Unzufriedenheitstraining

Wiedermal ein ungeplanter Arzttermin. Wie jedes Mal vor der Untersuchung wird das Kind gebeten, sich wiegen und messen zu lassen. Die Praxisassistentin notiert sich Gewicht und Grösse und bemerkt genüsslich: „Beim letzten Besuch warst du genau gleich gross, aber zwei Kilos leichter.“

Bravo! Solche Bemerkungen sollte man – völlig normalgewichtigen – weiblichen Teenagern viel öfter vor die Füsse knallen. Sonst lernen die ja nie, mit ihrem Körper unzufrieden zu sein. 

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Interkultureller Dialogversuch, Teil VII

Für einmal kein Versuch, mich mit meiner Schwiegermama zu verständigen, sondern eine kleine Beobachtung über die Interaktion von Schweizern und Holländern:

Im Café, an der Kasse oder sonst irgendwo: Ein Holländer oder eine Holländerin sagt etwas zu uns. Wir haben das Gefühl, das Gesagte zu verstehen, denn irgendwie klingt das ja sehr Schweizerdeutsch. Aber natürlich verstehen wir nur Bruchstücke und darum geben wir unserem Gesprächspartner zu verstehen, dass wir eben doch nicht so recht verstehen. Inzwischen hat die Person aber mitbekommen, wie wir untereinander ein paar Worte auf Schweizerdeutsch gewechselt haben und von diesen Worten hat sie ebenfalls einige Bruchstücke verstanden, weil unsere Sprache für sie ja eben auch irgendwie vertraut klingt. Also gibt sie uns zu verstehen, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden, fügt ein paar klärende Worte hinzu, die für uns auch wieder irgendwie halbwegs verständlich sind und so geht das eine Weile weiter, bis wir uns mit viel Geschwätz, Gelächter und Gesten so gut verständigt haben, dass wir oft nicht mal den Umweg über das Englische nehmen müssen.

Ich finde diese Art von Völkerverständigung sympathischer als die Methoden, von denen man in diesen Tagen in den Nachrichten erfährt. 

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Feedback(un)kultur

Nichts gegen Ehrlichkeit, aber seitdem sich die Menschen angewöhnt haben, zu jeder Kleinigkeit ihr Feedback abzugeben und zwar auch dann, wenn man sich nicht besonders nahe steht, geht sie mir zuweilen richtig auf den Geist.

„Als ich mich zum ersten Mal mit dir unterhalten habe, fand ich dich echt sonderbar“, sagt man zum Beispiel und plötzlich ist da eine Befangenheit, die nicht wäre, wenn die andere Person es nicht für nötig erachtet hätte, die erste Begegnung zu evaluieren.

„Ich an deiner Stelle hätte jetzt anders reagiert, als dein Kind aufsässig wurde“, bemerkt jemand, den du kaum kennst und schon fühlst du dich andauernd einem kritischen Blick ausgesetzt, wenn es in Anwesenheit dieser Person zu einer spannungsgeladenen Situation mit den Kindern kommt.

„Als du dich zu uns gesetzt hast, hat mich das erst einmal gestresst, weil ich mich gerne mit der anderen Person fertig unterhalten hätte, aber jetzt war es doch noch ganz unterhaltsam zu dritt“, schliesst jemand eine lockere Gesprächsrunde ab und schon ist ein eben noch wunderbarer Moment verdorben. 

„Jetzt, wo ich mal bei dir zu Hause war, bin ich echt beruhigt. Es gibt tatsächlich Leute, die noch mehr Chaos haben als ich“, sagt ein seltener Gast und du fragst dich, ob das jetzt wirklich ein Kompliment hätte sein sollen. 

„Ach, wissen Sie, das macht doch nichts, wenn man ein wenig rundlicher ist. Hauptsache man ist gesund und ein netter Mensch“, sagt ein fast Fremder jovial und du denkst, dass dies doch eigentlich eine Angelegneheit zwischen dir und deiner Waage wäre. 

„Das Essen war ganz in Ordnung, aber ich hätte das Risotto etwas länger gekocht“, lässt dir eine entfernte Verwandte über deinen Mann ausrichten und von nun an hast du irgendwie keine Lust mehr, dir für diese Person allzu viel Mühe zu geben beim Kochen. 

Himmel, muss man denn wirklich immer sagen, was man denkt? Andauernd gibt jeder ungefragt eine Rückmeldung und irgendwann fängst du an, dich nach der guten alten Höflichkeit zu sehnen, die den Menschen gebot, gewisse Dinge ungesagt zu lassen. 

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Dialekt, wenn ich bitten darf

Eigentlich gehöre ich ja nicht zu den Menschen, die ein Problem mit Schriftdeutsch haben.  Hätte man in unserem Kanton über ein Mundart-Obligatorium im Kindergarten abgestimmt, hätte ich ein Nein in die Urne gelegt. Wenn Lehrer im Sportunterricht und auf der Schulreise Hochdeutsch reden, finde ich dies zwar ziemlich übertrieben, aber es käme mir nicht in den Sinn, deswegen einen Aufstand zu machen. Mich stört es nicht mal gross, wenn kleine Kinder hierzulande eine Zeit lang so klingen, als wären sie direkt einer seichten Fernsehsendung entstiegen. Früher oder später wächst sich das ja wieder aus. 

