Her mit meiner Waage!

Es muss an dem schlechten Ruf liegen, den Eltern heutzutage geniessen, anders kann ich mir die Sache nicht erklären. „Die setzen ihren Kindern doch ohnehin nur Fertigprodukte vor. Die kommen doch problemlos eine Zeit lang ohne ihre Küchenwaagen klar“, muss einer der Lehrer gesagt haben. „Die meisten schicken ihre Brut über Mittag doch ohnehin in die Kebab-Bude“, muss eine Lehrerin darauf geantwortet haben. „Man wird wohl froh sein müssen, wenn überhaupt jedes Kind eine Waage auftreiben kann.“ 

So oder so ähnlich muss es in der Besprechung getönt haben, als man beschloss, die Kinder zu beauftragen, eine Küchenwaage mitzubringen, auf dass die Klasse das Thema „Schätzen und Abwägen“ praxisnah üben könne. 

Man verstehe mich bitte nicht falsch. Gegen praxisnahen Unterricht habe ich ganz und gar nichts einzuwenden. Aber bitte nicht mit meiner Küchenwaage. Die wird in unserem Haushalt nämlich nicht nur zu Übungszwecken gebraucht. Die ist ein ausgesprochen wertvolles Mitglied meiner Küchenausstattung, denn ohne sie wüsste ich nicht, ob der Lievito Madre ausreichend Futter bekommt, ob die Verhältnisse von Dinkel und Weizen im Brotteig ausgewogen sind und ob ich es bei der Brioche mal wieder mit der Butter übertreibe. Natürlich habe ich gewisse Dinge inzwischen so halbwegs im Gefühl, aber an manchen Tagen ist auf meine Gefühle ganz und gar kein Verlass, weshalb die Waage eben doch unerlässlich ist. 

Man mag sich fragen, weshalb ich nicht laut vernehmlich Nein gesagt habe, als das Prinzchen mich bat, die Waage mitnehmen zu dürfen. Nun, das hat durchaus seine Gründe. Zum einen habe ich in den vergangenen Jahren gelernt, dass Lehrpersonen nicht sehr erfreut sind, wenn Kinder ihre Hausaufgaben nicht erledigen. Zum anderen hat mir das Prinzchen hoch und heilig versprochen, es sei doch bloss für einen Tag und weil noch Brot da war, glaubte ich, so lange ohne sie auskommen zu können. Und dann soll mal einer versuchen, dem Prinzchen einen Wunsch auszuschlagen, wenn er so vor einem steht, mit treuherzigem Blick, zuckersüssem Lächeln und dem Gesicht voller Sommersprossen. Bei so viel Charme kann man einfach nicht nein sagen.

Tja, und jetzt muss ich eben damit klarkommen, dass es halt doch nicht nur für einen Tag war. Meine Waage wird nun bereits seit einer Woche im Schulzimmer festgehalten. Und das Schlimmste an der Sache ist: Während ich mich vor lauter Sehnsucht nach ihr verzehre und mich bereits zweimal dazu gezwungen sah, Brot zu kaufen, feiert sie wohl gerade Party mit ihren Kolleginnen, denn so viele verschiedene Küchenwaagen wie jetzt hatte sie zum letzen Mal um sich, als sie noch in irgend einer Haushaltabteilung darauf wartete, von mir gekauft zu werden. 

Ob ich versuchen soll, sie mithilfe von Lösegeld zurückzuholen? 20 hausgemachte Croissants sollten wohl reichen, um den Lehrer gnädig zu stimmen. 

Wobei, wie soll das gehen? Wo ich doch die Zutaten nicht abwägen kann…

skål

Später Snack

Abends gegen zehn: Ich ziehe ein frisches Brot aus dem Ofen. Fünf Minuten später steht ein hungriger FeuerwehrRitterRömerPirat in der Küche. Er habe heute Abend noch kaum etwas gegessen, ob er vielleicht ein wenig Brot haben dürfe? Weil Ferien sind, erlaube ich den späten Snack ausnahmsweise. Kurz darauf ist auch das Prinzchen da. Trotz Ferien sollte er eigentlich schon längst schlafen, aber wer könnte denn so ungerecht sein, ihm den Wunsch nach Brot abzuschlagen, wo sein Bruder doch gerade genüsslich in seine Scheibe beisst? Und natürlich bringe ich es auch nicht übers Herz, den Zoowärter leer ausgehen zu lassen, als er in die Küche geschlichen kommt.

Nach der ersten Runde hätte ich wirklich gerne Feierabend, doch unsere Söhne sind anderer Meinung. So wunderbar sei das Brot, so viel besser als das Zeug aus der Bäckerei, so saftig und doch knusprig, schwärmen sie. Die Sache mit dem Feierabend könne ich glatt vergessen, wenn sie nicht mehr Brot bekämen.

