Wer trägt hier eigentlich die Konsequenzen?

Das Prinzchen hat etwas ausgefressen und weil es in der Sache in erster Linie um verspätetes Heimkommen und unvollständige Informationen ging, muss er seine Freizeit  in den nächsten sieben Tagen zu Hause verbringen. Kein Fussballspiel auf dem Schulhausplatz, keine kleinen Gäste zum Mittagessen, kein „Ich geh mal ein wenig im Dorf spazieren und schaue, ob ich einen Freund antreffe“.

Noch keine 24 Stunden ist es her, seitdem ich ihn voller Zorn dazu verdonnert habe, brav an meiner Seite zu bleiben und schon frage ich mich, wen von uns beiden ich eigentlich mehr bestraft habe. Seit gestern Abend liegt er mir nämlich im Zehnminutentakt mit seinen Klagen in den Ohren:

„Mir ist soooo langweilig.“

„Was soll ich bloss machen?“

„Aber Mama, ich muss mich doch austoben können. Bewegung ist gesund.“

„Du musst doch verstehen, dass ich nicht einfach nur im Garten bleiben kann, wenn ich nach draussen gehe.“ 

„Darf ich denn nicht wenigstens Velo fahren? Ich verspreche dir auch hoch und heilig, dass ich nicht heimlich zu einem meiner Freunde gehe.“

So beständig redet er auf mich ein, bis ich ihm irgendwann erlaube, ein paar Runden auf dem Velo zu drehen. Ein Entscheid, der Prinzchens Gejammer für ein paar Minuten zum Verstummen bringt, mir dafür aber Ärger mit Karlsson einhandelt. Der hat sich nämlich diebisch darüber gefreut, dass der jüngste Bruder auch mal die Konsequenzen seines leichtfertigen Handelns tragen muss und findet nun, wenn ich so lasch sei, werde das nie etwas mit der guten Kinderstube. Ich habe also die Wahl: Stur bleiben und Prinzchens Gejammer aushalten oder die Leine ein wenig lockern und mir mit Karlsson hitzige Erziehungsdiskussionen liefern.

Ich fürchte, die kommende Woche wird nicht nur für das Prinzchen sehr, sehr lang…

banane

Her mit meiner Waage!

Es muss an dem schlechten Ruf liegen, den Eltern heutzutage geniessen, anders kann ich mir die Sache nicht erklären. „Die setzen ihren Kindern doch ohnehin nur Fertigprodukte vor. Die kommen doch problemlos eine Zeit lang ohne ihre Küchenwaagen klar“, muss einer der Lehrer gesagt haben. „Die meisten schicken ihre Brut über Mittag doch ohnehin in die Kebab-Bude“, muss eine Lehrerin darauf geantwortet haben. „Man wird wohl froh sein müssen, wenn überhaupt jedes Kind eine Waage auftreiben kann.“ 

So oder so ähnlich muss es in der Besprechung getönt haben, als man beschloss, die Kinder zu beauftragen, eine Küchenwaage mitzubringen, auf dass die Klasse das Thema „Schätzen und Abwägen“ praxisnah üben könne. 

Man verstehe mich bitte nicht falsch. Gegen praxisnahen Unterricht habe ich ganz und gar nichts einzuwenden. Aber bitte nicht mit meiner Küchenwaage. Die wird in unserem Haushalt nämlich nicht nur zu Übungszwecken gebraucht. Die ist ein ausgesprochen wertvolles Mitglied meiner Küchenausstattung, denn ohne sie wüsste ich nicht, ob der Lievito Madre ausreichend Futter bekommt, ob die Verhältnisse von Dinkel und Weizen im Brotteig ausgewogen sind und ob ich es bei der Brioche mal wieder mit der Butter übertreibe. Natürlich habe ich gewisse Dinge inzwischen so halbwegs im Gefühl, aber an manchen Tagen ist auf meine Gefühle ganz und gar kein Verlass, weshalb die Waage eben doch unerlässlich ist. 

