Noch einmal: Liebe Migros

Ja, ich bin eine Nervensäge, aber ich finde, das sei mein gutes Recht. Immerhin trage ich mit meinen Monstereinkäufen nicht unerheblich zu deinem Wohlergehen bei. Ich darf also getrost noch einmal auf die Plasticksäckli zurückkommen, die ich bereits vor einigen Tagen in einem Post erwähnt habe.

Die Plastiksäckli, die du der Umwelt zuliebe nur noch auf Verlangen zum Preis von 5 Rappen abgibst. Eine Riesensache war das vor ein paar Monaten. Die bösen Politiker wollten sie nicht verbieten, also musstet ihr aktiv werden – du und deine grösste Konkurrentin. Ihr würdet es nicht zulassen, dass unsere kostbare Umwelt vor die Hunde geht. Ihr würdet die Konsumenten schon dazu erziehen, nicht mehr gedankenlos zum Säckli zu greifen. Die Gebühr wurde eingeführt. Wer trotzdem ein Säckli will, muss die Kassierin darum bitten und sich damit als herzlose Kreatur outen, die einen Dreck auf eine intakte Umwelt gibt.

Nun gut, man braucht sich nicht unbedingt zu outen. Man kann auch einfach darauf warten, bis die Kassierin fragt, ob man ein Säckli haben will. Diese Frage bekommt man nämlich seit der Einführung der Gebühr andauernd gestellt. Egal, ob Landjäger, Salat, Glace, Socken, Spargel, Erdbeeren oder ein T-Shirt auf dem Band liegen – früher oder später fragt die Kassierin: „Söll ich das in es Säckli packe?“ Klar, das wurde man schon vor der Einführung der Gebühr hin und wieder gefragt, jetzt aber finden die netten Damen an der Kasse bei fast jedem Einkauf einen Artikel, den man zusätzlich in Plastik hüllen könnte. Noch nie in meinem langen Leben als Migros-Kundin wurde ich so häufig mit der Frage nach dem Zusatzsäckli konfrontiert. 

Ja, ich weiss, was jetzt kommt….

„Dann sag doch einfach nein. Zwingt dich ja keiner dazu, das Säckli auch zu nehmen.“

Natürlich sage ich nein. Bloss, weil man mir etwas anbietet, heisst das noch lange nicht, dass ich meinen Verstand ausschalte und willenlos Ja sage, wo ich lieber Nein sagen möchte. Aber die Frage wird ja nicht nur mir gestellt, sondern auch all den Menschen, die vor oder hinter mir an der Kasse stehen und bis jetzt ist mir noch keiner begegnet, der abgelehnt hätte. Warum sollte man, wo man schon so nett gefragt wird? Und so steht man dann hinter Menschen, die der Verkäuferin zufrieden dabei zusehen, wie sie einem bereits in Plastik gehüllten Salatkopf eine weitere Schicht Plastik umlegt. (Nein, es war keiner dieser triefend nassen Salatköpfe, die sie einem schon früher ungefragt in einen Beutel gestopft haben, sondern ein ganz und gar trockener.)

Liebe Migros, darf ich dir etwas weitergeben, was ich in meinen Jahren als Mutter gelernt habe? 

Wenn ich nicht möchte, dass meine Kinder vor der Glotze vergammeln und sich mit Süssem vollstopfen, dann frage ich nicht andauernd: „Möchtet ihr nicht ein wenig fernsehen und dazu eine Packung Gummibärchen verspeisen?“ Sie würden Ja sagen, das kannst du mir glauben. Und zwar jedes Mal, auch wenn sie bereits drei Tage lang nichts anderes getan hätten. Also frage ich nicht und hoffe, dass sie nicht auf den Gedanken kommen, sich aktiv darum zu bemühen. 

Wenn du also möchtest, dass die Kunden endlich damit aufhören, gedankenlos noch ein weiteres Plastiksäckli zu nehmen, dann solltest du vielleicht nicht bei jeder Gelegenheit eins anbieten.

Aber vielleicht ist es dir gar nicht so wichtig, dass weniger Säckli im Abfall landen. Vielleicht wolltest du nur besser dastehen als die Politiker, die es nicht für nötig hielten, das Zeug zu verbieten. 

poppy

 

Liebe Migros

Bitte nimm es mir nicht krumm, wenn ich ausnahmsweise mal keine netten Worte für dich übrig habe. Ja, ich bin ein waschechtes Migroskind. Ja, Familie Venditti deckt sich vorzugsweise bei dir mit den Dingen ein, die man zum Leben halt so braucht. Ja, nach ein paar Wochen im Ausland vermisse ich dich jeweils ganz schrecklich. Ja, ich finde dich toll, auch wenn ich heute kritischer eingestellt bin als auch schon und mich deshalb hin und wieder frage, ob du wohl wirklich so nett und freundlich bist, wie du dich gerne gibst. Wenn ich dir nun also sage, dass ich mich momentan bei jedem Einkauf ganz fürchterlich über dich aufrege, dann darfst du dies als freundliche Kritik einer Freundin auffassen.

