Schönes Wochenende, liebe Lehrer

An alle engagierten Lehrerinnen und Lehrer da draussen: 

Glaubt mir, ich kann mir ziemlich gut vorstellen, wie ihr euch am Ende einer ereignisreichen Schulwoche fühlt. Warum? Weil einer von euch mit mir sein Leben teilt und der ist jeweils ziemlich geschlaucht, wenn er ins Wochenende startet. Geschlaucht und selbstkritisch, denn weil er seine Sache gut machen will, sieht er oft nur, was er hätte besser machen können und nicht das, was alles bestens lief. Vielleicht geht es euch jeweils ganz ähnlich und darum möchte ich euch, bevor ich euch ein schönes Wochenende wünsche, kurz sagen, wie wichtig ihr seid.

Engagierte Lehrer können nämlich bewirken, dass einer*, der die Schule bis anhin als einen Ort erlebt hat, wo er nie genügen kann, jeden Tag fröhlich aus dem Haus geht und zufrieden wieder zurückkommt. Dass er mit leuchtenden Augen erzählt, was er alles gelernt hat und jeden, der ihm über den Weg läuft, mit den Scherzfragen unterhält, die er in der Schule gestellt bekommen hat. Dass er weiss, an wen er sich wenden kann, wenn ihm eine Schulkameradin andauernd auf der Nase herumtanzt und darum nicht mehr so gereizt sein muss, wenn es mal wieder zum Krach kommt. Dass er plötzlich Lust hat, sich mit einem Freund zum Lernen zu treffen und abends verkündet, er wolle im Bett noch ein wenig lesen. Dass er sich etwas zutraut und lernt, mit denen auszukommen, die er bis anhin gemieden hat. Dass er nicht mehr in Panik gerät, wenn er die Hausaufgaben vergessen hat, weil man ihm trotzdem noch mit Wohlwollen begegnet. Dass er die Schule plötzlich eine richtig tolle Sache findet und von seinen Lehrern redet, als wären sie Superhelden.

Was ihr auch seid, denn Menschen, die fähig sind, das Leben eines Kindes – und damit auch seiner Eltern – so viel schöner zu machen, sind die Grössten.

* Und zwar nicht derjenige, der die Schule gewechselt hat, sondern ein anderer. 

flowers

Wasabi & Tabasco

Mal wieder einer aus der Kategorie „Verstehe einer dieses Kind“:

Der kleine Prinz, der meine ganz und gar kindergerechte Erdnuss-Kokos-Nudelpfanne verschmäht,…

… seine Pasta vorzugsweise ohne Sauce, dafür mit Butter und Reibkäse zu sich nimmt,…

… bei jeder anständigen Gemüsesuppe die Nase rümpft,…

… weder mit Risotto gefüllte Peperoni noch einen deftigen Eintopf mit Bohnen und Wurst probieren mag und sogar fade Salzkartoffeln auf dem Teller links liegen lässt…

der Junge also, für dessen Geschmacksknospen selbst die einfachsten Gerichte irgendwie zu exotisch sind, erzählt mir heute voller Begeisterung, er habe neulich bei seinem besten Freund Wasabi-Erdnüsse mit Tabasco probiert, das habe umwerfend gut geschmeckt. Dann will er wissen, ob wir das auch mal haben könnten und ob wir vielleicht im Garten ganz viel Wasabi anpflanzen könnten.

Das also war es, was ihm an meiner Küche nicht gepasst hat…

Sieht nach Aufatmen aus

  • Nach sechs Jahren Durststrecke begegnet uns endlich wieder das zufriedene, strahlende Kind, das er von Geburt an bis zur Einschulung war.
  • Innerhalb von vierzehn Tagen gerade mal ein kleiner Konflikt, der nicht annähernd an das herankommt, was in den letzten Jahren üblich geworden war.
  • Endlich hören wir wieder dieses herzhafte Lachen, das wir so vermisst haben.
  • Am Mittagstisch in der Schule hat er den Widerstand aufgegeben und zum ersten Mal in seinem Leben Tomaten probiert. (Was nicht heissen soll, dass er sie gemocht hat…)
  • Die Hilfsbereitschaft, die er schon immer in sich hatte, mag sich wieder zeigen. 
  • Wir bekommen die Elternbriefe zu sehen, bevor die darin angekündigten Anlässe ohne unsere Anwesenheit stattgefunden haben. 
  • Die Worte sprudeln wieder aus ihm heraus wie ein Wasserfall.
  • Um Hausaufgaben brauchen wir uns nicht zu sorgen. Falls er überhaupt welche hat, ist seine Motivation so gross, dass er sich aus eigenem Antrieb darum kümmert.
  • Er erzählt wieder von seinen Zukunftsträumen. 
  • Wir fühlen uns, als hätten wir alle seit vielen, vielen Jahren wieder einmal Ferien, obschon wir mitten im Berufs- und Schulalltag stecken. 

