Die Glucke und die Grüne, die hatten einen Streit…

Einmal mehr befinde ich mich in einem dieser banalen Dilemmata, in die nur Mütter geraten, die einerseits der Meinung sind, an Geburtstagen seien sämtliche erfüllbaren Wünsche zu erfüllen, die aber andererseits den tiefen Wunsch verspüren, so umweltbewusst wie nur immer möglich durchs Leben zu gehen. Diesmal geht es um Luise und die Erdbeeren.

Luise ist ein Frühlingskind. Leider aber eines, das das Licht der Welt ein paar Wochen vor Beginn der hiesigen Erdbeersaison erblickt hat. Dies hindert sie aber nicht daran, sich zum Geburtstag einen Berg Erdbeeren mit Schlagrahm zu wünschen. Die Glucke in mir drängt mich natürlich dazu, eine Ausnahme zu machen und ihr diesen Wunsch zu erfüllen, aber die Grüne, die eben auch in mir steckt, sträubt sich mit Haut und Haaren dagegen.

Man weiss ja, woher die Erdbeeren kommen, die jetzt schon in den Regalen liegen. Mit der Frage, weshalb dies ökologisch bedenklich ist, hat man sich selbstverständlich eingehend befasst und natürlich hat man sich auch unzählige Male darüber geärgert, dass das Zeug rundum in Plastik verpackt daherkommt. Kurz: Man weiss, dass die Erdbeeren, die um diese Zeit bei uns zu haben sind, ganz schrecklich böse sind.

Und sie sind ja nicht nur böse, sie sind auch furchtbar fade und wässrig. Kommt hinzu, dass es ganz schön peinlich wäre, wenn ich beim Einkauf ertappt würde. Wie stünde ich denn da, mit hochrotem Kopf, peinlich berührt stammelnd, ich würde sowas ja eigentlich nie tun, aber es sei nun mal Luises Geburtstag und da könne man doch nicht so sein…

Der Fall wäre eigentlich klar: Luise muss an ihrem Geburtstag auf umweltverträglichere Weise glücklich werden. Doch wenn sie mich dann ansieht mit ihren grossen, himmelblauen Augen, dann schmelzen meine Grundsätze dahin wie der letzte Schnee an der Frühlingssonne. 

Noch ist der Streit zwischen der Glucke und der Grünen nicht entschieden, doch schon heute steht fest, dass eine der beiden am Ende zutiefst beleidigt sein wird. 

Krokus

Stimmbürger in den Startlöchern

Prinzchen schaut sich eine alte Ausgabe des „Nebelspalters“ an. Ein wiederkehrendes Thema ist die Volksabstimmung „Ja zur grünen Wirtschaft“, die damals gerade aktuell war.

Prinzchen: „Grüne Wirtschaft? Soll man da Ja oder Nein stimmen?“

Ich: „Ich habe Ja gestimmt, denn ich finde es wichtig, dass wir die Umwelt schützen.“ 

Prinzchen: „Dann ist diese Abstimmung also schon vorbei?“

Ich: „Ja und die Mehrheit hat Nein gestimmt.“

Prinzchen (zu sich selber): „Dann hätte ich hier unbedingt Ja stimmen müssen, wenn ich schon abstimmen dürfte.“

Nur noch zehn Jahre, dann darf er…

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Was ich mir für 2017 wünschen würde

  • Dass Frieden wieder als ein absolut erstrebenswerter Zustand betrachtet wird und nicht als ein vollkommen veraltetes Konzept für Memmen, die es nicht wagen, anderen aufs Dach zu geben.
  • Dass Kinder ihre unheimliche Fähigkeit verlieren, jede Ersatzpackung Zahnbürsten sofort aufzuspüren und aufzureissen. (Selbstverständlich gilt dieser Wunsch für jede beliebige Art von Ersatzpackungen, die man irgendwo versteckt, in der Hoffnung, Ersatz zur Hand zu haben, wenn es mal dringend nötig wäre.)
  • Dass es wieder möglich wird, unterschiedliche Meinungen zu vertreten, hitzig zu diskutieren und einander trotzdem zu mögen.
  • Dass Pokémonologie zum Pflichtfach an jeder Schule erklärt wird, weil nur so eine gewisse Möglichkeit besteht, dass die Knöpfe endlich ihr Interesse an den Viechern verlieren.
  • Weniger Religiosität und mehr echten Glauben.
  • Dass das Denken über die eigene Nasenspitze hinaus wieder richtig in Mode kommt.
  • Die Abschaffung von Überraschungseiern, als Kokosnüsse getarnten Aludosen, Wochendendtrips nach New York, in Plastik geschweissten Gurken und anderem Blödsinn.
  • Eine Extraportion Nächstenliebe für jeden Menschen auf diesem Planeten.
  • Regen
  • Gemeinsame Mahlzeiten, bei denen nicht einer motzt.
  • Dass soziale Medien nicht immer asozialer werden. (Also, ich meine jetzt nicht, weil alle nur noch auf ihre Displays starren…)
  • Dass alle Kinder lernen, Blumenkohl zu lieben (Für den Anfang reichen auch zwei oder drei. Hauptsache, der Zoowärter muss sich nicht immer so unverstanden fühlen, wenn er von seiner Leibspeise schwärmt.)
  • Dass der Wahnsinn, der in letzter Zeit so furchtbar modern ist, ein Ende findet, bevor wir glauben, er sei ganz und gar normal.
  • Dass unsere Kinder zu Menschen heranwachsen, die mitdenken und mitgestalten, anstatt einfach nur mitzulaufen.
  • Mindestens einen Abstimmungssonntag, an dem ich nicht Trübsal blasen muss.
  • Friede, Freude, Eierkuchen – aber echt jetzt!

