die Sache erledigt.

Heute hingegen geht das so:

Bist du krank, bleibst du im Bett, bis du wieder halbwegs im Stande bist, deiner täglichen Arbeit nachzugehen. Also etwa drei Stunden oder so. Bist du sehr krank, schmeisst du Medikamente ein, bleibst etwas länger im Bett und fragst Dr. Google, ob du dir Sorgen machen musst. Weil dein Arbeitgeber ein Arztzeugnis verlangt – oder weil du einer der Menschen bist, die sich von Dr. Google nervös machen lassen -, entschliesst du dich, zum Arzt zu gehen.

Als verantwortungsbewusster Bürger, der nicht unnötig dazu beitragen will, die Krankenkassenprämien in noch schwindelerregendere Höhen zu treiben, rufst du natürlich nicht direkt in die Praxis an, sondern fragst erst mal beim telemedizinischen Dienst um Erlaubnis. Wie das genau gehen soll mit dem Kostensparen durch Telemedizin, erschliesst sich mir leider nicht, denn in meiner Erfahrung sind diese Dienste so hysterisch, dass sie dich sogar dann zum Arzt schicken, wenn Dr. Google noch lässig in seinem Sessel lehnt und brummt: „Wegen diesem Mückenschiss brauchst du dich nun wirklich nicht gleich so aufzuregen.“

Nun, sie mögen hysterisch sein, diese Telemediziner, das heisst aber noch lange nicht, dass du sogleich zum Telefon greifen darfst, um beim Hausarzt einen Termin zu vereinbaren. Erst wollen die netten Leute nämlich noch ein paar Bilder von deinem Leiden sehen. Bilder, die gefälligst gut belichtet sein sollen und die dein Gebrechen von unten, von oben, von hinten, von vorne und dann noch einmal von unten, aber diesmal bitte schräg zeigen. Also kämpfst du dich mit letzter Kraft von deinem Krankenlager hoch, um in deiner Wohnung die Stelle zu finden, die perfekte Lichtverhältnisse für das Shooting bietet. Weil du diese Stelle nie auf Anhieb findest, bist du vollkommen entkräftet, wenn du endlich mit dem Fotografieren loslegen kannst. Und jetzt geht der Stress erst richtig los. Versuch mal, beispielsweise deine Zunge – von unten, von oben, von hinten, von vorne und dann noch einmal von unten, aber diesmal bitte schräg – so ins Bild zu bekommen, dass die Leute, die sich das ansehen müssen, wirklich nur deine Zunge zu sehen bekommen und nicht auch noch dein Gesicht, das bei den ganzen Verrenkungen, die du anstellen musst, gar nichts anderes sein kann, als eine hässliche Fratze. Man wird sich ja wohl noch einen letzten Funken Eitelkeit bewahren dürfen, auch wenn man krank ist. Zudem weiss man nie, wer die Bilder zu sehen bekommt. Am Ende lachen sich ein paar schnöselige Lackaffen in der Kaffeepause ob deiner Horror-Selfies schlapp.

Nun, irgendwann sind die Bilder gemacht. Jetzt brauchst du also nur noch die App, die man neuerdings für das Einsenden solcher Fotos benötigt, zu installieren, deine Krankenkassendaten einem undurchsichtigen System anzuvertrauen und die Bilder hochzuladen, bis du wieder ins Bett gehen kannst, um auf den Rückruf der Telemediziner zu warten.

Im besten Fall sind deine Symptome gänzlich abgeklungen, bis man dich endlich zurückruft und du kannst dem Teledoktor bescheiden, du bräuchtest den Termin, den er dir hätte bewilligen sollen, nicht mehr. Im schlechtesten Fall lässt der Rückruf bis Freitagnachmittag, 16:57 Uhr auf sich warten, dir geht es so elend wie zuvor und so hast du die Wahl, bis Montag vor dich hin zu seuchen oder einer jener Deppen zu sein, die wegen einer nicht wirklich schlimmen aber halt doch ziemlich mühsamen Sache auf dem Notfall aufzukreuzen.

Und selbst wenn der Rückruf mal schnell und zu einem günstigen Zeitpunkt kommt, heisst das noch lange nicht, dass der Weg zum Hausarzt jetzt frei ist. In der Regel werden Hausärzte nämlich von feuerspeienden Vorzimmerdrachen bewacht und die wollen ganz genau wissen, ob du die Aufmerksam des Gottes in Weiss wirklich verdient hast, oder ob du nur wieder einer von denen bist, die sich von Dr. Google haben aufhetzen lassen. Und wag es bloss nicht, den Drachen mit der Bemerkung „Ich hatte schon einmal fast die gleichen Symptome, vielleicht ist es wieder eine ähnliche Geschichte wie beim letzten Mal“ zu besänftigen. Drachen mögen keine Patienten, die glauben, die Symptome, die sie am eigenen Leib spüren, hätten irgend eine Bedeutung für die Diagnosenstellung.

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