Volljährig

Die Parties sind vorbei, die Blumen in den Vasen lassen allmählich ihre Köpfe hängen, Keller und Küche sind wieder aufgeräumt und das schöne Geschirr ist zurück im Schrank. Im Kühlschrank stehen die Reste der Fleischpastete, für die ich gestern mit Todesverachtung Schweine- und Kalbfleisch durch den Fleischwolf gedreht habe und der Herd bleibt für die nächsten drei Tage kalt, weil ich nach zweieinhalb Tagen Dauereinsatz schlicht keine Lust mehr habe, in Kochtöpfen zu rühren – was absolut kein Problem ist, denn „Meiner“ und ich haben uns mal wieder mit den Mengen vertan. Nachdem alle Gäste gegangen sind, ist im Haus wieder die übliche (Un)ruhe eingekehrt und so habe ich endlich Zeit, mich um die Glucke zu kümmern, die seit gestern früh schluchzend und schniefend im hintersten Winkel des Wohnzimmers kauert.

„Was hast du denn?“, frage ich sie so mitfühlend wie möglich. Offen gestanden habe ich nach dem Trubel der vergangenen Tage nicht gerade viel Geduld für ihre Gefühlsduseleien. 

„Es ist wegen Karlsson…“, presst sie mühsam hervor.

„Was ist denn mit Karlsson?“, frage ich, obschon ich natürlich ganz genau weiss, was sie meint. Weil sie weiss, dass ich weiss, versucht sie gar nicht erst, meine Frage zu beantworten. Sie schluchzt einfach weiter und so ist es an mir, in Worte zu fassen, was sie quält: „Karlssons achtzehnter Geburtstag war wohl ein bisschen viel für dich. Du fühlst dich grad, als würde er morgen ausziehen und nie mehr wieder kommen.“ Mit grossen, traurigen Augen sieht sie mich an und nickt, bleibt aber weiter stumm. „Bei der Erinnerung daran, wie er gestern seinen ersten Abstimmungszettel ausgefüllt und voller Stolz in den Briefkasten der Gemeindekanzlei eingeworfen hat, bricht dir fast das Herz.“ Sie nickt wieder, wischt sich mit dem Ärmel die triefende Nase sauber, sagt aber noch immer nichts. „Du denkst voller Wehmut an die vergangenen Tage mit kleinen Jungen mit den braunen Kulleraugen und dem Eisbären-Teddy und wünschst dir, die Zeit wäre nicht so furchtbar schnell verflogen.“ Sie wimmert leise: „Mein kleiner, lieber Kaslsson…“ Und dann heult sie wieder Rotz und Wasser.

Ich glaube, die Glucke ist heute nicht empfänglich für das, was ich ihr zu sagen habe: Dass ihr kleiner, lieber Karlsson jetzt halt ein grosser, lieber Karlsson ist. Dass er zwar volljährig, aber deswegen noch längst nicht flügge ist. Dass ihr ehemals kleiner Junge sich doch ganz gut macht. Und dass es durchaus seine Vorzüge hat, mit halbwegs erwachsenen Kindern durchs Leben zu gehen. 

Ich glaube, die Glucke braucht noch ein wenig Zeit, sich damit abzufinden, dass ihr Erstgeborener allmählich erwachsen wird. Darum lasse ich sie schniefend und schluchzend in ihrer Ecke sitzen, um mit Karlsson auf seine Volljährigkeit anzustossen. 

Was man im Spätherbst halt so tut…

Was ich eigentlich tun müsste:

  • Geburtstagsgeschenke für Karlsson organisieren
  • Das Menü für Karlssons 18. Geburtstag planen
  • Einen Termin mit dem Samichlaus vereinbaren
  • Den Adventskalender zusammenstellen
  • Zutaten für Christstollen bestellen
  • Mich ernsthaft mit der Frage auseinandersetzen, ob ich den kindlichen Wünschen nach Weihnachtsdekoration nachgeben soll, oder ob ich mich einmal mehr taub stelle, weil ich auch im Jahr 18 nach Familiengründung noch kein Flair für solche Dinge entwickelt habe
  • Weihnachtswünsche zusammentragen
  • Tief in mich gehen, um zu spüren, ob ich in diesem Jahr die Nerven für einen weiteren Panettone-Versuch habe oder ob ich damit den Familienfrieden ernsthaft gefährden würde

