Getrennte Fernsehzeiten

In letzter Zeit kommt es mir vor, als herrschten bei uns zu Hause süditalienische Verhältnisse. Andauernd läuft die Glotze, die Theme-Songs der einzelnen Sendungen kenne ich schon fast auswendig, immer wieder werde ich herbeigerufen, weil die Fernbedienung streikt. Was ist bloss schief gelaufen bei uns? Sind „Meiner“ und ich auf unsere alten Tage etwa unseren Prinzipien untreu geworden? Sind wir ermüdet von dem ständigen Kampf um die Zeitbeschränkung? Haben wir resigniert im Kampf gegen die Werbespots, die Wünsche wecken, die kein Kind von sich aus haben würde?

Nicht unbedingt. Zwar sind wir nicht mehr ganz so streng wie früher, aber im Grossen und Ganzen gelten die gleichen Regeln wie immer schon: Eine oder zwei Folgen einer Kinderserie, dann ist Schluss. Werbung wird nach Möglichkeit umgangen, ganze Filme gibt es nur bei speziellen Gelegenheiten wie Krankheit, Kinoabend oder endlosen Regenperioden. 

Aber warum, um Himmels Willen, dröhnt trotzdem andauernd die Glotze im Wohnzimmer? Ganz einfach: Weil Prinzchen, Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPirat nicht gleich ticken wie Luise und Karlsson tickten, als sie in dem Alter waren. Die beiden Grossen schauten nämlich immer alles gemeinsam. Zuerst „Bob de Sou“… ääähm, ich meine „Bob de Boumaa“, später „Angelina Ballerina“ und schliesslich „Meine Schwester Charlie“. Auch Kinoabende waren leicht zu organisieren. „Nemo“ kam nicht in Frage, denn das war zu traurig, dafür kannten sie „Ein Zwilling kommt selten allein“ fast auswendig. Erst seit einiger Zeit glotzen Karlsson und Luise getrennt, er vorzugsweise schwedische Krimis und Biopics, sie himmeltraurige Teenie-Dramen. 

Wie das bei den drei Jüngeren entwickeln wird, will ich mir gar nicht ausmalen, denn schon heute bringen sie es nicht fertig, in friedlicher Eintracht mit glasigem Blick vor der Mattscheibe zu sitzen. Das Prinzchen liebt „Tim und Struppi“, der Zoowärter hasst sie und der FeuerwehrRitterRömerPirat mag sie nur, wenn sich gerade sonst nichts anbietet. Der Zoowärter liebt Pokémons, das Prinzchen hasst sie und der FeuerwehrRitterRömerPirat findet sie zwar lustig, zöge aber eigentlich „Puss in Boots“ vor. Manchmal möchte das Prinzchen aber auch Sport schauen, doch seine beiden Brüder würden nie und nimmer ihre kostbaren Fernsehminuten für so einen Mist opfern. Und dann erfrecht sich der FeuerwehrRitterRömerPirat gar hin und wieder, etwas sehen zu wollen, was erst ab zwölf freigegeben ist. 

Ich habe also die Wahl: Entweder, ich spiele jedes Mal die Mediatorin, um zwischen den verschiedenen Parteien zu vermitteln, oder ich gestatte getrennte Fernsehzeiten, damit jeder nach seiner Façon seine Zeit verschwenden glücklich werden kann. 

Darum kommt es mir vor, als lärme die Glotze bei uns schon fast so häufig wie bei Schwiegermama.

Na ja, immerhin sitzt bei uns jeweils einer da und schaut zu. Bei Schwiegermama plärrt das Gerät meistens ganz alleine vor sich hin. 

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2 Kommentare zu “Getrennte Fernsehzeiten

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