Fast geschafft

Der Adventsmarkt ist zwar bereits Geschichte, aber die Sache mit dem Panettone liess mir keine Ruhe. Das muss doch einfach machbar sein für eine, die seit ihrer Kindheit Kuchen bäckt. Also fing ich an, die Rezepte der italienischen Meister zu studieren. Weil ich trotz ganz passabler Italienischkenntnisse nicht jeden Schritt der endlosen Anleitungen verstand, war ich ausgesprochen erleichtert, als mir eine Freundin eine auf Deutsch verfasste Anleitung einer Italienerin zukommen liess. Und endlich verstand ich, was den Panettone so schwierig macht:

Er verzeiht dir keine Ungenauigkeit.

Er verlangt mehr Aufmerksamkeit als ein Kaffee-Vollautomat.

Er duldet niemanden neben sich. Und schon gar nicht über sich.

Er ist dein Herr und Gebieter, bis zum allerletzten Arbeitsschritt.

Nachdem ich das begriffen hatte, fühlte ich mich bereit, die Sache erneut anzugehen. Sklavisch hielt ich mich ans Rezept, fein säuberlich stellte ich die Zutaten weit  im Voraus bereit, endlos viel Zeit verbrachte ich an der Seite meiner Küchenmaschine, um darüber zu wachen, dass sie auch ja sorgsam umgehe mit dem Teig. Und siehe da: Der Aufwand hat sich gelohnt, es wurde alles so, wie es im Rezept versprochen wird.

Na ja, fast alles. Die Sache mit dem Aufhängen zum Abkühlen will noch nicht so recht klappen. Nachdem das erste Exemplar, das ich aus dem Ofen zog, einem Absturz zum Opfer fiel, habe ich mich entschieden, die anderen erst einmal aufrecht auskühlen zu lassen. Lieber ein eingefallener Panettone als ein Abgestürzter.

Aber auch das werde ich noch in den Griff bekommen. Irgendwann, wenn ich wieder in Stimmung bin, mein ganzes Sein und Wollen einem Teig zu unterordnen.

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Das gehört zur Vorfreude eben dazu…

Eigentlich hätte hier heute ein Panettone zu sehen sein sollen. Ein hübsches kleines Ding, wohlgeformt dank meinen stürmischen Lievito Madre, aromatisch dank dem Orangeat, das ich auch der Toscana mit nach Hause gebracht habe. Einen Werbespot hätte es geben sollen, damit ihr wisst, was es am 2. Dezember an unserem Stand am Sternenzauber-Adventsmarkt im Schönenwerder Kreuzgang zu kaufen geben soll.

Nun, mein Panettone wurde zwar ausgesprochen aromatisch, sonst aber leider ganz und gar nicht so, wie er hätte werden müssen. Ich sah mich gezwungen, zum Rosinenhefewasser zu greifen, um Mut für einen erneuten Versuch zu fassen. Ob es bis zum 2. Dezember gelingt, das Gebäck so hinzukriegen, wie es sein soll, steht in den Sternen. Wenn nicht, ist es aber auch nicht weiter schlimm, denn es wird auch sonst viel Schönes und Feines zu kaufen geben, sowohl bei uns, als auch bei vielen anderen. Wir freuen uns auf einen wunderschönen vorweihnachtlichen Anlass. 

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Wenn der kleine Esel den Grossen Langohr schimpft

Weil der kleine Perfektionist im Hause morgen seinen neunten Geburtstag feiert, ist die ganze Familie bei der Gotte zum Mittagessen eingeladen. Die Mama des kleinen Perfektionisten hat ein Brot gebacken zum Mitbringen. Dieses duftet zwar ganz wunderbar und die Kruste ist ebenfalls nicht schlecht geraten, doch leider ist es ein wenig flach herausgekommen. Und ein bisschen unförmig auch. Also nicht gut genug, um verschenkt zu werden, findet die Mama des kleinen Perfektionisten, die mit der gleichen Schwäche zu kämpfen hat wie ihr Sohn.