Wie, um alles in der Welt, soll ich es bei dieser Schmeichelei fertig bringen, ihnen das spätabendliche Gelage übel zu nehmen und sie ohne einen weiteren Bissen Brot ins Bett zu schicken?

6A53A42A-D312-417F-9AD1-875DCBE9D50E

 

Folgenschwer

Der FeuerwehrRitterRömerPirat heute beim Abendessen: „Als ich zu Frau XY in die Schule kam, ermordete sie sogleich meine Schulfreude.“

Ich: „Stimmt, ich erinnere mich. Du warst so froh, endlich ein Schüler zu sein und dann war deine Begeisterung schon nach wenigen Tagen verflogen. Aber deine Schulfreude ist inzwischen bestimmt wieder nachgewachsen. Es geht dir doch jetzt so gut.“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Na ja, weisst du, so einfach ist das nicht. Die meisten Menschen haben nur eine Schulfreude und wenn die mal umgebracht worden ist, wächst nicht so leicht wieder eine neue.“

658FA3EB-47B9-41C9-957B-EC6B3E4D6E5A

Fast geschafft

Der Adventsmarkt ist zwar bereits Geschichte, aber die Sache mit dem Panettone liess mir keine Ruhe. Das muss doch einfach machbar sein für eine, die seit ihrer Kindheit Kuchen bäckt. Also fing ich an, die Rezepte der italienischen Meister zu studieren. Weil ich trotz ganz passabler Italienischkenntnisse nicht jeden Schritt der endlosen Anleitungen verstand, war ich ausgesprochen erleichtert, als mir eine Freundin eine auf Deutsch verfasste Anleitung einer Italienerin zukommen liess. Und endlich verstand ich, was den Panettone so schwierig macht:

Er verzeiht dir keine Ungenauigkeit.

Er verlangt mehr Aufmerksamkeit als ein Kaffee-Vollautomat.

Er duldet niemanden neben sich. Und schon gar nicht über sich.

Er ist dein Herr und Gebieter, bis zum allerletzten Arbeitsschritt.

Nachdem ich das begriffen hatte, fühlte ich mich bereit, die Sache erneut anzugehen. Sklavisch hielt ich mich ans Rezept, fein säuberlich stellte ich die Zutaten weit  im Voraus bereit, endlos viel Zeit verbrachte ich an der Seite meiner Küchenmaschine, um darüber zu wachen, dass sie auch ja sorgsam umgehe mit dem Teig. Und siehe da: Der Aufwand hat sich gelohnt, es wurde alles so, wie es im Rezept versprochen wird.

Na ja, fast alles. Die Sache mit dem Aufhängen zum Abkühlen will noch nicht so recht klappen. Nachdem das erste Exemplar, das ich aus dem Ofen zog, einem Absturz zum Opfer fiel, habe ich mich entschieden, die anderen erst einmal aufrecht auskühlen zu lassen. Lieber ein eingefallener Panettone als ein Abgestürzter.

Aber auch das werde ich noch in den Griff bekommen. Irgendwann, wenn ich wieder in Stimmung bin, mein ganzes Sein und Wollen einem Teig zu unterordnen.

21EC6A6B-142B-407D-8D92-700409CB563E

Das gehört zur Vorfreude eben dazu…

Eigentlich hätte hier heute ein Panettone zu sehen sein sollen. Ein hübsches kleines Ding, wohlgeformt dank meinen stürmischen Lievito Madre, aromatisch dank dem Orangeat, das ich auch der Toscana mit nach Hause gebracht habe. Einen Werbespot hätte es geben sollen, damit ihr wisst, was es am 2. Dezember an unserem Stand am Sternenzauber-Adventsmarkt im Schönenwerder Kreuzgang zu kaufen geben soll.

Nun, mein Panettone wurde zwar ausgesprochen aromatisch, sonst aber leider ganz und gar nicht so, wie er hätte werden müssen. Ich sah mich gezwungen, zum Rosinenhefewasser zu greifen, um Mut für einen erneuten Versuch zu fassen. Ob es bis zum 2. Dezember gelingt, das Gebäck so hinzukriegen, wie es sein soll, steht in den Sternen. Wenn nicht, ist es aber auch nicht weiter schlimm, denn es wird auch sonst viel Schönes und Feines zu kaufen geben, sowohl bei uns, als auch bei vielen anderen. Wir freuen uns auf einen wunderschönen vorweihnachtlichen Anlass. 

hellgrün

Wenn der kleine Esel den Grossen Langohr schimpft

Weil der kleine Perfektionist im Hause morgen seinen neunten Geburtstag feiert, ist die ganze Familie bei der Gotte zum Mittagessen eingeladen. Die Mama des kleinen Perfektionisten hat ein Brot gebacken zum Mitbringen. Dieses duftet zwar ganz wunderbar und die Kruste ist ebenfalls nicht schlecht geraten, doch leider ist es ein wenig flach herausgekommen. Und ein bisschen unförmig auch. Also nicht gut genug, um verschenkt zu werden, findet die Mama des kleinen Perfektionisten, die mit der gleichen Schwäche zu kämpfen hat wie ihr Sohn.

