Dialekt, wenn ich bitten darf

Eigentlich gehöre ich ja nicht zu den Menschen, die ein Problem mit Schriftdeutsch haben.  Hätte man in unserem Kanton über ein Mundart-Obligatorium im Kindergarten abgestimmt, hätte ich ein Nein in die Urne gelegt. Wenn Lehrer im Sportunterricht und auf der Schulreise Hochdeutsch reden, finde ich dies zwar ziemlich übertrieben, aber es käme mir nicht in den Sinn, deswegen einen Aufstand zu machen. Mich stört es nicht mal gross, wenn kleine Kinder hierzulande eine Zeit lang so klingen, als wären sie direkt einer seichten Fernsehsendung entstiegen. Früher oder später wächst sich das ja wieder aus. 

Sprechen mich aber auf der Strasse Kinder, die des Dialekts durchaus mächtig wären, auf Schriftdeutsch an, weil ich ja eine Fremde und somit so etwas wie eine Respektsperson bin, finde ich das schon ein wenig bedenklich. Nicht unbedingt, weil ich fürchte, unsere Mundart werde allmählich verdrängt, sondern weil den armen Knöpfen nicht mehr auffällt, dass man unser helvetisch gefärbtes Hochdeutsch besser nur hinter den verschlossen Türen eines Schulzimmers sprechen sollte, damit keiner hört, wie lächerlich wir klingen. 

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Debattieren wir ruhig weiter…

Internationaler Frauentag. In den Medien toben einmal mehr die Debatten um Lohngleichheit, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die gerechte Aufteilung von Hausarbeit. Jede Zeitschrift, die etwas auf sich hält, liefert eine Strickanleitung für den „Pussy Hat“ und als ein Ewiggestriger behauptet, Frauen könnten nun mal besser putzen als Männer, brandet eine Welle der Empörung durch die Sozialen Medien. Die Dinge müssten sich endlich ändern, fordern Frauen und Männer im Chor. 

Am Ende dieser Woche kehrt der FeuerwehrRitterRömerPirat aus dem Skilager nach Hause. Er sei gelobt worden, weil er in der Küche so gut geholfen habe, erzählt er. Die meisten Jungs in seiner Gruppe hätten gesagt, sie müssten im Haushalt nie mithelfen. Von den Mädchen hingegen müsse eigentlich jede zu Hause mit anpacken. 

Da können wir am Frauentag noch lange weiter debattieren…

Was nicht auf dem Einkaufszettel steht

Wenn du zur falschen Zeit einkaufen gehst, kann es dir passieren, dass du nur mit der Hälfte der Dinge, die auf deiner Liste stehen, heimkehrst. Dafür schleppst du eine Menge Sachen mit nach Hause, die man in den Regalen nicht finden kann:

Müttersorgen

Pausenhofstreitereien

Krankengeschichten

Nachbarschaftskonflikte

Lehrerversagen

Die schmutzige Wäsche wildfremder Leute

Ehekräche

Generelle Überforderungen

Zuweilen kommt es gar vor, dass du um einige Ratschläge erleichtert nach Hause gehst, obschon du die deinen Gesprächspartnern doch gar nicht aufbürden wolltest, denn du weisst, wie sauer die andern aufstossen können.

An solchen Einkäufen schleppe ich ganz schön schwer. Wie elend muss einem Menschen zumute sein, dass er mir – einer Wildfremden – zwischen Butterzöpfen und Fischstäbchen sein ganzes Leid klagt?

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Das könnte uns jetzt nicht interessieren

Wer heute in seiner Küche etwas Frittiertes zubereitet, tut dies nicht, ohne sich vorher eingehend mit der Frage auseinanderzusetzen, ob das erlaubt ist, erst recht, wenn die Speise neben viel Fett auch noch eine gehörige Portion Zucker enthält. Da gilt es zu überlegen…

… wie viel Fett und Zucker die Kinder in den vergangenen sechs Tagen bereits konsumiert haben. 

… mit welchen Massnahmen man diesen Frevel in den kommenden Tagen zu kompensieren gedenkt.

… mit welchen Worten man den Kindern verständlich macht, dass dies eine ganz böse, Sache ist, die man sich nur ausnahmsweise mal gönnen darf, weil Frittiertes fast so gefährlich ist wie illegale Drogen.

… wie man das schlechte Gewissen zum Schweigen bringt, das einem einreden will, wer seinen Kindern Frittiertes vorsetze, könne sie auch gleich vergiften.