Man mag sich fragen, weshalb ich nicht laut vernehmlich Nein gesagt habe, als das Prinzchen mich bat, die Waage mitnehmen zu dürfen. Nun, das hat durchaus seine Gründe. Zum einen habe ich in den vergangenen Jahren gelernt, dass Lehrpersonen nicht sehr erfreut sind, wenn Kinder ihre Hausaufgaben nicht erledigen. Zum anderen hat mir das Prinzchen hoch und heilig versprochen, es sei doch bloss für einen Tag und weil noch Brot da war, glaubte ich, so lange ohne sie auskommen zu können. Und dann soll mal einer versuchen, dem Prinzchen einen Wunsch auszuschlagen, wenn er so vor einem steht, mit treuherzigem Blick, zuckersüssem Lächeln und dem Gesicht voller Sommersprossen. Bei so viel Charme kann man einfach nicht nein sagen.

Tja, und jetzt muss ich eben damit klarkommen, dass es halt doch nicht nur für einen Tag war. Meine Waage wird nun bereits seit einer Woche im Schulzimmer festgehalten. Und das Schlimmste an der Sache ist: Während ich mich vor lauter Sehnsucht nach ihr verzehre und mich bereits zweimal dazu gezwungen sah, Brot zu kaufen, feiert sie wohl gerade Party mit ihren Kolleginnen, denn so viele verschiedene Küchenwaagen wie jetzt hatte sie zum letzen Mal um sich, als sie noch in irgend einer Haushaltabteilung darauf wartete, von mir gekauft zu werden. 

Ob ich versuchen soll, sie mithilfe von Lösegeld zurückzuholen? 20 hausgemachte Croissants sollten wohl reichen, um den Lehrer gnädig zu stimmen. 

Wobei, wie soll das gehen? Wo ich doch die Zutaten nicht abwägen kann…

skål

Erholung? Doch nicht in den Ferien!

Der FeuerwehrRitterRömerPirat und ich sind uns einig: Rom war Stress pur. Klar, das Kolosseum war beeindruckend, die Villa Borghese und die Trajanssäule auch. Das Wetter war traumhaft und wir beide haben keinerlei Mühe damit, ein paar Köstlichkeiten der italienischen Küche aufzuzählen, die wir vermissen werden. Während er sich über die Sangoku-Figur freut, die er in der Ewigen Stadt günstig erstanden hat, kann ich es kaum erwarten, die Rezepte aus dem Lievito-Madre-Backbuch, das ich mir als Souvenir auserkoren habe, auszuprobieren. Die Woche im Süden war also keine reine Zeitverschwendung. 

Aber der ganze Lärm, die vielen Menschen, die endlosen Fussmärsche bis endlich wieder eine Metrostation in Sicht war, der Diebstahl meines Portemonnaies, das Warten auf andere Familienmitglieder, die immer nur wollten, was uns gerade nicht in den Kram passte, die an Hitze grenzende Wärme, das Gedränge bei jeder Sehenswürdigkeit und in der Metro, der Mangel an Zeit ganz für sich allein,…

Der FeuerwehrRitterRömerPirat und ich sind uns einig: Rom wäre eigentlich schon okay, aber jetzt, wo wir es gesehen haben, bräuchten wir dringend ein paar Tage Erholung.

Zu blöd nur, dass die Ferien vorbei sind…

rosa

Ist das noch gesund?

Grundsätzlich habe ich mich damit abgefunden, dass unser Jüngster eine grosse Liebe zur Mathematik entwickelt hat. Ja, mehr als das. Ich habe sogar angefangen, mich über seine Begeisterung zu freuen, denn aus schmerzhafter Erfahrung weiss ich, wie herausfordernd die Schullaufbahn werden kann, wenn man sich mit Zahlen schlecht verträgt. 

Wenn aber der kleine Prinz beim Arbeiten mit der Mathe-App in Rage gerät, weil er als Drittklässler bei der Addition von Dezimalzahlen noch nicht so recht den Durchblick hat, sich dennoch weigert, auf ein einfacheres Level zu wechseln und abends eine Stunde lang Rotz und Wasser heult, weil er nicht mehr rechnen, sondern schlafen soll, trage ich mich doch allmählich mit dem Gedanken, den Zugang zu den Zahlen zu beschränken. 