Das Schuljahr ist gerade mal zwei Wochen alt und doch könnte ich noch viele weitere Gründe aufzählen, weshalb der Schulwechsel für den FeuerwehrRitterRömerPiraten (und uns alle) wohl wirklich das Beste war. 

aubergine

Wenn Mama nicht mitspielt…

Wenn mir der Zoowärter mit leuchtenden Augen vorschlägt, unser Mama-Sohn-Ausflug, den er von seinem zehnten Geburtstag noch zugute hat, könnte nach Deutschland zur Games-Messe führen,…

Wenn das Leuchten in seinen Augen schlagartig erlischt, als ich ihm erkläre, das sei erstens zu weit weg, zweitens zu teuer und drittens ganz und gar nicht das, wozu ein solcher Mama-Sohn-Ausflug gedacht sei,…

Wenn schliesslich die Tränen fliessen, weil ich auch nicht dafür bin, dass er mit seinen Freunden fährt und sich das Ticket mit seinem Taschengeld kauft,…

Wenn er krampfhaft versucht, nicht laut loszuheulen, als ich ihm darlege, den Leuten, die Kinder mit fabelhaften Werbespots bombardieren, ginge es eigentlich nur darum, Geld zu verdienen,…

Wenn er mir lustlos aufzählt, was er gern macht und gut kann, damit ich ihm daraufhin eine Predigt über sein spannendes, abwechslungsreiches Leben abseits des Bildschirms halten kann,…

Wenn er sich widerwillig von mir dazu überreden lässt, an seinem nächsten freien Nachmittag einen Kuchen mit mir zu backen, weil solche echten Erlebnisse so viel toller sind als das mehr oder weniger sinnlose Drücken von Knöpfen,…

Wenn er nach unserem langen Gespräch mit hängendem Kopf in seinem Zimmer verschwindet, wo man ihn noch bis spät laut schluchzen hört,…

… dann wünsche ich mir einen Augenblick lang, wir hätten uns dazu entschieden, unsere Kinder irgendwo in der Abgeschiedenheit grosszuziehen, damit wir uns nicht immer mit dem Mist herumschlagen müssen, den andere an unsere Knöpfe herantragen. 

danse

Gnadenfrist

Da springen eine Mama und ein Papa nach langem Zögern endlich über ihren Schatten, melden ihr jüngstes Kind zum Fussballtraining an, obschon ihnen vor den endlosen Stunden am Spielfeldrand graut, überbringen dem Kind die frohe Botschaft – und was geschieht? Fällt ihnen der Kleine jubelnd um den Hals? Erzählt er jedem, der ihm über den Weg läuft, er dürfe jetzt endlich bei den Junioren mitmachen? Von wegen! Er zuckt nur müde mit den Schultern, läuft danach tagelang übel gelaunt durchs Haus und geht bei jeder Gelegenheit an die Decke. 

Ein paar Tage später kommt er plötzlich spätabends ins Wohnzimmer. Ob sich der Trainer schon gemeldet habe, will er wissen. Sieht ganz so aus, als wolle doch allmählich so etwas wie ungeduldige Vorfreude aufkommen. Aber nur bis zur nächsten Frage: „Muss ich denn unbedingt dorthin gehen?“, will der Junge wissen und die Eltern bringen vor lauter Staunen den Mund nicht mehr zu. Natürlich müsse er nicht, antworten sie schliesslich, als sie die Sprache wieder gefunden haben und der Kleine zottelt zufrieden ab ins Bett. 

Ein solcher Wandel lässt einer zu Schuldbewusstsein neigenden Mama natürlich keine Ruhe. Am Ende will der Sohn nur deshalb nicht mehr, weil er den Widerwillen der Eltern spürt. Also setzt sie sich an sein Bett, um mehr zu erfahren. Hat er Angst vor dem Training? Haben ihn die grossen Geschwister bearbeitet? Will er nicht, weil Mama und Papa nicht wirklich wollen? Nein, nichts von alldem. Er denke halt einfach, es mache viel mehr Spass, mit den Freunden in der Freizeit dem Ball nachzurennen. Und der grosse Pelé habe ja später auch alles vergessen müssen, was er im Training gelernt habe, um ein Star zu werden, das habe er im Film gesehen. (Jawohl, die Fussballbegeisterung ist so gross, dass man sich solche Filme antut…) Darum wolle er jetzt einfach nicht mehr. Und wie er das sagt, ist er zum ersten Mal seit Tagen wieder zufrieden und gelöst. 