Warum ich mich aufrege? Natürlich wegen dieser unsäglichen Verpackung, in die du die Lego-ähnlichen Bausteine hüllst, mit denen du die heranwachsende Generation zu Migroskindern erziehen willst. Mir kommt es vor, als sei es erst gestern gewesen, als du lauthals verkündet hast, der Umwelt zuliebe würden die Plastiksäckli bei dir jetzt 5 Rappen pro Stück kosten, es könne doch nicht angehen, dass wir mit dem Kram die Weltmeere verschmutzen. Du gingst sogar noch einen Schritt weiter und nahmst wiederverwendbare Beutel ins Sortiment auf, damit wir Früchte und Gemüse nicht mehr in Wegwerfbeuteln einkaufen müssen. Auch sonst brüstest du dich gerne mit deinem grossen Einsatz für einen gesunden Planeten. Unsere Kinder und Kindeskinder sollten sich an einer intakten Natur erfreuen können, sagst du und ich bin da ganz und gar einig mit dir.

Wie um alles in der Welt kannst du es dann mit deinem Gewissen vereinbaren, unseren Kindern bei jedem Einkauf kleine Plastikteile zu überreichen, die nicht nur in Folie verpackt sind, sondern obendrein auch noch in einer kleinen Plastikschale liegen? Jedes Mal, wenn unsere Knöpfe die Spielsteine ausgepackt haben, türmt sich auf dem Tisch mehr Abfall, als damals, als ich Obst und Gemüse noch im Plastikbeutel mit nach Hause nahm. Klar, unsere Kinder freuen sich über das Zeug, aber was glaubst du, wie es um die Laune unseres Planeten steht, wenn er mit diesem ganzen Kram klarkommen muss? 

Liebe Migros, ich mag dich ja von Herzen gern, aber diesmal hast du wirklich Mist gebaut. 

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Der Kantönligeist gibt sich (fast) geschlagen

Damit hat er wohl nicht gerechnet, der Kantönligeist. Er, der in diesem Land schon in so manchen Kampf gegen den gesunden Menschenverstand als Sieger hervorgegangen ist, muss sich für einmal geschlagen geben. 

Wie vergnügt wäre er gewesen, wenn unser Kind nach den Sommerferien nicht in der Nähe, sondern viel weiter weg, dafür im „richtigen“ Kanton die Schule besuchen müsste. Wie hätte er sich gefreut, wenn „Meiner“ und ich an langen Abenden böse Briefe und seitenlange Anträge hätten verfassen müssen, um beim zuständigen Amt gegen den Entscheid zu protestieren. Wie stolz wäre er gewesen, wenn der Alltag einer weiteren Familie seinetwegen zu einem schier unerträglichen Hürdenlauf geworden wäre.

Tja, und nun sass er frustriert in der Ecke, starrte betrübt auf den Brief, der den Sieg des  gesunden Menschenverstandes schwarz auf weiss bestätigt, und verstand die Welt nicht mehr. „Hat denn heutzutage keiner mehr Achtung vor einer Kantonsgrenze?“, fragte er eins ums andere Mal und schluchzte laut. „Einen kleinen Sieg hast du ja trotzdem errungen“, sagte ich tröstend, weil er mir trotz meiner Freude doch irgendwie leid tat. „Immerhin haben bald schon zwei Vendittis andere Schulferien als der Rest der Familie. Das gibt ganz neue Herausforderungen bei der Ferienplanung.“ 

Da breitete sich ein fast schon diabolisches Lächeln auf dem traurigen Gesicht des Kantönligeistes aus. „So schnell lasse ich mich eben doch nicht kleinkriegen“, sagte er und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. 

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Interkultureller Dialogversuch, Teil VII

Für einmal kein Versuch, mich mit meiner Schwiegermama zu verständigen, sondern eine kleine Beobachtung über die Interaktion von Schweizern und Holländern:

Im Café, an der Kasse oder sonst irgendwo: Ein Holländer oder eine Holländerin sagt etwas zu uns. Wir haben das Gefühl, das Gesagte zu verstehen, denn irgendwie klingt das ja sehr Schweizerdeutsch. Aber natürlich verstehen wir nur Bruchstücke und darum geben wir unserem Gesprächspartner zu verstehen, dass wir eben doch nicht so recht verstehen. Inzwischen hat die Person aber mitbekommen, wie wir untereinander ein paar Worte auf Schweizerdeutsch gewechselt haben und von diesen Worten hat sie ebenfalls einige Bruchstücke verstanden, weil unsere Sprache für sie ja eben auch irgendwie vertraut klingt. Also gibt sie uns zu verstehen, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden, fügt ein paar klärende Worte hinzu, die für uns auch wieder irgendwie halbwegs verständlich sind und so geht das eine Weile weiter, bis wir uns mit viel Geschwätz, Gelächter und Gesten so gut verständigt haben, dass wir oft nicht mal den Umweg über das Englische nehmen müssen.