Für einmal aber sieht der Sohn nicht ein, was am nicht ganz Perfekten nicht gut genug sein sollte. Er ist nämlich nicht nur ein kleiner Perfektionist, sondern auch ein grosser Brotliebhaber. Und darum beschliesst er, seiner Mama eine Lektion zu erteilen. Im grossen Durcheinander, das in dieser Familie jedes Mal aufkommt, wenn alle gleich- und rechtzeitig aus dem Haus gehen sollten, nimmt er das Brot, das die Mama für nicht gut genug befunden hat, mit ins Auto. Als ihr kurz vor dem Losfahren der Duft in die Nase steigt und sie sich verwundert umsieht, grinst der kleine Perfektionist sie schelmisch an und meint: „Mama, du verschenkst dieses Brot, ist das klar? Weisst du, es muss nicht immer alles perfekt sein.“

So nachdrücklich, wie er das sagt, könnte man fast glauben, er sei von seiner eigenen Predigt überzeugt… 

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Hyperaktiver Lievito Madre

Bereits im Sommer fasste ich den Entschluss, es mal mit Lievito Madre zu versuchen. Da ich aber wusste, dass dieses wundersame Geschöpf viel Zuwendung braucht, die ich ihm während unserer Toscana-Ferien nicht würde bieten können, verschob ich das Vorhaben auf nach den Herbstferien. Ein weiser Entscheid, denn in Italien stiess ich auf das perfekte Mehl für die regelmässige Fütterung des Sauerteigs. (Falls jemand demnächst einmal nach Italien reist und danach bei mir vorbei kommt: Ich bräuchte dringend Nachschub…)

Weil ich mich nahezu sklavisch an alles halte, was der Brotdoc empfiehlt, musste ich erst einmal Rosinenhefewasser herstellen. Ein Vorhaben, das erst beim dritten Anlauf klappte. Bei den ersten beiden Durchgängen stiegen nicht kleine, lustige Blasen auf, sondern hässliche, graue Schimmelpilze. Beim dritten Anlauf gelang es endlich und dann ging es los mit der Hetzerei: Ich mischte die Zutaten für den Grundansatz und wollte das Zeug – wie in der Anleitung empfohlen – 48 Stunden ruhen lassen. Doch bereits nach 12 Stunden hatte das Volumen um das Dreifache zugenommen, so dass ich mich gezwungen sah, zum nächsten Schritt überzugehen. Auch hier wären wieder 48 Stunden Wartezeit vorgesehen gewesen, doch mein lieber neuer Mitbewohner fühlte sich bereits nach 12 Stunden bereit für eine erneute Fütterung. So ging es munter weiter. Jede im Rezept angegebene Wartezeit verkürzte der Streber mindestens um die Hälfte.

Dagegen hätte ich grundsätzlich nichts einzuwenden gehabt, denn ich bin ein ungeduldiger Mensch, der gerne sofort Resultate sieht. Da aber nach jedem Auffrischen eine ganze Menge Reste übrig blieben, die verbacken werden wollten, kam ich fast nicht mehr nach mit Backen. Kaum hatte ich ein neues Brot im Ofen, schrie mein Sauerteig nach neuem Futter und ich sah mich gezwungen, noch mehr zu backen. Am Ende hatten wir so viel Brot, dass nicht einmal meine ausgesprochen verfressene Familie in der Lage war, alles zu vertilgen, ehe ein neuer Laib aus dem Ofen kam.

Heute schliesslich verlangte das Monstrum gleich zweimal nach einer Auffrischung. Der beste Pizzateig meiner Küchenkarriere war noch nicht zu Pizza verarbeitet, schon musste ich mich wieder nach einem Brotrezept umsehen, um die Überreste der nächsten Fütterung zu verwerten. Ich backe ja grundsätzlich sehr gerne, aber das wurde selbst mir zuviel. „So kann es nicht weitergehen“, sagte ich zu meinem Lievito. „Es kann doch nicht sein, dass du mich mit deiner Triebkraft vor dir hertreibst.“ 

Und so kommt es, dass mein lieber neuer Mitbewohner heute Abend im Kühlschrank nächtigen muss. 

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 Fast schon Etikettenschwindel

Wer – wie ich – regelmässig auf Pinterest nach vegetarischen Rezepten und Tipps für den Biogarten sucht, wird früher oder später mit Clean-Eating-Pins regelrecht überschwemmt. Irgendwie scheint der Algorithmus zu glauben, wer fleischlos und mehr oder weniger naturnah unterwegs ist, sei damit automatisch am aktuellen Ernährungshype – an dem in Tat und Wahrheit nur der Name neu ist – interessiert. Um den Algorithmus nicht zu beleidigen, habe ich mir einen dieser Pins etwas näher angeschaut. Das Thema war „Clean Baking“und die Frage lautete, wie man all die bösen, raffinierten Backzutaten durch „saubere“ Alternativen ersetzt.

