Heute auf Social Media

Furchterregende Filmaufnahmen von Schlamm und Geröll, die sich ins Tal wälzen und dies schon zum zweiten Mal innert kürzester Zeit.

Erschütternde Berichte über Menschen, die seit Tagen schon in den Fluten ausharren.

Ein Artikel, der der Frage nachgeht, weshalb uns das Schicksal der Flutopfer am einen Ort näher geht als dasjenige der Flutopfer am andern Ort. 

Endlos viel Wasser, Schutt und Leid wohin man auch blickt.

Wettergejammer von betrübten Mitmenschen, die nun schon zwei Tage Regenwetter hinter sich haben und denen allmählich mit Schrecken bewusst wird, dass die warmen Tage des Jahres wohl gezählt sind.

Klar, mit Betroffenheitsposts über das Leiden der anderen könnten sie das Schlimme auch nicht ungeschehen machen, aber wäre es denn so schwierig, das Wettergejammer wenigstens vorübergehend einzustellen? 

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Bad Mommy’s Terrible Saturday

Wieder so ein Samstag.

„Meiner“ irgendwo unterwegs zum letzten Aufklärungskurs des Jahres.

Ein Haufen Arbeit, die nachzuholen wäre, weil ich es in der ersten Wochenhälfte mal wieder vorgezogen habe, mich mit einer Grippe zu vergnügen, anstatt mich meinem Job zu widmen.

Traurige Kinder, die es nicht fassen können, dass wegen eines kaputten Telefons und einer blöden E-Mail-Panne das Freizeitprogramm, auf das sie sich seit Wochen gefreut haben, ins Wasser fällt.

Ein zorniger Teenager, der in Rage gerät, weil „Meiner“ sich geweigert hat, die 120 Kilometer in die Ostschweiz zu Fuss zu gehen, wo er doch genau wusste, dass ich das Auto für Chauffeurdienste ins Nachbardorf gebraucht hätte. 

Zwei verstopfte Toiletten, für die ich keine Verantwortung übernehmen will, da inzwischen jeder, der in diesem Haus lebt, die fachgerechte Toilettenbenützung und -reinigung beherrschen sollte.

Ein Wäscheberg, der einfach nicht verschwinden will, so sehr ich ihn auch dränge, endlich aus meiner Waschküche abzuhauen. 

Eine Teigmaschine, die mir auf eine passiv-aggressive Weise zu verstehen gibt, dass ich zu viel von ihr verlange und dass sie nicht gewillt ist, mir in dem von mir gewünschten Umfang zu Diensten zu sein.

Zwei Heidelbeerbüsche und ein Johannisbeerstrauch, die vorwurfsvoll im Eingang stehen und darauf warten, endlich Boden unter ihre Wurzeln zu bekommen. 

Dieses nagende Gefühl, niemandem auch nur für fünf Sekunden den Rücken zukehren zu dürfen, weil bestimmt eine leere Flasche, eine vergessene Mandarinenschale, eine halbfertige Zeichnung, ein Schokoladenpapier oder sonst etwas Unwillkommenes herumliegt, wenn ich wieder hinschaue. 

Kurzum: Einer dieser Samstage, an dem ich auf jedem Bild mit finsterem Blick und einer dicken, schwarzen Wolke über dem Kopf zu sehen wäre, wenn mein Leben ein Comicbuch wäre. (Der Titel würde dann vermutlich „Bad Mommy’s Terrible Saturday“ oder so ähnlich lauten und auf dem Cover wäre eine Karikatur meiner selbst zu sehen, wie sie zähnefletschend und mit irrem Blick durch ihr Revier streift und ihren Nachwuchs das Fürchten lehrt.)