Ist all dies zu Ende gedacht, wird es Zeit für die Vorbereitungen. Als erstes gilt es natürlich,  die Fritteuse zu finden, die irgendwo im hintersten Winkel verborgen ist, weil sie erstens nur etwa einmal alle zwei Jahre im Einsatz ist und zweitens auf gar keinen Fall strenggläubigen Gästen, die jeglichen Fettkonsum aufs Strengste verurteilen, unter die Augen kommen darf. Danach werden alle Fensterläden geschlossen, damit die Nachbarn nicht mitkriegen, welches Verbrechen da gerade begangen wird. Und natürlich muss man sich auch ein paar kluge Ausreden zurechtlegen für den Fall, dass unverhofft jemand reinschneit, wenn man gerade an der Fritteuse steht. 

Ist man schliesslich an dem Punkt angelangt, an dem man endlich loslegen könnte, braucht man eines nicht: Eine Rezept-Homepage, die unterhalb des Rezeptes unter „Das könnte Sie auch interessieren“ ein Buch anpreist: „Fit und Schlank – Drei Kilo abnehmen in drei Wochen“

Das interessiert uns dann wieder, wenn die Kalorienbombe verdaut ist…

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Hört auf zu träumen, meine Lieben

Heute wiedermal ein Gespräch zwischen zwei kinderlosen jungen Frauen, die sich Gedanken über die Familienplanung machen:

„Zwei oder drei Kinder möchte ich dann schon.“

„Zwei oder drei? Das kann ganz schön teuer werden, wenn du nicht mehr arbeitest.“

„Wird schon irgendwie gehen.“

„Kommt ganz darauf an, wie viel dein Mann nach Hause bringt. Denkst du, sein Lohn reicht, wenn du keinen Job mehr hast?“

„Gibt ja noch Kinderzulagen. Acht- oder neunhundert Franken im Monat für jedes Kind oder so.“

„Bist du dir sicher, dass es so viel ist? Ich glaube nicht, dass die Kinderzulagen reichen, um dein Einkommen zu ersetzen.“

„Das wird schon irgendwie gehen. Zwei oder drei Kinder müssen einfach drin liegen.“

„Und was machst du, wenn eines der Kinder behindert ist?“

„Ja, da muss man sich dann halt überlegen, ob man es behalten will oder nicht. Man kann’s ja auch abtreiben.“

„Du hast recht, da muss man sich schon sehr sicher sein, dass man das wirklich will, sonst wird es schwierig. So etwas machst du nicht, wenn du dir nicht hundert Prozent sicher bist, dass du es auch auf dich nehmen willst.“

„Arbeiten gehst du dann bestimmt nicht mehr, weil du zu deinem behinderten Kind schauen musst. So etwas müsste man sich wirklich gut überlegen.“

Ich fürchte, für die eine wird das ein böses Erwachen geben, wenn sie mit ihren zwei oder drei Kindern zu Hause sitzt und erkennt, dass die zweihundert Franken Kinderzulagen, die es in der realen Welt pro Kind gibt, bei Weitem nicht ausreichen, um ihr Einkommen zu ersetzen.  

Und man kann nur hoffen, dass das Leben keiner von beiden ein Kind schenkt, bei dem sich die angeborene Krankheit erst nach der Geburt zeigt. Die Armen hätten dann ja gar nicht die Chance gehabt, sich reiflich zu überlegen, ob sie „so etwas“ wirklich auf sich nehmen wollen. 

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Was tun?

Vor wenigen Monaten noch hätte sich wohl keiner von uns vorstellen können, wie schnell scheinbar Selbstverständliches ins Wanken geraten kann. Immer öfter reiben wir uns am Morgen erstaunt die Augen, weil die Welt schon wieder eine andere ist, als sie am Abend zuvor noch war. Noch bevor wir die Ereignisse halbwegs verdaut und eingeordnet haben, kommt schon die nächste Sache, die uns verwirrt, verunsichert, verängstigt… Und weil wir  nicht zu denen gehören wollen, die später, wenn unsere Gegenwart Geschichte ist, von ihren Kindern vorwurfsvoll gefragt werden, warum sie tatenlos zugeschaut haben, quält uns die Frage, was wir denn überhaupt tun können.

Ich weiss es offen gestanden noch nicht. Zu sehr plagt mich im Moment das Gefühl, wir seien nichts weiter als Statisten in dem weltumspannenden Drama, zu dem sich der Vorhang eben erst gehoben hat. Ich weiss nur, dass mich das Ganze dazu anstachelt, noch mehr darauf zu achten, das kritische Denken nicht zu verlernen, noch mehr danach zu streben, den einzelnen Menschen mit seiner Geschichte zu sehen und nicht das Etikett, das an ihm haftet, noch mehr nach Gelegenheiten zu suchen, im Kleinen Gutes zu bewirken, weil ich gar nicht die Wege und Mittel dazu habe, im Grossen etwas zu bewegen, noch mehr darauf zu achten, den Kindern beizubringen, wie wichtig Nächstenliebe ist, auch wenn uns gerade ganz viele weis machen wollen, am sichersten sei es, alle zu fürchten und keinem zu trauen.

Mich dünkt, mehr könne ich im Moment nicht tun.

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