Anstelle von dreckigem Weissmehl solle man Mandelmehl verwenden, hiess es da zum Beispiel. Böse Butter müsse durch Kokosöl, Mandelmus oder Erdnussbutter ersetzt werden, fieser Zucker durch Ahornsirup, Datteln oder zerdrückte Bananen. Das Ei vom Bauernhof soll durch Chiasamen und Wasser ausgetauscht werden. Natürlich stehen auf der Liste auch ein paar einheimische Zutaten, aber ein Grossteil der aufgeführten Alternativen wird ziemlich weit hergeholt und wächst ganz bestimmt nicht in den urbanen Gärten der sauberen Esser.

Gesünder und vollwertiger als der ganze raffinierte Mist, den wir in uns hinein schaufeln, ist das ganz bestimmt. Aber „sauber“? Nicht dass ich grundsätzlich etwas gegen Kokosöl, Mandelmehl, Bananen, Chiasamen und der gleichen hätte, und gegen bewusste Ernährung habe ich erst recht nichts einzuwenden. Aber spätestens wenn man sich mal ein paar Gedanken darüber macht, auf welchem Wege diese Dinge in unsere Küchen gelangen, müsste einem dämmern, dass die ganze „Sauberkeit“ schnell einmal durch ziemlich dreckige Luft, Wassermangel und andere Umweltsünden zunichte gemacht wird.

Aber wer will denn schon darüber nachdenken? Wo es doch so erbauend ist, sich selber bei jeder Mahlzeit sagen zu dürfen, was für ein guter Mensch man ist, weil man sich so ganz und gar rein ernährt.

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Traditionsvergessen

Nein, deswegen wird die Welt nicht untergehen. Sie hätte ja in diesen Tagen wahrlich genügend andere Gründe, sich in den Abgrund zu stürzen, um dem ganzen Elend ein Ende zu setzen, da wird es ihr also herzlich egal sein, was „Meiner“ und die Kinder aus meiner sorgfältig geplanten Guezli-Aktion gemacht haben. 

Ein friedliches gemeinsames Backen zum vierten Advent hätte es werden sollen. Mailänderli, Chräbeli, Zimtsterne und Spitzbuben. Mindestens. Vielleicht auch noch zwei oder drei Sorten mehr, je nachdem, wie lange die Freude anhalten würde. Ein netter Familienanlass, damit wir wenigstens in den eigenen vier Wänden ein paar Stunden heile Welt hätten, wo da draussen doch schon alle am Durchdrehen sind.

Tja, und dann kam am Donnerstag dieser Käfer, der mich so sehr ausser Gefecht gesetzt hat, dass die Familie am Freitagnachmittag besorgt an meinem Bett stand und wissen wollte, was bloss los sei mit mir, ich würde nur noch wirres Zeug von mir geben. Muss also wirklich ziemlich unverständlich gewesen sein, was ich da gebrabbelt habe, denn zumindest die Minderjährigen im Hause sind ja schon längst der Meinung, die Hälfte dessen, was aus meinem Mund komme, ergebe keinen Sinn. Weil ich inzwischen zwar wieder in der Lage bin, klare Gedanken zu fassen, aber noch zu schwach bin, um mit Wallholz und Teigschüssel zu hantieren, musste die Weihnachtsbäckerei ohne mich stattfinden.

Nun ist es leider so, dass „Meiner“, der sonst ein ausgesprochen vielseitiger und talentierter Mensch ist, vom Hochhalten heiliger Familientraditionen keine Ahnung hat. Und so wurde mein Backprogramm erst einmal um die Hälfte gekürzt – von den Suppléments, von denen ich geträumt hatte, wollen wir gar nicht erst zu reden anfangen. Da die Suche nach den Ausstechern, die nach der Küchenrenovation natürlich nicht mehr dort sind, wo sie einmal waren, nicht sogleich von Erfolg gekrönt war, wurde der Mailänderliteig halt mit Messern traktiert. Und weil man von einem vielbeschäftigten Menschen nicht erwarten kann, dass er ein Guezlirezept zu Ende liest, wanderten die Zimtsterne schon heute in den Ofen, wo sie doch eigentlich über Nacht hätten trocknen müssen. Kein schöner Anblick, das Ganze, muss ich leider sagen.

Damit kann ich leben, denn bis ich diesen fiesen Käfer endlich bezwungen habe, werden die missratenen Guezli ohnehin alle schon aufgegessen sein und ich muss sie mir nicht mehr ansehen. Bedenklicher finde ich, dass es denen da draussen vor der Krankenzimmertür einen Heidenspass gemacht hat, eine der schönsten Weihnachtstraditionen mit dem Messer zu taktieren. 

