Mama auf Abruf

Wieder so ein Mutterdings, auf das dich keiner vorbereitet: Nicht mehr dauernd gebraucht zu werden und doch irgendwie verfügbar sein zu müssen.

Nehmen wir zum Beispiel den morgigen Tag. Das vorgesehene Programm sagt den drei jüngeren Kindern nicht zu, weshalb es klüger ist, die Familie aufzuteilen, denn ein Tagesausflug mit drei übel gelaunten Jungs ist alles andere als erholsam. Klüger ist es auch, wenn „Meiner“ mit den zwei Grossen fährt, denn in diesem topfebenen Land, in dem es nicht einen einzigen Hügel gibt, an dem sich mein ohnehin schon miserabler Orientierungssinn festklammern könnte, bin ich auf der Strasse heillos überfordert. 

Mein Tag wird morgen also vermutlich so aussehen: FeuerwehrRitterRömerPirat, Zoowärter und Prinzchen werden sich auf dem Trampolin, im Schwimmbad, auf dem Deich beim Drachensteigen, auf dem Fussballplatz und vielleicht auch auf dem Spielplatz vergnügen, so dass ich den ganzen Tag für mich haben werde. Theoretisch zumindest, denn immer dann, wenn ich in Versuchung kommen werde, mich in die Sauna zurückzuziehen, mich in ein Buch zu vertiefen oder einen Spaziergang zu machen, wird einer angerannt kommen. Weil es Streit gegeben hat, weil sich jemand das Knie aufgeschlagen hat, weil sich eine Tür nicht ohne meine Hilfe öffnen lässt, weil sie Hunger haben, weil… Was auch immer der Grund sein mag, sie werden mich brauchen und zwar immer dann, wenn ich glaube, gerade nicht gebraucht zu werden. 

Warum ich dann nicht einfach etwas mit den Dreien unternehme? Weil die doch nichts lieber wollen, als in diesem geschützten Umfeld die Welt auf eigene Faust zu entdecken und dazu kann man eine Mama im Schlepptau nun wirklich nicht gebrauchen.

Mütter dienen in einem gewissen Alter eben nur noch als Anlaufstelle in brenzligen Situationen. Unwichtig sind sie deswegen aber noch lange nicht. Wie das laute Geschrei beweist, das erklingt, wenn Mama mal nicht auf Abruf verfügbar ist…

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Gemütlichkeit auf der falschen Seite von Vierzig

Da sitzen wir nun in dieser für unsere Familie offenbar perfekte Ferienanlage im holländischen Friesland. Das Prinzchen kann den ganzen Tag zwischen Fussballplatz, Schwimmbad, Spielplatz und Badewanne hin und her wetzen. Karlsson und Luise – die anfänglich befürchtet hatten, wir seien hierher gekommen, um Freunde fürs Leben zu finden, damit wir uns nie wieder mit Ferienplanung herumschlagen müssen – fühlen sich mit Whirlwanne, netten kleinen Städtchen und W-LAN ausgesprochen wohl. Für den FeuerwehrRitterRömerPirat sind die Verhältnisse ebenfalls optimal, denn er kann sich je nach Stimmung dem Prinzchen oder den Grossen anschliessen oder aber sich in sein Einzelzimmer zurückziehen. So haben „Meiner“ und ich endlich die Gelegenheit, den Zoowärter, den wir zu Hause nur zu Gesicht bekommen, wenn gerade keiner seiner Freunde verfügbar ist, näher kennen zu lernen. Dies behagt ihm und uns so sehr, dass wir lange Stunden am Esstisch sitzen, der Zoowärter plaudernd, „Meiner“ malend und ich einfach so. 

Dieser Esstisch ist perfekt gelegen, denn er gewährt freien Blick auf die „Strasse“, wo wir gestressten Kleinkindeltern, die sich auch bei zweifelhaftem Wetter dazu gezwungen sehen, einer pädagogisch wertvollen Aktivität nachzugehen, beobachten können. Ein freier Blick auf das Schauspiel also, in dem wir vor ein paar Jahren selber noch Akteure waren.  Schwammig erinnere ich mich, wie ich mich damals davor gefürchtet habe, dereinst einmal zur Zuschauerin zu werden. Auf der falschen Seite von Vierzig müsse es ganz schrecklich sein, dachte ich.