Eine einzige Sache vermag mich an einem solchen Tag aufzuheitern: Ein Mittagessen, bei dem einer – nachdem er mein angespanntes Schweigen gründlich satt hat – auf die Idee kommt, mich zu fragen, wie ich denn die aktuelle Weltlage beurteilen würde, was mir die Gelegenheit bietet, meine miese Laune für eine Weile in die Ecke zu stellen, um des Langen und Breiten darüber zu referieren, weshalb ich die aktuelle Situation der Medien als äusserst problematisch beurteile, warum mir die politische Lage in diversen Ländern schlimme Bauchschmerzen bereitet und was in meinen Augen getan werden müsste, damit jene, die sich noch nicht von der grossen Wut haben mitreissen lassen, verhindern könnten, dass die Welt gänzlich vor die Hunde geht. 

Natürlich stehe ich eine halbe Stunde später schon wieder mit meiner schwarzen Wolke über dem Kopf am Spültrog, aber immerhin kann ich mir jetzt einreden, ich hätte heute ein ganz kleines bisschen zum Weltfrieden beigetragen. 

Falls die Knöpfe mir mein pazifistisches Gequatsche noch abnehmen, nachdem ich einmal mehr bewiesen habe, wie laut und unfreundlich ich an einem Tag wie heute werden kann… 

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Am Gängelband

Wie ich es doch hasse, bevormundet zu werden! Da willst du am Morgen nur kurz bei Facebook vorbeischauen und was liest du dort als Erstes? „Guten Morgen Tamar. Heute wird es richtig kalt. Bleib besser drinnen an der Wärme“, oder so ähnlich. Nichts gegen den täglichen Wetterbericht, aber ich werde ja wohl noch selber entscheiden dürfen, ob ich das kühle Wetter drinnen bei einer Tasse Tee geniesse, oder draussen im Garten, wo noch zwei oder drei Dinge zu erledigen sind, bevor der Winter kommt. 

Ganz ähnlich läuft das, wenn ausnahmsweise mal ein bisschen Regen angesagt ist. „Bleib heute lieber am Trockenen“, mahnt Facebook, gerade so, als wäre ich nicht in der Lage, selber zu entscheiden, ob ich ein paar Regentropfen vertragen kann oder nicht. Ich soll den Regen gefälligst so verabscheuen, wie er heutzutage, wo die Leute nicht mehr wissen, wozu er gut ist, von der grossen Mehrheit verabscheut wird. Und wenn die Sonne heiss vom Himmel brennt, soll ich mich gefälligst freuen wie ein kleines Kind, auch wenn mir die erhöhten Ozonwerte den Atem rauben. 

Doch nicht nur Facebook glaubt, mir sagen zu müssen, was ich zu tun habe. Frage ich die SBB-App, wann mein Bus fährt, bekomme ich nicht die Abfahrtszeit angegeben, sondern die Zeit, wann ich zu Hause losgehen muss, damit ich ganz entspannt zur Bushaltestelle spazieren kann. Dabei ist der gelegentliche Sprint zur Haltestelle mein einziges Fitnessprogramm und das will ich gefälligst so beibehalten, damit mir niemand vorwerfen kann, ich würde mich überhaupt nie bewegen. Kommt hinzu, dass ich von Kind auf gelernt habe, im Fahrplan angegebene Zeiten für unumstössliche Wahrheiten zu halten, weshalb ich nun trotzdem wie ein kopfloses Huhn zur Haltestelle hetze, wo ich mir dann sieben Minuten lang die Beine in den Bauch stehen kann. (Sieben Minuten? Die glauben doch nicht im Ernst, ich bräuchte für 250 Meter Fussweg sieben Minuten? Ja, ich bin langsam, aber doch nicht so langsam.)