Was ich stattdessen tue:

  • Im Garten an den Veilchen riechen
  • Vereinzelte Walderdbeeren und Himbeeren pflücken
  • Die Peperoni, die in Töpfen auf dem Fenstersims reifen, hegen und pflegen
  • Auf dem Balkon und im Wohnzimmer zweijährige Stauden heranziehen
  • Nachprüfen, ob die zweite Physalis-Ernte bald soweit ist
  • Dem frühlingshaften Vogelgezwitscher lauschen
  • Mich über Menschen ärgern, die sich lauthals über die „elende Kälte und das nasse Wetter“ beklagen
  • Immer mal wieder ein wenig jäten
  • Zucchini ernten

Also einfach das, was man halt so tut, wenn sich der November nicht entscheiden kann, ob er lieber April, September oder vielleicht doch so etwas wie ein Spätherbstmonat sein möchte…

 

So kauft man doch (k)ein Auto!

Wie die Geschichte mit dem kaputten Auto weitergegangen ist? Nun… ganz anders als Auto-Geschichten bei uns gewöhnlich laufen. Als bekennende Autohasser schieben „Meiner“ und ich jeden Autokauf so lange vor uns her, wie es nur geht, um uns dann, wenn die Karre schon fast schlapp gemacht hat, verzweifelt irgendwo einen fahrbaren Untersatz aufzutreiben. Weil wir von Autos nicht das Geringste verstehen, taugt das Ding dann meistens nicht besonders viel und so müssen wir uns ein paar Jahre später wieder mit der leidigen Angelegenheit herumschlagen

Diesmal war alles anders.

Diesmal sagte „Meiner“ zum Garagisten: „Suchen Sie uns doch bitte ein Auto, wir haben von Tuten und Blasen keine Ahnung.“ Er nannte ein paar Kriterien, die uns wichtig sind und vierundzwanzig Stunden später bekam ich mitten in einer Sitzung die Nachricht von meinem Herrn Gemahl: „Auto gekauft. Morgen können wir es abholen.“

Zugegeben, zuerst war ich ziemlich sauer, denn als ich Details erfahren wollte, konnte er mir gerade mal die Farbe (schwarz), den Kilometerstand (irgend eine Zahl, die mir ohnehin nichts sagt) und den Preis (an der unteren Grenze unseres Budgets) nennen. „Himmel, so kauft man doch kein Auto!“, seufzte ich und nahm mir vor, „Meinem“ am Abend tüchtig die Meinung zu sagen.

„Meiner“ hatte aber mal wieder Glück. Kaum war ich zu Hause angekommen, musste er auch schon wieder weg und während er weg war, hatte die Stimme der Vernunft sehr viel Zeit, beruhigend auf mich einzureden. „Früher habt ihr eure Autos immer selber ausgesucht…“, fing sie an. „Genau! So etwas macht man doch gemeinsam, wenn man verheiratet ist“,  unterbrach ich sie aufgebracht. „Ja, ihr habt das immer gemeinsam gemacht, aber wie ist das jeweils ausgegangen?“, sagte sie sanft und sah mich dabei an, wie man ein begriffsstutziges kleines Kind ansieht. „Na ja… nicht besonders gut…“, gestand ich kleinlaut. „Nicht besonders gut? Du untertreibst mal wieder, meine Liebe. Eine Katastrophe war das mit euch beiden. Erinnerst du dich an den Kia, der andauernd auf offener Strasse stehen blieb? Und an den Fiat, bei dem irgendwann ohne äussere Einwirkung die Fensterscheibe in tausend Scherben zersprang? Und wie war das nochmal mit der letzten Karre, die nach so kurzer Zeit bereits den Geist aufgegeben hat, obschon ihr sie für so perfekt gehalten habt? Ach ja, und dann war da noch…“ „Schon gut, ich habe verstanden“, sagte ich mit einem müden Lächeln. „Dann siehst du also ein, dass man dir und ‚Deinem‘ in Sachen Autokauf so gar nichts zutrauen kann?“ Ich nickte brav. „Siehst du auch ein, dass ihr jetzt erst recht wieder Mist gebaut hättet, weil ihr die komischen Motorengeräusche so lange überhört habt, bis ihr gar keine andere Wahl mehr hattet, als sofort ein neues Auto aufzutreiben?“ Ich nickte noch einmal brav. „Dann siehst du also bestimmt auch ein, dass es das Klügste war, euch aus der Sache rauszuhalten und die Suche einem Fachmann zu überlassen.“ Ich nickte ein drittes Mal brav und als „Meiner“ nach Hause kam, konnte ich ganz ehrlich sagen: „Ich habe zwar keine Ahnung, was wir für ein Auto bekommen, aber ich glaube, das hast du irgendwie doch ganz gut gemacht.“