Für einmal aber sieht der Sohn nicht ein, was am nicht ganz Perfekten nicht gut genug sein sollte. Er ist nämlich nicht nur ein kleiner Perfektionist, sondern auch ein grosser Brotliebhaber. Und darum beschliesst er, seiner Mama eine Lektion zu erteilen. Im grossen Durcheinander, das in dieser Familie jedes Mal aufkommt, wenn alle gleich- und rechtzeitig aus dem Haus gehen sollten, nimmt er das Brot, das die Mama für nicht gut genug befunden hat, mit ins Auto. Als ihr kurz vor dem Losfahren der Duft in die Nase steigt und sie sich verwundert umsieht, grinst der kleine Perfektionist sie schelmisch an und meint: „Mama, du verschenkst dieses Brot, ist das klar? Weisst du, es muss nicht immer alles perfekt sein.“

So nachdrücklich, wie er das sagt, könnte man fast glauben, er sei von seiner eigenen Predigt überzeugt… 

rosarot

 

 

Hyperaktiver Lievito Madre

Bereits im Sommer fasste ich den Entschluss, es mal mit Lievito Madre zu versuchen. Da ich aber wusste, dass dieses wundersame Geschöpf viel Zuwendung braucht, die ich ihm während unserer Toscana-Ferien nicht würde bieten können, verschob ich das Vorhaben auf nach den Herbstferien. Ein weiser Entscheid, denn in Italien stiess ich auf das perfekte Mehl für die regelmässige Fütterung des Sauerteigs. (Falls jemand demnächst einmal nach Italien reist und danach bei mir vorbei kommt: Ich bräuchte dringend Nachschub…)

Weil ich mich nahezu sklavisch an alles halte, was der Brotdoc empfiehlt, musste ich erst einmal Rosinenhefewasser herstellen. Ein Vorhaben, das erst beim dritten Anlauf klappte. Bei den ersten beiden Durchgängen stiegen nicht kleine, lustige Blasen auf, sondern hässliche, graue Schimmelpilze. Beim dritten Anlauf gelang es endlich und dann ging es los mit der Hetzerei: Ich mischte die Zutaten für den Grundansatz und wollte das Zeug – wie in der Anleitung empfohlen – 48 Stunden ruhen lassen. Doch bereits nach 12 Stunden hatte das Volumen um das Dreifache zugenommen, so dass ich mich gezwungen sah, zum nächsten Schritt überzugehen. Auch hier wären wieder 48 Stunden Wartezeit vorgesehen gewesen, doch mein lieber neuer Mitbewohner fühlte sich bereits nach 12 Stunden bereit für eine erneute Fütterung. So ging es munter weiter. Jede im Rezept angegebene Wartezeit verkürzte der Streber mindestens um die Hälfte.

Dagegen hätte ich grundsätzlich nichts einzuwenden gehabt, denn ich bin ein ungeduldiger Mensch, der gerne sofort Resultate sieht. Da aber nach jedem Auffrischen eine ganze Menge Reste übrig blieben, die verbacken werden wollten, kam ich fast nicht mehr nach mit Backen. Kaum hatte ich ein neues Brot im Ofen, schrie mein Sauerteig nach neuem Futter und ich sah mich gezwungen, noch mehr zu backen. Am Ende hatten wir so viel Brot, dass nicht einmal meine ausgesprochen verfressene Familie in der Lage war, alles zu vertilgen, ehe ein neuer Laib aus dem Ofen kam.

Heute schliesslich verlangte das Monstrum gleich zweimal nach einer Auffrischung. Der beste Pizzateig meiner Küchenkarriere war noch nicht zu Pizza verarbeitet, schon musste ich mich wieder nach einem Brotrezept umsehen, um die Überreste der nächsten Fütterung zu verwerten. Ich backe ja grundsätzlich sehr gerne, aber das wurde selbst mir zuviel. „So kann es nicht weitergehen“, sagte ich zu meinem Lievito. „Es kann doch nicht sein, dass du mich mit deiner Triebkraft vor dir hertreibst.“ 

Und so kommt es, dass mein lieber neuer Mitbewohner heute Abend im Kühlschrank nächtigen muss. 

blå