Zum Glück bietet mir die heutige Sonntagspresse wieder genügend Anlass, mir echte Sorgen zu machen. Sonst würde ich mich am Ende noch über meine Lieben ärgern und dann werde ich nie und nimmer rechtzeitig gesund, um wenigstens noch ein paar anständige Anis-Chräbeli zu backen. 

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Auf der Suche nach etwas Dauerhaftem

Es ist vielleicht eine gewagte Behauptung, aber ich würde doch sagen, die Beziehung Mensch-Wallholz habe früher oft ein ganzes Erwachsenenleben lang gehalten. Mit der Aussteuer fing es an, dann folgten vergnügliche Jahre in der Küche und das traurige Ende kam erst, wenn die menschliche Hälfte des Paares das Zeitliche segnete. Nicht selten blieb so ein Wallholz dann noch in der Familie und wurde in Ehren gehalten, bis es eines Tages dann doch den Geist aufgab.

Meine eigene Wallholz-Beziehungsgeschichte ist weitaus wechselhafter. Sie ist geprägt von Brüchen, Unzuverlässigkeit und Beziehungsverweigerung. Frühere Generationen würden, wenn sie von meinem Wallholzverschleiss wüssten, vor Empörung erröten und sagen, ich sei ein Flittchen. Da ich so etwas nicht auf mir sitzen lassen kann, bin ich, nachdem kürzlich wieder eine Beziehung in die Brüche gegangen ist, in mich gegangen und habe mich gefragt, ob es denn wirklich an mir liegt, dass ich mich noch immer nicht fest an ein Wallholz habe binden können. Zwei Vorwürfe muss ich mir dabei machen:

  1. Beim ersten Zerwürfnis lag es tatsächlich an mir. Es war ein traumhaft schönes Stück, rot geäderter Marmor, edle Verarbeitung, schwer und doch flink. Ein Geschenk von einem lieben Menschen. Glaubt mir, ich habe es geliebt mit jeder Faser meiner Bäckerseele, aber Liebe allein reicht leider nicht. Man müsste mit einer solchen Kostbarkeit auch umgehen können, denn Marmor verzeiht keine Fehler. Nun, ich war noch nicht reif genug und so genügte eine kleine Ungeschicklichkeit, um meinem Wallholz, das ja eigentlich gar kein Holz war, ein Ende zu bereiten. Alles, was von dieser Beziehung blieb, waren einige Marmorsplitter und verklärte Erinnerungen.
  2. Zwar habe ich mich nie mit dem Billigsten begnügt, aber ich habe mich doch immer wieder dazu verleiten lassen, zu kaufen, was gerade verfügbar war, anstatt abzuwarten, bis ich dem Richtigen begegnete. Meistens blieb mir ja auch keine Zeit, mich länger umzusehen, da ich nicht bereit war, auf das Backen zu verzichten.

Dies also meine zwei Fehler, alles andere liegt nicht an mir, sondern daran, dass die Hölzer heutzutage zu nichts mehr taugen. Das Zeug ist einfach nicht mehr für eine lebenslange Beziehung gemacht. Klar, die Dinger sehen ganz solide aus, sind meistens recht hübsch anzusehen und prahlen mit beeindruckenden Fähigkeiten. Eine Schwachstelle haben sie aber alle, doch die wird gewöhnlich erst sichtbar, wenn es hart auf hart geht. Du glaubst, alles sei in bester Ordnung und dann plötzlich, bei der hundertsten Portion Plunderteig, brechen sie mir nichts, dir nichts heulend zusammen und wollen nicht mehr weitermachen. Und weil Plunderteig keine schwächlichen Wallhölzer duldet, bis du gezwungen, umgehend für Ersatz zu sorgen.

„Diesmal nicht“, habe ich mir geschworen und mit dem in der Mitte gebrochenen Nudelholz so gut als möglich weitergemacht. „Diesmal muss es etwas Dauerhaftes sein, koste es, was es wolle.“ Kosten wird es, das wurde mir schon beim ersten kurzen Stöbern klar, aber das muss jetzt einfach sein. Ich bin es leid, mich immer und immer wieder auf ein neues Wallholz einzulassen und darum kommt mir erst ein Ersatz ins Haus, wenn es das Richtige ist.

Ach, und kommt mir jetzt bitte nicht mit diesen italienischen Hölzern ohne Griff. Mit denen komme ich gar nicht klar.

Und noch etwas: Zum Glück gehöre ich nicht zu der Sorte Frauen, die mit dem Wallholz Einbrecher abwehrt. Hätte mich ja ganz schrecklich blamiert, wenn so ein Memmenholz gleich beim ersten Schlag heulend zusammengebrochen wäre.

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