Und das denke ich jetzt, wo ich das Auto zu Gesicht bekommen habe, noch immer. Obschon ich nie im Leben ein schwarzes Auto hätte fahren wollen.

Aber vielleicht achten Menschen, die etwas von Autos verstehen, auch nicht auf die Farbe…

Die nächste Generation übernimmt

Es gab mal eine Zeit in meinem Leben, da hatte ich so etwas wie Autorität. Da konnte ich sagen: „Glaubt bloss nicht, ich würde heute die Möbel aufbauen, die wir gestern gekauft haben. Es ist Sonntag, da gebe ich mich ganz bestimmt nicht mit Hammer und Schraubenzieher ab.“ Die Kinder gehorchten, die Schachteln aus dem schwedischen Möbelhaus blieben im Auto und wir alle hatten unsere Ruhe.

Dass diese Zeiten vorbei sind, zeichnete sich schon ab, als Luise damit begann, ihre Möbel selber aufzubauen. Allerdings liess ich mich dadurch nicht verunsichern, denn unsere zupackende Tochter bekommt ja nicht alle Tage ein neues Bett oder einen Schrank. 

Auch als gestern der FeuerwehrRitterRömerPirat am späten Abend noch die Schachteln, die wir am Nachmittag gekauft hatten, aus dem Auto holte und seine neuen Regale aufbaute, beunruhigte mich dies noch nicht sonderlich. Immerhin ist der Junge in der Pubertät, da muss man sich doch einfach über mütterliche Anweisungen hinwegsetzen.

Seit heute Nachmittag aber weiss ich, dass ich in diesem Haus nicht mehr allzu viel zu melden habe. Trotz meines Verbots schleppte das Prinzchen sein neues Bücherregal Einzelstück für Einzelstück in die Wohnung und wenig später hatte er nicht nur ohne elterliche Hilfe sein Regal aufgebaut, sondern auch ein paar alte Möbel ins Treppenhaus verfrachtet und sein Zimmer komplett auf den Kopf gestellt. Das alles an einem Sonntag, an dem ich eigentlich der ganzen Familie Ruhe und Beschaulichkeit verordnet hatte.

Man sieht also, dass meine Autorität mehr als bloss angeschlagen ist. 

Was aber auch seine Vorteile hat. 

Immerhin kann ich mich in Zukunft gemütlich zurücklehnen, wenn es mal wieder ein Möbel aufzubauen gibt. Jetzt, wo sogar der Jüngste bewiesen hat, wie gut das ohne mich geht, sehe ich keinen Grund, warum ich mich weiter mit komplizierten Anleitungen und fehlenden Schrauben herumschlagen sollte. 

Dahlienliebe

Vor ein paar Tagen ging ich mit einer Bekannten durch unseren Garten. Als wir zu den Dahlien kamen, bemerkte eine von uns beiden: „Was habe ich Dahlien doch früher immer gehasst!“ „Ich auch“, meinte die andere, „richtige Altweiberblumen, fand ich.“ „Genau, so sah ich das auch. Ich dachte immer, die seien so furchtbar verstaubt und altmodisch.“

Im Weitergehen erzählten wir einander, wie sich unsere Abneigung im Laufe der Jahre allmählich in eine leidenschaftliche Zuneigung verwandelt hatte und bemerkten dabei nicht, was wir mit unserem Reden bestätigten: Frau muss wohl tatsächlich ein gewisses Alter erreichen, ehe sie Dahlien lieben lernen kann. 