So viel Mathematik kann doch unmöglich gesund sein…

grapefruit

 

 

Ostervorbereitungen

Ein Monat vor Ostern: Mama Venditti denkt, sie könnte dieses Jahr mal für etwas mehr österliche Stimmung sorgen und stellt sich vor, wie hübsch es sein könnte, wenn im Garten ein Osterbäumchen dekoriert wäre. Auch die Fenster könnte man ein wenig aufhübschen und vielleicht sonst noch ein paar Winkel im Haus. Weil es aber noch sehr lange dauert bis Ostern, kauft sie einfach mal einen Bund Tulpen für die Frühlingsstimmung im Haus. 

Drei Wochen vor Ostern: Mama Venditti denkt sich immer noch, sie könnte dieses Jahr mal für etwas mehr österliche Stimmung sorgen, hat dann aber keinen Platz mehr im Einkaufswagen und ausserdem keine Lust, noch länger im Laden zu bleiben. Also verschiebt sie die Angelegenheit auf später. Sie kauft statt dessen wieder einen Bund Tulpen. 

Zwei Wochen vor Ostern: Mama Venditti schaut sich den Osterkram in den Läden näher an, findet alles zu kitschig, zu billig, zu langweilig und beschliesst, dass sie ihr Geld für Besseres ausgeben kann. Zum Beispiel für einen Bund Tulpen.  

Eine Woche vor Ostern: Mama Venditti erinnert sich daran, dass sie in den vergangenen Jahren immer etwas spät dran war mit dem Kauf von Osterhasen und dass darum nicht mehr alles zu haben war, was sie eigentlich hätte haben wollen. Also beschliesst sie, dieses Jahr etwas früher dran zu sein als üblich. Heute aber hat sie grad gar keine Lust, also schiebt sie die Sache auf. Und die Sache mit der Osterdekoration hakt sie für dieses Jahr gänzlich ab. Dafür aber kauft sie einen Bund Tulpen. 

Fünf Tage vor Ostern: Mama Venditti begreift, dass sie sich jetzt wirklich beeilen muss mit dem ganzen Osterkram. Also kauft sie Osterhasen – nach Möglichkeit für jedes Kind ein Exemplar, das zu seiner Persönlichkeit passt -, Zuckereier und anderen Kram. Tulpen kauft sie keine, denn diejenigen, die sie vor zwei Tagen gekauft hat, sind noch nicht verblüht. 

Drei Tage vor Ostern: Mama Venditti merkt, dass sich die Kinder nicht nur auf Osterhasen, sondern auch auf ein kleines Geschenk freuen, also macht sie sich fieberhaft auf sie Suche nach etwas Kleinem, das trotzdem brauchbar und zur Persönlichkeit des Kindes passend ist. Sie kauft wieder keine Tulpen, denn diejenigen, die sie vor vier Tagen gekauft hat, haben es noch nicht geschafft, zu verblühen. 

Zwei Tage vor Ostern: Mama Venditti öffnet den Schrank, in dem die Hasen versteckt sind, eines der Viecher fällt heraus, zerbricht auf dem Fussboden und Mama Venditti hat zwei Probleme: 1. Sie muss noch einmal einkaufen gehen, um den Hasen zu ersetzen. 2. Sie muss sich bereits jetzt den Kopf darüber zerbrechen, wie man einen zerbrochenen Hasen verwertet. Gewöhnlich stellt sich diese Frage erst zwei Wochen nach Ostern. Ausserdem fällt ihr ein, dass es vielleicht trotzdem ganz nett wäre, ein paar Eier zu färben. Da sie weder Zwiebelschalen noch Eierfarbenreste noch Strümpfe aus früheren Jahren finden kann, färbt sie mit Schwarztee und erntet darob von ihrem Mann und ihrem ältesten Sohn viel Spott, weil die finden, die ehemals weissen Eier sähen jetzt einfach aus, als wären sie als braune Eier zur Welt gekommen. 