Allmählich habe ich es wirklich satt, andauernd gegängelt zu werden. Pinterest belästigt mich mit Hinweisen, wer mein „Pin-Twin“ sei, dabei treibe ich mich dort doch nur rum, um Kochrezepte und Gartentipps zu finden und nicht etwa, um meinen Freundeskreis zu vergrössern. Online-Medien setzen mir nur noch Artikel zu Themen vor, über die ich bereits etwas gelesen habe, dabei liegt für mich der Reiz der Zeitungslektüre gerade darin, über Dinge zu lesen, auf die ich selber nicht gekommen wäre. Die Werbebanner, die mich beim Surfen begleiten, versuchen verzweifelt, mir Bücher schmackhaft zu machen, über die ich mich zwar vor drei Monaten tatsächlich mal im Internet informiert habe, die ich inzwischen aber schon längst gekauft und gelesen habe. Und wenn die alle mich mal ausnahmsweise in Ruhe lassen, ruft bestimmt irgend so ein Depp an, der glaubt, mir am Telefon irgend etwas aufschwatzen zu müssen, was mir seiner Ansicht nach zu meinen Glück noch fehlt. 

Himmel, ich weiss ja, dass sowas heutzutage nicht mehr modern ist, aber lasst mich gefälligst selber denken. Mag sein, dass ich deswegen tatsächlich mal einen Bus verpasse, einen interessanten Pin übersehe, oder gar ein gutes Buch nicht lese, weil ich vergessen habe, dass es mich eigentlich interessiert hätte. Die Gefahr, einen Regenguss abzubekommen, ist hingegen gering, denn ich bin durchaus in der Lage, zu interpretieren, was die grauen Wolken am Himmel zu bedeuten haben. 

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Musste das wirklich sein?

Ja, mich ärgert das auch mit diesen Vollidioten, die glauben, sie müssten als Clowns verkleidet Angst und Schrecken verbreiten.

Ja, ich frage mich auch, in was für einer Welt wir eigentlich leben, wenn Menschen auf solche hirnverbrannten Ideen kommen.

Ich frage mich allerdings auch, ob es sinnvoll ist, wenn die Medien der Sache so viel Aufmerksamkeit schenken, dass andere Vollidioten finden, sie müssten das jetzt auch machen.

Und ich frage mich, ob es klug ist, wenn Eltern ihren Kindern des Langen und Breiten von dieser Sache erzählen. Ich, für meinen Teil, habe mich entschieden, nur mit den Grossen, die selber in den Medien davon erfahren haben, darüber zu reden. Für die Kleineren hätte ich es vorgezogen, wenn sie Clowns weiterhin nur als Spassmacher im Zirkus kennen würden.

Aber ich hatte keine Wahl, denn offenbar gibt es in einigen Familien kein anderes Thema mehr, was dazu führt, dass es auf dem Pausenhof auch kein anderes Thema mehr gibt, was wiederum dazu führt, dass es auch an unserem Esstisch kein anderes Thema mehr gibt, was zur Folge hat, dass das Prinzchen sich abends nicht mehr in sein Bett traut.

Nein, es macht mir nichts aus, wenn er bei uns schläft. Aber auf die Angst, die ihn dazu treibt, in unserem Bett zu schlafen, hätte ich ganz gerne verzichtet.

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Darauf käme es also an…

Du kannst dir die Finger wund tippen, kannst stunden- und tagelang an einem Text feilen, bis er endlich so ist, wie du ihn haben möchtest, kannst Fakten recherchieren, bis du dir ganz sicher bist, dass du alles genau richtig verstanden hast, ehe du darüber schreibst, kannst Sätze so lange drehen und wenden, bis du sie im Schlaf auswendig hersagen kannst und am Ende musst du froh und dankbar sein, wenn alle drei Jahre mal einer sagt: „Hey, ich habe in der Zeitung etwas von dir gelesen. War gar nicht so schlecht, was du da geschrieben hast.“

Wird aber das Ganze, das du schon seit Jahren machst, mit einem Bild von dir garniert, denken die Leute plötzlich, du hättest einen unglaublichen Karrieresprung gemacht, du wirst von fremden Menschen auf deine tollen Texte angesprochen und manchmal schreibt dir sogar jemand, wie sehr er über deine Zeilen hat lachen müssen.