Dabei ist es hier drüben deutlich entspannter. Ja, es war schön, kleine Kinder zu haben. Aber in der warmen Stube am Fenster zu sitzen, während andere bei Wind und Wetter dafür sorgen müssen, dass der Nachwuchs nicht vom Laufrad fällt, hat halt schon etwas für sich. Und wenn man dann beobachtet, wie drei Kinderwagenmütter aufgeregt zu tuscheln anfangen, weil sie durchs grosse Fenster eine total entspannte Mittelalterliche mit himmelblauer Maske auf dem alternden Gesicht sehen können, dann kann man nur sagen: „Ist es nicht schön, wenn man irgendwann alt genug ist, um sich keine Gedanken mehr zu machen, was die Leute von dir denken?“

Natürlich funktioniert das nur, solange kein Teenager ins Zimmer gerannt kommt, der fordert, man solle gefälligst die himmelblaue Schmiere aus dem Gesicht entfernen, mit so einer Mutter am Fenster müsse man sich ja schämen.

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Feedback(un)kultur

Nichts gegen Ehrlichkeit, aber seitdem sich die Menschen angewöhnt haben, zu jeder Kleinigkeit ihr Feedback abzugeben und zwar auch dann, wenn man sich nicht besonders nahe steht, geht sie mir zuweilen richtig auf den Geist.

„Als ich mich zum ersten Mal mit dir unterhalten habe, fand ich dich echt sonderbar“, sagt man zum Beispiel und plötzlich ist da eine Befangenheit, die nicht wäre, wenn die andere Person es nicht für nötig erachtet hätte, die erste Begegnung zu evaluieren.

„Ich an deiner Stelle hätte jetzt anders reagiert, als dein Kind aufsässig wurde“, bemerkt jemand, den du kaum kennst und schon fühlst du dich andauernd einem kritischen Blick ausgesetzt, wenn es in Anwesenheit dieser Person zu einer spannungsgeladenen Situation mit den Kindern kommt.

„Als du dich zu uns gesetzt hast, hat mich das erst einmal gestresst, weil ich mich gerne mit der anderen Person fertig unterhalten hätte, aber jetzt war es doch noch ganz unterhaltsam zu dritt“, schliesst jemand eine lockere Gesprächsrunde ab und schon ist ein eben noch wunderbarer Moment verdorben. 

„Jetzt, wo ich mal bei dir zu Hause war, bin ich echt beruhigt. Es gibt tatsächlich Leute, die noch mehr Chaos haben als ich“, sagt ein seltener Gast und du fragst dich, ob das jetzt wirklich ein Kompliment hätte sein sollen. 

„Ach, wissen Sie, das macht doch nichts, wenn man ein wenig rundlicher ist. Hauptsache man ist gesund und ein netter Mensch“, sagt ein fast Fremder jovial und du denkst, dass dies doch eigentlich eine Angelegneheit zwischen dir und deiner Waage wäre. 

„Das Essen war ganz in Ordnung, aber ich hätte das Risotto etwas länger gekocht“, lässt dir eine entfernte Verwandte über deinen Mann ausrichten und von nun an hast du irgendwie keine Lust mehr, dir für diese Person allzu viel Mühe zu geben beim Kochen. 

Himmel, muss man denn wirklich immer sagen, was man denkt? Andauernd gibt jeder ungefragt eine Rückmeldung und irgendwann fängst du an, dich nach der guten alten Höflichkeit zu sehnen, die den Menschen gebot, gewisse Dinge ungesagt zu lassen. 

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Mr. Darcy hat’s jetzt also auch erwischt

Kaum etwas führt dir dein eigenes Altern so deutlich vor Augen wie ein Abend, an dem du dir mit deiner Vierzehnjährigen „Bridget Jones’s Baby“ reinziehst. Das Schmerzhafteste dabei ist noch nicht mal, dass du deiner Tochter erklären musst, die nicht mehr ganz taufrische Renée Zellweger sei im Film so alt wie du in der Realität. Richtig bitter wird es, als das Rätseln um den Vater des Babys losgeht. „Ich hoffe, es ist nicht dieser schreckliche Mark, dieser alte Sack.“ Natürlich schnappst du erst mal nach Luft, doch nachdem du dich wieder gefangen hast, legst du los: „Kind, dieser ‚alte Sack‘, wie du ihn zu nennen pflegst, ist nicht irgend ein Mark. Das ist Mark Darcy! Verstehst du? DARCY!“ Natürlich schaut dich dein Töchterchen nur verständnislos an, also versuchst du, zu erklären. „Mark Darcy ist MR. DARCY.“