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 Fast schon Etikettenschwindel

Wer – wie ich – regelmässig auf Pinterest nach vegetarischen Rezepten und Tipps für den Biogarten sucht, wird früher oder später mit Clean-Eating-Pins regelrecht überschwemmt. Irgendwie scheint der Algorithmus zu glauben, wer fleischlos und mehr oder weniger naturnah unterwegs ist, sei damit automatisch am aktuellen Ernährungshype – an dem in Tat und Wahrheit nur der Name neu ist – interessiert. Um den Algorithmus nicht zu beleidigen, habe ich mir einen dieser Pins etwas näher angeschaut. Das Thema war „Clean Baking“und die Frage lautete, wie man all die bösen, raffinierten Backzutaten durch „saubere“ Alternativen ersetzt.

Anstelle von dreckigem Weissmehl solle man Mandelmehl verwenden, hiess es da zum Beispiel. Böse Butter müsse durch Kokosöl, Mandelmus oder Erdnussbutter ersetzt werden, fieser Zucker durch Ahornsirup, Datteln oder zerdrückte Bananen. Das Ei vom Bauernhof soll durch Chiasamen und Wasser ausgetauscht werden. Natürlich stehen auf der Liste auch ein paar einheimische Zutaten, aber ein Grossteil der aufgeführten Alternativen wird ziemlich weit hergeholt und wächst ganz bestimmt nicht in den urbanen Gärten der sauberen Esser.

Gesünder und vollwertiger als der ganze raffinierte Mist, den wir in uns hinein schaufeln, ist das ganz bestimmt. Aber „sauber“? Nicht dass ich grundsätzlich etwas gegen Kokosöl, Mandelmehl, Bananen, Chiasamen und der gleichen hätte, und gegen bewusste Ernährung habe ich erst recht nichts einzuwenden. Aber spätestens wenn man sich mal ein paar Gedanken darüber macht, auf welchem Wege diese Dinge in unsere Küchen gelangen, müsste einem dämmern, dass die ganze „Sauberkeit“ schnell einmal durch ziemlich dreckige Luft, Wassermangel und andere Umweltsünden zunichte gemacht wird.

Aber wer will denn schon darüber nachdenken? Wo es doch so erbauend ist, sich selber bei jeder Mahlzeit sagen zu dürfen, was für ein guter Mensch man ist, weil man sich so ganz und gar rein ernährt.

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Alte Zöpfe?

Heute stellt sich ja die Frage, ob man sich überhaupt noch an die heiligen Tage halten soll. Oder muss man sagen: „Hört mal, Pankratius, Servatius, Bonifatius und Sophie, über lange Zeit habe ich euch geehrt und geachtet. Ich habe mich eurem harten Regime gebeugt und versucht, nach eurer Pfeife zu tanzen. Heute aber, in diesen klimaerwärmten Zeiten, erscheint es mir einfach nicht mehr zeitgemäss, mich auf euren Hokuspokus zu verlassen.“

Erlaubt es der Klimawandel, diesen alten Zopf abzuschneiden und die bedingt frostharten Pflänzchen schon ins Freiland lassen, oder fordert man mit diesem frevelhaften Tun die Eisheiligen geradezu auf, den Frost, der fast den ganzen Winter ausgeblieben ist, doch noch über den Garten hereinbrechen zu lassen? Soll man den gestrengen Heiligen nicht einfach eine lange Nase drehen und die Artischocken in den Boden buddeln? Man wäre ja blöd, würde man Wärme und Sonnenschein nicht jetzt schon nutzen…

Was aber, wenn es nun doch noch einmal kalt wird?