Weil die Mama weiss, dass solche Szenen Jahre später oft ganz anders erzählt werden, als sie sich in Wirklichkeit abgespielt haben und sie keine Lust hat, in dieser Erzählung als die Böse dargestellt zu werden, die den Traum von der Fussballkarriere im Keim erstickt hat, rät sie dem Sohn, noch einmal darüber zu schlafen. Die Anspannung kehrt zurück, also macht die Mama, die noch immer keine Lust hat, später die Böse zu sein, einen weiteren Vorschlag: Jetzt absagen und in einem Jahr, wenn er dann trotzdem will, noch einmal mit dem Verein Kontakt aufnehmen. Der Vorschlag wirkt, der Junge schlägt vor Erleichterung Purzelbäume auf dem Bett.

Wären die Mama und der Papa nicht zu müde, würden sie am liebsten auch Purzelbäume schlagen. Die Gefahr, dass sie eines Tages gelangweilt am Rande des Spielfelds stehen müssen, ist zwar noch nicht gebannt, aber immerhin haben sie eine Gnadenfrist bekommen.

Und einen endlich wieder zufriedenen Sohn. 

ball

 

Wächst sich das denn nie aus?

Pokémon, immer nur Pokémon. Sage ich: „Schau mal, wie herzig dieser Hamster aussieht“, antwortet er: „Ja, der ist wirklich herzig, aber schau mal dieses Pokémon, das ist noch viel herziger.“ Erfährt er, dass nach den Sommerferien sein Taschengeld erhöht wird, rechnet er sogleich aus, wie viel schneller er dann seine Kartensammlung erweitern kann. Reden wir darüber, dass er sich in der Schule wirklich mehr Mühe geben sollte, erklärt er, sei doch schon schlau genug, er kenne fast alle Pokémon-Namen auswendig. Und wenn das Prinzchen dem Ball hinterher rennt, findet er, ein Pokéball wäre doch viel besser als ein Fussball. „Mein lieber Zoowärter, es gibt wirklich wichtigere Dinge in diesem Leben als diese doofen Pokémon. Können wir endlich wiedermal über etwas anderes reden?“, sage ich manchmal, wenn ich die Schnauze voll habe von diesen doofen Monstern, die meinem Kind das Taschengeld aus dem Portemonnaie ziehen. 

Manchmal hängt mir das Ganze so sehr zum Hals heraus, dass ich schreien könnte. Wie froh bin ich dann, wenn mich „Meiner“ dazu überredet, trotz Müdigkeit abends noch etwas trinken zu gehen.

Doch welche Gesprächsfetzen wehen da vom Nebentisch zu uns herüber?

„War es denn ein legendäres Pokémon oder nicht?“ „Nein, wenn es ein Legendäres gewesen wäre, dann hätte er es natürlich eingefangen, aber es war ein ganz Gewöhnliches.“

Und ich habe allen Ernstes gedacht, diese Seuche wachse sich irgend wann aus, aber leider muss ich erkennen, dass sie bei manchen Leuten anhält, bis der Kellner nicht mal mehr einen Ausweis sehen will, wenn sie Hochprozentiges bestellen. 

gurke

 

Herzerwärmend

Wenn du mehr oder weniger beiläufig bemerkst, der jüngere Bruder habe sich bei einer Gelegenheit vermutlich ausgeschlossen gefühlt und dich dann wenig später einer der älteren Brüder beiseite zieht, um dich zu fragen, wie du das gemeint hättest und was er besser machen könne, damit der Kleinere sich wohl fühlt und du die beiden am nächsten Tag bei einer gemeinsamen Aktivität antriffst, dann wird es dir ganz unglaublich warm ums Herz und du denkst, wie wunderbar Geschwister doch zueinander sein können, wenn sie wollen. 

Und wenn dann zwei andere kleine Brüder freudenstrahlend von einem Stadtausflug nach Hause kommen und berichten, das gestrige Geburtstagskind habe einen Teil seines Geburtstagsgeldes geopfert, um sie zum Fast Food einzuladen, dann wird dir noch viel wärmer ums Herz, denn Grosszügigkeit ist eine Sache, die du deinen Kindern nicht beibringen kannst, weshalb du einfach dankbar sein darfst, wenn sie von alleine zu spriessen beginnt. 

ljus