Natürlich versteht sie noch immer nicht und wenn die Handlung nicht weiterginge, würdest du ihr jetzt erklären, was es mit diesem – und zwar genau diesem – Mr. Darcy auf sich hat. Du würdest ihr erklären, dass der Schauspieler die Rolle wohl nur bekommen hat, weil er mal den richtigen Mr. Darcy gespielt hat. Jawohl, genau, den Mr. Darcy, der am Ende des letzten Jahrtausends in einer für britische Literaturverfilmungen fast schon erotisch anmutenden Szene triefend nass dem trüben Wasser eines Teiches entstiegen ist. Der Mann, der sich damals in die Träume sämtlicher junger Frauen des vereinigten Königreichs einschlich. Und der natürlich auch den Schweizer Anglistikstudentinnen, die sich das 300-minütige BBC-Epos regelmässig an einsamen Samstagabenden reinzogen, nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte. 

Diesen Traum aller Studentinnen der englischen Literatur wagt deine Tochter nun also als alten Sack zu bezeichnen. Du bist selbstverständlich empört, musst dir aber nach einer Weile eingestehen: „Mist, Mr. Darcy ist tatsächlich alt geworden.“

Und die ehemaligen Literaturstudentinnen alle auch…

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Es läuft und läuft und läuft

Mir fällt ja in der Regel nicht auf, dass die Dinge bei uns etwas anders laufen als bei anderen Leuten zu Hause.

Doch wenn ich dann mit einer kinderlosen Bekannten beim Tee sitze und ohne gross nachzudenken eine zweite Milchflasche öffne, obschon bereits eine angebrochene, aber noch fast volle Flasche auf dem Tisch steht, die Bekannte deswegen vor lauter Schreck fast vom Stuhl fällt und ich ihr zu ihrer Beruhigung erklären muss, ich würde ganz bestimmt keinen Tropfen saure Milch in den Abfluss schütten müssen, weil spätestens am nächsten Morgen beide Flaschen leer seien, denn die Kinder würden das Zeug literweise in sich hineinschütten, dann wird mir wieder bewusst, dass bei uns wohl nicht nur die Milchflaschen schneller leer werden als bei anderen Leuten, sondern dass auch sonst alles ein wenig schneller und pausenloser läuft.

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Applaus!

Darf ich um Applaus bitten? Nein, nicht für den Zoowärter, das Prinzchen und Karlsson, die heute Abend mit ihren Instrumenten vor Publikum standen. Klar, die haben ihre Sache ganz gut gemacht, aber der wirkliche Star des Abends war die Glucke. Sie, die sonst immer ein Geschrei macht, weil sie fürchtet, eines ihrer Küken könnte zu kurz kommen, verhielt sich heute ausgesprochen ruhig, obschon sie doch vorher tagelang gezetert hatte, es könne nicht angehen, dass ich nur bei einem der  beiden Auftritte physisch anwesend sein würde. Eine liebende Mutter könne doch bestimmt einen Weg finden, sich irgendwie in zwei zu teilen, um allen ihren Kindern die gebührende Beachtung zu schenken. 

Tja, und dann zuckte sie heute mit keiner Wimper, als „Meiner“ und ich in verschiedene Richtungen aufbrachen, um den musikalischen Beiträgen unserer Söhne zu lauschen. Es müssen anscheinend nur genügend Grosseltern und Gotten im Einsatz sein, um die Glucke zum Schweigen zu bringen.

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Kinderträume

Gross wollen sie sein und zwar so schnell als möglich.

Den lieben langen Tag nur tun, was ihnen gefällt, kein Erwachsener im Rücken, der zum Aufräumen und zum Lernen drängt.

Die Welt erobern und allen zeigen, was in ihnen steckt.

Nicht sein wie die Eltern, die all die wunderbaren Möglichkeiten, die sie hätten haben können, für ein paar Kinder und ein Haus mit Garten in den Wind geschlagen haben. Diese faden Alten, die nicht begreifen wollen, wie cool es ist, erwachsen zu sein. Diese Stümper, die ihr Geld lieber für Steuern und Krankenkasse als für schönes Mobiliar und tolle Reisen ausgeben. Diese Spinner, die glauben, davor warnen zu müssen, wie schnell man selber so ist wie jene, über die sie heute noch den Kopf schütteln.

Und natürlich verstehen sie beim besten Willen nicht, weshalb Papa in seiner Freizeit bis zum Ellbogen im verstopften WC steckt.

Nein, meine lieben Kinderlein, er macht das nicht, weil das schon immer sein Zukunftstraum war.

Er macht das, weil Erwachsenen wirklich nicht wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie Kinder bekommen. 

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