Na ja, dann hole ich eben die Deckäste wieder hervor, die noch vom Winter, der aus temperaturgründen abgesagt worden ist, herumliegen.

Und weil die Eisheiligen den Artischocken im wettergeschützten Halbrundbeet ohnehin nicht viel anhaben können, habe ich heute Nachmittag mutig gesagt: „Ihr könnt mich mal, Pankratius, Servatius, Bonifatius und Sophie!“ Mal sehen, wie die das hinnehmen…

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Umwelterziehung?

„Nicht zu viel Badezusatz ins Wasser“, predige ich. „Ein paar Tropfen reichen, um richtig schönen Schaum zu machen.“ Beim nächsten Vollbad landen dann doch wieder zwei – ja, richtig gelesen Z-W-E-I – volle Flaschen Duschgel im Wasser. Und nein, es war nicht etwa das jüngste, unerfahrenste Kind, das dieses Verbrechen begangen hat.

„Licht löschen, wenn man den Raum verlässt. Man kann nicht gegen AKWs sein und andauernd sinnlos Strom verbrauchen“, wiederhole ich so oft, dass ich die Sache bald selber nicht mehr hören mag. Und warum wiederhole ich das so oft? Na, warum wohl?

„Nein, Getränke in Dosen kaufe ich euch nicht“, sage ich, wenn sie unterwegs allzu durstig werden. Es kümmert sie nicht weiter. Sie haben ja Taschengeld und mit dem wird man ja wohl noch machen dürfen, was man will. 

„Bütschgi in den Grünabfall!!! Wie oft muss ich das noch sagen?“, brülle ich, wenn der Abfallkübel mal wieder von auffällig vielen Fruchtfliegen umsummt wird. Das Bütschgi landet natürlich trotzdem nicht im Grünabfall, sondern hier

„Lieber weniger Auswahl im Kleiderschrank, dafür fair produziert“, doziere ich und glaube, sie hätten verstanden, weil die Sache mit der Kinderarbeit ihnen immer zu Herzen geht. Aber dann lockt eben doch der Ausverkauf. 

Und noch ein paar weitere Dinge, die mit ähnlicher Begeisterung aufgenommen werden. Manchmal frage ich mich, ob sie je begreifen werden. Doch dann erinnere ich mich, dass auch ich erst dann grüner wurde, als ich nicht mehr ganz so grün war hinter den Ohren. 

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So schwer kann das doch nicht sein, oder?

Eigentlich hätten „Meiner“ und ich uns ja eine Schnulze reinziehen wollen, aber dann sind wir bei „Fast Food Nation“ gelandet und schon verspüre ich wieder diesen inneren Drang, ab morgen alles anders zu machen. Das Fleisch für die Fleischesser in der Familie nur noch beim Bauern kaufen, nur noch so viel kochen, dass keine Resten bleiben, noch genauer darauf achten, dass nur Saisongerechtes im Einkaufswagen landet, mein Konto bei der Grossbank auflösen und das Geld in Zukunft unter der Matratze verstecken, „Made in China“ boykottieren, eine eigene Bienenzucht aufbauen, eine Kuh in den Garten stellen, das Hausdach mit einer Photovoltaik-Anlage versehen, das Auto nur noch in wirklich dringenden Notfällen brauchen, wobei „mir tun die Füsse weh und ich mag jetzt nicht zu Fuss gehen“ nicht mehr als Notfall durchgeht, die eigene Zeit nur noch für Sinnvolles einsetzen, endlich genügend Geld verdienen, damit wir uns in allen Lebensbereichen einen nachhaltigen Lebensstil leisten können und ausschliesslich ethisch und politisch korrekte Gespräche führen. Der ganze Mist, den wir als „Lebensqualität“ preisen, der uns aber in Wirklichkeit zu stressgeplagten, umweltzerstörenden, asozialen Monstern werden lässt, hängt mir heute Abend noch mehr als gewöhnlich zum Hals heraus. 

Da sitzen wir auf dem Sofa, „Meiner“ und ich, diskutieren über den Film und einmal mehr kommen wir zu dem Schluss, dass sich in unserem Leben gar nicht so viel ändern müsste, damit wir unseren Idealen zumindest einige Schritte näher kämen. Hier ein wenig Umdenken, da ein wenig konsequenter sein, dort die eine oder andere schlechte Gewohnheit ablegen und dann nur noch den Rest der Welt davon überzeugen, dass sie es uns gleichtun sollen. So wenig müsste getan werden, damit wir endlich wieder mit einem ruhigeren Gewissen einschlafen könnten.