Sprechen mich aber auf der Strasse Kinder, die des Dialekts durchaus mächtig wären, auf Schriftdeutsch an, weil ich ja eine Fremde und somit so etwas wie eine Respektsperson bin, finde ich das schon ein wenig bedenklich. Nicht unbedingt, weil ich fürchte, unsere Mundart werde allmählich verdrängt, sondern weil den armen Knöpfen nicht mehr auffällt, dass man unser helvetisch gefärbtes Hochdeutsch besser nur hinter den verschlossen Türen eines Schulzimmers sprechen sollte, damit keiner hört, wie lächerlich wir klingen. 

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Debattieren wir ruhig weiter…

Internationaler Frauentag. In den Medien toben einmal mehr die Debatten um Lohngleichheit, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die gerechte Aufteilung von Hausarbeit. Jede Zeitschrift, die etwas auf sich hält, liefert eine Strickanleitung für den „Pussy Hat“ und als ein Ewiggestriger behauptet, Frauen könnten nun mal besser putzen als Männer, brandet eine Welle der Empörung durch die Sozialen Medien. Die Dinge müssten sich endlich ändern, fordern Frauen und Männer im Chor. 

Am Ende dieser Woche kehrt der FeuerwehrRitterRömerPirat aus dem Skilager nach Hause. Er sei gelobt worden, weil er in der Küche so gut geholfen habe, erzählt er. Die meisten Jungs in seiner Gruppe hätten gesagt, sie müssten im Haushalt nie mithelfen. Von den Mädchen hingegen müsse eigentlich jede zu Hause mit anpacken. 

Da können wir am Frauentag noch lange weiter debattieren…

Was nicht auf dem Einkaufszettel steht

Wenn du zur falschen Zeit einkaufen gehst, kann es dir passieren, dass du nur mit der Hälfte der Dinge, die auf deiner Liste stehen, heimkehrst. Dafür schleppst du eine Menge Sachen mit nach Hause, die man in den Regalen nicht finden kann:

Müttersorgen

Pausenhofstreitereien

Krankengeschichten

Nachbarschaftskonflikte

Lehrerversagen

Die schmutzige Wäsche wildfremder Leute

Ehekräche

Generelle Überforderungen

Zuweilen kommt es gar vor, dass du um einige Ratschläge erleichtert nach Hause gehst, obschon du die deinen Gesprächspartnern doch gar nicht aufbürden wolltest, denn du weisst, wie sauer die andern aufstossen können.

An solchen Einkäufen schleppe ich ganz schön schwer. Wie elend muss einem Menschen zumute sein, dass er mir – einer Wildfremden – zwischen Butterzöpfen und Fischstäbchen sein ganzes Leid klagt?

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Das könnte uns jetzt nicht interessieren

Wer heute in seiner Küche etwas Frittiertes zubereitet, tut dies nicht, ohne sich vorher eingehend mit der Frage auseinanderzusetzen, ob das erlaubt ist, erst recht, wenn die Speise neben viel Fett auch noch eine gehörige Portion Zucker enthält. Da gilt es zu überlegen…

… wie viel Fett und Zucker die Kinder in den vergangenen sechs Tagen bereits konsumiert haben. 

… mit welchen Massnahmen man diesen Frevel in den kommenden Tagen zu kompensieren gedenkt.

… mit welchen Worten man den Kindern verständlich macht, dass dies eine ganz böse, Sache ist, die man sich nur ausnahmsweise mal gönnen darf, weil Frittiertes fast so gefährlich ist wie illegale Drogen.

… wie man das schlechte Gewissen zum Schweigen bringt, das einem einreden will, wer seinen Kindern Frittiertes vorsetze, könne sie auch gleich vergiften.

Ist all dies zu Ende gedacht, wird es Zeit für die Vorbereitungen. Als erstes gilt es natürlich,  die Fritteuse zu finden, die irgendwo im hintersten Winkel verborgen ist, weil sie erstens nur etwa einmal alle zwei Jahre im Einsatz ist und zweitens auf gar keinen Fall strenggläubigen Gästen, die jeglichen Fettkonsum aufs Strengste verurteilen, unter die Augen kommen darf. Danach werden alle Fensterläden geschlossen, damit die Nachbarn nicht mitkriegen, welches Verbrechen da gerade begangen wird. Und natürlich muss man sich auch ein paar kluge Ausreden zurechtlegen für den Fall, dass unverhofft jemand reinschneit, wenn man gerade an der Fritteuse steht. 

Ist man schliesslich an dem Punkt angelangt, an dem man endlich loslegen könnte, braucht man eines nicht: Eine Rezept-Homepage, die unterhalb des Rezeptes unter „Das könnte Sie auch interessieren“ ein Buch anpreist: „Fit und Schlank – Drei Kilo abnehmen in drei Wochen“

Das interessiert uns dann wieder, wenn die Kalorienbombe verdaut ist…

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