Dahlie

Grenzen der Toleranz

Weil ich ein toleranter Mensch bin,…

… oder vielleicht einfach nur ausgesprochen harmoniebedürftig,…

… oder möglicherweise auch schlicht ein Feigling,…

halte ich mich in der Regel zurück, wenn einer meiner Zeitgenossen gewaltig nervt. 

So habe ich zum Beispiel heute den Kerl in Frieden gelassen, der im voll besetzten Bus seinem geliebten Rucksack einen bequemen Sitzplatz anbot. Ich verkniff mir ein Augenrollen, als er nicht nur seine Freunde, sondern den halben Bus wissen liess, dass er neulich vollkommen verladen war, als er am frühen Morgen seinen Dienst auf der Baustelle antrat. Auch als er uns alle bald darauf an einem Abenteuer teilhaben liess, in das ganz viele Bierdosen, ein Bordellbesitzer und ein Notarzt involviert waren, behielt ich meinen Unmut über sein dummes Geschwätz für mich. 

Am Ende eines langen Arbeitstages, an dem ich vor lauter Gedankefutter kaum mehr wusste, wo mir der Kopf stand, war einer wie er zwar nur äusserst schwer zu ertragen, aber vermutlich hatte er einen ebenso anstrengenden Tag hinter sich und da soll man mal nicht so streng sein. 

Dann aber überspannte er den Bogen. Nachdem er eine Weile lang betrübt und zu unser aller Freude schweigend aus dem Fenster gestarrt hatte, erhob er seine unüberhörbare Stimme leider erneut: „Scheissregen! Ich glaub’s nicht, Alter! Immer dieser Scheissregen!“

Glaubt mir, der Kerl kann wirklich froh und dankbar sein, dass der Bus ausgerechnet in diesem Moment an meiner Station hielt. Hätte ich noch eine Minute länger mit ihm im gleichen Fahrzeug unterwegs sein müssen, hätte er mich von meiner unfreundlichen Seite kennen gelernt. 

Auch meine Toleranz kennt ihre Grenzen und die ist definitiv überschritten, wenn einer es wagt, nach diesem staubtrockenen Sommer in meiner Gegenwart über den Regen herzuziehen.

tierli

 

 

Frohe Weihnachten allerseits!

Als unsere Kinder noch kleiner waren, wunderte ich mich stets darüber, dass spätestens ab Mitte August Andrew Bonds „Zimetschtern hani gern“ aus dem Kinderzimmer schallte. Wie, um Himmels willen, kamen die bei 30 Grad Hitze auf die Idee, die CD mit den Weihnachtsliedern aus dem Schrank zu holen? Und das noch bevor das viel zu frühe vorweihnachtliche Theater in den Läden losging?

Nun, ich weiss bis heute nicht, was unsere Knöpfe dazu getrieben hat, mitten im Hochsommer Weihnachtsstimmung zu verbreiten. Aber ich ahne zumindest, wer die Geschwister dazu angestiftet hat: Es muss Karlsson gewesen sein. Den packt nämlich heute noch bei sommerlichen Temperaturen die Sehnsucht nach dem Fest der Liebe. Gut, er kramt nicht mehr Andrew Bond aus dem Schrank. Aber er setzt sich ans Klavier und klimpert sein weihnachtliches Repertoire: O du fröhliche, I Heard The Bells On Christmas Day, Stille Nacht, We Wish You A Merry Christmas, Leise rieselt der Schnee – und das alles natürlich bei offenem Fenster, auf dass auch die Nachbarschaft bald in Feststimmung komme.

Warum er das tut? Angeblich, weil er die Meinung vertritt, man könne Weihnachtslieder spielen, wann immer man die Lust dazu verspüre – ob es nun August, September oder Dezember sei. Ich vermute aber, dass dahinter noch ein anderer Grund steckt: Unser Ältester geht mit dem Klimawandel und übt schon mal, wie es sich anfühlt, schweissüberströmt bitterkalte Winternächte zu besingen.

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