Ich finde diese Art von Völkerverständigung sympathischer als die Methoden, von denen man in diesen Tagen in den Nachrichten erfährt. 

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Dialekt, wenn ich bitten darf

Eigentlich gehöre ich ja nicht zu den Menschen, die ein Problem mit Schriftdeutsch haben.  Hätte man in unserem Kanton über ein Mundart-Obligatorium im Kindergarten abgestimmt, hätte ich ein Nein in die Urne gelegt. Wenn Lehrer im Sportunterricht und auf der Schulreise Hochdeutsch reden, finde ich dies zwar ziemlich übertrieben, aber es käme mir nicht in den Sinn, deswegen einen Aufstand zu machen. Mich stört es nicht mal gross, wenn kleine Kinder hierzulande eine Zeit lang so klingen, als wären sie direkt einer seichten Fernsehsendung entstiegen. Früher oder später wächst sich das ja wieder aus. 

Sprechen mich aber auf der Strasse Kinder, die des Dialekts durchaus mächtig wären, auf Schriftdeutsch an, weil ich ja eine Fremde und somit so etwas wie eine Respektsperson bin, finde ich das schon ein wenig bedenklich. Nicht unbedingt, weil ich fürchte, unsere Mundart werde allmählich verdrängt, sondern weil den armen Knöpfen nicht mehr auffällt, dass man unser helvetisch gefärbtes Hochdeutsch besser nur hinter den verschlossen Türen eines Schulzimmers sprechen sollte, damit keiner hört, wie lächerlich wir klingen. 

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Stimmbürger in den Startlöchern

Prinzchen schaut sich eine alte Ausgabe des „Nebelspalters“ an. Ein wiederkehrendes Thema ist die Volksabstimmung „Ja zur grünen Wirtschaft“, die damals gerade aktuell war.

Prinzchen: „Grüne Wirtschaft? Soll man da Ja oder Nein stimmen?“

Ich: „Ich habe Ja gestimmt, denn ich finde es wichtig, dass wir die Umwelt schützen.“ 

Prinzchen: „Dann ist diese Abstimmung also schon vorbei?“

Ich: „Ja und die Mehrheit hat Nein gestimmt.“

Prinzchen (zu sich selber): „Dann hätte ich hier unbedingt Ja stimmen müssen, wenn ich schon abstimmen dürfte.“

Nur noch zehn Jahre, dann darf er…

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Ein ganz normaler Bünzli halt

Wenn ich am frühen Morgen drei wildfremde Menschen dabei ertappe, wie sie mit Schaufel und Pickel bewaffnet durch unseren Garten stiefeln, meine eben erst erblühenden Schneeglöckchen zertreten und den im Herbst neu angepflanzten Heidelbeerbüschen gefährlich nahe kommen, geraten meine Grundsätze ins Wanken. Was hilft mir da mein Wissen, dass im direkt an unser Grundstück grenzenden Haus umgebaut wird, weshalb mit solchen Vorkommnissen zu rechnen war? Was hat die Stimme der Vernunft zu melden, die mir leise ins Ohr flüstert, die Kerle seien ja in dem Teil des Gartens unterwegs, den wir in diesem Frühjahr ohnehin neu gestalten wollen, da könnten sie keinen namhaften Schaden anrichten? Rein gar nichts, denn die Kleinkarierte in mir registriert nur „Schaufel. Pickel. Zertretene Schneeglöckchen. Heidelbeerbüsche in Gefahr!“ und schon reisst sie – noch im Pyjama – das Fenster auf, um in Erfahrung zu bringen, was dieses frevelhafte Tun auf unserem Grundstück zu bedeuten habe. 

Wenn es um meinen Garten geht, kommt leider auch bei mir der stinknormale Bünzli zum Vorschein, der halt auch irgendwo, zwischen Weltoffenheit und Toleranz, in mir drin hockt. 

Ich fürchte, der Umbau im Nachbarhaus wird meinen Entschluss, allen Menschen erst einmal unvoreingenommen zu begegnen und sie anständig zu behandeln, noch öfter auf eine harte Probe stellen. 

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