Ein Tag vor Ostern: Papa Venditti hat den zerbrochenen Osterhasen ersetzt, Mama Venditti findet plötzlich, ein Brunch zu Ostern wäre doch eigentlich ganz nett, sie müsse nur noch ein wenig backen und Karlsson findet, es müssten dringend ein paar Blumen her, es sehe ja gar nicht österlich aus im Haus. Ausserdem findet er, es müssten unbedingt ein paar Eier gefärbt werden. Es sei doch einfach schön, wenn die Familie zusammenkomme, um gemeinsam eine nette Ostertradition zu pflegen. 

Abend vor Ostern: Familie Venditti – mit Ausnahme von Luise, die über Ostern nicht da ist und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten, der etwas Wichtiges am Handy verpassen könnte – färbt gemeinsam Ostereier. Was nach einer fröhlichen Familienaktivität klingt, sieht in Wirklichkeit so aus: Sieben von zwanzig Eiern haben einen grossen Sprung in der Schale, vier von den nicht gesprungenen Eiern erleiden beim Färben einen Sturz und haben jetzt ganz viele Sprünge in der Schale, die noch ganzen Eier sind über und über mit Farbe beschmiert, die halbe Küche ist mit Farbe beschmiert und mit Ausnahme des Prinzchens fragen sich alle, was an dieser blöden Eierfärberei überhaupt Spass machen soll. 

Etwas später am Abend vor Ostern: Die Küche ist wieder sauber, die jüngeren Kinder sind im Bett. Die Osterdekoration besteht aus zwanzig absolut nicht Instagram-tauglichen Ostereiern sowie einem Blumenstrauss ohne Tulpen, denn Tulpen bekam man hier in den vergangen Wochen wahrlich genug zu sehen. 

Ebenfalls am Abend vor Ostern: Weil Mama Venditti es mal wieder total vergeigt hat mit der Osterdekoration, hat sich der Garten dazu entschlossen, die Sache selber an die Hand zu nehmen, indem er rechtzeitig zu Ostern Narzissen, Hyazinthen, Veilchen und die eine oder andere Tulpe zum Erblühen gebracht hat. Wer braucht denn schon einen mit Osterkram behängten Baum, wenn in der Erde eine Unzahl von Blumenzwiebeln steckt? 

chäfer

Es lebe der Schlafmangel!

Gewöhnliche Menschen gehen am Samstag vor dem Sonntag, an dem uns mitten in der Nacht eine Stunde geklaut wird, früh zu Bett, um am nächsten Tag doch noch halbwegs ausgeschlafen zu sein. Natürlich kommen sie dann sonntags trotzdem nicht vor Mittag aus dem Bett, denn diese eine Stunde weniger Schlaf ist schwer zu verkraften. So bleibt es dann ein paar Tage lang, bis der Körper sich dem Diktat der Uhr unterworfen hat.

Kleine Vendittis scheren sich einen Dreck um solche Sachen und darum kommen sie am Sonntag, nachdem man ihnen eine Stunde geklaut hat, noch früher als sonst aus ihren Betten gekrochen. Dies beschert den Eltern das Vergnügen, schon wach zu sein, wenn die innere Uhr noch steif und fest behauptet, es sei jetzt gerade mal sechs Uhr früh und folglich geradezu unanständig, die Augen zu öffnen. 

Es lebe der im Jahr 18 nach Familiengründung noch immer anhaltende Schlafmangel! 

primula

Das hätten wir uns sparen können

Der Junge, über den die Primarlehrerinnen bei jedem Elterngespräch sagten, er müsse sich halt einfach mehr zutrauen, solle nicht so schüchtern sein und müsse mutiger zeigen, was in ihm steckt,…

… ist zu einem jungen Mann herangewachsen, der in den Prüfungen die Rechtschreibfehler seiner Lehrer korrigiert, sich nach der Stunde meldet, wenn ihm etwas nicht passt und der ohne Nervosität vor die Leute steht.

Hätte ich damals schon gewusst, dass der Durchsetzungswille, der schon von Anfang an in dem Kind steckte, die Schranken der Schüchternheit dann schon irgendwann überwinden würde, hätte ich mich durch solche Elterngespräche nicht so sehr verunsichern lassen. Aber dass sie sich einen Grossteil ihrer Sorgen hätten sparen können, wissen Eltern halt immer erst im Nachhinein.

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