Welche Rolle das Optische beim Geschriebenen spielt, wird mir erst jetzt bewusst. Vielleicht hätte ich es in meinem Metier zu etwas bringen können, wenn ich mehr an meinem Aussehen als an meinem Schreibstil gefeilt hätte…

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Getrennte Fernsehzeiten

In letzter Zeit kommt es mir vor, als herrschten bei uns zu Hause süditalienische Verhältnisse. Andauernd läuft die Glotze, die Theme-Songs der einzelnen Sendungen kenne ich schon fast auswendig, immer wieder werde ich herbeigerufen, weil die Fernbedienung streikt. Was ist bloss schief gelaufen bei uns? Sind „Meiner“ und ich auf unsere alten Tage etwa unseren Prinzipien untreu geworden? Sind wir ermüdet von dem ständigen Kampf um die Zeitbeschränkung? Haben wir resigniert im Kampf gegen die Werbespots, die Wünsche wecken, die kein Kind von sich aus haben würde?

Nicht unbedingt. Zwar sind wir nicht mehr ganz so streng wie früher, aber im Grossen und Ganzen gelten die gleichen Regeln wie immer schon: Eine oder zwei Folgen einer Kinderserie, dann ist Schluss. Werbung wird nach Möglichkeit umgangen, ganze Filme gibt es nur bei speziellen Gelegenheiten wie Krankheit, Kinoabend oder endlosen Regenperioden. 

Aber warum, um Himmels Willen, dröhnt trotzdem andauernd die Glotze im Wohnzimmer? Ganz einfach: Weil Prinzchen, Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPirat nicht gleich ticken wie Luise und Karlsson tickten, als sie in dem Alter waren. Die beiden Grossen schauten nämlich immer alles gemeinsam. Zuerst „Bob de Sou“… ääähm, ich meine „Bob de Boumaa“, später „Angelina Ballerina“ und schliesslich „Meine Schwester Charlie“. Auch Kinoabende waren leicht zu organisieren. „Nemo“ kam nicht in Frage, denn das war zu traurig, dafür kannten sie „Ein Zwilling kommt selten allein“ fast auswendig. Erst seit einiger Zeit glotzen Karlsson und Luise getrennt, er vorzugsweise schwedische Krimis und Biopics, sie himmeltraurige Teenie-Dramen. 

Wie das bei den drei Jüngeren entwickeln wird, will ich mir gar nicht ausmalen, denn schon heute bringen sie es nicht fertig, in friedlicher Eintracht mit glasigem Blick vor der Mattscheibe zu sitzen. Das Prinzchen liebt „Tim und Struppi“, der Zoowärter hasst sie und der FeuerwehrRitterRömerPirat mag sie nur, wenn sich gerade sonst nichts anbietet. Der Zoowärter liebt Pokémons, das Prinzchen hasst sie und der FeuerwehrRitterRömerPirat findet sie zwar lustig, zöge aber eigentlich „Puss in Boots“ vor. Manchmal möchte das Prinzchen aber auch Sport schauen, doch seine beiden Brüder würden nie und nimmer ihre kostbaren Fernsehminuten für so einen Mist opfern. Und dann erfrecht sich der FeuerwehrRitterRömerPirat gar hin und wieder, etwas sehen zu wollen, was erst ab zwölf freigegeben ist. 

Ich habe also die Wahl: Entweder, ich spiele jedes Mal die Mediatorin, um zwischen den verschiedenen Parteien zu vermitteln, oder ich gestatte getrennte Fernsehzeiten, damit jeder nach seiner Façon seine Zeit verschwenden glücklich werden kann. 

Darum kommt es mir vor, als lärme die Glotze bei uns schon fast so häufig wie bei Schwiegermama.

Na ja, immerhin sitzt bei uns jeweils einer da und schaut zu. Bei Schwiegermama plärrt das Gerät meistens ganz alleine vor sich hin. 

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